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BLOG vom 17.07.2009


Henri de Régnier: Le Trèfle rouge. La Femme de Marbre
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Der Sommertag versprach viel Sonnenschein. So schob ich kapriziös meine Pflichten beiseite und setzte mich zum Gartentisch, natürlich mit einem Buch in der Hand. Zur Lektüre hatte ich den Novellenband von Henri de Régnier (französischer Poet, Novellist (1864‒1936) gewählt: „Le Trèfle rouge ou Les Amants singuliers“* (Der rote Klee oder sonderbare Liebschaften).
 
Im Verlauf der Jahre habe ich viele seiner Werke in Paris und Brüssel aufgestöbert und auch gelesen, meistens nummerierte Ausgaben, viele von ihnen anmutig von Barbier, Brunelleschi, Rousseau und Bonfils illustriert, worunter „La Double Maîtresse“, „Le Marriage de Minuit“, „Le Bon Plaisir“, „La Pécheresse“ und „L’Escapade“. Diese Werke, und jenes, das jetzt auf dem Tisch lesebereit vor mir liegt, haben seinen Ruhm begründet.
 
Seine Prosa vergleiche ich musikalisch mit dem „Adagio“, stimmungsvoll die Geschehnisse entrollend. Er konnte die Natur besingen und Bilder vor meinen Augen heraufbeschwören. Ich lasse meine Augen über meinen Garten schweifen, und weil Bleistift und Notizblock bei mir immer zur Hand sind, versuche ich ihm auf Deutsch wenigstens in 2 Sätzen auf meine Art nachzueifern, ehe ich seine 1. Erzählung: „La Femme de Marbre“ (Die Marmorfrau) aufgreife. „Durch die Birken und Büsche meines Gartens zwinkert die Sonne, wie der Morgenwind die Äste und Zweige streift. Die Singvögel wippen dabei mit. Eine Symphonie von Blättern in Grüntönen, bald sattgrün im Halbschatten, bald licht von der Sonne übersprenkelt.“
*
Gelockert und flockig gestimmt sind meine Gefühle für Henri de Régnier – aufnahmefähig entfaltet, wie die ausgebreiteten Flügel, einem bunten Fächer gleich, eines Schmetterlings unweit von mir.
 
Gleich der erste Satz seiner Erzählung: „Je jure qu’en rencontrant Giulietta del Rocco, je ne pensais guère à la voir nue“, (Ich schwöre, wie ich Giulietta del Rocco begegnete, dachte ich kaum, sie nackt zu sehen) bannt erneut meine Leselust. Der Bildhauer (von Henri de Régnier personifiziert) verbrachte als Jüngling viele Tage in Rocco und ging endlich nach 5 Jahren wieder einmal den Weg zum Gehöft hoch, wo Giulietta mit ihrem Vater lebte. Die bildhübsche Giulietta tischte ihm die Wegzehrung auf: einen Napf Milch, Oliven und Trauben.
 
Es steht mir hier nicht an, Régniers Erzählung, selbst nicht gerafft, aufzudecken, etwa wie es kam, dass dieser junge Bildhauer Giulietta nackt in Marmor meisselte und was in der Folge mit der Statue geschah. 2 Vettern hatten sich in Giulietta verliebt. Das konnte nicht gut enden … Der Streit um die Statue entbrannte zwischen den Vettern. Giulietta starb an einem Fieber. Kurze Zeit später wurden die Vettern erdolcht zu Füssen der Marmorfigur aufgefunden. Der Bildhauer zertrümmerte sein Meisterwerk. So endete die erste Erzählung von der Marmorfrau im „Le Trèfle rouge“ – dem roten Klee – in Blut.
*
Der Bildhauer war Henri de Régnier, der die Geschehnisse in der Ich-Form begleitet und aufgezeichnet hat und damit dem Leser Einblick in sein Künstlerdasein gewährt, weitaus besser als das eine Biographie vermöchte. Was erfordert der lange Werdegang zur Kunst? Ich glaube, dass unter den nachgenannten Überschriften einige der Erfordernisse erfasst sind.
 
Lehrjahre und Entsagung
Während 5 Lehrjahren hatte sich der Bildhauer mit Inbrunst seiner Kunst gewidmet. Er, der dem Vergnügen so aufgeschlossen war, seinem Hang zur Faulheit nachgab, den Gaumenfreuden zugetan war, darbte während diesen Jahren. Er lebte von Brot und einem hastig getrunkenen Glas Wein, setzte sich dabei an keinen Esstisch. Innert 5 Jahren war er vom Lehrling zum Meister geworden.
 
Die Suche nach Selbstbestätigung
Hier spricht der Meister: „Ich empfand und gebe es zu, grosse Freude an meiner Meisterschaft gewonnen zu haben, aber zugleich auch grosse Bangnis, mich als Meister würdig zu erweisen, denn die grösste Pflicht des Menschen ist es, nicht bloss das zu leisten, was ihnen von aussen auferlegt wird, sondern vielmehr den sich selbst auferlegten Anforderungen zu genügen. 
 
Von dieser Unruhe getrieben, entfloh ich der engen Behausung, durchstreifte die Stadt, floh aufs Land, bald in die Berge, bald nach Motterone (wo Rocco liegt). Ich erklomm Steinhänge und setzte mich auf einen Felsblock beim Flussufer; ich lauschte wie der gelblich-schlammige Fluss die feuchten Zweige leckte. Die Stille der Steine und das Murmeln des Wassers unterhielten meine einsame Meditation.“
 
Die Inspiration aus dem Quellboden der Beobachtung
Wie zu erwarten war, erreichte er den Rebhang von Bernardo (Vater der Giulietta), wie er der jungen Tochter begegnete. „An einem Arm trug sie den Korb, mit dem anderen sammelte sie Trauben vom knorrigen Rebstock. Sie schien mir schlank und zugleich kräftig. Die Schönheit ihres Körpers liess sich durch ihre Robe erahnen.
 
Seit meiner Kindheit beobachtete ich aufmerksam die Formen der Lebewesen; betrachtete stundenlang die Figuren, die sich aus den Wolken formten; das Geäder der Steine; die Knoten der Rinde. … Wie ich das Leben betrachtete, lebte ich. (‚Ce fut ainsi qu’à voir vivre je vécus‘.)“
 
Vom Handwerk, Durchhaltewille und Wahl des Themas
„Alles musste ich erlernen. Ich lernte. 20 Mal erreichte ich den Punkt zum Aufgeben. Ich verkrallte mich. Nach Ablauf der 5 Jahre konnte ich die Farben mischen und den Marmor behauen, genau nach dem Vorbild des Bestehenden. Es blieb mir nur noch, das zu wählen, was ich verewigen wollte. Ich beschloss, dass es ein Frauenkörper sein müsse, in Erinnerung an jene Frau, die mir im Kuss die Augen geöffnet hatte …“
 
Die Belebung
Sei es ein Bild, eine Skulptur, ein Dichtwerk oder die Musik, der Künstler haucht ihnen Leben ein, so wie es Henri de Régnier auch in „Le Trèfle rouge“ meisterhaft gelungen ist.
 
*Henri de Régnier: „Le Trèfle rouge ou Les Amants singuliers“, Paris, La Renaissance du Livre, 1920, illustrations de Robert Bonfils.
 
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