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BLOG vom 01.01.2009


Fast eine Neujahrsgeschichte: Zu fünft im Lift gefangen
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Wer sich zwischen Weihnachten und Neujahr „eingekesselt“ fühlte und einen normalen Tag herbeisehnt, wird erleichtert sein, nicht in diesem Lift stecken geblieben zu sein …
*
Es war Mittwochabend, als eine junge Frau mit einer geräumigen Aktentasche das 38-stöckige Hochhaus betrat. Sie war Anwältin, die noch ihre Papiere für einen Gerichtsfall am nächsten Mittwoch ordnen wollte. Vor der Lifttüre gesellte sich ein beleibter Mann mittleren Alters zu ihr, der kurz zuvor draussen eine Zigarette geraucht hatte. Er wollte jetzt, da der Feierabend angebrochen war, nur noch seine Jacke im 28. Stock holen, denn er hatte keine Lust mehr, um weiter zu arbeiten. Ein 3. Mann erschien mit einer Pizza, die er im 28. Stock abliefern wollte. Endlich kam der voll befrachtete Lift. Die Wartenden wichen zur Seite. Noch eilten 2 weitere Männer in den abfahrtbereiten Lift und zwängten dabei die Türe auseinander. Es war der Schnelllift, der direkt zum 25. Stockwerk hoch fährt und von dort aus die restlichen Stockwerke des Bürohochhauses einzeln bedient.
 
Die Liftbenutzer verteilten sich den spiegelverkleideten Wänden entlang und bezogen die bevorzugten Eckplätze der Kabine, nachdem sie ihre Etagenknöpfe gedrückt hatten. Die Dame blieb der Türe zugekehrt stehen. Alle schauten aneinander vorbei und sprachen kein Wort. Gleich, ob Leute vertikal in der U-Bahn fahren oder horizontal im Lift stehen, immer sind sie sich mit ausdruckslosen Gesichtern gegenüber, als ob es kein Gegenüber gäbe. So gut es geht, sichern sie sich ihren begrenzten Stehraum, idealerweise mit einer Armlänge Distanz. Sie kennen einander nicht, wollen nichts voneinander wissen und schweigen. Niemand fährt gern Lift. Während Bürozeiten steht der Liftbenutzer meistens eingepfercht auf einer Standfläche von maximal rund 0,18 m2.
 
Heute kommt es sehr selten zu Pannen im Lift. Die Technologie hat sich eingespielt, ist abgesichert und zuverlässig. Die Lifthersteller, ob Schindler, Kone oder Otis, haben vom Computer überwachte Anlagen installiert. Im Lift verweist ein roter Knopf auf die Alarmanlage. Eine Gegensprechanlage sichert die Kommunikation, sollte einmal etwas schief gehen. Unten, in der Empfangshalle, kann das „Bodenpersonal“, jederzeit sehen, ob der Liftbetrieb ordnungsgemäss funktioniert.
*
Ein kaum wahrnehmbares helles Surren, fast wie ein monotones Seufzen, begleitete die Schnellfahrt durch den Schacht nach oben. Dann kam der Ruck plötzlich, und der Lift blieb stecken. Zum ersten Mal nahmen die Liftfahrer einander wahr, einer schnitt eine Grimasse, ein anderer zuckte die Schultern. Der junge Mann bückte sich nach der Pizza, die ihm entfallen war. 5 Minuten verstrichen, ehe sich jemand an den Alarmknopf erinnerte und ihn drückte. Nichts geschah. Keine beruhigende Stimme meldete sich. Der Lift steckte fest.
 
„Lange kann das nicht dauern“, meinte der Dickleibige. Inzwischen stellte die Frau ihre Aktentasche ab. „Das kann doch nicht wahr sein“, schaute ein junger Mann auf seine Uhr. Eine halbe Stunde war schon verstrichen. Ein anderer Mitfahrer holte sein Handy aus der Tasche und wählte eine Nummer und lauschte angestrengt. „Ich kriege keine Verbindung“, sagte er kopfschüttelnd. „Nichts zu machen“, sagte ein anderer Eckensteher. „Das liegt nicht an der Batterie, sie ist frisch aufgeladen.“ Auch der Dame gelang es nicht, eine Verbindung zu bekommen. „Wahrscheinlich ist der Schacht verschalt“, mutmasste jemand. „Der Lift selbst ist verschalt“, meldete sich der Pizzaverträger, „und dann erst noch die vielen Stahlseile und Gegengewichte … da kommt die Elektronik nicht mehr durch.“
Besorgt kehrte sich die junge Dame den Liftpassagieren zu. „Wir werden bald entdeckt“, sprach ihr jemand zuversichtlich zu, „und wir werden zum nächsten Stockwerk abgeseilt.“
 
Genau in diesem Augenblick erlosch die Deckenbeleuchtung. Ein kümmerlich fahles Notlicht war die einzige Lichtquelle. „Hoffentlich versagt die Lüftung nicht“, sagte der Dicke und strich sich mit der flachen Hand über die Stirne, „ich komme ins Schwitzen …“.
Keiner ahnte, dass unten der Eingang bereits um 8 Uhr verriegelt war. Festtage standen bevor. Der Portier hatte sich vom kreisrunden Empfangsschalter entfernt. Er krümmte sich, von einem heftigen Seitenstechen erfasst: der Vorbote eines Herzschlags. Hastig verliessen noch einige Leute das Gebäude und drückten die Kennzahl in den Türöffner. Kaum waren sie draussen, schnappte die Türe sofort wieder ins Schloss. Die Türe war wieder automatisch verriegelt.
 
„Wir müssen uns bemerkbar machen“, hämmerte einer der Gefangenen wild an die Türe. Ohne Unterlass wurde der Alarmknopf gedrückt. Gemeinsam begannen sie um Hilfe zu schreien. Jemand musste sie doch hören. „Vielleicht lässt sich die Türe eine Spaltbreite auseinander zerren.“ Nach einer gemeinsamen Gewaltanstrengung gab die Türe eine Spaltbreite nach. Jemand klemmte einen Schuh zwischen den Spalt. „Wenigstens werden wir nicht ersticken“, meldete sich wiederum der Pizzamann. „Und verhungern wohl auch nicht“, deutete sein Gegenüber auf die Pizzaschachtel. „Aber die Pizza macht Durst. Hat jemand etwas zum Trinken, einerlei ob Bier oder Mineralwasser?“ Die Dame verschwieg, dass sie eine kleine Flasche Wasser in ihrer Tasche hatte.
 
Die Gesichter gaben ihre Vornamen preis: Henry, aus der Buchhaltung im 34. Stock, leistete Überstunden wegen des Monatsabschlusses; Gertrud hiess die Anwältin; Antonio hielt die Pizzaschachtel; der dicke Mann hiess John und hatte seine Familie zum Abendessen bestellt; José war ein Mexikaner und wandte sich keck an Gertrud – „und ich bin ledig!“ Gertrud trug einen Diamantring, der ihm in die Augen stach. José hatte einen Einschleichdiebstahl geplant. Henry, stellte sich heraus, war geschieden und klagte: „Kein Hahn wird nach mir krähen.“
 
Johns Beine begannen zu schmerzen. Er setzte sich auf den Liftboden. Die anderen folgten seinem Beispiel, zuletzt auch Gertrud. „Wir können doch hier nicht tatenlos sitzen bleiben“, gab Henry zu bedenken. Antonio hatte einen Einfall und deutete gegen den Deckel oben am Lift: „ Warum heben wir ihn nicht hoch?“ John schüttelte den Kopf: „Dort kann ich mich unmöglich durchzwängen, und ausserdem ist dies viel zu gefährlich. Stellen Sie sich vor, wenn der Lift plötzlich wieder funktioniert …“
 
„Das ist mir schnuppe“, äusserte sich José und prahlte, „ich kann klettern wie ein Affe.“
 
„Wenn wir den Deckel hochklappen, werden wir besser gehört“, befand Gertrud. „Also denn, komm‘ Affe und klettere mir auf die Schultern“, kauerte sich John tief. Wie auch immer José, auf Johns Schultern balancierend, am Deckel zerrte und schubste, steckte der Deckel so fest wie der Lift. „Der lässt sich von innen nicht öffnen“, schnaubte er und verlor das Gleichgewicht. Im letzten Augenblick erwischte er das Notlicht, das sein Gewicht nicht aushielt. Er rasselte mit der ganzen Lichtverschalung tief. Jetzt war es stockdunkel im Lift. „Das kommt davon, wenn einer eine gute Idee hat!“ fauchte erbost genau jener, der den Einfall gehabt hatte, nämlich Antonio. Die einzige Lichtquelle lieferte das Handy. „Sparsam damit umgehen“, riet Henry, „denn niemand weiss, wie lange wir in diesem verfluchten Käfig stecken bleiben.“
 
Inzwischen war Mitternacht überschritten. „Ich muss mal“, erhob sich Henry, „jetzt da mich niemand sieht.“ Er ging zum Türspalt und erleichterte sich. „Es wäre ratsam“. meldete sich nachher wiederum Henry, „wenn wir abwechselnd wachen und uns dabei vergewissern, dass der Alarm aktiviert bleibt.“
 
„Schon wieder ein Einfall“, echote Antonio. „Diesmal nicht von dir!“ schnauzte ihn José an, „hast du einen besseren?“ ‒ „Um Himmels willen nur keinen Streit! Wir sind in dieser Notlage aufeinander angewiesen“, sagte Gertrud. Der Stundenturnus des Wachdiensts wurde bestimmt. „Batterien sparen!“ ermahnte jemand wiederum dazwischen. Im Lift war es pechschwarz. Pechschwarz war auch die Aussicht, in dieser Nacht noch gerettet zu werden. Die Eingekesselten streckten sich so gut es ging im engen Verlies aus. Gertrud konnte unbemerkt einen Schluck Wasser trinken, ehe sie sich hinter ihrer Aktentasche verbarrikadierte.
 
„What a nightmare!“ Niemand schlief. Noch war kein zwingender Grund zur Angst da. Eine innere Wut staute sich in Henry und John auf. Sie glaubten sich von aller Welt verlassen und vergessen. „Kein Schwanz kümmert sich um uns.“
 
So hing jeder seinen trüben Gedanken nach. Platzangst gab Gertrud zu schaffen. Jene, die zuvor ein Stück Pizza gegessen hatten, wurden zunehmend durstig. José überlegte sich, welche Entschuldigung er für seinen Aufenthalt im Lift vorgeben konnte, denn er hatte einiges auf dem Kerbholz. Er war eben auf Promeole aus dem Kittchen entlassen worden ‒ nach einer Serie von Diebstählen. In der Pizzeria, so hoffte Antonio, wussten sie um seinen Turnus, und man ist auf ihn als Ausläufer angewiesen. „Sie werden mich suchen und finden“, hämmerte er sich ein. Sein Motorrad stand neben dem Eingang.
 
Natürlich wurde nach den Vermissten gefahndet. Das Telefon klingelte da und dort immer wieder im Gebäude, doch niemand antwortete, selbst nicht in der Empfangshalle. Vermisstanzeigen wurden an die Polizei durchgegeben. Die Antwort war voraussehbar: „Eine offizielle Fahndung kann erst nach Ablauf von 24 Stunden eingeleitet werden“, kriegten sie zu hören. Ausser Betrunkenen, Raufbolden und Opfern von Verkehrsunfällen wurde niemand in die Notfallstationen der Spitäler eingeliefert. Keine der Personalien stimmten mit jenen der Vermissten überein. Niemand konnte weiterhelfen. Ein Streifenwagen hielt kurz vor dem Gebäude und der Fahrer funkte: „Alles in Ordnung.“
 
In der Kabine wurde die Luft stickig und stank. Vergeblich schrien die Insassen um Hilfe und hämmerten gegen die Wände. Eine Spiegelverschalung barst. „Lasst uns stampfen!“ schlug John vor. „Dummkopf!“ schalt ihn Henry. „Wir könnten alle in die Tiefe rasseln!“ Erschöpft und ausgetobt wie sie waren, verfielen sie mehr und mehr in dumpfe Lethargie. Einige hielten ihre Köpfe zwischen den Knien vergraben. Alle Gedanken verdorrten wie die Kehlen. Gertrud trank hin und wieder sparsam ein Schlückchen Wasser und wurde dabei von José ertappt. Rasend vor Wut stürzte er sich auf sie und entriss ihr die Flasche und erst noch den Ring. Wer kann sich das Gebalge um den kärglichen Wasserrest vorstellen? Das Wasser verspritzte und erreichte keine einzige Kehle. Gertrud schluchzte heftig.
 
Der Aufruhr legte sich. Stunden verrannen. Stunden, die niemand mehr zählte. Jeder war in sich versunken. Es gab weder ein Nebenan noch Gegenüber mehr. Was war das? Metallgeräusche aus den Liftschächten nebenan drangen zu ihnen. Die Hoffnung loderte auf. Der Krawall der im Lift Gefangenen wurde endlich gehört. Eine Stimme meldete sich übers Intercom und wollte wissen, was da los sei. Personal, mit der Wartung der Lifte beauftragt, war erschienen. „Ihr seid nur ein Stockwerk unter der 25. Etage. Wir werden euch hochkurbeln.“
 
Die Rettungsmannschaft erlöste die zusammengewürfelte Schar aus dem Kerker. Wasserflaschen wurden verteilt. Ein einziger Polizist erschien und wollte die Personalien aufnehmen, nachdem ein Arzt bestätigt hatte, dass niemand ins Spital gebracht werden musste. José verschwand im Nu und rannte über die Treppen zum Ausgang, der offen war. Niemand hielt ihn auf, da der vom Herzschlag getroffene Pförtner eben entdeckt worden war. Die Geretteten sahen einander nicht an und schieden, ohne ein weiteres Wort miteinander gesprochen zu haben.
 
Hinweis auf weitere Feuilletons von Emil Baschnonga
01.01.2008: Auftakt 08: Reminiszenzen u. Sentenzen im Bummelzug
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