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BLOG vom 17.11.2009


Die Sandsteinbrüche in Krauchthal BE: Abbau-Kathedralen
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Der Sandstein, der im Mittelland und in den Alpen vorkommt, hat tatsächlich gute Eigenschaften: Er lässt sich gut bearbeiten, ist gleichzeitig hart und einigermassen beständig. Man verwendet ihn für Steinmetzarbeiten, Mauersteine, Fassadenplatten, Böden und Wegbeläge. Kaum etwas, das einen mehr anspricht als ein ausgetretener Sandsteinboden mit seinen weichen Formen in einem uralten Haus!
 
Diese Gesteinsart, ein Sedimentgestein, entstand durch die Ablagerung von kleinen Sandkörnern von rund 0,2 mm Durchmesser, die von Flüssen mitgebracht wurden, in Flussrinnen und im Molassemeer, weshalb man den Sandstein auch als „obere Meeresmolasse“ bezeichnet. Die Körner wurden durch Kalkzement verklebt. Weil Sandstein vor allem aus Quarzkörnern und Feldspatkristallen besteht, hat er eine angenehme Schwingung; er zieht einen an, hat nichts Abweisendes an sich.
 
Berner Sandstein
Als ich am 07.11.2009 bei meinem Besuch im Lindental im emmentalisch beeinflussten Krauchthaler Dorfzentrum (Blog vom 16.11.2009) den Wegweiser „Sandstein-Lehrpfad“ sah, liess ich mich hinreissen, diesen Rundweg ganz in der Dorfnähe zum Naturschutzgebiet Chrützflue-Brächerflue (oft auch Chrüzflue geschrieben) unter die Wanderschuhe zu nehmen. Die Unterschutzstellung dieses von Sandstein-Formationen gestalteten Gebiets erfolgte am 25.05.1977.
 
Der Pfad beginnt nach der Käserei nördlich des Dorfs und führt um die Chrützflue herum, die sich gut 120 m über den Talgrund hinaus erhebt. Ich wählte den Weg im Gegenuhrzeigersinn. Gleich nach dem Verlassen der Wohnzone wird man in einen Buchenwald geführt. Und schweift man nach wenigen Schritten hangwärts in einen Seitenweg ein, zu dem ein Lehrpfad-Wegweiser zielt, sieht man sich vor einer gewaltigen Kathedrale: Das war die ehemalige Abbaustelle des rund 20 Millionen Jahre alten Berner Sandsteins, wie die exakte Typenbezeichnung lautet.
 
Eine Zeichnung veranschaulicht, wie hier kubische Stücke herausgesägt und dann auf ein weiches Stucknest hinunter geworfen wurden. Die Abbaustelle im Berg, deren wohl 50 m hohe Wände trotz einiger Verwitterungsspuren wie poliert sind, belegt, dass hier mit grösster Sorgfalt gearbeitet wurde – eine Präzisionsarbeit mit einfachen Werkzeugen. Man müsste den Einschnitt nur mit einem Glasdach versehen und würde eine wunderbare Kathedrale erhalten, deren Konstruktion zum Himmel weist.
 
Der weitere Verlauf des Wegs gibt herrliche Ausblicke aufs Dorf Krauchthal und ins Lindental frei, das nach dem Rückzug des Aaregletschers bis 60 m tief mit Gletschersedimenten und Flussgeröll aufgefüllt wurde. Die Talfüllung ist 100 000 bis 10 000 Jahre alt.
 
Bauten mit Sandsteinen
Man umrundet den gewaltigen Sandsteinkopf, der auf dem steil abfallenden Gelände sitzt, auf dem während meines Spaziergangs Rindvieh weidete. Bald kommt man unter einem überhängenden Sandsteinfelsen zu einer Nische, wo ebenfalls kubische Brocken herausgehauen wurden, wie die grossflächigen Schnittstellen belegen.
 
Der Lehrpfad-Spaziergänger wird in die Geschichte der Krauchthaler Sandsteinnutzung eingeführt, die wahrscheinlich mit dem Bau des Karthäuserklosters (1397) begann. Und bei der Grundsteinlegung des Berner Münsters (1421) ist nachweislich Krauchthaler Sandstein verwendet worden. Viele Abbaustellen sind stillgelegt. Der Steinbruch war von 1911 bis 2004 im Besitz der Familie von Dach; seither gehört er zur Carlo Bernasconi AG in Hunzenschwil AG. Der einzige noch aktive Steinbruch in der Gemeinde Krauchthal befindet sich an der Thorbergstrasse, ist aber nicht frei zu besichtigen.
 
Der Lohn für die gefährliche, strenge Arbeit war um 1910 bescheiden: 6 bis 11 Franken pro Tag. 1 Liter Milch kostete 49 Rappen, 1 kg Schwarzbrot 40 Rappen, 1 kg Käse 2,5 Fr., 1 kg Kartoffeln 23 Rp. und 1 kg Wurst 2 Fr. 1 Liter Wein aus Twann gab’s für 49 Rappen. 1 m3 Sandstein galt um 1900 nur 12 Fr., inzwischen werden etwa 1800 Fr. für 1 m3 bossierten (grob bearbeiteten Stein) bezahlt. Es kommen moderne Sägewerkzeuge wie die Kettenschrämmsäge zum Einsatz.
 
Eine Informationstafel mit Fotos zeigt die Bauten in der unmittelbaren Umgebung, für die der einheimische Sandstein eingesetzt wurde: altes Schulhaus Krauchthal (1875), Grubenhaus Krauchthal (1839), Kirche Krauchthal (1794), Glauserhüsi Thorberg (um 1400), Schloss Thorberg (1757), ehemalige Wirtschaft Hub (1844), Mühle Hettiswil (1620), Metzgerei Frei, Hettiswil (1837) und Restaurant Kreuz, Hettiswil (1836).
 
Wie der Sandstein aufgebaut ist
An den Felsen kann dank der Verwitterung auch der Aufbau des Sandsteins studiert werden. Kreuzschichtungen und Sandrippeln sind zu sehen, aber auch Abbauspuren sowie Feinsandlagen und -flasern („Lebern“), die auf Sandablagerungen in ruhigem Wasser hindeuten. Überhaupt treten die Sedimentstrukturen deutlich hervor. Die genannten Kreuzschichtungen entstehen, wenn Sandhügel mit der Strömung wandern. Durch Strömung und Wellen hervorgerufene Rippelmarken und Parallel-Laminationen ihrerseits deuten auf eine hohe Fliessgeschwindigkeit hin.
*
Ich hühnerte noch etwas oben im Hühnergrabenwald umher, genoss die leuchtenden und gelegentlich etwas erlöschenden Herbstfarben, je nach Sonneneinfall, und kehrte mit gelegentlichem Blick zum Bantiger übers Gebiet Bäichle, den Friedhof umrundend, ins Dorf zurück. Im Oberdorfbach schwammen 2 kleine Forellen, woraus man ableiten darf, dass dieses Krauchthal eine saubere Gemeinde ist. „Schöner leben“, heisst das Gemeinde-Leitbild. Das kommt im Sandsteindorf auch den Fischen zugute.
 
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