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BLOG vom 30.11.2009


Unter Fischräubern. Einige müssen die Beute selber initiieren
Autor: Walter Hess, Biberstein AG (Textatelier.com)
 
Zugegeben, das Leben eines Berufsfischers ist hart. Doch ist es demjenigen einer Felche eindeutig vorzuziehen. Die Felchen, insbesondere die Schwebfelchen, die keine Vegetarier sind und sich gern an Planktontieren vergreifen, die sie mit ihren Kiemenreusendornen aus dem Wasser herausfiltrieren können, oder aber – im Falle der grund-orientierten Grossen Boden- oder Sandfelche – auch gern Würmer, Insektenlarven oder Schnecken geniessen, schleppen das Damoklesschwert des Gefressenwerdens mit sich herum. Die im Hallwilersee vor allem vorkommenden Mittel- oder Blaufelchen (Ferá = grosse Schwebefelche) sind eine wichtige Beute für Raubfische wie den Hecht und eben für die Berufs- und Hobbyfischer, weil sie ausgesprochen wohlschmeckend sind (die Felchen).
 
Das entgleiste System See überlisten
Die Fischräuber in Menschengestalt ihrerseits sind für die Seefische das kleinere Übel als die Gewässerverschmutzer. Den Hallwilersee haben letztere im vergangenen Jahrhundert derart zugerichtet, dass die unteren Schichten verschlammt, weitgehend tot sind. Dies ist Folge der Überdüngung aus der Landwirtschaft – oberliegend ist zu allem Elend noch der Baldeggersee im Schweinegürtel der Schweiz (etwa 425 000 der rund 1,5 Millionen Schweizer Schweine leben im Kanton Luzern).
 
Einen See, der in den unteren Etagen verschlammt ist, ertragen die Felchen (Ballen, Balchen, Albeli, Brienzlig, wissenschaftlich: Coregonus) nicht. Die Randbedingungen für ihre Fortpflanzung sind vielmehr grössere, tiefe Seen mit durch und durch sauberem, sauerstoffreichem Wasser bis hinunter in den lebendigen Seegrund. Das bedeutet mit anderen Worten, dass sie im Hallwilersee, dessen Durchfluss ausserordentlich klein ist und der also einem stehenden Gewässer nahe kommt, keine Weiterexistenz hätten. Und die Berufsfischer als solche auch nicht. Denn die Eier werden zum Beispiel von Kleinfelchen in Tiefen bis zu 100 m gelegt (der Hallwilersee ist maximal 47 m tief), oder aber die Eier sinken zu Boden und gelangen in die Schlammschichten, wo ihr Lebenszyklus allzu früh sein Ende findet.
 
Also sehen sich die Fischer gezwungen (und sie sind auch von Gesetzes wegen dazu verpflichtet), Jungfische (Felchen und Hechte) in Aufzuchtanlagen heranzuziehen und erst dann auszusetzen, wenn diese herumschwimmen, schweben und dem Schlamm ausweichen können. In der Schonzeit im Dezember (etwa ab dem Samichlaustag) werden Fischweibchen, zu erkennen an den dicken Bäuchen, gefangen. Rogen sowie Milch werden ihnen abgestreift und in die Fischbrutanstalt gegeben; die Jungfische werden ab Ende März langsam ausgesetzt. Man betreibt also so etwas wie eine Unterwasser-Landwirtschaft mit dem Säen und Ernten, eine See-Bewirtschaftung, weil das natürliche Gleichgewicht zerstört ist, weil Laichplätze verloren gingen und das aus den Fugen geratene System überlistet werden muss. Und Netze braucht man auch hier, nicht zum Überspannen als Schutz vor Vögeln oder als Kletterhilfe wie bei den Leguminosen, sondern zum Fangen, wenn die Filets gross genug sind.
 
Hechtnetze setzen
Am Nachmittag des 18.11.2009 war ich mit dem Birrwiler Berufsfischer Heinz Weber zu einem Gespräch zur Informationsbeschaffung verabredet. Das hätte auch in einer warmen Stube geschehen können. Doch da wurde mir Authentisches geboten: „Wir setzen gleich einige Hechtnetze. Du kannst mitkommen.“ Also fuhren vor bei 11 °C in seinem Fischerboot, das oben mit einer Chromstahlschiene verstärkt ist, auf den See hinaus. Das Boot hat einen doppeltem Boden mit eingelassener Lenzklappe, so dass hereinspritzendes Wasser wieder dorthin zurückfliessen kann, von wo es gekommen ist, d. h. es wird herausgesaugt.
 
In zügiger Fahrt – in des Wortes Doppelsinn – flogen wir von der Schifflände Birrwil AG (Bezirk Lenzburg) dem Nordende des Sees entgegen, wo das braune Boniswiler Ried den Naturabläufen vorbehalten ist; es muss nur alljährlich gemäht werden, damit es nicht verlandet. Heinz Weber, wetterhart und mit der notwendigen, gut proportionierten Schutzschicht aus Körperfett versehen, versorgte die Hände in den Hosentaschen und verengte die Augenlider zu dünnen Schlitzen. Er strahlt Ruhe und Kompetenz aus; man fasst zu ihm sofort Vertrauen. Die Sonne schaute immer wieder zwischen den dünnen, ausfransenden Haufenschichtwolken hervor, liess das Kielwasser funkeln und spiegelte sich in der ruhigen Seeoberfläche. Ich wankte fotografierend im Boot umher, hielt mich manchmal an der schwenkbaren Ankerwinde fest. Dann verstummte der Motor; das Schiff verlangsamte sich und kam zum Stillstand.
 
Fischer Weber befestigte einen Schwimmer am Anfang des Netzes, das jetzt abgerollt wurde. Das Schiff bewegte sich jetzt langsam, statt des Kielwassers eine Netzspur hinter sich lassend. Das Netz aus Kunststofffäden mit 7 cm Maschenweite (ein so genanntes Hecht- oder Karpfennetz) wurde von einer Bleischnur, d. h. einer Plastik-Unterleine, am unteren Ende in die Tiefe gezogen, und Schwimmer in der Oberleine zogen nach oben – ohne Chance gegen das Bleigewicht unten. Aber sie schafften es, dass unter Wasser ein stehender, 2 m hoher Vorhang auf einer Länge von rund 400 m eingerichtet wurde, in den bis zum nächsten Morgen einige Hechte gefälligst hineinzuschwimmen hatten. Denn der Hallwilersee wird „passiv“ befischt – es kommen also keine Schleppnetze zum Einsatz. „Wenn es 4 Hechte sein werden, ist es viel“, sagte Heinz Weber prophetisch; doch leiste er diesen wenig ergiebigen Einsatz für einen Kollegen, der dringend auf Hechtfilets angewiesen sei. Insgesamt seien die Erträge dieses Jahr durchzogen gewesen, eher mager zwar, doch besser als auch schon.
 
Ich genoss die Ruhe auf dem See. Das Echolot zeigte eine Wassertiefe von rund 10 m an. Auf dem Bildschirm dieses Geräts würden auch Fische angezeigt; die Art wäre allerdings nicht zu erkennen. Aber diesmal war das Wasser unter dem Boot fischfrei. Vielleicht waren die Felchen auch durch das Motorgeräusch vertrieben worden oder es war ihnen im 9,5 °C kalten Wasser zu wenig warm, um zur Nahrungsaufnahme in die flachere Uferzone vorzudringen.
 
Das Fischerleben
Für einen Naturfreund ist der Beruf des Fischers sicher ein Traum, auch wenn die harte Arbeit bei Wind und Wetter und das Ausgeliefertsein an die Launen der Natur den schönen Schein etwas einschränken. Der Alltag beginnt manchmal morgens um 4 Uhr (Beginn des Einholens der Netze) und kann in den Sommermonaten 12 Arbeitsstunden und mehr dauern. Und Fische müssen auch getötet werden. Heinz Weber tut das ungern, bemüht sich aber, dass die Fische, sobald sie aus dem Wasser gezogen wurden, einer nach dem anderen mit einem kräftigen Schlag auf den Kopf betäubt werden – bei Grossfängen auf dem Meer ersticken sie, wenn sie nicht schon im Fangnetz beim Herausziehen zerdrückt werden. Er bemühe sich um eine „humane“ Art des Fischens, sagte der Fachmann, der die Fischerei seit 21 Jahren ausübt. Er achtet die Würde des Tiers, versucht, ihnen Leiden zu ersparen.
 
Sein Vater war Störmetzger, und das Ausbeinen kenne er seit seinen Jugendjahren, erinnerte sich Heinz Weber. Aber verroht ist er nicht; beim Auftauchen von chirurgischen Operationen am TV-Bildschirm müsse er wegschauen. Fische erachtet er, der ehemals Koch und Berufsschullehrer war, als wertvolles Lebensmittel. Er gehört zum Vorstand der Tafelgesellschaft zum Goldenen Fisch, der von seinem Fachwissen profitiert. Goldfisch-Restaurants im Seetal sind das Seehotel Delphin in Meisterschwanden und das Seehotel Hallwil in Beinwil am See.
 
Wie bereitet Heinz Weber die Felchen, des Fischers Brotfisch, am liebsten zu? Die Filets würzen, in Mehl wenden und abklopfen, in einer Bratpfanne mit Butter und Salbeiblättern kurz braten. So erhalten sie ein goldiges Aussehen, passend zum gegenwärtigen Goldboom.
 
Damit und mit der anschliessenden goldenen Tafelgeselligkeit wäre dann der Felchen-Lebenslauf abgeschlossen.
 
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