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BLOG vom 20.04.2009


Zurück zur Naturalwirtschaft bei Banken: Muni statt Money
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
In den letzten Jahren und Monaten haben Bankinstitute in aller Welt permanent für gute Unterhaltung gesorgt. Neuerdings unter umgekehrten Vorzeichen: US-Banken wie Goldman Sachs, JP Morgan und Wells Fargo wiesen fürs 1. Quartal 2009 Milliardengewinne aus – und sie sorgten für das Vertrauen, das von allen Anlegern seit Monaten kategorisch verlangt wird, und ebenso für ein euphorisches Strohfeuerchen an den Börsen obendrein. Auch die Citigroup hatte eine positive Überraschung zusammengebastelt. Bereits wurde in der desinformierten Weltbevölkerung der Wiederbeginn des Fliessens der Kapitalmärkte erahnt. Die Lehman Brothers können die Anleger nicht mehr bestehlen, weil sie sich in Luft aufgelöst haben. Merrill Lynch und Bear Stearns ihrerseits wurden sozusagen durch Notverkäufe gelyncht, um in der landesüblichen Sprache zu bleiben.
 
Jetzt sorgen nach den faulen Papieren ebenso faule Bilanzierungsregeln, die Manipulationen alle Tore sperrangelweit offen halten, für neue Euphorien. So sind zum Beispiel die gigantischen Verluste vom Dezember 2008 wegen der Umstellung der Berichtsperiode (das 4. Quartal endete in den USA bisher jeweils Ende November) in einem Schwarzen Loch verschwunden. Weg. Und seit 2009 sind die Geldkonzerne in den USA, welche die globale Finanz- und Wirtschaftskrise so erfolgreich in Szene gesetzt haben, nicht mehr (bzw. noch weniger als bisher) dazu gezwungen, nach den aktuellen Marktwerten zu bilanzieren, sondern in Notfällen – und solche haben wir ja jetzt gewiss – können auch die passenden Modelle zur Bilanzfrisierung eingesetzt werden. Ähnlich wie bei der Abschaffung des Golddevisenstandards, welche beliebige Aktivitäten der Banknotenpressen zur Konfettiproduktion erlaubte und eine Deflationsspirale vorbereitet, können nun auch die Bilanzen manipuliert werden, um der Wucherung von Überkapazitäten und Schulden noch Gutes abzugewinnen, ohne die Bilanzen zu beschädigen. Das ist die Erklärung dafür, dass nun eine US-Grossbank nach der anderen mit „positiven Ergebnissen überrascht“, eine tolle Sache, made in den USA. Die Verluste aus Schrottpapieren können einfach in die Zukunft verschoben werden – die moderne Form von Transparenz … als Grundlage für Vertrauen. Auch das noch. Dies alles geschieht ganz im Interesse des Werbefeldzugs von Barack Obama, der auf dem wackeligen Prinzip Hoffnung fusst. Der Aufschwung beginnt im Kopf, also genau dort, wo auch der Abschwung angefangen hat
 
Bereits fragen sich die verblüfften und schon wieder hereinfallenden Kommentatoren in den Schweizer Medien mit dem Ausdruck der bewundernden Verblüffung: „Was machen denn die Amerikaner besser als wir?“ Sie scheinen die Antwort tatsächlich nicht zu kennen: Sie haben ein unverkrampfteres Verhältnis zum Beschiss. Die im 1. Quartal 2009 aus der tiefen Rezession herbei gerechneten „Milliardengewinne“-Kartenhäuser wurden zum Beispiel aus dem Hut der ausserordentlich günstigen Refinanzierungsmöglichkeiten der US-Notenbank (FED), dieser dubiosen Herrin des Gelds, gezaubert. Und so wird mit geschönten Zahlen der Schrumpfungsprozess der Nachfrage und der Wirtschaftsleistungen zu übertünchen versucht, um die Anleger zu neuen Reinfällen zu motivieren.
 
Im regionalen Bereich
Die neoliberale Globalisierung hat sich bisher als eine einzige grosse Weltkatastrophe erwiesen, und die fällige Deglobalisierung auf dem gigantischen Trümmerfeld wird eine ebenso unumgängliche wie kaum zu bewältigende Zukunftsaufgabe sein. Glücklicherweise haben noch einige Regionalwunder überlebt: Während die zweitgrösste Schweizer Bank, die Credit Suisse (CS), Milliardenverluste abschreiben und Tausende von Stellen abbauen musste, kam ihre weitgehend selbstständige Tochter, die Neue Aargauer Bank (NAB) mit Hauptsitz in Aarau, wegen ihres Bekenntnisses zur Region fast ungeschoren davon. Sie erzielte 2008 mit einem Reingewinn von 115,4 Mio. CHF ein „solides Ergebnis“ (NAB über NAB), auch wenn dieser gegenüber 2007 in einem erträglichen Ausmass um 25,9 % geschrumpft ist. Der Personalbestand (Ende 2008: 778 Vollzeitstellen) blieb beinahe unverändert (Vorjahr: 780). An dieser Mutter-Tochter-Beziehung CS/NAB ist deutlich zu erkennen, dass nicht das Globale, sondern das Regionale das Erfolgsgeheimnis ist. So ist zum Beispiel im Aargau jedes 4. Haus bzw. jede 4. Wohnung NAB-finanziert. Wohlgemerkt: Die Bank kann sich noch die alten, ehrlichen Bilanzierungsregeln leisten.
 
Die globalen Sturmschäden greifen selbstverständlich auch auf regionale und lokale Einheiten über. Der NAB-Verwaltungsratspräsident Josef Meier verglich die Grosswetterlage im Jahr 2008 mit einem „Tornado“, wie heftige Wirbelstürme in den USA bezeichnet werden. Er, der Tornado, habe „eine Spur der Verwüstung“ hinterlassen. Auch die NAB habe die Sturmrichtung falsch eingeschätzt, gab Meier zu, und man sei noch immer mit den Aufräumarbeiten beschäftigt.
 
Tatsächlich war auch die NAB auf die Lehman-Brüder-Tricksereien hereingefallen, zum Schaden vieler Anleger. Bis zum Zusammenbruch dieser amerikanischen Investmentbank mit Hauptsitz in New York habe man deren Anlagevehikel als sicher betrachtet, räumte der Präsident der Geschäftsleitung, Peter Bühlmann, ein – mit Verweis auf die Machenschaften der Ratingagenturen, der Analysten und weiteren Bankfachexperten, die ja erwiesenermassen ebenfalls komplett versagt haben. Auch den Verlockungen der Kaupthing Bank aus Island erlag die NAB. Zusammen mit besonders schwer oder gar existenziell betroffenen Anlegern habe man in Einzelgesprächen kulante Lösungen gesucht. Wurden sie auch gefunden? In der Diskussion fragte ein Aktionär, Otti Huber, wie viel Geld denn an Geschädigte zurückgeflossen sei, eine Frage, die Peter Bühlmann nur ausweichend und ohne Bekanntgabe von Zahlen umschiffte. In einigen Fällen wurde, wie ich an unserem Tisch erfuhr, die Courtage (teilweise?) zurückbezahlt, ein Pappenstiel im Verhältnis zum Verlust.
 
NAB-GV: Zuflucht zur Kultur
Die 1885 Personen, die sich am 18.04.2009 in der Kunsteisbahn (KEBA) auf dem Brügglifeld in Aarau zur NAB-Generalversammlung zusammengefunden hatten, wurden mit einem guten Essen (Rüebli-Spinat-Mousse, Spargelsalat, Schweinskarreebraten, Kartoffelgratin, Aargauer Rüeblikuchen und einheimischen Weinen) milde und fröhlich gestimmt. Ein ausgezeichnetes Unterhaltungsprogramm half über die Ausläufer des globalen Elends hinweg. Massimo Rocchi, ein zum Ur-Schweizer mutierter Italiener aus Cesenatico, mochte nicht über Geld, sondern bloss über Banken spassen. Er kennt und durchschaut uns Schweizer besser als wir dies selber zu tun vermögen und erklärt uns auch einmal unseren Nationalsport Schwingen. Bei diesem besteht der Preis nicht aus Money, sondern ein Muni (ein männliches Rind) winkt. Rocchi ist ein Sprachakrobat, der auch die tiefsten Geheimnisse unserer Mundarten auslotet und alles so hinnimmt, wie es nun einmal ist: „Es isch haut esoo!“ (es ist halt so), bernert er jeweils, wenn sämtliche Erklärungsversuche ausgeschöpft sind. Er weiss sogar, wo und wie die Schweiz innerhalb von Europa ist: „Wie das Loch in einer Schallplatte – und ohne Loch kann die Schallplatte nicht leben.“ In der Schweiz müsse man nicht das Gas-Geben, sondern das Bremsen lernen, tönte es von Rocchi aus dem Bühnennebel hervor. Er bezog sich dabei nicht allein auf die Berner Langsamkeit – oder gar auf die Emmentaler, wo sich der Wirt erst dann nach dem Befinden des Gasts erkundige, wenn dieser schon am Erbrechen sei. Es ging um die nationale Bedächtigkeit.
 
In Schwingerhosen trat auch das Duo Lapsus (Christian Höhener und Peter Winkler) auf, dessen Name keine Anspielung auf das Banken-Verhalten ist. Es war eine Folkloreschau mit artistischen Einlagen. Und „La Compania Rossini“ aus der bündnerischen Surselva mit ihrem Leiter Armin Caduff, mit Christoph Demarmels am Seiler-Flügel und den zahlreichen ausgezeichneten Solostimmen schmetterte in einem abendfüllenden Programm Opernmelodien und Volkslieder in verschiedenen romanischen Sprachen und auch in Deutsch in den Raum – ohne Bezug zur angloamerikanischen Globalmusik. Erfrischend. Aus den Kehlen der in rote und schwarze Samtkleider und Fräcke gehüllten Sängerinnen und Sänger wuchsen die buntesten Klangfarben hervor, die selbst in einer akustisch nicht über alle Zweifel erhabenen Sporthalle durch eine kompetente Lautsprechertechnik begeisterten.
 
Die NAB profiliert sich traditionell als Kulturfördererin. Die GV wies antragsgemäss 1 Mio. CHF der bankeigenen Kulturstiftung zur Unterstützung kultureller Zwecke (inkl. fürs Aargauer Kunsthaus in Aarau) zu. Die Fernseh-Wetterfee Cécile Bähler moderierte zurückhaltend, als ob ein Tief im Anzug sei; für die Börsen- und Banken-Meteorologie sind ja schliesslich andere Experten zuständig. Doch liegen im Finanzwesen die Verhältnisse einfacher: Die Sturmtiefs kommen hier immer aus der gleichen Richtung (auf Anfrage gebe ich die Richtung gern an). Bleibt zu hoffen, dass dies inzwischen auch Bankfachleute zur Kenntnis genommen haben. Dann blieben den Anlegern im alten Kontinent viele Verluste erspart.
 
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