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BLOG vom 23.09.2009


Afghanistan: charmeoffensive Amis, Deutsche und Italiener
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Der US-Krieg gegen Afghanistan ist fast so alt wie dieses 21. Jahrhundert, und er übertrifft bereits das US-Vietnam-Debakel hinsichtlich seiner zeitlichen Dauer. Die vereinigten, hochgerüsteten Westmächte, die dadurch einen gewissen Umsatz in ihre Bombenbestände bringen, blamieren sich in ihrem Kampf gegen die radikalislamischen Taliban in Westasien genau so, wie sich die USA in Südostasien blamiert haben. Ihre gigantische Militärmaschinerie reicht nicht aus, um Völker, die für ihre Rechte, ihre Unabhängigkeit und politische Unversehrtheit unter Einsatz ihres Lebens kämpfen und weder fremde Herren noch fremde Richter dulden, in die Knie zu zwingen. Das stimmt zuversichtlich und müsste auch ein Fingerzeig an die Schweiz sein: Vorerst einmal hat der kalte Wirtschaftskrieg aus den USA unser Land erreicht, und in Zeiten von Wirtschaftskrisen nach US-Hausmacherart weiss man nie, ob Kriege heiss (siehe 2. Weltkrieg) werden. Wir sollten daher unseren Verteidigungsminister Ueli Maurer beim Wiederaufbau unserer Verteidigungsarmee, die von seinen Vorgängern und einer desorientierten Politik geschwächt wurde, unterstützen.
 
Noch einmal: Warum denn eigentlich pumpte Barack Obama, der sich als Friedensengel ausgab, noch mehr Soldaten nach Afghanistan? Warum weitet er den Krieg am Hindukusch so masslos aus? In der Schweizer Zeitung „Zeit-Fragen“ vom 13.07.2009 analysierte Professor Dr. Albert A. Stahel vom Institut für Strategische Studien, Wädenswil ZH, die US-amerikanische Kriegsgeschichte seit der Zeit der Niedermetzelung der Urbevölkerung, der Indianer. Seine Ausführungen sind zwar Allgemeinplätze, die aber einer verblendeten westlichen Bevölkerung nicht genug in Erinnerung gerufen werden können: „Der Antrieb für alle diese Kriege war neben der Gier nach Land und Rohstoffen die Unvereinbarkeit des American Way of Life mit den indianischen Stammesgesellschaften.“ Bis zum heutigen Tage hat sich am offiziellen US-Verhalten überhaupt nichts geändert. Man muss zur erwähnten Gier nach Land und Rohstoffen nur noch die Gier nach Geld ergänzend nennen. Und dazu kommen die Gier nach Macht, nach Weltbeherrschung.
 
Stahel umschrieb das Bestreben zur kulturellen Gleichmachung, der kurzsichtige Wunsch der Amerikaner nach Angleichung der Lebensstile, so: „Dieser Gegensatz ist auch heute eines der wichtigsten Motive für den US-Krieg gegen die paschtunischen Stämme. Entweder lassen sich diese friedlich pazifizieren oder sie werden, wenn sie die ,Vorteile’ der amerikanischen Kultur ablehnen, mit dem Krieg bezwungen. Die Vernichtung des Phantoms al-Kaida ist dabei nur ein Vorwand. Anschliessend könnten ihre Traditionen, ihr Denken und ihr Leben durch Zwang zerstört und sie in den amerikanischen Mainstream eingegliedert werden. Erst bei Abschluss dieses Prozesses, der mit der Vernichtung der paschtunischen Stammeskultur enden würde, werden die USA über eine Exit-Strategie nachdenken wollen.“
 
Deutschlands Abwege
Das darf man Wort für Wort unterschreiben; es trifft den Sachverhalt. Doch gibt es für irgendein Land irgendeinen Grund, die ganz offensichtliche Dekadenz der US-Lebens- und Verhaltensweise zu übernehmen? Alles, was von dort kommt, sind abschreckende, kranke Beispiele, die oft genug jedem Anflug von Ethik diametral zuwider laufen. Dennoch finden die USA problemlos Mitläufer; die Schweiz und Deutschland gehören zu ihnen. Und bei seinem Vasallentum hat Deutschland einen besonders gravierenden Fehler begangen, der an Grundsätzen zerstörend rüttelte: Es liess sich in die US-amerikanische Kriegsmaschinerie einbinden, verabschiedete sich von seinen Grundätzen „Nie wieder Krieg!“ und „Nie wieder ein deutscher Mann unter Waffen“. Das waren deutsche Leitmotive nach 1945, die bald einmal zunehmend und bis zur Unkenntlichkeit verwässert wurden.
 
Deutschland bewaffnete sich wieder – gegen eine reine Verteidigungsarmee wäre nichts einzuwenden. Doch dann unterordnete sich die Bundeswehr der US-beherrschten NATO und musste bereits 1999 an der Kosovo-Intervention mitwirken, wo sie etwa 500 Kampfeinsätze vornahm, ohne Uno-Mandat, was von vielen Kritikern als Verstoss gegen Verfassung und Völkerrecht empfunden wurde. Und wie damals in Vietnam die Welt vor dem Kommunismus gerettet werden sollte, so retten die West-Alliierten nun den Frieden und die Sicherheit am Hindukusch ... Die Westmedien entblöden sich nicht, von einer internationalen Schutztruppe für Afghanistan (Isaf)“ zu schreiben – ähnlich den deutschen „Schutztruppen“, die seinerzeit Namibia unterworfen haben. Geschützt wurden dort nur die eigenen Interessen.
 
Die guten Taliban, die zu Bösen wurden
Wie seinerzeit die Vietnamesen, so leisten auch die Taliban einen erfolgreichen Widerstand gegen die 103 000 ausländischen Soldaten, die Afghanistan zerstören. Es sind übrigens dieselben Taliban, die seinerzeit von den USA gefördert und hofiert wurden, nachdem 1979 die Sowjetunion in Afghanistan einmarschiert war. Die Taliban waren schon damals radikalislamisch; doch das störte merkwürdigerweise niemand. Von den US-Fördermassnahmen profitierte seinerzeit auch ein gewisser Osama Bin Laden. Die anti-iranische Einstellung zahlte sich für die Taliban in US-Dollars aus. „Der Spiegel“ bezeichnete diese Kampftruppe als die reaktionärsten aller islamischen Fundamentalisten, ein Produkt dumpfer Dorftraditionen aus den Schluchten des Hindukusch und von den USA geförderter Geheimdienst-Ränke”.
 
Dann drehte der Wind um 180 Grad. Aus den Guten wurden Böse, wie es in dieser Welt der Willkür und der wechselnden Interessen halt so geht. Weil sich die Gebirgskämpfer mit ihren merkwürdigen radikalislamischen Sitten als starrköpfig erwiesen, sich mit ihrem Leben für die Unabhängigkeit des Landes einsetzen und sogar den Amerikanern (insbesondere der Firma Unocoal Company, die eine Gaspipeline von der pakistanischen Küste zu den Öl- und Gasfeldern Zentralasiens durch Afghanistan bauen will) im Wege stehen, müssen sie niedergerungen werden. Und zwar mit allen Mitteln. Die geostrategische Lage Afghanistans im weitesten Sinn ist zu attraktiv für die Wertegemeinschaft.
 
Wieder gibt es Parallelen zu Vietnam: Man wusste nie so genau, wo die Zivilbevölkerung aufhörte und der Vietcong begann, und man weiss nie so genau, wo die Taliban beginnen und die Zivilbevölkerung aufhört. Denn beide verschmelzen ineinander. Die Gersten in der Suppe gehören auch zur Suppe. Und auch alles vernichtende Bomben können noch weniger zwischen Soldat und Zivilist unterscheiden; eine bessere Differenzierung wäre bestenfalls mit für beide Seiten verlustreichen Bodenkämpfe zu erzielen.
 
Wie Rupert Neudeck („Cap Anamur“) aus eigener Anschauung berichtete, verlassen die deutschen Soldaten in Afghanistan ihre Kasernen kaum noch, weil ihre Sicherheit nicht garantiert werden kann. Dabei brauche Afghanistan jetzt Unterstützung beim Bau von Strassen und Krankenhäusern. Eine neue Schule sei im Kampf gegen die Taliban wirksamer als Soldaten, sagte der vorbildliche deutsche Helfer. Tatsächlich haben sich die Deutschen in den letzten Monaten in ihren Camps verschanzt, weil wegen der bevorstehenden Bundestagswahlen (Ende September 2009) Opfer in den eigenen Reihen vermieden werden müssen.
 
Bomben zerstören flächendeckend. So ist es nicht zu umgehen, dass derjenige, der Kriege mit den modernen Vernichtungswaffen führt, auch Kinder, Frauen und Alte gnadenlos ausradiert. Das fördert die Aversionen gegen die Kriege der „Ungläubigen“ zunehmend.
 
Hinzu kommt noch ein unehrenhafter, von aussen manipulierter Präsident, Hamid Karsai, der seine Wiederwahl angeblich nur durch einen massiven Wahlbetrug erreichte. Diese Feststellung stammt von der Unabhängigen Beschwerdekommission (ECC), die von der UNO unterstützt wird und am 08.09.2009 mitteilte, es lägen „klare und überzeugende Beweise für Betrug“ vor. So sollen bei der Abstimmung am 20.08.2009 bis zu 800 „Phantom-Wahllokale“ eingerichtet worden sein, aus denen tausende Stimmen für Karsai, eine Nato-Marionette, registriert wurden. Irgendwie wundert es einen nicht, dass die Taliban diese Phantomwahl verhindern wollten.
 
Destabilisierende Stabilisierungseinsätze durch Aufbauhelfer
Wenn schmutzige Kriege jahrelang andauern, wird die Bevölkerung selbst in den Krieg führenden Ländern hellhörig, und mag sich die offizielle Desinformationspolitik noch so sehr um Lügen, Beschönigungen, Verdrehungen und das übliche Totschweigen bemühen. Genau dieser Vorgang ist kürzlich dem Ansehen der deutschen Kämpfer zum Verhängnis geworden. Die Deutschen ordneten die Bombardierung von 2 von den Taliban entführten Tanklastwagen bei Kunduz mit 2 satellitengesteuerten Bomben von Typ GBU-38 (227 Kilogramm) an. Den Angriff vom 04.09.2009 führte ein amerikanischer F-15-Kampfjet aus. Dabei kamen angeblich 125 Menschen um, darunter zahlreiche Zivilisten, was im Gegensatz zum versprochenen Verschonen der Zivilbevölkerung steht. Nach Angaben der örtlichen Nichtregierungsorganisation „Afghanistan Rights Monitor“ wurden bei dem Luftangriff mehr als ein Dutzend Taliban und auch 60 bis 70 Zivilisten getötet, was die lange Reihe zuvor getöteter Zivilisten, die nicht einmal mehr gezählt werden, verlängert. Die Nato lehnt es ohnehin strikte ab, Angaben über zivile Opfer zu machen.
 
In dem infernalischen Feuerball im Rahmen der westlichen „Charmeoffensive“ auf der Sandbank im Kunduz-Fluss verbrannten ganze Familien, die zu den auf einer Sandbank gestrandeten Lastwagen geeilt waren, um mindestens den Treibstoff abzuzapfen. Das Bombardement geschah im Rahmen des so genannten „Stabilisierungseinsatzes“ ... durch die „Aufbauhelfer“, wie die Sprachregelung lautet.
 
Nun haben die Deutschen die Quittung: Alle EU-Länder verurteilten den dummen Angriff aus der Luft. Der schwedische Aussenminister Carl Bildt sagte für die EU-Ratspräsidentschaft: „Wir gewinnen diesen Krieg nicht, indem wir töten.“ Die schmerzlichste Reaktion, welche die wieder auferstandene Kriegsnation Deutschland am schwersten treffen muss, stammt aus den USA ... ausgerechnet. Undank ist der Welt Lohn. Der US-General und Nato-Befehlshaber Stanley McChrystal und die „Washington Post“ erhoben schwere Vorwürfe gegen den deutschen Kommandeur des Bundeswehrlagers in Kunduz, Oberst Georg Klein. Innerhalb der „Schutztruppe“ kam es zu schweren Verstimmungen. Führende deutsche Militärs reagierten empört über „offenbar von den USA gezielt gestreute Fehlinformationen in einem laufenden Untersuchungsverfahren“. Nach Ansicht deutscher Soldaten sei der Bericht der Washington Post eine „bodenlose Frechheit“. Tatsächlich zeigten sich die Amerikaner, die ja alle ihre Schandtaten selber vertuschend untersuchen, plötzlich zu einer einigermassen öffentlich gemachten Untersuchung bereit. Die Verstimmung hatte seit Jahren geschwelt, nicht zuletzt wegen der oft von deutscher Seite erhobenen Kritik am unbeholfenen militärischen Vorgehen der USA.
 
Am 17.09.2009 traf es bei einem Selbstmordanschlag in Kabul neben 10 Zivilpersonen 6 italienische Soldaten – insgesamt haben nun bereits 20 Italiener ihr Leben in Afghanistan verloren; am Nato-Krieg beteiligen sich 2800 italienische Gladiatoren. Silvio Berlusconi sagte, ein Rückzug aus Afghanistan wäre für alle das Beste. Doch hängt auch er mit gebundenen Händen im Nato-Bündnis drin. Am Hindukusch gibts kein Kuschen für jene, die sich in diesen Krieg treiben liessen.
 
Kriege, die auf der einen Seite Zerstörung und Tod bringen, sind auf der anderen Seite ein Bombengeschäft. Laut einer Studie des US-Kongresses verkauften die USA 2008 Waffen im Wert von 37,8 Milliarden Dollar (rund 40 Mia. CHF), wie die „New York Times“ berichtete. Das entspricht einem Anteil von 68,4 % am weltweiten Waffenhandel. 2007 hatten die USA lediglich Verträge im Wert von 25,4 Milliarden Dollar abgeschlossen.
 
Die USA werden dafür sorgen, dass die Geschäfte mit Kriegsmaterial weiterblühen. Wer dabei mitmacht, ist mitschuldig.
 
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