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BLOG vom 02.12.2009


Offene und verschlossene Schlösser: Wildenstein in Veltheim
Autor: Walter Hess, Biberstein AG (Textatelier.com)
 
Bei meiner ausgeprägten Bürohaltung mit Computeranbindung brauche ich gelegentlich etwas Auslauf. Dieser umfasst in meinem unmittelbaren Spaziergang-Areal zahlreiche Schlösser wie das nur etwa 300 m entfernte Schloss Biberstein, dann die Schlösser Auenstein, Lenzburg, Wildegg, Wildenstein, Brunegg und, etwas weiter weg, die Habsburg. Die 3 Geheimnisvollen sind Auenstein, Wildenstein und Brunegg, weil sie in Privatbesitz sind. Ich kenne sie nur von aussen.
 
Schloss Auenstein
Das um 1300 errichtete Schloss Auenstein, das 21 Zimmer umfasst und seit 1970 im Besitz der Familie Reller ist, stand lange leer. Nun will Roger Reller mit seiner in Dietikon ZH domizilierten Immobilien AG ins Schloss, das gerade renoviert wird, einziehen. Zudem ist im 12 000 Quadratmeter umfassenden Schlosspark eine Halle für einen Teil von Rellers Oldtimer-Sammlung im Bau, die zum Schloss passen soll und von der kantonal-aargauischen Denkmalpflege abgesegnet ist.
 
Schloss Brunegg
Auf der Brunegg residierte einst der Publizist und Historiker Jean Rudolf von Salis (1901‒1996), der während des 2. Weltkriegs am Radio wöchentlich seine „Weltchronik“ sprach und der Weltöffentlichkeit den Kriegsverlauf erklärte. Ich war damals 2 bis 8 Jahre alt und habe davon nichts verstanden, auch wenn wir in unserer Familie die direkten Kriegsauswirkungen zu spüren bekamen (Vater häufig im Militär, Lebensmittel-Rationierung, ungewisse Zukunft usw.). In feuchten Bunkern las mein Vater, der als Mitrailleur im Einsatz war, sein Rheuma auf, für das er „den Hitler“ und unsere Armee gleichermassen verantwortlich machte, was für diese aber ohne Konsequenzen blieb. Ich habe später dann die „Weltchronik 19391945“ gelesen, die 1966 als Buch der Schweizer Volks-Buchgemeinde Luzern erschien und worin der Kriegsverlauf, wie er zur Zeit des Geschehens bekannt war, überraschend detailliert und ohne wesentliche Zensureingriffe beschrieben ist. Eine respektable Leistung.
 
Schloss Wildenstein
Weil ich am Gedankengut aus der Brunegg teilhaben konnte, glaubte ich, das Schloss Brunegg, das gerade ebenfalls renoviert wird, einigermassen zu kennen. Dies ganz im Gegensatz zum Schloss Wildenstein, unter dem ich unzählige Male auf dem Weg, der dem Jurasüdfuss entlang führt, vorbeigefahren bin. Die Route: Biberstein über Auenstein mit dem unscheinbaren Schloss an der Aare nach Veltheim und Schinznach bzw. Brugg. Die von unten nur schwer einsehbare, von einem Wald umrankte Anlage auf einem Felsvorsprung befand sich seit 1973 im Besitze der nun in Liquidation begriffenen Stiftung Gautschi-Tron (des Bauunternehmers Max Gautschi). Sie hatte die Anlage für 350 000 CHF dem Kanton Aargau abgekauft und im Oktober 2008 per Inserat in der „NZZ am Sonntag“ zum Kauf angeboten. Wie weit der Verkauf bereits gediehen ist, weiss ich nicht. Es soll mehrere Interessenten geben, aber auch Rechtsstreitigkeiten, ob es sich um eine Familienstiftung handelt und ob die Stiftung der Aufsicht des Kantons unterstellt ist oder nicht. Die Form der Familienstiftung würde eine kantonale Aussicht ausschliessen und die Frage, was mit dem Stiftungsvermögen nach der Liquidation passiert, vereinfachen. Der Schlossherr Gautschi vertritt die Auffassung, die Stiftung habe einen familiären Charakter; sie sei schliesslich seit 35 Jahren für das Schloss aufgekommen und brauche sich nicht dreinreden zu lassen. Der Verkauf wurde vorerst blockiert. Denn nach Auffassung der aargauischen Denkmalpflege muss jeder Um- und Ausbau im Einvernehmen mit ihr geschehen. Und selbstverständlich würde das die Vermarktung beeinflussen. Wer will sich als Schlossherr schon massiv dreinreden lassen!
 
Die Schlossgeschichte aus der früheren Zeit ist klarer als die gegenwärtige Lage. Sie ist im Buch „Veltheim. Von den Anfängen bis zur Gegenwart“ von Thomas Schärli, 1992 von der Gemeinde Veltheim (Bezirk Brugg) herausgegeben, ausführlich beschrieben. Die Geschichte, so weit sie bekannt ist, nahm ihren Anfang am 29.11.1301, als der Schenk Berchtold von Kasteln seinen Burgstall Wildenstein sowie das Dorf Oberflachs an die Herren Albrecht von Müllnen und Egbrecht Gvetterli aus Winterthur verkaufte, weil dem bisherigen Besitzer das Geld für eine ritterliche Lebenshaltung fehlte. Die Burgruine Wildenstein war aber für die Käufer wenig interessant; sie traten diese bald einmal an die Herren von Rinach (Reinach) ab, die das Schloss wieder instand setzten und es mit den Herrschaftsrechten über das Dorf Veltheim vereinigten. Sie waren ein Dienstherrengeschlecht der allmächtigen Habsburger, die alles zusammenrafften, was sie irgendwie ergattern konnten.
 
1415 eroberten die Stadtberner den westlichen Teil des heutigen Kantons Aargau und damit auch Veltheim und das Schloss. Dieses und der Meierhof im Veltheimer Ortsteil Au war nun im Besitz der Berner Patrizierfamilien. Um 1650 wurde die mittelalterliche Burg in ein Wohnschloss umgebaut; es erhielt seine heutige Form: Der barocke Palas und das Treppenhaus („Schneggen“) wurden zusammen mit einem Brunnen erbaut. 1720 zog der Landvogt in Wildenstein ein, weil die Burg Schenkenberg bei Thalheim baufällig geworden war. Die Funktion als Landvogteisitz (1721‒1798) erforderte eine Neueinteilung der Innenräume. Dann ging das Schloss Wildenstein an den jungen Kanton Aargau über, der es 1804 an Private verkaufte, und das Schloss wechselte den Besitzer anschliessend mehrmals. Um 1850 wurde es durch die Effinger-Familie instand gestellt; die Anlage diente nach 1928 auch als Altersheim. 1959 wurde der Innenhof restauriert.
 
Die Geschichte des Schlosses war also eine lebhafte, zu der auch der Jux vom März 2004 gehört, als ein Spassvogel das Schloss auf eBay zur Versteigerung anbot – für mindestens 10 Mio. USD. Der Scherz flog wenige Stunden später auf.
 
Die Kraterlandschaft in der Umgebung
Und so steht denn das Schloss heute wie bestellt und nicht abgeholt in der Jura- und Aarelandschaft, die in der dortigen Umgebung schwer verwundet ist. Ich erlebte dieses Gebiet am 25.11.2009 bei einem Spaziergang von Auenstein aus über die Moosmatt zur Eggenmatt wieder einmal. Ich spazierte westlich am ehemaligen Verkehrssicherheitszentrum Veltheim vorbei, wo ich einst meine Schleuderversuche machte und lernte, im Notfall brutal auf die Fussbremse zu stehen (ein kleineres Driving Center ist seit 2006 in Safenwil AG). Es ist abgebrochen; von den Betriebsgebäuden stehen gerade noch etwa ein halbes Dutzend Garagen in der Mondlandschaft. Im Übrigen werden dort jetzt Kalk und Mergel abgebaut, Futter für die gefrässigen Jura-Zement-Fabriken Wildegg.
 
Westlich anschliessend ist am Fusse des Veltheimerbergs ein etwa 750 m langes und 250 m breites Tal ausgehoben worden, das den Einblick bis tief in die braunen und grauen Juraschichten hinein ermöglicht, obwohl das Gebiet abgesperrt und der Zutritt verboten ist: „Das unbefugte Betreten des Steinbruchareals und den dazu gehörenden Gebäuden wird richterlich untersagt“ (04.05.2005). Das ist der Steinbruch Oberegg. Die Südseite fällt praktisch senkrecht ab, die Nordseite ist abgeflacht. Und hier, im Schräghang, betreibt die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL ihre Hangmuren-Versuche. Im obersten Teil des Steinbruchs wird mit Unterstützung durch den Bund von den ETH-Wissenschaftlern das Fliessverhalten von Hangmuren und ihre Interaktion mit flexiblen Schutznetzen aus Stahldraht der Firma Geobrugg AG untersucht. Hangmuren bestehen aus einer Mischung von Wasser und Bodenmaterial und werden an steilen Hängen durch starke Regenfälle ausgelöst und können vielerorts Infrastruktur, Gebäude, Strassen und Bahnlinien bedrohen. Sie sind also eher unbeliebt – ausgenommen bei Forschern und Netzfabrikanten.
 
Überlebt als grosser, aufrechter Baumstamm mit ein paar Astfragmenten hat neben dem Abbaugebiet noch die „Grosse Eiche"; der sagenumwobene Baum wurde 1956 unter Schutz gestellt, aber sein Zustand ist jämmerlich.
 
Die Veltheimer Landschaft ist durch den Materialabbau für die Zementindustrie in Wildegg schwer gezeichnet. Seit dem 2. Weltkrieg sind die Hügelrücken der Ober- und Unteregg verschwunden, und jenseits der Veltheimer Gemeindegrenze wurde der Auensteiner Jakobsberg („Heidwald“) ausgeräumt, gähnende Löcher von entblösstem Gestein hinterlassend. Von ennet der Aare grüsst der riesige Holderbanker Steinbruch „Schümel“, der 1980 eingestellt wurde.
 
Blick auf Wildenstein
In dieser Kraterlandschaft, die auch etwas Eindrückliches an sich hat, tut der Blick auf die Welt der Schlösser gut, die für Kontinuität stehen. Vom Ostrand des Erliwalds oberhalb von Veltheim hat man des Schloss Wildenstein, weiter entfernt aber auch die Habsburg, die Wildegg und das Schloss Lenzburg vor sich.
 
Das nahe Schloss Wildenstein kann man von dieser etwas erhöhten Lage aus recht gut studieren: Auf seiner Westfassade ist die Ringmauer, in die 2 rechteckige Türme (der nordöstliche ist mit einem Zinnenkranz bewehrt, der gegenüberliegende hat ein Walmdach) einbezogen sind, fast fensterlos; es finden sich nur schmale, senkrechte Schlitze unter den Dächern. Das Schloss macht einen gepflegten Eindruck.
 
Im Vordergrund sind die Landwirtschaftsbauten. Der Stall, vor dem 2 grüne HUBER-Silos stehen, Siloballen aufgeschichtet sind und der auch Pferden als Unterkunft dient, besitzt 3 Treppengiebel; daneben sind mit Welleternit gedeckte Freilaufställe mit Fleckvieh, wohin das Futter von den Silos über eine schräge Rohrleitung fliesst. Im Hintergrund sind Holderbank und der Kernenberg (Chärneberg) ausgestellt.
 
Im Veltheimer Gebiet Rain umrundete ich noch riesige Futterrübenäcker und machte mich auf den Heimweg, vollbepackt mit Eindrücken aus der offengelegten Erdgeschichte und verschlossenen Schlössern, in denen noch etwas Mittelalter konserviert ist.
 
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