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BLOG vom 19.08.2009


Rondomm: Geheimnisse des Seealpsees auf der Seealp AI
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Statt sein bekanntes Smaragdgrün zur Schau zu stellen, war das üblicherweise saubere Wasser im hinteren (westlichen) Teil des Seealpsees Ende Juli 2009 plötzlich rotbraun verfärbt. Mit diesem auf 1141 Meter über Meer gelegenen Alpsee war zuvor noch nie etwas nicht in Ordnung gewesen. Wurde der maximal 13‒15 Meter tiefe See „mit Farbstoff verdreckt“? Das fragte sich das St. Galler Tagblatt am 31.07.2009. Für mich als Hallwilersee-Wanderer, der jeweils im Frühling die Burgunderblutalgen-Blüte erlebt (das Wasser sieht dann wie Rotwein aus), war der Fall sofort klar: Algen. Es braucht einen bestimmten Nährstoffgehalt und die richtigen tiefen Temperaturen, damit sich die Algenblüte an der Oberfläche zeigt.
 
Nach den Untersuchungen des Seewassers war eine „unbekannte Algenart“ die Urheberin der Seealpsee-Verfärbung. Sicher ist sie mit der Burgunderblutalge (Oscillatoria rubescens), eine Charakterpflanze der kalten Alpenseen, nahe verwandt oder eventuell gar identisch. Sie gehört zur Klasse der Blaualgen (Cyanophyceae), die mit Hilfe ihrer Farbstoffe assimilieren, weshalb sie zu den Pflanzen gerechnet werden. Es handelt sich dabei um eine grosse Gruppe, die in etwa 160 Gattungen über 200 Arten umfasst. Diese Algen leben zum Teil im Süsswasser und im Brackwasser, aber auch im Meer. Früher sprach man von Blutseen. Einer davon ist der Murtensee; die Sage führt das „Blut“ allerdings auf die von den Eidgenossen erschlagenen Ritter des Burgunderherzogs Karl der Kühne (1476) zurück. Das Rote Meer hat seinen Namen von der Blaualge Oscillatoria erythraea erhalten.
 
Als wir am 12.08.2009 nach dem Abstieg vom Wildkirchli her den Seealpsee (Appenzell Innerrhoden, AI) umrundeten, waren vom rötlichen Schimmer im Westteil des Seeleins höchstens noch einige letzte Spuren auszumachen – vielleicht war es auch bloss Einbildung. Etwas weisslich bis grauer Schaum lag vor dem moorigen Ufer auf dem klaren Wasser, wo die Algen waren.
 
Rundherum
Wer die Seealp aus allen Perspektiven erleben will, kommt nicht um eine Umrundung des Sees (Länge: 750 m, Breite: 250 m, Fläche: 0,136 km2) herum. „Rondomm“ (rundum) heisst das in der Sprache der Innerrhödler, wofür etwa 20 Minuten nötig sind. Wir taten es im Gegenuhrzeigersinn, zuerst vorbei an verblühenden Arnikapflanzen. Von der Höhe des Restaurants aus blickt man in den Talkessel hinein, der von der gewaltigen Rossmad abgeschlossen wird, ein Bergdreieck, hinter dessen rechter Seite der Säntis (2501,9 m) hervorschaut. Wegen des kaminartigen Sendeturms auf der dichten Gipfelüberbauung sieht er wie eine Fabrik aus. Rechts daneben schliessen sich die Altenalp Türm und der Schäfler an.
 
Wo der Bergweg zur Meglisalp (1 Stunde) abzweigt, war ein Holzwegweiser: „Seealpkäse zu verkaufen.“ Die Käserei ist hinter einem gewaltigen Felsbrocken versteckt. Doch ein für Verkaufszwecke eingerichtetes Häuschen ist gut sichtbar. An der braunen Eternitfassade war zwischen weissen Fenstern mit grünen Läden eine Tafel angebracht: FRISCHE MILCH. Dieses Vergnügen wollten wir uns nicht entgehen lassen, zumal in der Umgebung Kühe mit den naturbelassenen Hörnern weideten. Frau Zürcher schenkte uns ein Glas voll kühler, honigartig duftender Rohmilch ein (1,50 CHF). Ein einziger Genuss! Nachdem die Milch im Allgemeinen zu einem Schrottprodukt degradiert worden ist, war dies für mich ein Fest. Wir nahmen gleich auch noch „Seealpchäs“ aus Rohmlich mit (20 CHF/kg), der gut für Chäsmaggerone sei, wie Frau Zürcher sagte. Tatsächlich: Dieser Käse ist ausserordentlich würzig, nach Appenzeller Jargon „räss“ (betont würzig).
 
Dem See entlang führt der Weg zwischen Felsbrocken und Tannen unter den Marwees-Felsen zurück; die Nadelbäume gehen mit Felsbrocken auf der Weide gern eine innige Verbindung ein. Einige beherzte Mütter und Kinder badeten im kühlen Wasser.
 
Auf der Alp
Der Wanderweg lässt die Restaurants links liegen und führt hinauf in die alpine Landschaft Chli- und Grosshütten, die reich bestossen ist, das heisst es ist viel Vieh dort: behornte Kühe und Geissen („Gässen“), aus deren Fett die Appenzeller ihre Gäss-Schmalz-Salbe gegen Gelenkschmerzen, Rheuma und Arthrose usw. herstellen. Einige hügelige Weideflächen waren mit Jauche überzogen. Glockengeläut übermalte das Bild akustisch, und eine ganze Ziegenherde begleitete uns, bis sie von einem Hirten zurückgerufen wurde.
 
Das Hüttentobel hinunter
Bald nach Chlihütten (1180 m) erreicht man einen felsigen, verträumten Bergurwald unter der Felsbarriere Reslen/Frosler, auf der die Alp Sigel thront, und der Abstieg durchs Hüttentobel beginnt. Wir brauchten mehr als die auf dem Wanderwegweiser angegebenen 30 Minuten. Der Weg war steil, stellenweise glitschig. Vielleicht lag es daran, dass wir an diesem Tag schon einen Felswegabstieg (Ebenalp-Seealp) bewältigt hatten, dass uns dieser Abgang durch das romantisch-wilde Tobel unendlich schien. Wir begegneten vielen Deutschen, welche die Schönheit der Landschaft keuchend lobten, und wir drückten unsere Bewunderung fürs deutsche Bier aus, wobei ich lernte, dass 1 Mass 1 Liter entspricht.
 
Nichts von Bier. Das schäumende Wasser hat sich hier manchmal V-förmig eingefressen. Baumstämme liegen kreuz und quer über der Schlucht, und das wie Milch aussehende Wasser schoss in die Tiefe. Dann öffnet sich der Blick nach Wasserauen mit dem Bahnhof, der Seilbahnstation, den Parkplätzen, einem Kieswerk mit eigenen Weihern, den Weiden. Auf trocknendem Gras landete gerade ein Deltasegler mit 2 Passagieren. Die verstreuten Hämetli (bäuerliche Anwesen) verhelfen der Landschaft zu ihrem typisch appenzellischen Gepräge. Eine ruhige Abgeklärtheit in einer lieblichen Fülle.
 
Appenzeller Spezialitäten
Zur Landschaftserkundung gehört für uns jeweils auch die Erkundung kulinarischer Spezialitäten. Auf der Rückfahrt nach Appenzell sahen wir in der Steinegg eine Tafel „Heisser Fleischkäse“, traten auf die Bremse und hatten Glück. In der Metzgerei Fässler bediente uns der junge, urchige Inhaber Franz Fässler persönlich. Wir kauften Schwartenmagen, den restlichen Fleischkäse („zum Aahaupriis“ = reduzierter Anschnittpreis), Siedwürste, besonders lange Appenzeller Schüblige (Schüblinge) und Cervelats und erfreuten uns noch tagelang an der exzellenten Qualität dieser Erzeugnisse. Der Metzger, der die Tiere aus der Region bezieht, gab uns einen Sack zerstampftes Eis mit auf den Weg, damit wir seine Delikatessen unbeschadet heimbringen konnten.
 
Ganz in der Nähe ist die Bäckerei „Schäfli“, wo wir von der strahlenden Frau Inauen liebevoll und unaufdringlich bedient wurden; wir beschafften uns Brot und einen Appenzeller Biber. Mit Gebäck hatten wir uns schon bei der Hinfahrt im „Hirschen“ in Hundwil AR eingedeckt, so mit einem gut durchgebackenen, höchst aromatischen Nusscake, Cremeschnitten mit knusperigem Blätterteig und Chäsflade; Frau Oertle machte uns einen hervorragenden Kaffee.
 
In Appenzell deckte ich mich im Getränke-Discount Scheidweg von Johann Dörig an der Gontenstrasse 1 mit Appenzeller Alpenbitter und Vollmond-Bier aus der ausserordentlich kreativen Brauerei Locher, Appenzell, ein. Selbstverständlich machten wir auch dem Städtchen Appenzell unsere Aufwartung, uns der architektonischen und malerischen Kultur zuwendend. Hier ist das bauernmalerische Talent zusammen mit kunstvoll geschmiedeten Schildern für Wirtshäuser und Läden in verdichteter Form beisammen. Diese Atmosphäre begeistert mich immer aufs Neue.
 
Damit haben wir dem Appenzellerland als Oase der Stabilität, des Wahren und Echten wieder einmal alle Ehre erwiesen. Wie bei der Bauernmalerei geht es in allen appenzellischen Lebensäusserungen nicht um die Kunst wegen der Kunst, sondern um einen kraftvollen Ausdruck des bäuerlichen Lebensstils. Er hat die oberste Priorität. Und genau deshalb fühlt man sich dort so gut aufgehoben.
 
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