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BLOG vom 29.10.2009


Beromünster: Waldkathedrale, Tabak, Züsler und Sträggele
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Kirchen interessieren mich aus architektonischen und kunsthandwerklichen Gründen; Folter- und Schlachtszenen, mit denen man sie verziert hat, sind meine Sache nicht. Und wenn immer ich in meinem langen Leben in einer Kirchenbank sitzend oder gar kniend das Ende des Gottesdiensts oder einer Beerdigungsfeier herbeisehnte, währenddem draussen die Sonne schien, fragte ich mich, warum denn eigentlich solche Veranstaltungen in der muffigen Atmosphäre statt an der frischen Luft im Freien durchgezogen werden. Wahrscheinlich weil sich Orgeln nicht so leicht herumtransportieren lassen. Ich kann nicht einmal verstehen, wieso der Turnunterricht in baubiologisch meist bedenklichen Hallen statt in Gottes freier Natur stattfindet. Und wenn ich solche Überlegungen freimütig von mir zu geben wage, versteht man mich meistens nicht. Ich habe mich mit meinem Schicksal abgefunden.
 
Unter solchen Vorbedingungen wird es für jeden Leser nachvollziehbar, dass der NZZ-Bericht „Die Kathedrale aus Bäumen“ vom 23.10.2009 mein besonderes Interesse gefunden hat. Obschon ich schon häufig in Beromünster LU war (ich lebte 2 Jahre im nahen, etwas talabwärts liegenden Oberwynental, in Reinach AG), hatte ich noch nie davon gehört. Selbst im ausgezeichneten, gründlichen Schweizerischen Kunstführer „Stift und Stiftskirche St. Michael Beromünster“ von André Meyer (2000) steht kein Wort über diesen Wald, der doch immerhin zur „Récréation“ (Erholung, Erbauung) der Chorherren (Weltpriester), die meistens aus den Patrizier-Familien Luzerns kamen, diente und somit ein Teil des Stifts war. Viele höhere Geistliche verbrachten in Beromünster ihren Lebensabend. Die Waldanlage war ein Werk, das den üblichen kirchlich akzeptierten Rahmen natürlich weit sprengte; so viel Natur ist in der Regel nicht toleriert. Die Unbekanntheit dieses Waldes war vielleicht eine gute Voraussetzung für seinen Schutz.
 
In einer solchen Kathedrale würde auch ich mich zweifellos wohlfühlen, dachte ich, und reiste am Samstagnachmittag, 23.10.2009, in den obersten Bereich des Wynentals. Der „Flecken“ (der Ortskern) Beromünster ist von der breiten, leicht ansteigenden Hauptgasse durchzogen und mit weitgehend geschlossenen Hausfassaden beidseits sowie oben und unten umrahmt. Nur gerade einige Strassen haben Breschen in diesen schönen, kleinstädtischen Innenhof geschlagen, ohne dass sie besonders auffallen. Im Westen (erhöht) befinden sich die in jeder Beziehung des Worts herausragende Stiftskirche St. Michael sowie der Stiftsbezirk und im Osten, beim unteren Dorfausgang, die Pfarrkirche St. Stephan.
 
Zum Schlössliwald
Den Weg zur Waldkathedrale, eine einmalige, einzigartige Anlage, findet man am Besten von der Stiftskirche aus, indem man den Wanderwegweisern folgt – gleichzeitig war dies bis Ende Oktober 2009 der Beromünster Radioweg, rot signalisiert. Dabei lernt der Spaziergänger zuerst einmal die beinahe 40 stolzen Stiftshäuser des Stiftsbezirks kennen, so etwa die Propstei als zweiflügeliges, barockes Palais, die farbenfrohe, mit Lisenen und Pilastern gegliederte Kustorei mit dem wuchtigen Mansarddach, das St.-Ursula-Pfrundhaus, den Am-Rhyn-Chorhof und die Chorherrenhäuser, ein Gesamtkunstwerk, das Macht, Reichtum und Kunstsinn dokumentiert. Reichtum und Macht sind zerbröselt. Das Stift hat heute die zum Unterhalt nötigen Mittel nicht mehr; private und öffentliche Hände müssen sie aufbringen.
 
Dann führt der Spazier- und Meditationsweg an einigen weltlichen Einfamilienhäusern vorbei und hinauf zum Schlössliwald auf einem planierten Moränenhügel. In etwa 10 Minuten ist man am Ziel: bei der kleinen Theobald-Kapelle („Leopolds-Chäppeli“), eine Grenzkapelle des pröpstlichen Bussenbezirks von 1580 bzw. 1907 zu Ehren des Herzogs Leopold III. von Habsburg errichtet. Beim Schlössli tritt man in den mit einem Fahrverbot belegten und einer Schranke abgesperrten Wald ein. Ein paar Schritte geht es noch hügelan, und dann breitet sich die Kathedrale aus Bäumen vor dem Besucher aus.
 
In der Frischluft-Kathedrale
Der Waldweg führt durch Reihen von Hagenbuchen (Hainbuchen) und Buchen. In der Form des Grundrisses einer gotischen Kathedrale (wie Notre-Dame in Paris, Genf und Lausanne) mit dem Längsschiff und den 2 Seitenschiffen, die mit Spitzbögen überdacht sind, wurden hier, auf der mühsam planierten und mit Aufschüttungen ergänzten Kuppe, eine 115 Meter lange und 7 bzw. 4 m breite Allee aus 94 wilden Kastanienbäumen (Rosskastanien) gestaltet, in deren Mitte seitlich 2 Plätze (Anklang an die Seitenschiffe) ausgespart sind. In geometrischer Ausrichtung wurden auch 3500 Hagenbuchen und gewöhnliche Buchen gepflanzt. Die lichthungrigen Bäume sind von beiden Seiten leicht zum Weg geneigt, überdachen ihn.
 
Die Anlage entstand 1792 auf Anregung des sattelfesten Propsts Xaver Niklaus Krus, der sich Extravaganzen leisten konnte, durch den Stiftsbaumeister Josef Purtschert. Bis um 1830 wurde die Anlage gärtnerisch gepflegt, und dann wollte der Wald, als er sich selber überlassen wurde, seine eigenen Philosophien verwirklichen, die keineswegs den Gesetzen der Geometrie und der Religionsführer gehorchen. Von den Kastanienbäumen sind noch deren 28 vorhanden, und der Rückgang der Hagenbuchen ist verhältnismässig noch grösser, erreichen diese Bäume doch in der Regel bestenfalls ein Alter von 150 Jahren. Wie auch immer, es ist erstaunlich, dass dieser „heilige Wald“, der so gar nicht in christliche Konzepte passen will, die von religiöser Engstirnigkeit charakterisierten Jahrhunderte überleben konnte.
 
Der rücksichtslose menschliche Umgang mit Bäumen ist heute noch erschreckend. Als ich, die Abschrankung für Fahrzeuge umschreitend, die Waldkathedrale im oberen Teil verliess, fuhren gerade 3 Autos herbei. Eine nervös-agile, offenbar organisationsgewohnte mittelalterliche Frau begann an der Barriere kräftig zu rütteln – in der Hoffnung, die Fahrzeug-Karawane in das seit einem Jahr geschützte Garten- und Parkdenkmal dirigieren zu können. Sie mochte nicht tolerieren, dass ihr etwas im Wege stand. Das Schloss der eisernen Abschrankung hielt diesem Angriff glücklicherweise stand. Gleich nebenan ist eine Schrifttafel vom 16.04.1968, die auf dieser Parzelle Nr. 899 ein Fahr- und Parkverbot stipuliert und selbst dem Rindvieh den Zutritt verbietet.
 
Einige Bäume dieser Schlössliallee sind vom Zahn der Zeit zernagt, wie es sich gehört, da braucht es keine anthropogenen Schädigungen mehr. Sie wirken auf den ersten Blick schütter und sind doch gereifte, ehrenwerte Persönlichkeiten, die gerade durch ihre Unregelmässigkeiten, ihre Verwachsungen ein besonderes Augenmerk auf sich ziehen und imposant wirken.
 
Die Hagenbuche (Carpinus betulus), die den Namen „Buche“ nur wegen der glatten Rinde und der länglich-eiförmigen Blattform hat, aber zur Familie der Birken gezählt wird, ist eine Halbschatten-Holzart, die in der Regel mit Eichen vergesellschaftet ist; Rita Lorenzetti hat sie in ihrem Blog vom 25.10.2009 einfühlsam und kompetent beschrieben. Dieser Baum ordnet sich unter, wird nur 10 bis 20 m hoch und ist alles andere als ein Förstertraum, in dem die Gerade eine bedeutende Rolle spielt. Der Stamm ist vielfach krumm, drehwüchsig und spannrückig. Die Rinde reisst im höheren Alter längsrissig auf, bildet aber keine eigentliche Borke. Erstaunlich ist, dass überhaupt noch einige uralte Hainbuchen-Exemplare vorhanden sind; möglicherweise stammen sie nicht aus der Pflanzzeit vor fast 220 Jahren. Recht gut sind die Buchen (Rotbuchen) zuwege, die mehrere hundert Jahre alt werden können. Ich habe die mythische Stimmung auf mich wirken lassen und wünschte den Bäumen, dass sie hier in Ruhe und Frieden zerfallen dürfen.
 
Diese Naturkathedrale soll in einer ersten Etappe mit 290 000 CHF „saniert“ werden, wobei es mir, an Erfahrungen gereift, kalt den Rücken hinunter läuft, wenn ich dieses Wort nur schon höre. Ich werde von einem heftigen Schaudern befallen. Für solche Restaurationen braucht es viel Einfühlungsvermögen, Zurückhaltung und Sinn für das Bestehende. Als Ziele für den Schlössliwald wurden von den Verantwortlichen des Stifts „die Erhaltung, Neugestaltung und kulturelle Nutzung“ angegeben. Hoffentlich kann von der bestehenden Kathedrale möglichst viel erhalten werden. Man reisst ja auch nicht ganze Kirchen ab, nur weil in der Kanzel der Holzwurm still vor sich her frisst.
 
Der Radioweg
Wie bereits vermerkt, führte der Radioweg an dem Walddenkmal vorbei, vom Bahnhof Beromünster zum Stiftsbezirk bis hinauf zum Sendemast Beromünster, der erfreulicherweise, wie am 19.10.2009 bekannt wurde, unter Denkmalschutz gestellt werden soll. Die Schutzwürdigkeit der Anlage sei aufgrund der kulturhistorischen Bedeutung des Landessenders Beromünster und seiner Stellung in der Technikgeschichte gegeben, teilte die Dienststelle Hochschulbildung, Kultur und Sport des Kantons Luzern mit. Der Turm ist auch ein konstruktives Meisterwerk, macht sich in der weitgehend ausgeräumten Landschaft als Landmark gut.
 
Für das Ausstrahlen von Mittelwellen-Programmen wird er seit Jahresbeginn 2009 nicht mehr gebraucht. So haben Beromünster bzw. Gunzwil gerade eine Ansammlung von Denkmälern, die den bescheidenen Tourismus sicher etwas beflügeln.
 
Die Kombination von Radioweg und Waldkathedrale tat es mir an. Denn aus den 7 roten Kästen mit dem Einschaltknopf und dem Lautstärkeregler, die am Wegesrand stehen, wird von unerklärlichen, sonderbaren Gestalten und Erscheinungen und Zauberkräften erzählt. Man solle sich informieren lassen, heisst es da, und nicht wie ein ahnungsloser Idiot durch die Welt stapfen, auch wenn die Geschichten manchmal ungemütlich sind. Sie gehören zur Landschaft und zu den Menschen, die hier leben, zu ihrer Kultur.
 
Zuerst wird einmal die Gründergeschichte von Münster erzählt, somit also von Adalbert, dem Sohn des Grafen von Lenzburg, der um 720 hier in den Kampf mit einem 3 m hohen Bären verwickelt wurde. Er durchbohrte das Tier mit einem Speer und fiel dann in einen Entspannungsschlaf. Der Bär richtete sich noch ein letztes Mal auf, legte sich auf den am Boden schnarchenden Adelbert und erdrückte ihn. Ein Unfall, wie es so passieren kann. Und Bero liess am Ort des Geschehens eine Kirche bauen, woraus Beromünster entstand. Man erkennt daraus, dass Bären ausserordentlich nützliche Tiere sind.
 
Die Hörstücke werden von Regula Siegfried, Ernst Süss und Rainer Zur Linde meisterhaft gelesen, und als Augenzeugen treten Erna Müller-Kleeb, Hans Lauber und Ludwig Suter auf; sie sprechen den hiesigen Dialekt. Die Stücke sind mit den passenden Geräuschen untermalt, eine packende Sache, ausgezeichnet gemacht.
 
An der 2. Station wird von der „Sträggele“ erzählt, die böse, widerspenstige Kinder abholte und sie nie mehr zurückbrachte – wahrscheinlich ein Dokument früherer Brachial-Erziehungsmethoden.
 
Das 3. Stück ist den „Züslern“ gewidmet. Das sind Verstorbene auf der verzweifelten Suche nach dem Seelenfrieden. Dabei schlagen sie Feuer aus ihrer Brust und sprühen dabei mächtig Funken. So geistert und poltert es allenthalben durch die sagenhafte Sagenlandschaft. Ich steckte mir eine würzige Zigarre („Thansher’s“) an, die ich 1996 in einem Holzkistchen von einer Exkursion durch Sri Lanka aus Thihariya (Kalagedhihena) mitgebracht hatte, ein Beitrag zur Besänftigung böser Geister und um in eigenen Wolken zu schweben.
 
Besenbeiz Tabakschüür
Ich kam auf dem Radioweg nur bis zur Station 4 („Das Toggeli“), da ich wenig oberhalb der Waldkathedrale, im Gebiet „Huoben“ („Huebe“, Gemeinde Gunzwil LU), an einer grossen, überhöhten Scheune die Aufschrift „Besenbeiz Tabakschüür“ vorbei kam. Das Schiebetor neben einem Marktstand mit regionalen Produkten war ein Spalt breit offen. Es zog mich förmlich in diese riesige, in hellem und dunklem Braun gehaltene Tabakkathedrale mit den mehrere Meter langen, schmalen Lüftungsläden mit ihrem angenehm süsslichen Duft hinein. Der gesamte mehrstöckige Himmel – und das ist jetzt keine Legende – war mit grossen, zum Trocknen aufgehängten Tabakblättern bestückt; in der Mitte füllten sie eine Art Paternoster (einen Drehlift) aus. Jakob Galliker-Frank hiess mich herzlich willkommen, ein bestandener Wirt, mit kurzem, angegrautem Haar und Bart und blauen Augen im tabakfarbenen, quergestreiften T-Shirt, der eher dem Bauernstand und dem Formlosen zuzuordnen war – unkompliziert und zupackend. Er baut seit Jahren auf 3 Hektaren Tabak für Zigaretten und Pfeifentabak an, ohne dass der Tabakpreis das rasante Wachstum der Zigarettenverkaufspreise mitgemacht hätte (der Tabak in einem Päckchen Zigaretten hat einen Wert von etwa 30 Rappen). Ich sagte, dann dürfe man hier doch wohl rauchen. Das war schon gar kein Problem, und zudem hat der Kanton Luzern das Rauchverbot in Beizen nicht nachvollzogen, was eine selbstbewusste Haltung offenlegt. Ob Besenbeizen von diesem erfasst würde, entzieht sich meiner Kenntnis.
 
Ich setzte mich neben einigen Schweizerflaggen zu einem nostalgischen Plakat der Cigarren- & Tabakfabrik Hediger Söhne in Reinach AG, auf dem der Zigarrenmacher und selbst ein Kamin schlotete, und bestellte einen Luzerner Kafi mit einem Schnaps von Berner Rosen (Äpfel). Der Kaffee wurde aus einem Thermoskrug ins alte Kaffeeglas mit Stiel stilvoll umgefüllt und soviel von dem Apfelbranntwein parfümiert, dass er noch in einem helleren Braun als die Tabakblätter erschien. Das war ein irdisches Vergnügen, himmlisch! Dann entdeckte ich noch eine Flasche mit Birnenträsch (Trester), und das herrliche Luzerner-Kafi-Prozedere begann von vorn. Ich könnte es mir nie verzeihen, hätte ich dies verpasst.
 
Draussen traten die Abendnebel auf die ausgedehnte Bildfläche. Der geschätzte und geschützte Sendeturm, der von Huoben aus zu sehen war, verschwand von unten her im Gewölk. Ich machte mich auf den Rückweg, tauchte noch einmal in der Waldkathedrale unter, von deren einem Seitenschiff aus die Sicht auf das Wiholz, dem Biotop des Wiholzfraueli im vornehmen Seidengewand, und auf die Kirchtürme von Beromünster freigelegt ist. Dort setzte genau jetzt das Abendläuten ein, was ich erleichtert zur Kenntnis nahm, hatte ich auf dem Radioweg doch gelernt, dass das Betzeitgeläut die einzige erlösende Kraft ist, um die klagenden, Furcht erregenden Gestalten zu erlösen.
 
Diese Glockentöne mögen die Ursache dafür sein, dass ich leider keiner Einzigen von ihnen begegnet bin, so dass ich hier diesbezüglich nur aus 2. Hand berichten konnte. Immerhin entzückten mich die alten Kastanien, Hagenbuchen und Buchen in der Waldkathedrale hinreichend. Sie kommen ohne Glocken aus. Ihr Rauschen und naturgegebene Anziehungskraft genügen.
 
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