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BLOG vom 12.02.2009


Winterdienst-Aspekte: Wenn Pflugscharen in Wege eingreifen
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Der Pflug hat eine starke zivilisationsgeschichtliche Bedeutung. Man sagt, er sei vor etwa 5000 Jahren in Mesopotamien, dem Zweistromland von Euphrat und Tigris (heute: Irak), erfunden worden und habe den Ackerbau und damit die Geschichte der Zivilisation eingeleitet. Auch andere Erfindungen wie das Rad und die Schrift, die schnurstracks zu den Zuständen führten, wie wir sie heute kennen, werden auf jenes Land zurückgeführt, das die kulturbanausigen Amerikaner kürzlich unter ihren Bombenteppichen begraben haben (wie die Bibliothek in Bagdad und die Zerstörung der antiken Stadt Ur durch Bagger des US-Militärs). Damit wurde auch ein fundamentaler Teil der Weltgeschichte zerstört. Zum Teil ist dies wohl die Folge des Neids der Besitzlosen an bedeutenden Traditionen.
 
Der Pflug hat nicht allein im Ackerbau Bedeutung, sondern auch bei der Schneeräumung, besonders in gebirgigen Gebieten, wie bei uns in der Schweiz. Zwar sind die Winter in den vergangenen Jahrzehnten milder, im Sinne von schneeärmer geworden. Doch immer wieder kommt es vor, dass grössere oder kleinere Schneemengen vom Himmel fallen, und dabei klammern sie nicht einmal unsere Verkehrswege aus. Der Schnee arbeitet undifferenziert, flächendeckend. Und dann fahren tonnenschwere Schneepflüge auf, kratzen krachend, fast funkenstiebend über die Strassen und schieben die graue Pracht an die Ränder. Nach dem Winter sehen viele Strassen übel aus. Besonders wenn im Heck des Schneepflugtriebfahrzeugs noch Salzstreuer montiert worden waren. Dann beginnen sich sogar ganze Brücken aufzulösen.
 
Das Aufkratzen von Strassenbelägen ist an der Schneepflugtechnik selbstverständlich nicht spurlos vorübergegangen. So kann man beispielsweise an den schweren Schneideblättern oder Schiebern weichere Unterleisten wie Matschleisten anschrauben, die sich selbstlos selber abnützen und dem Strassenbelag weniger zusetzen. Zudem ist es möglich, durch die Bewegung der Unterlenker am Fronthubwerk die Schaufelhöhe der Strassenoberfläche einigermassen anzupassen, auch wenn die Strasse manchmal vor lauter Schnee nicht mehr zu sehen ist.
 
Die Sache mit der Schneeräumung ist also delikat, wie man sieht, zumal ja in erster Linie die Strassen den Fahrzeugen (und erfahrungsgemäss erst in zweiter Linie die Fahrzeuge den Strassen) angepasst werden. Für mich haben solche Fragen eine gewisse Bedeutung, zumal ich stolzer Mitbesitzer einer Privatstrasse bin, dem Rebweg in Biberstein AG, eine Sackgasse, die bei unserem Haus ihr Ende findet.
 
Wir hätten den Weg schon vor Jahrzehnten an die Gemeinde abtreten können, zusammen mit der Unterhaltspflicht. Doch damit wäre die Gefahr eines grauenhaften Ausbaus verbunden gewesen, das heisst, unser schmaler Rebweg wäre zu einer richtigen Strasse (zur Rebstrasse) geworden, die unsere Gärtchen dezimiert und das Quartierbild unvorteilhaft beeinflusst hätte. Da Eigentum aber verpflichtet, müssen wir wegbesitzenden Anwohner nach wie vor für den Unterhalt aufkommen.
 
Die anständige Gemeinde Biberstein zeigt in solchen Fällen ein Herz für die Privatwegbesitzer, die ihr Kosten sparen helfen und dennoch ihre Steuern mit voller Wucht bezahlen: Die Öffentliche Hand lässt die Strasse wischen, übernimmt die Beleuchtung und auch den Winterdienst (mit Pflug). Doch ausgerechnet dieser Winterdienst, dieses zweischneidige Schwert, war es, welcher die Rebweg-Anwohner in 2 Lager aufgespaltet hat, ohne dass sich daraus irgendwelche Feindschaften entwickelt hätten, weil die Meinungsfreiheit hier hochgehalten wird: Die Anwohner im vorderen (dorfnahen) und mittleren Teil befürworten eine Totalräumung, und die Bewohner der beiden hintersten Häuser – zu denen ich gehöre – sprachen sich eher gegen das Aufkreuzen schwerer Pflüge aus. Zwar hätten auch wir gegen schneebefreite Strassen an sich nichts einzuwenden; doch stellen wir die damit verbundenen Belagsschäden in Rechnung, und unserer Nachbarfamilie Bernhard Frei hat ein Pflug seinerzeit ein Gartenmäuerchen unsanft Richtung Garten gedrückt.
 
Das Problem „Räumen oder Nichträumen“ hat sich dadurch noch akzentuiert, als werktätige Ehepaare mit Kindern, die sich vor allem im mittleren Wegsektor angesiedelt haben, eher auf unbeeinträchtigte Strassenverhältnisse angewiesen sind als wir Pensionisten im hinteren Sektor, die wir die nötige Zeit zum Schwingen von Schneeschaufeln und dem Hinterherlaufen von Schneeschiebern besser aufbringen können – ja manchmal sind wir gerade darauf erpicht, unsere Muskelpakete in jugendlicher Frische zu erhalten.
 
Für den Gemeinderat und die ihm unterstellten Schneeräumer wurde die Sache unhaltbar – einmal hiess es aus Rebweg-Kreisen, man möge doch bitte für einen aperen Weg sorgen, und wenn sie dann mit schwerem Gerät auffuhren, stellte sich ihnen die Gegenseite in den Weg: „Nicht nötig!“. Und so wurde denn das Problem der landesüblichen Art einer Konfliktbewältigung zugeführt: Der Gemeinderat lud zu einer bi- beziehungsweise trilateralen Besprechung ein – und zwar auf der zerbröselnden dünnen Asphaltschicht im mittleren Bereich, wo sich der Rebweg einen Ast nach unten, der Unternbergstrasse entgegen, zugelegt hat.
 
Sozusagen als fachautoritärer Moderator wirkte Gemeinderat Martin Hächler, der im Rahmen eines Wettbewerbs auf der Ranch Farsox in Alvaneu Bad 2007 unter dröhnendem Kuhglockengeläut zum „Mister Heubuuch“, also zum schönsten Schweizer Bauern, gewählt worden war und Biberstein eine zusätzliche Berühmtheit einbrachte. Er betreut, wenn er nicht gerade landwirtschaftlich tätig ist, im Bibersteiner Gemeinderat (Exekutive) das Bauressort. Und wie alle Erfahrungen zeigen, die ich mit ihm persönlich in letzter Zeit sammeln durfte, ist er ein hervorragender Praktiker; er hat mir einmal beim Entfernen eines mächtigen, über den Strassenraum hinaus greifenden Asts unseres Nussbaums, welcher den Verkehr auf der Unternbergstrasse bedrohte, geholfen. Aber auch in Sachfragen ist er kompetent und agiert zudem mit dem nötigen Einfühlungsvermögen in persönliche Empfindlichkeiten mit psychologischem Geschick – so auch an der Schneeräumungsbesprechung vom 09.02.2009, einem schneefreien Tag übrigens.
 
In unserer Gutmütigkeit und Anpassungsbereitschaft waren wir hinteren und damit hinterwäldlerischen Anwohner in der Sackgasse bereit gewesen, unseren Widerstand gegen die ebenso befreienden wie zerstörerischen Pflüge aufzugeben, also – um es mit Bibelanklang auszudrücken – unsere stumpfen Schwerter des Widerstands in Pflugscharen umwandeln zu lassen, freundnachbarliche Konsensbereitschaft bekundend. Doch ausgerechnet Martin Hächler war es, der mit seinem scharfen Sachverstand auch in Sachen Bodenbeläge unser Denken durchpflügte. Auf dem von mir eher kunstvoll denn fachkundig gepflästerten Boden, der sich an den Rebweg anschliesst, sagte er, dass dieser Belag mehrere Pflugdurchgänge niemals unbeschadet überleben werde. Und mit Leichtigkeit ortete er einen bereits lockeren Porphyrstein. Der Schluss lag nahe: Lieber Schnee schaufeln als den Boden flicken.
 
Und damit war das Problem auch für die Nachbarn Frei in ihrem Sinne gelöst – auch dort wird nicht gepflügt. Der Pflug kehrt und kratzt nur bis an den Rand der beiden hinteren Liegenschaften, kehrt dann auf dem Vorplatz der Liegenschaften 5 und 7 um – ein grossartiger Kompromiss, einer funktionalen Demokratie alle Ehre machend. Wir, die wir weiter hinten unter den Schneemassen unangetastet bleiben werden, müssen uns von Hand freischaufeln, wollen wir uns nicht mit Helikoptern versorgen lassen, ein Rückfall in prähistorische Zeiten. Wir haben uns dieses Schicksal selber eingebrockt.
 
Dennoch verbleibt auf dem vorderen und mittleren Rebweg immerhin noch ein stattlicher Rest von Pflugscharen, die dort ihren Segen ausbreiten können: Die Heissmischtragschicht aus Asphalt wird in bäuerlicher Art etwas weggepflügt werden, was später neuem Pflanzenwachstum eine Chance geben wird. Der Frühling und der Sommer kommen bestimmt – und damit ein neues Wachsen und Gedeihen, auch aus Asphaltschrunden. Darauf freuen wir uns alle.
 
Hinweis auf ein weiteres Blog über den Rebweg in Biberstein
21.08.2005: Das Rebwegfest 2005: Nachbarschaftliche Feierstunden
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