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BLOG vom 23.06.2009


Turckheim F: Konservierte Geschichte zwischen den 3 Toren
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Wir konnten uns bei unserer Elsass-Exkursion nur schwer von Colmar lösen, und so reichte die Zeit nicht mehr für einen Besuch auf der Hohkönigsburg bei Orschwiller in den Vogesen. Auf den Vorschlag meiner Tochter Anita entschlossen wir uns spontan, den Besuchstag in Turckheim (Türkheim) ausklingen zu lassen – und das war eine gute Idee.
 
Dieses alte Städtchen „voller Geschichten und Geschichte“ (so der Ortsprospekt) liegt etwa 7 km westlich von Colmar in den Vogesenausläufern im Fechttal, dem man häufiger Münstertal sagt. Turckheim ist mit seinen rund 3500 Einwohnern fast ein Vorort von Colmar, aber doch ein eigenständiges Dorf. Die Weinberge klettern im Rücken des Dorfs weit die nach Südost ausgerichteten Hänge von Les Trois-Epis („Drei Ähren“) hinauf, und sie gehören zu den besten Lagen im Elsass. Der bekannteste Wein ist der Weisswein „Brand“. Früher sollen oft Schweizer hierhin gefahren sein, um sich mit Wein einzudecken.
 
Der Name des Orts hat keinen Bezug zu den Türken, sondern geht wahrscheinlich auf germanische Einwanderer aus Thüringen zurück, die bereits im 8. Jahrhundert „Thorencohaime“ gründeten. Der Ort blühte schnell auf und schloss sich 1354 dem elsässischen Zehnstädtebund an. Das Traditionsbewusstsein des Orts äussert sich unter anderem darin, dass zwischen dem 1. Mai und dem 31. Oktober jeden Abend um 22 Uhr ein Nachtwächter mit Hellebarde, Laterne und Signalhorn seine Runde dreht und den Einwohnern sozusagen ein Gutenachtliedchen singt: „Schlaft ruhig, gute Leute!“ Und er ist zudem ein Mahner: „Han Sori (Sorge) zu Fier und Liacht ...“
 
Etwas Geschichte
Der Ort wurde im frühen Mittelalter Thuringheim genannt; er gehörte zum Teil zur Abtei Münster und zum Teil zur Herrschaft Hohlandsberg. 1354 erhielt er Markt- und Stadtrechte. Aus dieser Zeit stammt die befestigte Ringmauer, von der noch einige Reste erhalten sind, mit ihren 3 Tortürmen: La Porte du Brand (nach dem Grand-Cru-Wein benannt), wo der Lalli, eine Fratze, die Feinde abschreckt, die Porte du Munster und die Porte de France, welche den Weg zur Ebene öffnet. Der Westfälische Friede sprach Turckheim mit den übrigen Angehörigen der Dekapolis (des Zehnstädtebunds) und den habsburgischen Besitzungen Frankreich zu. 1675 besiegte Henri de la Tour d’Auvergne, Vicomte de Turenne (1611‒1675), einer der grossen Feldherren Frankreichs, mit seinen Kämpfern vor der Stadt das kaiserliche Heer und jenes des Grossen Kurfürsten, die das Elsass darauf endgültig räumten. Es kam zu Frankreich. Kaiserliche Feldherren wie der Herzog Karl von Lothringen und der Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg hatten die strategische Bedeutung des Städtchens und der dort lagernden Truppen unterschätzt. Mit anderen Worten: Hier hat sich ein entscheidendes Kapitel elsässischer Geschichte abgespielt. Bei einer Aufklärung jenseits des Rheins, wo er gegen die Kaiserlichen unter Raimondo Graf Montecuccoli (1609‒1680) antreten wollte, wurde Turenne noch im gleichen Jahr 1675 von einer Kanonenkugel tödlich getroffen.
 
Rundgang
Das mit Fassadenpflanzen und kleinen Reklametafeln geschmückte Städtchen, das wir vom Bahnhofgebiet aus über eine leicht nach oben gebogene Holzbrücke über die Fecht, die vom Münstertal herabfliesst, erreichten, ist an der Vordergass (Grand’ rue) und an der Hintergass (Rue des Vignerons) mit vielen reizvollen, bunten Fachwerkhäusern mit Erkern und geschnitzten Pfosten ausstaffiert. Die Strassen werden durch die erwähnten Tortürme optisch abgeriegelt. Es ist ein Musterbeispiel für eine Kleinstadt aus dem 17. Jahrhundert. Den ehemaligen Marktplatz (Place Turenne), wo vor allem mit Wein gehandelt wurde, umrunden ein Eckhaus auf einem Mittelposten (1567) und die ehemalige Bürgerstube (Ancienne Corps de Garde, 1580). Davor steht ein Brunnen mit einer Marienfigur auf der Mittelsäule. Imposant ist das Rathaus (Hôtel de ville) von 1595 mit geschweiften Giebeln; es gibt noch weitere Gebäude im Renaissancestil. Dahinter befindet sich der Kirchturm aus dem 12. Jahrhundert. Die Kirche selber wurde abgebrochen und im 19. Jahrhundert neu gebaut. Schräg gegenüber steht das Gasthaus zu den Zwei Schlüsseln (Hôtel des Deux Clefs) von 1630, ein besonders malerischer Bau.
 
Wir deckten uns in verschiedenen altväterischen Geschäften mit Früchten wie Aprikosen, Sauerkraut-Konserven, Würsten wie eine Bierwurst ein und verabschiedeten uns mit einem offenen Mützig-Bier in der Brasserie „Le Stammtish“ an der Place Turenne, verliessen das Mittelalter durchs Frankreich-Tor und fanden uns bald in der Neuzeit wieder, in die wir angenehme Erinnerungen hinüber retteten.
 
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