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BLOG vom 06.05.2009


Rheinfelden (Baden) und sein Adelberg mit Panoramasicht
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein (Textatelier.com)
 
Eine schönere und angenehmer gestaltete Aussichtsplattform auf die Altstadtfassade von Rheinfelden (Aargau), die dem Rhein zugewandt ist, als den Adelberg lässt sich schwer vorstellen. Dieser Adelberg liegt östlich des deutschen Zollgebäudes und ist eine offene Hangwiese in Rheinfelden (Baden) am Rhein, direkt gegenüber der Altstadt von CH-Rheinfelden. Am adligen Berg gibts Baumreihen mit Sitzbuchten, den Agenda-Platz mit einer langen Sitzbank nahe am Rhein, einen Serpentinenweg durch einen pergolaartig gestalteten Weinberg und eine geschwungene Brücke über den Dürrenbach zum Rheinufer-Rundweg gegen das alte und das neue, im Bau befindliche Rheinkraftwerk. Das 1. und älteste Wasserkraftwerk wäre nach einem Plan Conradin Zschokkes von 1890 um ein Haar anstelle der alten Brücke beim Adelberg entstanden, wurde dann zum Glück aber rheinaufwärts verlegt (1895 bis 1898 gebaut).
 
Zollgeschichte
Den Adelberg – zwar eher ein Adelhügel – erreicht man vom Schweizer Rheinfelden aus über die Rheinbrücke, an deren Brückenkopf Nord rechterhand das deutsche Zollgebäude ist. Dort ist eine Informationstafel, die zum Rheinufer-Rundweg der beiden Rheinfelden gehört und aus der Zollgeschichte erzählt. Darauf ist Joseph von Eichendorff zitiert, der tägliche Dienstleben eines Zöllners 1826 so beschrieben hat: „Den ganzen Tag (zu tun hatte ich nichts) sass ich auf dem Bänkchen vor dem Hause in Schlafrock und Schlafmütze, rauchte Tabak und sah zu, wie die Leut auf der Landstrasse hin und her gingen, fuhren und ritten …“ Dieselbe Gemächlichkeit hat sich nach dem Inkrafttreten des Schengen-Abkommens heute wieder eingestellt – nur dass es nicht einmal mehr einen Zöllner im Schlafrock gibt. Das CH-Zollamt scheint verwaist zu sein, und im deutschen Partnergebäude war noch jemand beschäftigt, wahrscheinlich wegen der Formalitäten im Rahmen der Mehrwertsteuer-Rückforderungen.
 
Schon 1834 hoben die Staaten Preussen, Bayern, Sachsen, Württemberg, Kurhessen und Hessen-Darmstadt untereinander die Binnenzölle auf, und sie gründeten den Deutschen Zollverein, dem 1835 auch das Grossherzogtum Baden beitrat. Ganz so weit sind wir mit dem EU-Schengen-Abkommen, dem sich die Schweiz am 01.03.2008 angeschlossen hat, allerdings noch nicht. Denn damit fallen nur die systematischen Personenkontrollen an den Binnengrenzen weg. Die Zoll- und Warenkontrollen bleiben bestehen. Aber an Fussgänger-Übergängen (die Brücke wird nur noch von einem Bus-Pendelverkehr befahren) lohnt sich dafür wohl kein grosser Aufwand mehr.
 
Das Ziel des Deutschen Zollvereins war es gewesen, den Warenaustausch zwischen den beteiligten Staaten zu erleichtern, ähnlich wie in jüngster Zeit mit der Globalisierung, was wegen der akuten Wirtschaftskrise im Moment allerdings gerade wieder ins Gegenteil verkehrt wird. Der Protektionismus schleicht sich ein; zum Beispiel sollen Amerikaner von der Regierung Obama aufgerufen werden, amerikanische Produkte zu kaufen (Buy-American-Klausel) – Europa und Kanada protestierten gegen diese Abschaffung des freien Handels, die in einer extremen Ausprägung auch das Finanzwesen treffen soll (Stichwort: Steuerschlupflöcher).
 
Im 19. Jahrhundert wurden Zollregelungen vereinheitlicht, weil bis dahin der Handel ausserordentlich erschwert war. Jeder Staat konnte nach eigenem Gutdünken Zölle festlegen und abkassieren; nach dem Dreissigjährigen Krieg soll es im Gebiet des Zollvereins noch rund 300 Binnenzölle gegeben haben, im 2. Kaiserreich noch 26, bis nach dem Ende des 1. Weltkriegs (1918) ein Schlusspunkt unter den Zollsalat gesetzt wurde.
 
Das Hauptzollamt Rheinfelden wurde 1838 gegründet; in jenem Gebäude befindet sich heute das Polizeirevier von Rheinfelden D. Die Grenzaufseher, wie sie damals genannt wurden, hatten die schweren Gütertransporte aus der Schweiz abzufertigen. Die vierspännigen Transportwagen mussten vor dem Hauptzollamt abgeladen werden, so dass die Verzollung manchmal 6 Stunden in Anspruch nahm. Die übrige Waren- und Reisekontrollen fanden vor einem Schilderhäuschen am Bökersturm auf der hölzernen Brücke statt, bis diese 1897 abbrannte. An der Ostseite des Hauses Salmegg gegenüber dem heutigen Zollamt befand sich ein kleines Zollgebäude.
 
In der stattlichen Salmegg findet jetzt übrigens gerade eine Ausstellung über Steinbeile und Mammutzähne statt; der untere Salmegg-Garten ist zu einem Steingarten umgewandelt. Alte Sintersteine weisen auf das typische geologische Umfeld mit den wilden Klüften hin. Nach dem Brand wurde die Zollverwaltung in ein Gebäude beim Haus Salmegg verlegt, bis dann 1962/63 das heutige Zollgebäude gebaut wurde.
 
Naturkundeunterricht am Adelberg
Dieses Zollgebäude lässt man auf dem Weg zum Adelberg rechts liegen und biegt die nächste Strasse nach rechts ein. Dann, sobald man die Bauzone verlassen hat, wird man von Orientierungstafeln begrüsst. Zuerst einmal erfährt man von einem Wohnbauprojekt an der Hangkante der Adelbergstrasse: Die BLK Swissbau GmbH will dort 3 Mehrfamilienhäuser im Bauhausstil (3-stöckige Flachdachkuben) mit Eigentumswohnungen mit bis zu 200 Quadratmetern Wohnfläche und verglasten Garagen als Gebäudeverbindungen erstellen. Rund 4 Millionen Euro (6 Mio. CHF) sollen in die Anlage an der Panoramalage investiert werden, die auf der Sonnenseite der Stadt auch die Solartechnik (Sonnenkollektoren auf den Dächern) ins Spiel bringen wird.
 
Anschliessend wird die ausgedehnte, artenreiche Hangwiese über dem Rheinufer beschrieben. Hier wächst die Pflanzenvielfalt magerer Standorte mit Wiesensalbei, Wiesenflockenblume, Traubenhyazinthe und auch Weinbau-Relikten wie dem Doldigen Milchstern – ein gefundenes Fressen für viele Insekten wie Wildbienen, die an schütteren Stellen der Wiese ihre Erdhöhlen bauen. Die Wiese wird jährlich zweimal gemäht, um die Verbuschung zu verhindern. Die Hangwiese ist von Staudenbeeten mit mehrjährigen Pflanzen eingerahmt, und eine Schlehenhecke zwischen den Baumreihen an der Adelbergstrasse und Gehölze am Steilufer sind naturnahe Strukturelemente; selbst die Bergminze kommt am Heckensaum vor.
 
Am Ufer des Rheins ist der Aussichtspunkt „Agenda-Platz“ mit einer Edelkastanie, die der Schwarzwaldverein Rheinfelden e. V. gestiftet hat. Der Platz wurde im Rahmen der „Grün07“ neu gestaltet, und er ist aus der grenzüberschreitenden „Lokalen Agenda 21 beider Rheinfelden“ hervorgegangen (daher der Name) und ebenfalls ein Bestandteil des Rheinufer-Rundwegs.
 
Die Grün07 entstand damals aus der Einsicht heraus, dass immer dann, wenn das öffentliche Grün stimmt, auch das private Grün in Ordnung ist, sich also gewissermassen fortpflanzt. Die Idee der deutschen Rheinfelder ist bestechend; das von Stadtbauamt und des offensichtlich naturverbundenen Oberbürgermeisters Eberhard Niethammer geschaffene Werk hat mich beeindruckt. Sie sorgten dafür, dass die Grün07 keine einmalige, vorübergehende Veranstaltung war, sondern es wurde eine „Entente floral“ – ein Bündnis mit den Pflanzen – begründet. Das geschah gewiss im Wissen, dass Randbiotope – etwas „Unordnung“ in der Kulturlandschaft – eine grosse ökologische Bedeutung entfalten. Wie Insekten, Vögel und viele Pflanzenarten sollen dadurch auch Besucher angelockt werden: „Damit sich Menschen wohlfühlen, gehört Grün dazu“, hiess es aus dem Kreis der Gärtner. Bei mir hat das funktioniert.
 
Bei meinem Spaziergang vom Samstag, 02.05.2009, regnete es ergiebig – und dennoch fühlte ich mich auf dieser Rheinbühne, dem ehemaligen Gelände der Kleinen Landesgartenschau Grün07, gut aufgehoben, was für deren Qualität spricht. Im Weinberg mit den Holzkonstruktionen, gestiftet von der Partnergemeinde Neumarkt D, blühte es so üppig, dass er seinen Zweck auch dann erfüllt hätte, wenn kein einziger Tropfen Wein abfallen sollte. Dort dreht der Weg um und steuert am Rande von gepflegten Einfamilienhäusern mit individuell gestalteten Gärten auf der erhöhten Lage wieder dem Zollhaus zu. Rohe, naturförmige Holzpfähle werden zum Vordergrund für das noch schöner zutage tretende Bild der Rheinfelder Altstadtkulisse, eine der Schokoladenseiten.
 
Eine weitere Tafel beschreibt die Staudenbeete mit ihren Formen, Farben und Düften, die vom Aargauer Gärtnermeisterverband „als Gruss über die Grenze“ angelegt worden waren – eine Pionierleistung für ein neues Staudenkonzept im Rheinfelder Grün. Stauden werden wegen des üppigen Wuchses und der ökologischen Bedeutung für Bienen, Hummeln und Schmetterlinge immer häufiger gepflanzt. In einem Kräuterbeet wächst unter anderem das Heiligenkraut (Santolina chamaecyparissus) mit seinen silbrigen Blättern, das es zwar auf trockene Standorte abgesehen, aber den Mai-Regen dennoch genossen hat. Auch der Wermut (Artemisia absinthium) ist dort vertreten; ob daraus das Bohèmegetränk Absinth gewonnen wird, das Künstler schon seit langem inspiriert hat, entzieht sich meiner Kenntnis.
 
Künstlermarkt im Schloss Beuggen
Gut 2 km flussaufwärts lockt das Schloss Beuggen, das ich bereits Anfang März 2009 zusammen mit Heinz Scholz und Ewald Greiner besucht habe (siehe Links im Anhang). Von dort aus unternahmen die Schweden während des Dreissigjährigen Kriegs ihre Attacken auf Rheinfelden CH, nicht ohne das Schloss zu plündern und zu beschädigen. Da in Beuggen gerade der traditionelle Kunsthandwerkermarkt (13. Künstler- und Töpfermarkt) stattfand, wie ich von einem Plakat erfahren hatte, lag ein Abstecher dorthin auf der Hand. Ich wollte nachschauen, wozu die süddeutschen Künstler inspiriert worden waren – mit oder ohne Absinth-Hilfe, das bleibe dahingestellt.
 
Offensichtlich handelte es sich um einen Grossanlass, waren doch die Wiesen in der ganzen Umgebung mit Autos übersät; etwa 10 000 Besucher sollen übers Wochenende eingetroffen sein, wovon etwa 60 % aus der Schweiz. Zuerst staunte ich darüber, dass die Abdichtungsarbeiten am Fundament der Schlossgebäude (wegen des Höherstaus des Rheins im Rahmen des Kraftwerkneubaus) schon beinahe beendet und die ganze Umgebung keine Baustelle mehr war. Und dann war ich verblüfft über die Reichhaltigkeit des kunsthandwerklichen Schaffens im süddeutschen Raum, weit über die Töpferware hinaus: Schmuck für Menschen und Gärten, Gemälde, Kleinmobiliar, Marionetten, Filzkleider, Gürtel, Armbänder, Taschen, Schmiedeisernes und viele Gegenstände des täglichen Bedarfs wurden in einer unwahrscheinlichen Variationsfülle angeboten. An einem reich dotierten Stand mit Naturborsten-Bürsten fand Eva einen kleinen, dreieckigen Kamm mit vorne leicht abgeknickten, elastischen Metallstäbchen, der zum Reinigen von Bürsten verwendet werden kann. Und bei einer Auslage von organisch geformten verschiedenen Hölzern als Schnittbrettchen und anderen dekorativen Unterlagen orteten wir einen ganz schmalen Kopf aus Birnenholz, den man aufstellen und auf dessen Nase man die Brille aufsetzen kann. Das Aufbewahren der Brille wird so zur künstlerisch gestalteten Plastik – und zudem wird sie nicht zerkratzt.
 
Im prachtvollen, lebenserfüllten Park verzehrten wir einen delikaten, garantiert gentechnikfreien Hohenloher Flammkuchen mit Sauerrahm, Zwiebeln und einem milden Käse auf dem Brotteig, der direkt aus dem Holzofen kam. Ein Rothaus-Pils „Tannzäpfle“ vom Hochschwarzwald, gebraut nach deutschem Reinheitsgebot, vervollständigte das Festessen, das wir im Stehen einnahmen, zumal die Bänke noch regennass waren. Dafür spielte die Zigeuner Gipsy Brass Band aus Rumänien dazu.
 
Zum Abschluss warfen wir noch einen Blick ins 1990 renovierte Teehaus bei der Lindenallee im Schlosspark, der letzten Erinnerung an den Barockgarten der riesigen und hervorragend erhaltenen Schlossanlage am Rhein. Über der Eingangstür mit dem Rundbogen ist ein Wappen mit der Jahrzahl 1694 und der Inschrift „Joh. Franz Freyherr vo Rynach“ (Johann Franz Freiherr von Reinach, einer der Komture in Beuggen, 1688 bis 1718) angebracht. Dieses Wappen mit dem Wappen im Wappen und den Kreuzen sowie Löwen soll der geheimnisumwitterte Kaspar Hauser aus dem Gedächtnis nachgezeichnet haben. Deshalb wird als erwiesen betrachtet, dass der sagenhafte, 1812 geborene Kaspar, ein Findelkind, hinter dem sich vielleicht ein Erbprinz von Baden versteckte, eine Zeitlang dort wohnte.
 
Mit Eindrücken überhäuft und einigen nützlichen Souvenirs fuhren wir via Schwörstadt und Bad Säckingen in die Schweiz zurück. Die Sonnenbrille wartet auf dem Birnenholzständer auf ihren nächsten Einsatz.
 
 
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