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BLOG vom 01.02.2009


Unter Wendelins Schutz über den Lindenberg zum Horben
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Der Name „Lindenberg“ ist etwas übertrieben: Der etwa 20 km lange und maximal 8 km breite Berg gleicht eher einem Hügel, so dass man also vom Lindenhügel sprechen könnte. Er bildet in beinahe nordsüdlicher, leicht nach Osten abgedrängter Richtung den verbindenden Wall zwischen dem aargauischen Freiamt (Ostseite) und dem Aargauer und Luzerner Seetal (Westseite). Dieser Hügel ist eine Hinterlassenschaft der Gletscher, die zur Eiszeit hier herumgekrochen waren. Abgesehen vom Gitzitobel bei Aesch LU besitzt er kaum Seitentäler, dafür aber ausgedehnte Hochebenen. Aber mit dem deutschen Sänger und Rockmusiker Udo Lindenberg und schon gar mit dessen Panikorchester hat er nichts zu tun; höchstens ein leiser Anklang an dessen Titel „Bis ans Ende der Welt“ könnte konstruiert werden.
 
Doch nicht einmal dieser Zusammenhang stimmt vollumfänglich; denn der luzernisch-aargauische Lindenberg (es gibt viele Orte dieses Namens) ist eine einsame Zwischenwelt, die durch keine grossen Verkehrsstränge zerschnitten wird, der also Ruhe gewährleistet, falls auf dem Sportflugplatz von Buttwil AG nicht gerade ein grosser Flugbetrieb im Gange ist. Bei unserem Ausflug vom 25.01.2009 herrschte dort auf dem Lindenberg winterliche Ruhe, und wegen der Höhenlage um etwa 800 m ü. M. gab es auf dem Bergrücken sogar noch eine dünne, von eisigen Winden polierte Schneeschicht (der höchste Punkt ist im Rüedikerwald zwischen Rüediken LU und Geltwil: 878 m).
 
Unser Ziel war der Horben (818 m) auf der Südostseite des Kamms, dicht an der Luzerner Kantonsgrenze, aber gerade noch auf Aargauer Gebiet gelegen – in der südlichsten Spitze des Kantons. Er befindet sich etwa 4 km östlich des Dorfs Hitzkirch im Luzerner Seetal, das auf den 01.01.2009 gerade Sechslinge erhalten hat: Gelfingen, Hämikon, Mosen, Müswangen, Retschwil und Sulz fusionierten zur vergrösserten Gemeinde Hitzkirch.
 
Das Dorf Hitzkirch (489 m) ist ein geeigneter Ausgangspunkt für die Reise zum Horben. Man fährt die vom Reussgletscher abgelagerte Seitenmoräne hinauf nach Hämikon (783 m) und hat dabei 2 Kurven, die schon beinahe Spitzkehren sind, in Kauf zu nehmen. Dann schlängelt sich die Strasse durch ein Landwirtschaftsgebiet mit Weiden und Obstbäumen nach Müswangen, und sie erreicht den Wald im Gebiet Schlatt (814 m), wo er sich sogleich zu einer Lichtung öffnet. Darin hat sich die Gestüt Schlatt GmbH (Gemeinde Müswangen) etabliert. Beim Schlatthof herrschte bei sonnigem, aber etwas dunstigem Wetter viel Betrieb, zumal es dort hinreichend Parkplätze gibt.
 
Ein Ast des leuchtend gelben Wanderwegweiserbaums am Strassenrand weist südwärts: „Horben 50 Min.“ Es schien uns zweckmässig, diesem Vorschlag zu folgen, obschon ich eigentlich vorgesehen hatte, den Horben von Beinwil/Freiamt, also von der Ostseite aus, anzugehen. Unsere Wahl bewährte sich in jeder Beziehung. Der verschneite, horizontal verlaufende Weg, der hier mit dem Freiämterweg (verschiedene Routen zwischen Othmarsingen/Mägenwil und Dietwil) identisch ist, bahnt sich durch einen lichten Mischwald, in den die Nachmittagssonne Einlass fand. Beim Waldausgang befindet sich ein blutrot bemaltes Häuschen mit Solarzellen auf dem Dach, wo bei etwas wärmerem Wetter Freiämter Blütenhonig produziert wird und wo man eine Lektion im Umgang auch mit anderen stachelbewehrten Lebewesen erhält: „Bienen und Frauen sind gleicher Art süsse Geschöpfe, behandle sie zart. Doch wenn Du mit ihnen verlierst die Geduld, spürst Du den Stachel. Bist selber daran schuld.“ Angesichts meiner beiden Begleiterinnen, Eva und Tochter Anita, zog ich daraus die richtigen Konsequenzen und legte ein untadeliges Verhalten an den Tag; meine Geduld wurde aber keineswegs strapaziert.
 
Inzwischen öffnete sich das Blickfeld ins Freiamt, in dem Muri AG mit seinen spitzen Klostertürmen und dem Kirchturm auszumachen war. Vorbei an den Skeletten ausgewachsener Birnbäume, an denen Schnee und Winde einige Äste abgerissen hatten, erreichten wir den Hof Grod, wo auf einer am Stall (1998/99) angebrachten Tafel der heilig gesprochene Wendelin, einer der wichtigsten Patrone des Bauernstands, gebeten wird, bitte Haus und Hof zu beschützen; wir sollten dem frommen Mann später noch einmal begegnen. In einem Gepferch im Freien drängte sich ein gutes Dutzend Hausschweine im braun-grauen Matsch, aus dem einige Strohhalme hervorschauten. Die Getreidehalme waren beinahe aufgefressen, doch herrschte dennoch ein köstliches, lautes Schmalzen, als ob da lauter Delikatessen herumliegen würden. Daraus ergibt sich die Erkenntnis, dass es zum Glück, dem man in der Schweiz auch „Schwein“ sagt, nicht viel braucht. An einem Schuppen hingen farbige Bilder, die auf menschlichen Nachwuchs hinweisen: Remo, Andrin und Rahel. Nochmal Glückszeichen.
 
Der letzte Teil der Wanderroute führt durch einen Förstertraum-Wald mit Fichten wie Telefonstangen (Gebiet Sonneri). Über eine kleine Holzbrücke mit Geländer kann ein Wassergraben überquert werden; es war etwas glitschig. Bald breitete sich vor uns ein weites Feld aus, das von gezähnten Waldfassaden und den Horben-Bauten begrenzt wird: Schloss, Kapelle, stattliches Gasthaus, Landwirtschaftsbauten. Dahinter war durch den braun-grauen Dunst die Alpenkette mit dem verschneiten Pyramidenkranz der Jungfrau auszumachen. Ost- und nordwärts gab es eine Ahnung vom Titlis und Glärnisch bis hin zum Säntis, weiter vorne von Lägern und vom Schwarzwald. Etwas deutlicher traten der Pilatus, die Rigi, der Zugerberg, die Albiskette mit dem Üetliberg und natürlich die Ländereien des Freiamts mit den Fliessgewässern von Bünz und Reuss, das Zugerland und das Affolteramt hervor.
 
Das Schloss Horben („Privat“) mit den geschlossenen, wellenförmig bemalten Fensterläden und dem Zwiebelturm wird auf einer Orientierungstafel vorgestellt. Daraus ist zu erfahren, dass es die Äbte aus Muri als Bauherren bauen liessen: Die Acta Murensia, eine bedeutende Chronik aus dem Jahr 1160, nennt auf dem Horben 16 Jucharten Klostergut; der Kauf des Sennhofs fiel ebenfalls ins 16. Jahrhundert. Auf Geheiss von Abt Plazidius Zurlauben bauten in den Jahren 1700 und 1701 der Maurer Hans Rey (oder Frey) und der Zimmermann Hans Mäder für die Konventualen ein Erholungsheim mit der Grundfläche 52×32 Schuh für die Summe von 1183 fl. 34 sch. Bei den momentan heftigen Schwankungen der Devisenkurse unterlasse ich eine Umrechnung wohl am besten … Damals soll es dort oben bereits eine Kapelle gegeben haben.
 
Die heutige Kapelle liess der Fürstabt Gerold I. Haimb vom erwähnten Maurer Rey und seinen Söhnen bauen; sie wurde am 17.09.1730 zu Ehren der Heiligen Wendelin (Wendolin) und Ubaldus erbaut. Sie ist mit ihrem geschindelten, sechskantigen Zwiebelhelm auf dem Dachreiter ein Bijou. Unter Wetterfahne und Kreuz prunkt eine Goldkugel. Das ebenfalls haubenartig geschweifte Schindeldach des Vorzeichens (dem überdeckten Eingang) wird von toskanischen Säulen getragen. Die Längsmauern sind von je 3 Stichbogenfenstern mit Butzenscheiben durchbrochen. Im Inneren zeigt das Chorgitter wabenartige, von einem C-Bogen belebte Formen wie Blattranken, Blumenkelche, Tulpen und Vögel, Motive also, die man in christlichen Kirchen selten trifft, zumal von einem Naturbezug in der Regel wenig gehalten wurde.
 
Der Altar wurde 1745 vom Hofschreiner Matthäus Baisch geschaffen. Im Hauptblatt ist der Gute Hirte dargestellt, im Oberblatt der Patron Wendelin im grünen Hirtenkleid neben einer Kuh im Miniformat mit abgebrochenem Horn und auf der anderen Seite der heilig gesprochene Antonius der Eremit mit Wildschwein; der „Säulitoni“, wie ihn der Volksmund liebevoll nennt, ist ebenfalls ein Patron für die Bauern. Sie haben bei der heutigen Landwirtschaftsglobalisierung gewiss alle Hände voll zu tun.
 
Nach der Klosteraufhebung im Aargau (1841), mit welcher der Staat die Kirchenmächtigen in Schranken wies, wurde auch auf dem Horben alles neu. Das Schloss wurde als Wohn- und Wirtshaus verwendet, so etwa als Luft- und Molkenkuranstalt „zum Lindenhof“ mit Bädern „für vornehmlich erholungsbedürftige, schwächliche, blutarme und hektische Personen“.
 
Wir begaben uns nach diesen historischen Studien in der Nähe des Gefrierpunkts gern an die Wärme – und zwar ins rustikale, mit Holz verkleidete Gasthaus, das früher als Pächterhaus wirkte. Im Eingangsbereich döste eine Katze im Körbchen und liess kraulende Gäste gewähren. Ich überredete meine Begleiterinnen zu einem Punsch, was nicht der intelligentesten Entscheide einer war, wie ich nachträglich eingestehen muss. Es wurden einfach 3 mit heissem Wasser gefüllte Teegläser aufgetragen und dazu 3 Beutel mit einem „Punch à l’orange“ sowie einem alhoholfreien „Punch Rum“, beide von Wander, und ein „Punch Apfel“ von Nestlé. Die Rum-Punch-Packung war die einzige, auf der das Ablaufdatum noch zu lesen war: „10.2008.“ Angesichts des kleinen Preises, zu dem diese Ladenhüter abgegeben wurden (3,60 CHF), mochte ich nicht reklamieren. Die Lektüre, was da alles auf Pulverbasis in den Beutel geraten war, las sich abenteuerlich: Apfelsaft (pulverisiert), Zucker aus Europa, (undefinierte) Aromen, Glucosesirup, Zitronensäure, Instantkaramel, Teeextrakt – und genau so schmeckte das Gesöff auch. Nur pulverisierten Rum habe ich nicht gefunden. „Wenigstens etwas Warmes“, tröstete Anita. Wir stimmten zu. Im benachbarten Bauernhof kauften wir Äpfel, über denen ein Wollteppich die Kälte abhielt. Im Angebot waren Jonathan, Glockenäpfel, Boskoop und Jonagold – der 2-kg-Sack für 2,80 CHF, also sehr attraktiv.
 
Ich gelobte auf dem Rückweg dem heilig gesprochenen Wendelin, den Punsch in Zukunft selber aus frischem Tee, frischen Fruchtsäften und etwas Zimt, zuzubereiten. Wendelin, wahrscheinlich ein Schotte, erlaubte mir auch einen tüchtigen Schuss karibischen Rum. Er scheint als Schutzpatron der Hirten, Landleute und Taglöhner auch für uns unterkühlte wandernde Hügelbewohner ein Herz zu haben. Im Althochdeutschen heisst Wendelin Wanderer bzw. Pilger. Und das sind wir ja alle irgendwie.
 
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