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BLOG vom 14.06.2008


„Muggy“ oder Bridgend – Ort der meisten Selbstmorde
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Mein Blog von 05.05.2007 „Dyddiadur – Diary aus einem Blackwood-Käff, Südwales“ habe ich an einem sonnigen Tag verfasst. Dieses Kleinstädtchen Blackwood mitten im einstigen Kohlenbergwerkgebiet in Wales kann keineswegs als Ausflugsziel bezeichnet werden.
 
21 junge Leute im Alter von 15 bis 30 Jahren haben in Bridgend innert 18 Monaten den Freitod gewählt. Beide Orte sind im ehemaligen Kohlenbergwerkgebiet von Wales. Bridgend hat rund 15 000 Einwohner. Am 9. Juni 2008 las ich in der „Metro“ (Londoner Gratiszeitung) vom Nachruf, den der 26-jährige Neil Owen seinem Freund, Sean Rees, gewidmet hat, ehe auch er sich erhängte. Sein Nachruf erschien im „Social networking site ‚Bebo‘“. Sean Rees hat im April 2008 Selbstmord begangen.
 
Junge Leute sind in England, laut einem Bericht der Vereinigten Nationen, im europäischen Vergleich am meisten benachteiligt (siehe Blog vom 17.02.2007: „Unicef-Bericht: Tristes Kinderleben in England und USA“). Sie enden stellenlos in der Sackgasse von Drogen und Alkoholmissbrauch. Sie schliessen sich in Banden zusammen, die sich gegenseitig blutig mit Messerstechen bekämpfen. 14 Jugendliche wurden dieses Jahr in England erstochen. Am 24. Mai 2008 wurde der 18-jährige Rob Knox, der zu einer Rolle im Harry-Potter-Film auserwählt worden war, in einer Rauferei bei einer Bar in Sidcup von einem anderen Jugendlichen ermordet. 2 Wochen später wurde Jimmy Mizen vor einer Bäckerei in Lee (unweit von Sidcup) erdolcht. Die Jugendkriminalität hat sich verdoppelt und wird weiterhin ansteigen. Aber kehren wir nach Bridgend zurück.
*
In Bridgend hatte „Muggy“ (das ist sein Übername) im Februar dieses Jahres seinen 16. Geburtstag an einem Gag in der Norton Street gefeiert. Muggy ist an und für sich ein fideler Bursche, der die Schule auf die leichte Achsel genommen hatte und jetzt seit Monaten kümmerlich von der Arbeitslosenkasse darbte. Seine angeborene Frohnatur wurde dabei zunehmend angegriffen
 
Er lebte mit seinen Geschwistern, der Mutter und dem Stiefvater in einem engen, einstöckigen grau-getünchten Reihenhaus an der Durchfahrtsstrasse Richtung Bridgend, links und rechts von einstigen Kohlenhalden eingedämmt, die inzwischen wieder voll und ganz der Natur überlassen bleiben – genau wie Muggy. Nur konnte er sich in dieser trostlosen Umwelt nicht wie die Natur entfalten.
 
Ausgerechnet an seinem Geburtstag hatte ihn sein Stiefvater wieder einmal aus dem Haus geworfen. Aber das focht ihn nicht zu sehr an. Schliesslich war es nicht das 1. Mal, dass ihn sein Stiefvater loswerden wollte. Nach Mitternacht wollte er sich, wie schon so oft zuvor, durch die Hintertüre ins Haus begeben. Doch die Türe war verriegelt. Leider war auch die Herberge für Obdachlose bei der Methodisten-Kirche längst geschlossen. Was blieb Muggy anderes übrig, als unterm Vordach der Kirche vor dem Regen Zuflucht zu suchen?
 
Frühmorgens machte er sich schlotternd und durchnässt auf den Weg zur Busstation. Der Kaffeeausschank war noch geschlossen, als die 1. Frühbusse losfuhren. Die staatliche Stellenvermittlung öffnete nicht vor 9 Uhr. Dort wollte er nochmals vorsprechen, um Arbeit zu finden, wiewohl die Aussicht, in diesem Teil von Wales Arbeit zu finden, gering ist, obendrein von seinem Strafregister von Diebstählen zusätzlich belastet. Immerhin war es in der Wartehalle wärmer als beim gottverlassenen Kircheneingang.
 
Der Kaffeeausschank öffnete endlich. Zum Glück kannte die Dame am Ausschank seine Mutter, und es gelang ihm, von ihr einen Plastikbecher Kaffee zu erbetteln. Auf der Hauptstrasse herumlungernd, sichtete er den Lieferwagen mit Gebäck. Während der Fahrer seine Bestellung auslieferte, klaute er sich eine Pasty.
 
Hier seien die Monate März und auch April übersprungen. Ausser Bridgend kannte er nur noch Newport und Cardiff – vergrösserte Trübsal-Städte für Mittellose. Muggy lebte von Gelegenheitsdiebstählen, etwa ein Handy aus einer Tasche im Umkleideraum beim Rugby-Spielplatz geklaubt und anschliessend im Pub weiter verkauft. Das war ein guter Tag. Ehe er das Pub verliess, ergatterte er sich ein Portemonnaie aus einer unbewachten Damenhandtasche mit einer 20-Pfund-Note, ausreichend für den Kauf einer Jacke im Tesco-Supermarkt. Warum diese kaufen? Er verstand gerade so viel von der Elektronik, dass er die Jacke von der Schutzetikette lösen konnte. Er schob die Jacke in den Kleiderrechen zurück, denn es galt jetzt, dem CCTV ein Schnippchen zu schlagen und den besten Fluchtweg zu finden. Eine Kasse beim Ausgang war unbesetzt. Rasch entschlossen holte er seine Jacke und wusste genau, wo er den Knopf an der Sperre zu drücken hatte und machte sich hurtig aus dem Staub. Aber die Kamera hatte ihn gefilmt. 3 Tage später wurde er aufgegriffen und verhört. Die Jacke wurde als Indiz beschlagnahmt. Die „Zero-Toleranz“ wurde über Muggy verhängt. „Sie kriegen ausserdem ein ,Asbos’ (Anti Social Behaviour Order – eine ,Fussfessel’, oft von jugendlichen Übeltätern als Auszeichnung geschätzt …) aufgebrummt.“
 
Das gab Muggy zu denken. Weder zuhause noch sonstwo war er willkommen. Er fand sich in Bridgend aussichtslos eingekerkert. Ohne Einkommen gab es für ihn kein Entkommen. „Ein Parasit der Gesellschaft“ hatte ihn der Polizist genannt. Das blieb ihm in den Ohren kleben.
 
Einige Male, seitdem er aus dem Elternhaus verstossen war, hatte er seine Lieblingsschwester Charlotte getroffen, die schon oft zuvor ein gutes Wort für ihn bei seinem Stiefvater eingelegt hatte. Das letzte Mal war sie sehr niedergeschlagen gewesen, weil sich ihre beste Freundin erhängt hatte. „Für sie gab es hier einfach nichts mehr zu tun“, meinte Charlotte und weinte. Für einen Schandlohn hatte das Mädchen mit „great expectations“ in einer Fischkonservenfabrik gearbeitet. Ihre Jungendträume strebten zum Himmel, doch der Fischgeruch stank zur Hölle. Alle ihre Hoffnungen wurden abgemurkst.
 
Muggys Selbstmord am Dienstag, den 3. Juni 2008, hatte nicht mehr als eine Zeitungsnotiz hinterlassen.
*
Die Zahl der Selbstmorde häufen sich in Bridgend, niemand weiss warum, am allerwenigsten die Politiker. Das „social networking“ wird als Auslöser beschuldigt. Der wahre Auslöser ist eine steinharte, unbarmherzige Umwelt, welche die Zuversicht und Jugendfreude der Kinder einäschert. Diese Generation von hartgesottenen Eltern hat selbst kaum erfahren, was Liebe und Geborgenheit ist. Sehr krass gesagt, haben es die Hunde in England weitaus besser als die Kinder.
 
Hinweis auf die erwähnten Blogs zum Kinderleben in England und zu Dyddiadur
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