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BLOG vom 12.12.2009


Auenpark Rupperswil: Kahlschlag von Wald und Fussballplatz
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG (Textatelier.com)
 
Wenn Kettensäge-Akrobaten und Traxführer eine grössere Waldfläche kahl schlagen, ist dies nicht immer ein freudiges Ereignis. Dass dies in den vergangenen Wochen aber unterhalb des Kraftwerks Rupperswil-Auenstein (KRA), im Oberen Farschachen, geschehen ist, hat mich aufrichtig gefreut. Geradezu begeistert bin ich vom Umstand, dass dort, im Rupperswiler Schachen, auch der alte Fussballplatz mit der Bandenwerbung und den Klubgebäuden (eines mit Sattel-, das andere mit Flachdach) verschwinden muss. Die Goal-Gestänge (Tor-Einheiten), dem Ziel aller Bälle, sind bereits demontiert und beim Klubhaus abgestellt. Der Fussballplatz mit dem trostlosen Rasengrün und der zwar bescheidenen sportlichen Infrastruktur (Rupperswil spielt noch nicht in der Nationalliga) befindet sich inmitten eines Walds – eigentlich eine sportliche Faust aufs ökologische Auge, die Folge einer planerischen Verirrung.
 
Meine Begeisterung für diese Art von Forst- und Sportanlagen-Vandalismus rührt nicht einfach daher, dass es mir nie vergönnt war, im Anblick von Elfer-Mannschaften, die einen Ball mit Fusstritten traktieren, den Inbegriff meiner Lebenserfüllung zu sehen, oder aber weil ich gar ein Gegner von Wäldern wäre. Im Rupperswiler Aarebereich geht es nämlich um die Schaffung des Kernstücks des Auenschutzparks Aargau, wie er nach der Aargauer Volksabstimmung vom 06.06.1993 beschlossen worden ist: 1,1 Prozent der Kantonsfläche sollen – vor allem an der Aare und an der Reuss – in ein Auengebiet zurückverwandelt werden. Und alle Aargauer Behörden haben bisher diesen Auftrag in vorbildlicher Art vorangetrieben.
 
Von Rohr bis Rupperswil
Zwischen Aarau und Wildegg entsteht mit 317 Hektaren das grösste Schutzgebiet im Kanton. Im Rohrer Schachen (die Gemeinde Rohr wird am 01.01.2010 in Aarau einverleibt) und bis hinauf zur neuen Staffeleggbrücke ist die Rückführung bereits weit gediehen. Im Aarschächli sind ein stattlicher See und mehrere Weiher entstanden – auch dort wurde der teils mit standortfremden Bäumen aufgeforstete Wald umgehauen. Beim KRA wurde ein 725 m langes, naturnahes, treppenartiges Umgehungsgewässer neben der Wehranlage angelegt, mit welchem die Höhendifferenz zwischen dem Stauraum und der Alten Aare überwunden wird, und die Fische erhalten Aufstiegsmöglichkeiten – nicht zum Oberfisch oder zum Fisch-CEO, sondern in höher gelegene Wassersphären. Und jetzt ist, flussabwärts, eben der Rupperswiler Farschachen an der Reihe. Auch hier soll der Auen-Traum Wirklichkeit werden.
 
79 Einsprachen mussten vorher noch erledigt werden; sie waren nicht grundsätzlicher Art, sondern verlangten bloss flankierende Massnahmen. 75 gleichlautende waren von einer Gruppe um EVP-Grossrat Sämi Richner, Auenstein (und aus Rupperswil stammend), vorgelegt worden. Richner vertrat die Auffassung, dass den Renaturierungsmassnahmen die Hochwassersicherheit gegenüber einer neuen Flussdynamik den Vorrang habe. Insbesondere bei der Flussaue Rupperswil dürfe der historische Schutzdamm nicht einfach abgerissen werden. Im Grossen Rat führte er dazu mit Bezug auf die Damm-Historie aus:
 
„Wenn man nämlich in der Geschichte nachschaut, so gab es vor 1865 einen eigentlichen Wasserkrieg zwischen Auenstein und Rupperswil. Die Aare frass immer wieder Land weg und zwar entweder von Auenstein oder von Rupperswil. Um sich zu schützen, haben die Auensteiner jeweils im Wald wieder Bäume geholt, um Uferbarrikaden zu bauen. So floss das Wasser wieder mehr Richtung Rupperswil ab, und es frass jenen das Land weg. Deshalb hatten die Dörfer einen grossen Streit. Man ging dann nach Aarau, und von Aarau bis nach Bern in die Bundeshauptstadt, um gemeinsam eine Lösung für das Problem zu finden. Der berühmte Bündner Ingenieur Richard La Nicca arbeitete dann ein Projekt aus. Von 1865‒1873 wurde ein historischer Hochwasserdamm gebaut und zwar unter grössten Entbehrungen! Man musste Frondienst leisten und Rupperswil opferte den grossen Eichenwald, um das Projekt bezahlen zu können.
 
Jetzt, im Rahmen dieses Auenprojekts, will man diesen historischen Damm einfach wegreissen. Ist das verantwortbar, dass man in der heutigen Zeit so einen Damm wegreisst? (...) Wenn ich das Auenprojekt Rupperswil beurteile, als Person, die gerade in der Nähe wohnt, dann muss ich sagen, dass es diesen Hochwasserdamm nach wie vor braucht! Es wäre total unverantwortlich, wenn man den nun mit einem Kredit wegreissen würde und man plötzlich einige Jahre später dort wieder im Rahmen eines neuen Kredits Verbauungen vornehmen müsste.“
 
Richner forderte folglich die Erhaltung des Damms; dieser müsse weiterhin als Wanderweg begehbar sein, allenfalls könne man ihn öffnen und überbrücken.
 
Spaziergang auf dem Damm
Den umstrittenen Damm erreicht man vorläufig noch von der Strassenbrücke Rupperswil‒Auenstein aus, wo man das Auto problemlos abstellen kann. Rechtsufrig (auf der Rupperswiler Seite) verläuft der Wanderweg auf diesem Wall aareabwärts, dessen Krone grosse, unbehauene und bemooste Kalksteinbrocken bilden, die damals in Fronarbeit herangeschleppt wurden. Dieser Dammweg ist mir immer als sehr attraktiv erschienen, und ich habe ein gewisses Verständnis dafür, dass man für seine Erhaltung kämpfte. Doch nach Ansicht der Kantonsbehörden hat er innerhalb des Auenprojekts nichts mehr zu suchen, und die Einsprache, die ihn retten sollte, wurde abgewiesen. Er würde der Auendynamik geradezu im Wege stehen. Für Erosionen und Aufschüttungen soll hier allein noch die Aare zuständig sein. So werden Korrektionen wieder korrigiert.
 
Nach diesem Entscheid forderte Richner wenigstens einen Steg für Fussgänger, Velofahrer und Reiter mit den entsprechenden Wegen und einen Ausbau der Kantonsstrasse in Richtung Rohr/Aarau, die natürlich nicht zu einem Auenprojekt gehören. Im Projekt sind solche Aspekte durch 2 neue Fussgängerbrücken zum unteren Teil der Insel, die zwischen dem Unterwasserkanal auf der Auensteinerseite und der Alten Aare entstanden ist, hinreichend berücksichtigt. Zudem soll hier die äusserst vielgestaltige Auen-Natur den Vorrang haben; ein Anziehungspunkt für den Tourismus soll hier keinesfalls entstehen.
 
Seit Beginn der Rodungsarbeiten endet der erhöhte Uferweg bei den Anlagen des Fussballclubs Rupperswil. Die Fussgänger werden dort landeinwärts verwiesen. Die vorgesehenen weiteren Veränderungen werden in jenem Gebiet gewaltig sein, werden in den kommenden anderthalb Jahren (also bis Mitte 2011) doch rund 280 000 Kubikmeter Erdreich verschoben, damit die richtige Terrainhöhe für die Anlage eines rund 1,5 km langen Seitenarms der Aare, der parallel zur Alten Aare verläuft, erreicht wird. Dieses neue, bis 20 m breite Gewässer, in das 8 Mio. CHF investiert werden sollen, hat im Wasserhaushalt der Flussaue eine zentrale Funktion zu spielen.
 
Abgeholzt
Im Moment sieht es im Rupperswiler Schachen (auf der Höhe von Auenstein) wüst aus. Ich habe das morastige Gelände am 05.12.2009 begangen und manch einen Schuhvoll herausgezogen, besonders auf den lehmig-erdigen Fahrpisten, in deren Vertiefungen sich Wasser angesammelt hatte. Bei der Rodung wurde auch ein quer zum Tal stehender, betonierter Damm freigelegt. Bäume und Sträucher sind neben den Naturstrassen aufgestapelt; nur einige hohe Waldföhren mit abgewölbten Kronen und rötlich-brauner, tiefrissiger Borke durften stehen bleiben, auch wenn sie nicht eben zu den allertypischsten Auen-Bewohnern gehören und sich wahrscheinlich in subalpinen, felsigen Wäldern besser fühlen würden. Doch im aarenahen Auengebiet hat man sich an sie gewöhnt – und umgekehrt. Vielleicht braucht man sie während des Heranwachsens des Auenwalds noch als Sonnenschirme. Im Schächli, also etwas weiter oben, gibt es an trockenen Standorten ebenfalls Föhrenwälder.
 
Restwasser-Nutzung
Auch das Kraftwerk Rupperswil–Auenstein ist eine Baustelle, zumal dort, auf der Seite der Alten Aare, ein Dotierkraftwerk gebaut wird. Die 42 Tonnen schwere Turbine aus Ravensburg D ist am 11.11.2009 unter der Leitung von Industriemechaniker und Turbinenkonstrukteur Hugo Wucher in die Kraftwerkzentrale eingebaut worden, die bereits mit dicken Betonwänden verschlossen wurde. Auch dieses Werk steht mit dem Auenpark im Zusammenhang: Die Restwassermenge für die Alte Aare kann sozusagen verlustfrei erhöht werden, gut für die anschliessende Aue.
 
Bei solchen Exkursionen – der Rupperswiler Kraftwerkbereich liegt nur etwa eine halbe Wanderstunde von meinem Haus entfernt – staune ich immer wieder, wie trotz all der unvermeidlichen Eingriffe das Naturschutzbewusstsein in unserem Lande weit gediehen ist, was sich auch durch Taten äussert: Das Abwasser aus der Baustelle im Aarebett wird emporgepumpt, vorerst in 10-m3-Behältern gefasst, mit Kohlensäure neutralisiert und durch einen Kiesfilter dem Fluss zurückgegeben. Der moderne Aargau ist nicht allein in Sachen Auenschutz vorbildlich. Hier wird nicht konferiert, sondern gehandelt.
 
 
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