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BLOG vom 04.10.2009


Gletscherschlucht Rosenlaui: Faszination des Dämonischen
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Zwischen dem östlichen Ende des Brienzersees und der Grimsel zieht sich das ansteigende Haslital in die Länge. Rund 10 km vor der Einmündung der Aare in den See befindet sich Meiringen, der Hauptort des Bezirks Oberhasli (Kanton Bern). Verschiedene Alpenpässe finden dort ihren Anfang oder ihr Ende, wie man's nimmt: der Sustenpass als Verbindung zum Kanton Uri, der Grimselpass, der ins Wallis führt, und der Brünigpass, der in die Innerschweiz, insbesondere in den Kanton Obwalden, hinüber leitet. Aber man kann von Meiringen (rund 600 m ü. M.) aus auch in Richtung Süden fahren, nach Willigen auf der Schattenseite, wo die Gemeinde Schattenhalb heisst. Von dort führt dann eine gut ausgebaute Einspurstrasse mit Ausweichstellen hinauf zur Rosenlaui (1328 m), in einiger Distanz vorbei an den Reichenbachfällen, die durch die Sherlock-Holmes-Romane berühmt geworden sind und denen ich mich in einem speziellen Blog zuwenden werde.
 
Die teilweise recht steile Strasse, die dem Reichenbach (eigentlich: Rychenbach) entlang führt (dieser hat nichts mit Reichenbach im nahen Kandertal zu tun), war am Tage unserer Exkursion (22.09.2009) mit Kuhfladen reich dekoriert, ein Hinweis darauf, dass die Alpabfahrt bereits eingesetzt hatte, und ein untrügliches Zeichen für den bevorstehenden Winter. Sennen und Vieh ziehen sich ins Tal zurück, wenn die Tage kürzer werden und die Nullgradgrenze herunter kommt.
 
Alpine Landschaft mit Hotel
Wie die vorgelagerte Gschwandtenmaad (1296 m), so tritt auch die Rosenlaui zuerst einmal als ausgedehnte Alp in Erscheinung. Das Kalenderbild, das sich oben öffnet, ist formatfüllend und umwerfend. Direkt in Fahrtrichtung türmt sich das Kleine Wellhorn (2701 m) auf, welches sein Adjektiv nur deshalb erhalten hat, weil gleich dahinter das noch viel wuchtigere Grosse Wellhorn (3191 m) steht, das etwa 2 km weiter zurückversetzt  selbst noch durch das Wetterhorn (3701 m) überragt wird. Links (östlich) der Wellhörner schmilzt der Rosenlauigletscher dahin, den anschliessend die Engelhörner, das Gstellihorn und das Dossenhorn einfassen.
 
Die Vormittagssonne suchte soeben nach einer Einkerbung im gebirgigen Horizont, um zu uns vorzudringen. Wir befanden uns in der Nähe des Nostalgiehotels Rosenlaui – auf den Spuren Johann Wolfgang von Goethes, Lew Nikolajewitsch Tolstois und Friedrich Nietzsches, welch letzterer wochenlang hier oben verweilte, um hier „Luft und Freiheit“ zu atmen. Die Geschichte dieses Hotels begann 1773 mit einem Châletbau, und 1905 kam ein grösserer Bau im Stil der Belle Epoque hinzu. Das Hotel wird heute von der Familie Andreas und Christine Kehrli-Moser zwischen Mai und Oktober betrieben (www.rosenlaui.ch). Die Zimmer haben noch kein fliessendes Wasser, weil man nicht zu sehr in den Originalzustand eingreifen wollte; Duschen und WC sind jeweils auf den einzelnen Etagen vorhanden. Die Zimmerpreise sind bescheiden; im Touristenzimmer kann man in einem Schlafsack für 75 CHF übernachten, wobei Abendessen und Frühstück inbegriffen sind. Das „Postauto Berner Oberland“ fährt bis hierhin.
 
Das Bad vor der Schlucht
Da oben, im Reichenbachtal bei Felsen und Eismassen, ist ein eigentliches Bergsteigerzentrum entstanden, das seinen Ursprung in einer Heilquelle hatte. 1771 entdeckte der Hirte Andreas von Bergen in der Nähe des Schwarzenbachs beim Viehhüten eine Quelle, deren Wasser eigenartig schmeckte. Der Älpler war überzeugt, eine Heilquelle gefunden zu haben. Diese stellte ihre Heilkraft unter Beweis, als ein zur Amputation vorgesehenes Bein von Bergens Frau durch das Wasser angeblich geheilt werden konnte. Als sich die Wunderkunde herumsprach, errichtete der innovative Bergler Bergen ein Badehaus; im Wasser wurde die die antibakteriall wirkende Schwefelverbindung Alaun nachgewiesen. Die Anlagen gingen an den Spendvogt (Verwalter des Armenguts) Johannes Stähli und Benedicht (Benedikt) von Bergen über, die sie ausbauten. 1824 erwarb der Amtsweibel Jakob Byrath von Meiringen das Rosenlauibad. 1901 wurde es an Kaspar Brog verkauft. Die Quelle versiegte um die Wende zum 20. Jahrhundert; das Hotel Rosenlaui aber steht noch heute. Zur rechten Zeit stellte sich nämlich eine neue Attraktion ins Rampenlicht: Brog entdeckte die Gletscherschlucht, die etwa 10 Fussgänger-Minuten weiter oben im Fels verborgen ist, und er erschloss sie, eine grossartige, starke Leistung. In einem Bericht aus jener Zeit heisst es: „Der Eindruck, den wir in dieser Schlucht empfangen, ist ein gewaltiger, tief ergreifender. Viele wissen ihren Gefühlen nicht Worte zu geben, sie haben so etwas noch nie erlebt.“ Ich schliesse mich diesem Ausbruch von Begeisterung vollumfänglich und ohne jeden Abstrich an.
 
Die Schlucht empor
Vor dem Schluchteingang unter dem Rosenlauistock steht ein kleiner Kiosk, wo man die Eintrittskarte (Fr. 7.‒) zu lösen hat. Kosten verursachen jeweils vor allem die Frühlingsputzeten zur Entfernung lockeren Gesteins und Instandstellungen (10 000 bis 15 000 Fr, pro Jahr). In der Schlucht herrscht Einbahn-Fussgängerverkehr; der Rückweg führt aussen an der Schlucht vorbei.
 
Gleich hinter dem Kiosk am Eingang der Schlucht bildet ein Wasserfall den Auftakt zum Rundgang, der pro Sekunde 2 bis 4 m3 Gletschermilch zu einem Schauspiel verwertet. Er ist von Tannen und Felsen umgeben; hier geht der brüchige Schiefer in einen kompakten Alpenkalk über. Dann führt die Wanderung in der kühlen, feuchten Luft über Treppen und durch Tunnels nach oben, vorbei an gewaltigen, schiefrigen Felsplatten, die zum Teil verankert werden mussten.
 
Die vom Gletscherwasser geformte, ja polierte Schlucht mit ihren Strudellöchern, in der das tosende, tobende eiskalte Wasser gewaltig widerhallt, mit ihren den Felsnasen à la De Gaulle und an einen Elefantenkopf gemahnenden Formen umfängt den Besucher, schliesst ihn ein – es gibt kein Entrinnen, auch nicht hinsichtlich Aufmerksamkeit, Wahrnehmung. Da schwingt etwas Gefahrvolles, Dämonisches mit. Gespräche sind nicht möglich, man muss schon schreien, um sich bemerkbar zu machen, wenn man zum Beispiel auf einen fantastischen Felskopf oder ein Strudelloch hinweisen will. Die Wände sind 70 bis 80 m hoch.
 
Der Gletscher
Hat man wieder aus der Schlucht herausgefunden, begegnet man Dutzenden von Steinmännchen, die Touristen aufgeschichtet haben. Eva und ich folgten noch ein Stück weit dem Weg zur Engelhornhütte (1901 m), die in knapp 2 Stunden zu erreichen gewesen wäre. Die vom Gletscher fein geschliffene Landschaft mit ihren Schrunden ist urtümlich, herb – mit Bezug zu ihrem Namen: Rosenlaui (Rosen = Gletscher, Laui = Lawine) bedeutet in die Tiefe gleitendes Eis.
 
Der zwischen den Bergen ganz langsam herabfliessende Gletscher, aus dessen Eiskaskaden Bäche entspringen, war früher eine Bedrohung; denn nichts konnte ihn beim Vorrücken aufhalten. Diese Gefahr ist gebannt. Das Eis gibt immer mehr Fels frei, weicht zurück. Die bläuliche, ausfransende Zunge des Talgletschers, der zu einem Berggletscher wurde, ist weit oben. Er bedeckt noch ein Areal von vielleicht 6 km2.
 
Die Rosenlaui – ein fantastisches Gebiet. Am Ausgang dieser autonomen Republik steht die Tafel „Auf Wiedersehen in Rosenlaui, kleinste Ortschaft der Schweiz“. Auf Gschwandten weideten noch viele Kühe in den saftigen Alpkräutern. Dass wir noch ein paar Kilo Alp- und Raclettekäse mitnahmen, versteht sich von selbst.
 
Eine gertenschlanke, attraktive junge Dame mit grosser modischer Brille, eng anliegendem Shirt und knappen Jeans bediente uns in der Alphütte, wo „Alpkäse zu verkaufen“ stand. Ihr geringes Körpergewicht reichte kaum aus, um das Käsemesser durch die würzige Masse zu treiben. Ob sie die Tochter des bärtigen Älplers sei, fragte ich sie, als der Mann aus dem Speicher nebenan einen Käselaib herbeischaffte. Nein, sie sei nur als Zusenn hier tätig, das heisst als Gehilfin/Handreicherin der Sennen. So zierlich hatte ich mir diesen Berufsstand in dieser rauen Welt nicht vorgestellt.
 
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