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BLOG vom 18.06.2009


Emmenuferweg (2): Vom wilden Wasser geformte Nagelfluh
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Die Talschaft Entlebuch sei von Wasser, Eis und Menschenhand geformt, steht auf einer Orientierungstafel am Emmenuferweg zu lesen. Ja, einst war hier ein subtropisches Meer – die subtropischen Verhältnisse schienen uns bei unserer Wanderung vom 12.06.2009 erhalten geblieben zu sein, obschon sich das Klima vor 2 Millionen Jahren abzukühlen begann. Mit der Alpenfaltung türmten sich die Felsmassen auf; Ur-Flüsse trugen davon ab und füllten das hinterbliebene Restmeer langsam auf. Gletscher, die oft mehrere hundert Meter mächtig waren, formten die Täler aus, lagerten Moränenmaterial ab, und dann besorgte die Kleine Emme den Rest, gewissermassen den Feinschliff.
 
Als die Alemannen im 8. Jahrhundert ins Entlebuch vordrangen, weil ihre Siedlungen im Mittelland übervölkert waren, war hier alles Wald, und längs der mäandrierenden Flüsse bildeten sich Auen. Die Alemannen begannen zu roden und führten die Dreifelderwirtschaft ein, die während 1000 Jahren dem Entlebuch das Gepräge gab. Die Kelten und Römer ihrerseits zogen das Mittelland vor. Wahrscheinlich kannten sie die unübertreffliche Schönheit des Chalchlochs nicht. Es ist die Sensation auf dieser Wanderstrecke zwischen Wolhusen und Entlebuch, im „Wilden Westen“, wie das Gebiet (aus Stadt-Luzerner Sicht) auch genannt wird. Im vorangegangenen Blog wurde der Emmenuferweg von Wolhusen bis zum Chalchloch im Gebiet Doppleschwand-Romoos beschrieben, wo eine SBB-Haltestelle ist.
 
Das Chalchloch
Im Chalchloch (der Name hat einen Bezug zur ehemaligen Kalkgewinnung) sind die Nagelfluhfelsen wunderschön freigelegt; sie bilden das tief zerklüftete und stellenweise trogartig ausgeräumte Flussbett. Diese Ablagerungen sind etwa 10 Millionen Jahre alt. Geologisch handelt es sich um die etwa 10 Millionen Jahr alten Überreste der Oberen Süsswassermolasse, in die Steine unterschiedlicher Herkunft eingeschlossen sind, so etwa rote Exemplare (Verrucano, seinerseits ein Konglomerat), die von der Ur-Aare aus südlichen Alpenmassiven hierher transportiert wurden. Wie über eine Versammlung gestrandeter Elefantenrücken mit bemoosten Tümpeln in den Einbuchtungen jagt das schäumende Wasser durch die Spalten. Es höhlt die Steinformationen ständig weiter aus, unterhöhlt sie sogar, sich neue Wege bahnend, ruht dann wieder aus und fliesst gemächlich weiter gegen den vielarmigen Vierwaldstättersee.
 
Auf der anderen Seite des Chalchlochs ist die Einleitstelle der Abwasserreinigungsanlage der Talschaft Entlebuch, die 1996 als letzte des Kantons Luzern in Aktion trat und den Gemeinden Escholzmatt, Schüpfheim, Hasle, Entlebuch, Doppleschwand und Roomoos mit den insgesamt 8000 Einwohnern dient. Sie erhielt 2004 noch eine UV-Entkeimungsanlage.
 
Ein besonderes zirkusreifes Schauspiel bot uns ein Luzerner, der sich ebenfalls auf der anderen Flussseite mit seinem Wohnmobil niedergelassen hatte und die Wintermonate jeweils in Marokko verbringt. Er warf einen Fussball mit Schweizerkreuz, der nur etwa zur Hälfte aufgeblasen war, ins schnell dahinströmende Wasser, und seine beiden Hunde tauchten in die Strömung. Der Schnellere fasste den zerknautschbaren Ball und brachte ihn ans Ufer, platzierte ihn auf dem Boden, und der andere brachte ihn dem Meister zurück, der ihn wieder ins Wasser warf. Die Schau wiederholte sich wohl ein Dutzend Mal. Diese schwarz-weissen, gutmütigen Border Collies, deren Name auf die Grenzregion England/Schottland hinweist, sind gleichzeitig geduldig, lebhaft und zeichnen sich durch eine grosse Ausdauer aus. Unermüdlich verrichteten sie ihre Ball-Rettungsarbeit.
 
Auen in der Ämmenmatt
Mit unserer eigenen Ausdauer ging es langsam bergab, als wir weiterhin flussaufwärts, vorerst über die Ämmenmatt (Emmenmatte), weiterwandern mussten. Eva dopte mich mit einer halben, Vitamin-C-reichen Acerola-Tablette.
 
Rechtsufrig oben am Hang ist seit 1873 das SBB-Trassee, das in diesem schwierigen Gelände viele Hochwasserschutzbauten, Brücken über die Tobel („Chrachen“) und Tunnels erforderte und deswegen teurer als erwartet wurde. Die Bahn, die 1875 in Betrieb genommen werden konnte, wurde nur wenig benützt, so dass sie mit Millionenverlust an den Kanton Bern verkauft werden musste. Während unserer Wanderung fuhr eine rote BLS-Komposition vorbei.
 
Das Flussbett besteht hier aus Geröll, und einige beschädigte Uferverbauungen sind noch auszumachen. Aber auch hier gibt es wieder eine Attraktion: Die Ämmematt besitzt zurzeit als einzige Aue im Kanton Luzern den Status einer „Auenlandschaft von nationaler Bedeutung“. In dieser Zone mit den tolerierten, ja erwünschten Überschwemmungen finden Amphibien wie Frösche, Kröten, Unken, Molche und Salamander ihr Auskommen. Ruhige Wannen in der Nagelfluh und Tümpel im Uferbereich sind für diese nachtaktiven Tiere ideale Laichgewässer. Im Sommer klettern die jungen Grasfrösche und Erdkröten aus dem Wasser. Sie sind, wenn nicht zu viel Laich fortgespült wurde, so zahlreich, dass man früher meinte, die würden vom Himmel fallen und man von einem „Froschregen“ sprach. Der Alpensalamander, dem man „Rägemöli“ sagte, wird als Wetterprophet benutzt: Zeigt sein Kopf bergauf, bedeutet das sonniges Wetter, zeigt er abwärts, gibt es Regen.
 
Gelegentlich kommt es hier zu regelrechten Unwettern, wie ein Plakat im Emmenmätteli zeigt. Eines der denkwürdigsten Schlamassel ereignete sich in den Tagen vom 20. bis 23.08.2005, wobei Überschwemmungen, Erdrutsche und Schlammlawinen auftraten, Musterbeispiele für die Dynamik, wie sie Auen so sehr lieben. Die Vegetation wird von der Überschwemmungshäufigkeit bestimmt. Nach einem Hochwasser sind Pionierpflanzen wie Huflattich, Kriechendes Straussgras und Pfirsichblättriger Knöterich bald zur Stelle. Die Weichholzauen bestehen vor allem aus Weiden und Grauerlen, die sich in der Flut biegen und nachher wieder aufstehen. Die Hartholzauen in weniger häufig überschwemmten Zonen bestehen aus Esche, Bergahorn und Stieleiche. Die intensive Verzahnung von Wasser und Land ist ein Merkmal solcher Landschaften. Eine typische Hartholzaue gibt es in der Ämmenmatt nicht; doch kommen die erwähnten Baumarten vor.
 
Ein Biotop aus Menschenhand mit einem Geröllhügel bei den Tümpeln, einer Schwarzpappel, Ruhebänklein und Steinmännchen aus aufeinander geschichteten flachen Steinen und bizarren Baumstrünken lädt zum Verweilen ein. In der Nähe sind über ein Wiesenbächlein Weidenbögen geflochten, die wie Andeutung eines Tunnels in Grün aussehen. Das alles bestätigt meinen Eindruck von den Entlebuchern als ausserordentlich kunstbeflissenem Volk; denn ich erinnere mich noch lebhaft an meine Wanderung im August 2006 oberhalb von Hasle und Heiligkreuz, wo dem Weg entlang eine Landschaftskunst-Ausstellung eingerichtet war.
 
Vor Entlebuch
Die Emme hat von hier flussaufwärts ein weites Bett mit grossem Geröll, und der Emmenuferweg ist weich (Schnitzelweg, Naturwege), dann wieder felsig und dank der Weisstannen und Laubbäume schattig. Das zwischen dem Geröll fliessende Wasser rauscht, plätschert, sprudelt, blubbert und murmelt. Die Geräusche als physikalisches Phänomen werden auf einer Infotafel so erklärt: „Durch die Erdanziehungskraft hat das Wasser den unaufhörlichen Drang, abwärts zu fliessen. Auf seinem Weg wird die in ihm gespeicherte Lageenergie freigesetzt. Es versetzt sich selbst und seine Umgebung in Schwingung.“ Auf einem Gestell liegen Horchstangen bereit, die man ins Wasser halten kann, um in diese wundersame Klangwelt einzutauchen. Auch Steine, die sich aneinander reiben, gehören zu den Instrumenten der bezaubernden Wassermusik. Und Bergstelzen und Wasseramseln singen dazu.
 
Das Flusstal verengt sich unterhalb von Entlebuch, der Weg führt über 62 Treppenstufen hinauf – um so schöner wird die Sicht auf den Nagelfluh-Prallhang des mäandrierenden Flusses, wobei allerdings Bäume die Sicht stark beeinträchtigen.
 
Versandhandel
Und unversehens taucht quer zum Tal die blau schimmernde Fassade des kathedralenartigen Ackermanngebäudes auf, das nun zu einem Park für Arbeiten und Wohnen (www.aentlebuch.ch) umfunktioniert worden ist. Noch 1997 wurde ein vollelektronisch gesteuertes Warenlager mit 30 m tiefen Lagerschluchten und einem Volumen von 250 000 Kubikmetern eingerichtet. Doch die Geschäfte liefen schlecht. Der Verkauf auf Kredit erhielt Konkurrenz durch Kreditkarten, und im Versandhandel stellte sich ein gnadenloser Wettbewerb ein: Mit KarstadtQuelle, Otto, Printemps, Klingel und dem britischen Great Universal Store (GUS) nisteten sich alle 5 weltweit grössten Versandhändler in der Schweiz ein.
 
Das 1842 gegründete Ackermann-Unternehmen (einst „Hudle-Acherma“ genannt; Hudle sind Billigkleider) und Veillon haben den Standort Entlebuch bis 2007 auslaufen lassen; der Versandhandel wird seither von anderen Unternehmen weitergeführt. Die Versandkataloge mit den adretten Models ohne Randgruppen-Extravaganz erscheinen weiterhin, auf dass man die Kleider weiterhin in Ruhe daheim anprobieren kann. Veillon hatte die Aufgabe des eigenen Versandhandels schon 2004 beschlossen, um den Standort Entlebuch zu stärken, eine Rechnung, die nicht aufging. 2007 wurde die Ackermann Versandhaus AG mit seinem Kundenstamm an den damaligen deutschen Karstadt-Quelle-Konzern verkauft, der heute Arcandor heisst. Aber diesem Konzern mit Sitz in Essen D, der 56 000 Personen beschäftigt, geht es im Moment auch nicht eben gut – ein Insolvenzverfahren wegen drohender Zahlungsunfähigkeit ist eröffnet. Anders als bei der Autoindustrie war die deutsche Regierung nicht zu einer Rettungsbeihilfe bereit.
 
So sind die Globalisierungsfolgen also auch in Entlebuch im Entlebuch zu verspüren. An der Fassade des architektonisch gelungenen Industriebaus sind dementsprechend Tafeln wie „Swiss Shop“, „WorldShop“, „Schweizer Versandzentrum AG“, „Mode Discount, „sound media“ usf. angebracht.
 
Das Versandhaus befindet sich unmittelbar beim Bahnhof, von wo wir um 16.04 Uhr mit einem der stündlich verkehrenden Züge innert 10 Minuten nach Wolhusen zurückfuhren. Die Landschaft, die wir durchwandert hatten, flitzte vorbei, unterbrochen durch Tunnels. Was hatten wir auf dieser kurzen Strecke nur so lange gemacht?
 
Dieses Blog gab Auskunft darüber. Es kam schon viel zusammen, wenn man genauer hinschaut.
 
Hinweis auf weitere Blogs über das Entlebuch und Umgebung
20.08.2006: Hasle im Entlebuch: Natur und Kunst im Biosphärenreservat
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