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BLOG vom 06.07.2009


Juragipfel Röti: Nicht nur für Landesvermesser beachtenswert
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Wenn nachstehend von der „Röti“ die Rede ist, geht es nicht um die rote Haut, eine Art Entzündung durch intensive Sonnenbestrahlung, sondern damit ist der höchste Punkt im Weissenstein-Zug der 1. Jurakette im Kanton Solothurn CH gemeint. Am Rande eines riesigen Kalkgewölbes, das ein wenig vom Creux du Van im Neuenburger Jura inspiriert zu sein scheint, befindet sich der Aussichtspunkt für Leute, die nicht nur einen Überblick, sondern sogar einen Rundblick gewinnen wollen. Zu diesen gehören die Kartografen, die hier oben, auf 1395,2 m ü. M., einen Triangulationspunkt als Basis für die Landesvermessung eingerichtet haben. Ihr Steckenpferd ist es, die ganze Erde in Dreiecke aufzuteilen, die gewissermassen an geodätischen Festpunkten (an Fixpunkten = stabilen Vermessungspunkten) verankert sind. Bergkuppen eignen sich besonders gut dazu. Und wo man eine Metallpyramide über solch einem Triangulationspunkt sieht, kann man sicher sein, dass die Aussicht dort gut ist. Selbst Telekommunikationsmasten wissen das zu schätzen (auf dem nahen Weissenstein steht einer).
 
Die Röti zwischen dem Weissensteinpass und dem Balmberg wurde schon 1795 durch Oberst Johann Baptist von Altermatt aus Solothurn als Fixpunkt für seine Solothurner Karte markiert. Infolgedessen ist hier oben Geomatik-Geschichte geschrieben worden. Das schweizerische Bundesamt für Landestopographie in Wabern-Bern hielt bis heute an dem Fixpunkt fest. 1912 wurde er mit einem Betonpfeiler und einer Metallpyramide deutlich sichtbar gemacht; 1987 und 2002 gab es Neugestaltungen. Jetzt trifft man unter der Pyramide eine teils behauene, teils geschliffene Kalksteinsäule von schätzungsweise 1 m Höhe an. Im blank polierten Steinband im oberen Teil hat die Steinhauerei Bargetzi in Solothurn „Ausgangspunkt der Vermessung des Kantons Solothurn“ eingraviert. Auf der abgeflachten, oberen Seite zeigt ein Stern die 4 Himmelsrichtungen an; der Fixpunkt ist mit der Sternmitte identisch. Am Fuss des Rundsteins durfte der Bergwanderweg-Wegweiser mit einem roten Dreieck auf weissem Untergrund hingemalt werden.
 
Aber noch viel schöner und noch eindrücklicher als die Gestaltung des Triangulationspunkts 1. Ordnung ist der Augenschmaus von der Röti aus. Wie aus einem Flugzeug sieht man direkt auf den Balmberg hinunter. Dahinter präsentiert sich gegen Osten der weitere Verlauf der Juraketten mit dem felsigen Chamben, dem Rüttelhorn und dem Rosschopf. Nördlich und etwa 700 Meter tiefer unten ist das Tal der Dünnern mit Welschenrohr, Herbetswil, Matzendorf (Richtung Balsthal). Ein grosses Holzkreuz mit der Jahreszahl 1945 gedenkt des Endes des 2. Weltkriegs und schaut ins weite Mittelland und zu den Alpen. Im „Olympischen Frühling" hat Carl Spitteler die Röti zum „Sitz der Götter" erhoben; der Solothurner Dichter Josef Reinhart nannte sie „Herrgottskanzel". 
 
Ich hatte mich am 29.06.2006 vom Kurhaus Weissenstein (1284 m) aus hierher bewegt, ohne Sesseli unter der Sitzfläche. Beim Kurhaus, wo als Hauptereignis des Planetenwegs die Sonne als grosse gelbe Kugel auf eine Stange aufgepfropft ist, wählt man gleich den ansteigenden Wanderweg in Richtung Nordosten. Laut dem Wanderwegweiser ist die Röti in 30 Minuten zu erreichen. Die Temperatur unter bedecktem Himmel mit zeitweilig aufziehenden dunkelgrauen Gewitterwolken lag um 20 °C und war damit wesentlich geringer als auf der Sonne, wie ich gerade am Sonnen-Sockel gelesen hatte: „Die Sonne ist ein gewaltiger gasförmiger Feuerball mit 1 392 000 km Durchmesser. Sie ist 735-mal schwerer als alle ihre Satelliten zusammen. Temperatur an der Oberfläche: 5500 °C, im Innern über 15 Mio. °C. Sonnenflecken sind weniger heisse Stellen an der Oberfläche.“ Somit möchte ich auf der Sonne niemals wandern, nicht einmal auf ihren Flecken, zumal mir schon ab 30 °C die Hitze etwas zu schaffen macht. Ich bin ein guter Schweizer, aber kein guter Schwitzer.
 
Der Bergwanderweg verläuft durch Weiden mit der voralpinen Magerwiesenflora. An einigen saftigen Kuhfladen taten sich die Schmeissfliegen gütlich, schwirrten aber jeweils im Schwarm weg, als ich mich diesen Delikatessen näherte, eine freundliche Geste, die ich damit belohnte, dass ich ihren Festschmaus unangetastet liess. Eine Kuh hatte ihren Fladen unmittelbar bei einem blühenden Gelben Enzian abgeladen und diesen regelrecht eingefasst. Das war ihm des Düngers doch zu viel. Der Enzian verlor seine innere Stabilität, kippte um und lag wie ein Häufchen verdorrendes Elend auf dem Mist. Ein tragisches Schicksal. Die mutmassliche Täterin befand sich unerkannt in einer Rindviehherde, die am Waldrand eine Mittagspause einlegte und mir ihre Hinterteile zuwandte, mir nicht in die Augen zu schauen wagte, von Schuldgefühlen geplagt.
 
Auffallend sind die vom Wind gezeichneten Buchen, die hier oben büschelweise und mit krummen, knorrigen Stämmen gleichwohl zu hohen Bäumen heranwachsen und ganze Wälder bilden. Ich liess mich am Rand davon auf eine Holzbank nieder und verzehrte ein Brötchen (Bürli) und eine Cervelat aus der Dorfmetzg Buchs AG: das knackige Beweisstück, dass es uns Schweizern gelungen ist, genügend Naturdärme zur Produktion dieser Nationalwurst aufzutreiben; eine Zeitlang war deshalb ein nationaler Notstand, schlimmer als die Schweinegrippe, ausgerufen. Diese Haut erwies sich als besonders zäh, was auch mit dem hitzebedingten Erschlaffen des Wurstbräts im Inneren zu tun gehabt haben könnte. Inzwischen war die Sonne durch die Wolken über den Jura hereingebrochen. Die Auswirkungen auf die Temperatur kann man sich mit Hilfe der oben angeführten astronomischen Zahlen schwitzend ausrechnen.
 
Auf der Röti, wo ganze Schulklassen ankamen, machte ich die Gipfelrast, verdrehte mir den Hals, nahm mir vor, bald einmal zum 35 Minuten entfernten Balmfluechöpfli zu wandern, entschied mich dann aber zum Abstieg zum Balmberg, wo ich kürzlich den Klettergarten besichtigt hatte.
 
Am regenfeuchten Nordhang, der zum Schofgraben hinunter reicht, führt ein schmaler, steiler Waldweg 350 Höhenmeter in die Tiefe, zuerst vorbei am Fusse fast senkrechter Kalkfelsen und durch einen nicht bewirtschaftbaren Wald mit vielen noch aufrecht dastehenden Baumleichen. Meine eingekerbten Wanderschuhsohlen füllten sich mit der feuchten Erde, und der Abstieg hätte leicht in eine Rutschpartie ausarten können. Gewitzigt durch frühere Erfahrungen passte ich auf, vermisste allerdings meinen Wanderstock. Jedenfalls kam ich nicht in eine liegende Position wie viele der Bäume, die den Halt verloren hatten. Wo der Weg als Treppe ausgestaltet ist, ging es besser. Und weiter unten baut sich das Gefälle ab – das Wandern über die lehmig-lateritartigen Böden wird wieder richtig angenehm. Die Helmorchis ist hier häufig.
 
Beim Klettergarten Balmberg trank ich eine Bierkonserve und wanderte dann auf dem Mergel-Waldweg unterhalb der Röti durch den Schofgraben in 1 Stunde zum Kurhaus Weissenstein zurück. Der Weg im Schofgraben führt zuerst durch eine Alpweide ebenerdig, dann gleichmässig ansteigend durch den Wald, der sich über dem Birmenstorferkalk gebildet hat, etwa 230 Höhenmeter empor. Der Graben quert spitzwinklig die Wildegg-Formation, den Oxfordton und das Callovien und gehört zum „Geologischen Wanderweg“.
 
Der Jura gewährt am bergseitigen, teilweise rutschgefährdeten Berghang Einblick in seine Geologie. Steil abfallende Kalksteinplatten sind zerklüftet, verkarstet, locker, mit Moos bewachsen. Dieser Birmenstorferkalk, der auch Seesterne (Pentasteria longispinum) eingeschlossen hat, ist etwa 160 Mio. Jahre alt.
 
Nach dem Aufstieg im Schofgraben verlässt man nach knapp 1 Stunde den Wald und erreicht den Hinterweissenstein. Der Wanderweg führt am Rütschgrabeneinschnitt vorbei, wo etwa 30 grössere und 90 kleine Dolinen (Verwitterungstrichter) im Effingermergel liegen. Wie die Tafel 29 des Geologischen Wanderwegs lehrt, sind diese so entstanden: „Kohlensäurehaltiges Wasser löste den Kalkstein auf. Im Laufe der Zeit sind die Kalkbänke im Mergel durch Wasser, das auf Klüften zirkulierte, zu unterirdischen Höhlen erweitert worden. Die weichen Mergel und Tone stürzten ein."
 
In der Nähe kam ich dann noch am Planetenweg-Mars vorbei, der erdähnlich und etwas rostig sein soll, was ihm den Namen Roter Planet eingetragen hat. Ich trat dann zu meiner wahrscheinlich letzten Nostalgiefahrt mit der Seilbahn Weissenstein–Oberdorf an, auf deren Masten, genau wie auf dem Mars, sich ebenfalls Eisenoxid angesammelt hat. Nur wird der Mars dieses Bähnchen zweifellos überleben.
 
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