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BLOG vom 08.07.2009


EcoChange: Wie ich zum EU-Forschungsobjekt geworden bin
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Zugegeben, die Sauregurkenzeit ist jetzt, im Anschluss an die vielen Jugendfeste und den Ferienbeginn, mit Wucht über alle Medienschaffenden hereingebrochen. Es ist die Zeit, in der nichts läuft – mit Ausnahme des Reifens der Gurken, die entweder frisch (als Salat) oder gekocht auf den Teller kommen oder in Essig eingelegt (konserviert) werden müssen, wenn es einem nicht gelingt, sie zu verschenken.
 
Im Medienjargon ist dann Sauregurkenzeit, wenn man sich die Meldungen aus den Fingern saugen oder sie gar erfinden muss. Selbst Belanglosigkeiten werden in derartigen Notlagen zu Knallern, zu Hypes, aufgeblasen. Zum Beispiel die EU-Gurkenkrümmung, wobei diese als Symbol für die Normierung aller Landprodukte wie Kirschen, Bananen, Melonen, Lauch, Erdbeeren usf. steht, vor allem als Zeichen für die Überregulierung, aus der die Totalvergewaltigung der Natur resultiert; nur das Klonen kann solch perfekte Resultate schaffen. Das Messbare wird als Qualitätsmerkmal (zur Aufteilung in Qualitätsklassen) missverstanden, was natürlich ein Blödsinn ist, aber immerhin den Abpackern zustatten kommt. Schachteln, Paletten und Container sind genormt.
 
Der langen Einleitung krummer Sinn: Ich wollte durch die Klärung der Saure- bzw. die Krumme-Gurken-Situation aufzeigen, dass es solches zwar wohl gibt, und vor diesem Hintergrund gleich jede Vermutung entkräften, dass mein persönlicher Aufstieg zu einem bedeutenden EU-Forschungsobjekt dieser Kategorie des Hochgespielten und Erfundenen zugeordnet wird. Nein, was jetzt folgt, ist die Wahrheit, nichts als die volle Wahrheit.
 
Wie wird das Land 2050 genutzt?
So habe ich in meinem Leibblatt „Mittelland-Zeitung“ (MZ bzw. „Aargauer Zeitung“ AZ, ehemals „Aargauer Tagblatt“ AT) vom 17.07.2009 einen halbseitigen Bericht mit dem Titel „Forschungsprojekt: Die Schweiz und ihre Landschaft im Jahr 2050“ gelesen. Weil ich in jenem Jahr meinen 113. Geburtstag festlich begehen werde, interessierte mich der Bericht sehr. Im Untertitel war Näheres zu erfahren: „Klimawandel, Artenverlust und Wirtschaft beeinflussen das Gesicht einer Region. Ein EU-Forschungsprojekt will wissen, wie die Landnutzung im Jahr 2050 aussehen wird."
 
Das riss mich noch nicht vom Hocker, wohl aber die beigefügte Karte mit der Ansammlung von 13 Gemeinden, deren Umrisse die Form eines nach rechts watschelnden Teddybären ergeben. Über der Karte steht geschrieben: REGION AARAU/FRICKTAL ALS MODELL FÜR EUROPA. Und der Clou: Biberstein, wo ich wohne und schreibe, befindet sich unter den 13 Gemeinden (neben Herznach, Densbüren, Thalheim, Küttigen, Rohr, Buchs, Aarau, Suhr, Unterentfelden, Oberentfelden, Kölliken und Muhen). Das bedeutet für mich, dass ich als ausgesprochener EU- und Globalisierungsgegner zum Bestandteil des Modells für das zukünftige Europa mutieren werde.
 
Wie ich beim eingehenden Studium des Berichts von Felix Straumann herausgefunden habe, waren nicht meine Attacken auf die EU und ihr Demokratiedefizit, ihr volksferner Zentralismus und ihre Tendenz, sich der aggressiven USA unterzuordnen, der Auslösefaktor für die Wahl unserer Region. Ines Omann, Ökonomin beim Europe Research Institut (Seri) in Wien (Wiener Dialekt für Europäisches Forschungsinstitut), welche die Forschungen im Aargau mit jenen in Belgien und Rumänien koordiniert, lüftete dem Journalisten gegenüber die Auswahlkriterien: „Wir suchten in Europa eine Region mit gemischter Landwirtschaft und grosser landschaftlicher Vielfalt auf kleinem Raum.“ Die Schweiz bilde dabei einen Gegenpol zur Region in Belgien mit sehr intensiver, industrialisierter Landwirtschaft und derjenigen in Rumänien, wo die Bauern ihre Felder noch mit Ochsen bewirtschaften und grosse Veränderungen anstehen. Eines sei für Omann klar, las man: „Der Aargau ist sicher nicht eine Katastrophenregion.“
 
Was wir alles haben und sind
Damit sprach Frau Omann uns Aargauern aus dem Herzen. Wir sind wirklich keine Katastrophe. Und bei aller angeborenen Skepsis muss ich feststellen, dass das ausgewählte Untersuchungsgebiet tatsächlich exzellent gewählt ist: Es umfasst landwirtschaftlich genutzte, verstrasste, zersiedelte, industrialisierte Flusstäler (auch die Kölliker Sondermülldeponie ist noch dabei), in denen es über reichen Grundwasservorkommen auch Aktivitäten zur Wiederzulassung von Naturwerten gibt (Auenschutzpark Rohr/Biberstein). Aarau ist eine typische, bildungsbeflissene Kleinstadt mit gewissen Wachstumsambitionen (Eingemeindung von Rohr). Auf der nördlichen Aareseite sind Küttigen und Biberstein, das nie eine Stadt werden wollte und dank einer gescheiten Gemeindebehörde (Exekutive) seinen Unabhängigkeitsdrang sogar im örtlichen Leitbild verankert hat. Von dort geht es über Weiden und durch Wälder hinauf zur vordersten Jurakette mit der Staffelegg (Passübergang vom Aare- ins Fricktal), zum Homberg und zur Gislifluh und dann hinunter ins Schenkenbergertal, das zwischen 2 Juraketten eingebettet ist. Westlich davon ist das Staffeleggtal, das mit dem Tafeljura im Oberen Fricktal beginnt. In Herznach wurde im letzten Jahrhundert Erz abgebaut – und somit ist auch die Rohstoffseite einbezogen.
 
Wenn ich’s mir recht bedenke, war die Auswahl dieses Gebiets schon eine Meisterleistung, ist es doch eine Mixtur zwischen Natur und zivilisatorischer Kultur mit der ganzen Spannweite von Nützen und Schützen. So viel Treffsicherheit hätte ich der Europäischen Union – und sogar noch ausserhalb ihres Territorialbereichs – nie zugetraut. Das veranlasst mich aber noch lange nicht, ins Lager der Nato-kompatiblen EU-Turbos hinüberzuwechseln. Wegen des EcoChange vollziehe ich keinen EUChange, um es in der angemessenen Sprache und Schreibweise auszudrücken.
 
Die Frage ist gleichwohl, ob uns Menschen, die wir die Untersuchungsregion beleben, so viel Repräsentativität zukommt, dass wir zusammen mit den auserwählten belgischen und rumänischen Regionen als zukunftsweisend gelten können. Wie nicht anders zu erwarten war, sehe ich für meine Wenigkeit hervorragende Voraussetzung dazu: Ich werde die Individualisten, die Unangepassten, bei aller Friedfertigkeit die geistigen Rebellen gegen alles Mainstreamige vertreten, so dass diesbezüglich mit Zuversicht zum Jahr 2050 vorausgeschaut werden kann. Und wie ich die Situation beurteile, werde ich nicht allein auf der weiten Flur der Widerstand Leistenden stehen. Gewiss, wir Aargauer sind nicht nur keine Katastrophen, sondern auch keine ausgesprochenen Widerstandskämpfer, aber doch mit einem gesunden Mass an Kritikfähigkeit und Bockbeinigkeit ausstaffiert. Wir schauen genau hin, wenn man uns etwas andrehen will, was mit unserem Nationalgemüse Rüebli (Karotte) zu tun hat, das die Augen stärkt und einen besseren Durchblick garantiert.
 
Die überholten Szenarien
Um unseren Einfluss zur Gestaltung der blühenden Felder Europas, auf denen nicht nur Kohl wächst, geltend zu machen, müssen wir genau wissen, was die Forscher wollen. Wie man aus wissenschaftlichen Untersuchungen weiss, bestimmt die Untersuchungsanlage das Resultat.
 
Für das „EcoChange“ wird ein Wechsel erwartet, denn seit Barack Obama tschäinscht es allerorten, auch wenn der Change oft einfach darin besteht, dass vom Versprochenen zum Unbewährten zurückgekehrt wird.
 
Die EU-Zukunftsforscher haben sich 3 „Grundszenarien“ ausgedacht, die sie genau untersuchen möchten:
 
• SZENARIO 1: Deregulierung, freier Handel, Wachstum und Globalisierung sind politische Ziele, denen die Regierungen aktiv nachgehen. Die Umweltpolitik legt den Fokus auf die Begrenzung des Schadens und kaum auf Prävention.
 
Die Antwort kann ich der EU geschenkweise und damit für sie kostensparend gleich liefern: Für solch einen Nonsens sind wir nicht zu haben. Umweltmässig möchten wir nicht nur Schaden verhüten, sondern vorhandene Schäden beheben (Auen-Wiederherstellung, Rückbau der Sondermülldeponie Kölliken usw.).
 
• SZENARIO 2: In Europa läuft auf politischer Ebene alles weiter wie bisher. Auf nationaler Ebene gehen die Deregulierung und Privatisierung weiter, ausser in Bildung, Gesundheit und öffentlichem Verkehr. International gibt es freien Handel. Die Umweltpolitik wird als neue technische Herausforderung wahrgenommen.
 
Mein Kommentar: Wir durchleben gerade die Wirtschaftskrise als Produkt der US-gesteuerten Globalisierung, die ohnehin alles dereguliert hat. Doch mit dem Modewort der Deregulierung ist der Abbau staatlicher Steuerung gemeint: Wirtschaftliche Aktivitäten und Marktmechanismen werden zunehmend sich selber überlassen. Das pure Gegenteil ist der Fall: Regulierung. Der Staatskapitalismus verstärkt sich. Der Staat mischt sich zunehmend ein, überwacht zunehmend alles, insbesondere den Finanzverkehr, damit die Leute wie Zitronen bis zum letzten Tropfen ausgepresst werden können, jedenfalls ausserhalb von Steuerparadiesen, die gerade zertrümmert werden. Das Szenario 2 ist bereits überholt und braucht infolgedessen nicht mehr weiter erforscht zu werden.
 
• SZENARIO 3: Förderung der nachhaltigen sozialen Entwicklung durch entsprechende Politik. Ziele sind eine wettbewerbsfähige Wirtschaft, eine gesunde Umwelt, internationale Kooperation und Gleichberechtigung von Mann und Frau. Die Treibhausgaskonzentration in der Luft soll stabilisiert werden.
 
Kommentar aus Biberstein: Das tönt ja nicht schlecht. Aber keiner Politik wird es nach der nachhaltigen Schuldenmacherei im Rahmen der Verzögerung des Abbaus von Überkapazitäten gelingen, sich eine liebreizende Sozialpolitik zu leisten, im Gegenteil. Im steuerlich ohnehin bis aufs Blut geschröpften Deutschland plant die Regierung gerade eine Zwangsabgabe auf Sparguthaben, um die neue Bad Bank zu finanzieren, in welcher der US-Kredit-Schrott abgeladen werden soll. Die Armut wird sich entsprechend vergrössern. Das Volk blecht für US-Schrott, in Zukunft wird dies mehr denn je der Fall sein.
 
Eine wettbewerbsfähige Wirtschaft in einer gesunden Umwelt wollen alle. Dass die Männer die gleichen Rechte haben sollten wie Frauen – und umgekehrt –, bestreitet ausserhalb der katholischen Kirche niemand mehr (das Untersuchungsgebiet ist vorwiegend reformiert). Und die Treibhausgase sollte man abbauen statt stabilisieren. Dieses Szenario 3 ist ein wirrer Mischmasch, der keine Untersuchung lohnt.
 
Etwas verzwickt
Das „EcoChange“-Modell sei „hochkomplex“, heisst es im MZ-Bericht treffend. Frau Omann mutmasst, der Klimawandel werde den grössten Einfluss haben, und laut Anna Hersperger von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), die den Schweizer Teil des Projekts leitet, wird die veränderte Landnutzung gar einflussreicher noch als der Klimawandel sein: „Auf lokaler Ebene sind die Veränderungen der Ökosysteme und Biodiversität häufig wichtiger für die Leute.“ Als Extrembeispiel nannte sie die Abholzung des Regenwalds oder übernutzte Böden, die für die Lokalbevölkerung viel einschneidender seien als der Klimawandel. Bei uns holzen die Biber die Aareufer ab.
 
Dass wir unseren Lebensraum nicht durch Übernutzungen aller Art zerstören sollten, darüber herrscht Konsens. Doch die treibende Kraft für das Zerstörungswerk ist die neoliberale Globalisierung, die den schnellen Gewinn, der dann an die USA abzuführen ist, als Maxime des Denkens und Handelns hat. Hier wäre der entscheidende Ansatzpunkt für eine sofortige Umkehr.
 
Weil es im westlichen Aargau einige kuriose Untersuchungsobjekte gibt, die dazu einige Impulse geben können, sind die Forscher bei uns jederzeit willkommen. Zudem sind grundsätzliche Diskussionen immer zu begrüssen, weit, weit über den Krümmungswinkel saurer Gurken hinaus.
 
Literatur zum Thema
Hess, Walter: Kontrapunkte zur Einheitswelt. Wie man sich vor der Globalisierung retten kann“, Verlag Textatelier.com, CH-5023 Biberstein 2005. ISBN 3-9523015-0-7.
 
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