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BLOG vom 19.04.2009


Schloss Bürgeln D: Rokoko-Ranken im Klassizismus-Bau
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
War das eine Winterlandschaft? Der Blick von der St. Johannes Breite in die sanfte Mulde des Eggenertals, in der sich Niedereggenen und Obereggenen D (Gemeinde Schliengen, Landkreis Lörrach, Baden-Württemberg) festgesetzt haben, mutete am 15.04.2009 wie der Blick auf Tausende schneebedeckter Bäume im satten Grün an. Aber das waren in Tat und Wahrheit die zur vollen Blüte entwickelten Kirschbäume, unter die sich an dieser windgeschützten Lage auch einige rötliche Japanische Zierkirschen, Schlehen, Magnolien-, Aprikosen- und Zwetschgenbäume gemischt hatten. Die Kirschbäume wagten sich sogar bis in die angrenzenden Wälder des „Blauen“ mit ihren Fichten, Weisstannen, Buchen, Douglasien, Lärchen, Kiefern, Eichen, Birken und Ahornbäumen vor und sorgen darin für weiss punktierte Flächen. Ein Frühlingsfest fürs Auge! Wir genossen dieses von der St. Johannis-Breite (482 m) aus.
 
Der Wissenschaftspublizist und unser Blogger Heinz Scholz und seine Frau Paula aus dem nahen Schopfheim D hatten mich zu einem Besuch des Schlosses Bürgeln (Gemeinde Schliengen) eingeladen, das über dem Eggenertal und schräg unter dem Blauen (1165 m) thront; in der Nähe ist auch die Ruine Sausenburg. Der Wohn- und Ferienort Schliengen zieht sich von der Rheinebene bis zum Hochblauen hin. Das berühmte Schloss liegt auf einem Südausläufer des Blauenmassivs. Das Blütenwunder befindet sich sozusagen am Wege zu dem berühmten Ausflugsziel im Markgräflerland – wir waren über die Töpferstadt und Bohnerzstadt Kandern gefahren, zu der von Weil am Rhein aus auch die Geleise der Kandertalbahn führen. Der Name Kander erinnert uns Schweizer an den gleichnamigen Bergbach im Kandertal (Berner Oberland), der in den Thunersee fliesst und sich manchmal wild aufführt.
 
Das Schloss Bürgeln liegt weit abseits des mir vertrauten CH-Kandertals, nördlich von Kandern D. Man fährt von dort aus in Richtung Schallsingen und zweigt noch vor diesem Ort nach rechts durch den Wald ab, erreicht einen grossen Parkplatz und begibt sich zu Fuss hinauf zum Schloss. Dort stand schon im 11. Jahrhundert eine Kirche, die anschliessend als Kloster genutzt wurde. Das heutige Schloss wurde 1762 nach Plänen von Franz Anton Bagnato auf Geheiss von Propst Aloysius Mader und Fürstabt Meinrad Troger vom Kloster St. Blasien, zu dem die Propstei gehörte, gebaut. Hierhin konnten die mächtigen frommen Herren fliehen, wenn sie vom Hofzeremoniell genug hatten. 1908 wurde die Anlage zum Geviert umgebaut und 1920 durch die Schauseite angereichert (eine Freitreppe, die in einen Park übergeht, und ein Balkon kamen damals hinzu). Das Schloss hat eine lebhafte Geschichte, musste sich in all den kriegerischen Wirrnissen wie dem Bauernkrieg und dem Dreissigjährigen Krieg behaupten und manchmal wieder aufgebaut werden; „Hier war immer richtig viel los“, erfuhren wir dort aus kompetentem Munde.
 
Zuerst einmal fasziniert die Aussicht, falls sie nicht, wie am Tage unseres Besuchs, im milchigen Dunst entschwindet. Wir liessen sie uns deshalb vom ehemaligen Juristen Wolfram Hartig schildern, den ich wegen seines breiten Wissens in Geschichte zuerst für einen begabten, studierten Historiker gehalten hatte. Er ist einer der ehrenamtlichen Führer, die den Besuchern das Schloss, das im Eigentum eines 510 Mitglieder zählenden Gemeinnützigen Vereins ist, näher bringen. Der Ausblick: Eiger, Mönch und Jungfrau, Mont-Blanc, der Jura (CH und F), die Burgundische Pforte, die Vogesen und das Markgräflerland im Vordergrund sind bzw. wären vom Aussichtspodest des Schlosses aus zu sehen. Schon Johann Peter Hebel war von dieser Lage entzückt: „Z’ Bürglen uf der Höh’, nai was cha me seh!“ Nur der Rosengarten war noch nicht zur Blüte gelangt; doch müssen ja auch spätere Besucher, wenn die Kirschenblüte vorbei ist, noch etwas zu bewundern haben. Das Bürgelnbund lässt die Anlage perfekt unterhalten.
 
Das zweigeschossige Schloss ist ein frühklassizistischer Bau, das heisst von geometrischen, klaren Formen geprägt. Doch wurde es gewissermassen als Kontrastprogramm mit einer verspielen Rokokoausstattung versehen. Diese beginnt bereits bei den schmiedeeisernen Ziergittern neben der imposanten, schwungvollen Freitreppe, die zum Portal führt. Das Rokoko könne nicht als selbstständiger Baustil bezeichnet werden, sagte Herr Hartig bei seinen Hinweisen auf die beschwingten Wind-, Wellen-, Wasser- und Pflanzenformen an den Dielen und den blumenreichen Tapeten, die manchmal an der chinesischen Kunst orientiert sind (Chinoiserie) und gelegentlich an die Kirschbaumblüte erinnern. Hier haben geschwungene, spätbarock anmutenden Linien jede klassizistische Symmetrie verdrängt. Diese Gegensätze, architektonische Strenge und Verspieltheit, machen meines Erachtens den ganz besonderen Reiz des Schlosses Bürgeln, eine umfangreiche Dreiflügelanlage, aus.
 
Wenn Gebäude und Dekorationen gleichzeitig entstehen, sind beide auch stilistisch miteinander verbunden. Zur Architektur gehört die Dekoration und zur Dekoration die Architektur. Die Verzierungen stehen also in einem Abhängigkeitsverhältnis zu dem, was sie schmücken. Die Architektur hat statischen Gesetzen zu folgen, nicht aber die Dekoration, die sich diesbezüglich frei entfalten kann und eine gewisse naturhafte Sinnlichkeit, ja Schwerelosigkeit in die konsequente, von klaren Winkeln geprägte Formensprache bringt und bemerkenswerterweise keineswegs als Fremdkörper empfunden wird. Vielmehr wird damit Leben ins noble Haus gebracht. Dies geschieht auch durch die beiden lebensgrossen Trachtenpuppen („Vreneli-Trachten“), wie es sie auch im nahen Schweizer Fricktal gab (die Trachten wurden von dort bezogen). Die Damen hatten kuriose Hörnerkappen aufgesetzt, die mit Bändern zur Unterstützung der ehemaligen Seidenbandweberei verschönert waren.
 
Im Innern des Schlosses ist jeder Raum eine eigene Persönlichkeit. Die bilderdominante Neuzeit scheint bereits im Fest- und Musiksaal vorweg genommen zu sein. Dessen Wände sind über und über von Ölgemälden bedeckt, und über der von Engeln flankierten Supraporte ist die Darstellung des Klosters St. Blasien vor dem grossen Brand (1768) hingemalt. In vielen Räumen stehen exzellente Kachelöfen, so genannte Vorder- und Hinterlader (je nach Lage des Türchens zum Feuerraum), und an 3 Dielen sind Empire-Uhren, von denen 3 ein gemeinsames Triebwerk haben – sie sind mit einem Gestänge mit dem Uhrwerk verbunden. Und sogar eine Kapelle, ein mit religiösen Elementen reich bestückter Louis-XVI.-Raum, fehlt nicht; darin werden gern Hochzeiten gefeiert – und das Schloss bietet dann die übrige Infrastruktur für solche Festlichkeiten. Die Grabplatte für Propst Martin Gleichauf (gestorben 1595) erinnert an dessen Kirchenerneuerung.
 
Im Rahmen der Erhaltung, ja der Verschönerung des Schlosses spielte der bereits erwähnte Richard Sichler (1876‒1952) eine bedeutende Rolle. Er war Kommerzienrat und Generaldirektor der Lingnerwerke in Dresden und wünschte sich einen standesgemässen Wohn- und Geschäftssitz im Dreiländereck, wobei ihm besonders die Nähe zu Frankreich zustatten kam. Er liebte Kachelöfen, Gemälde und wertvolles Mobiliar, richtete modernen Duschkomfort ein, liess sogar ein Marmorbad mit 16 seitlich angebrachten Brauseköpfen einbauen – man würde heute von einer Wellness-Anlage sprechen. Die Markenrechte der Lingnerwerke, die vom 23. bis 15.02.1945 von völkerrechtswidrigen britischen und amerikanischen Flächenbombardierungen zusammen mit grossen Teilen Dresdens völlig zerstört wurden, gehören heute zur britisch-amerikanischen Firma GlaxoSmithKline (Consumer Healthcare); in ihnen wurde das Odol hergestellt, ein bekanntes Mundwasserkonzentrat, ein alkoholischer Chemikalien-Cocktail mit antiseptischer Wirkung.
 
Viel Betrieb in Himmelsnähe
Mit vielen Veranstaltungen wird das Schloss das ganze Jahr über unter dem hochtrabenden Motto „Dem Himmel näher“ belebt. Täglich werden um 11, 14, 15, 16 und 17 Uhr Führungen veranstaltet (6 Euro pro Person). Hinzu kommen thematische Sonderführungen, Konzerte und Ausstellungen wie zum Thema Nymphenburger Porzellan, dem ein Kabinett gewidmet ist. In der festlichen Bibliothek nebenan steht auch ein Hammerklavier aus der Zeit um 1850. Dank des ehemaligen Pächters Richard Sichler hatten sich die Vitrinen mit den zerbrechlichen Raritäten wieder gefüllt. Doch nach dessen Tod fand 1957 leider eine Versteigerung statt, der das gesamte Nymphenburger Porzellan aus dem Schloss zum Opfer fiel, unter anderem ein vollständiges, über 500-teiliges Ess-, Kaffee-, Tee- und Mokkaservice. Es wird zurzeit alles getan, solche Kabinettstücke wieder aufzutreiben, ein schwieriges Unterfangen.
 
Auf dem Schillighof
Nachdem wir uns ins Gästebuch eingetragen hatten, war nicht nach Odol, sondern nach Währschafterem, Urtümlicherem zumute. Um noch etwas in der Vergangenheit zu verweilen, fuhren wir zur Gastwirtschaft „Zum Hirschen“ auf dem Schillighof in der Gemeinde D-79585 Steinen-Weitenau, südöstlich von Kandern. Dieses von der Familie Asal betriebene Gasthaus unter dem wuchtigen Walmdach gibt es schon seit dem 18. Jahrhundert. Das inwendig zum Teil windschiefe Gebäude mit dem ausgetretenen Holzboden ist etwa 400 Jahre alt und mit einem Landwirtschaftsbetrieb kombiniert. Draussen, an der milden Abendsonne, schlugen alte Linden- und Kastanienbäume aus. Drinnen war der Kachelofen noch in Betrieb.
 
In dem niederen, wohnlichen Raum kam ich in passender Kulisse wieder einmal zu einem Riesenberg Ochsenmaulsalat, in schmale Streifen geschnitten und mit Essig, Öl und Streuwürze belebt, und zu einem Glas Apfel- und Birnenmost aus hofeigener Produktion, ein typisches Vesper. Dazu wurde viel frisches, schmackhaftes Holzofenbrot serviert. Das Ambiente sei romantisch, idyllisch, urig, heisst es auf der Webseite www.schlemmerregion.de. Ich kann das nur bestätigen, brauche also keine eigenen Adjektive zu erfinden. Ein aromatischer Hefeschnaps (Hefebrand, Weinhefebranntwein, Lie) half aktiv beim Verdauen mit.
 
Zufrieden reisten wir über Wieslet‒Langenau nach Schopfheim zurück, nicht ohne dort im Grünkernladen (Naturkostladen) von Jürgen Blaas noch für gesunden Lebensmittel-Nachschub zu sorgen. Ich nahm mir vor, nach den üppigen Schlemmereien, denen ich in Deutschland immer wieder verfalle und die für mich zum Erlebnis unserer schönen nördlichen Nachbarschaft mit den liebenswürdigen Menschen gehören, wieder etwas disziplinierter zu essen. Und zur Not ist für uns Aargauer der süddeutsche Raum ja so nah …
 
Quellen
Geiger, Leif, und Heimann-Schwarzweber, Annemarie: „Kunstführer Markgräflerland“ 1986.
Philipp, D.; Grosspietsch, J.; Herbener, A, und Rebsamen, R.: „Kunst, Thermen, Wein. Entdeckungsreisen durch das Markgräflerland“, Kunstverlag Josef Fink 2009.
 
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