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BLOG vom 19.12.2009


Aisling in New York – „Parbleu!“ und die entflogene Muse
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
„Wir hatten keine Ahnung, wie kalt es in New York im Winter ist. Unser Zimmer in Harlem war ein Eisschrank, der Eiswind blies durch alle Spalten und Ritzen. Tagsüber wärmten wir uns in einer nahen Volksbibliothek auf. An Rat, wie wir einen ,quick buck’ machen könnten, fehlte es nicht. Weder wollten wir mit Drogen handeln, noch Diebstähle begehen.“
 
Beim Lesen dieser und anderen Einträgen in seinem Heft war mir klar, dass Aisling den Jammer dieser Anfangszeit nicht aufwärmen wollte. Caitlin fand eine Stelle als Musiklehrerin in einem College und verbesserte das kärgliche Einkommen mit Privatunterricht. Sie verdrängten ihre irische Abstammung in den Hintergrund, wie sie merkten, dass Amerikaner aufhorchen, wenn sie ein gedrechseltes Englisch hören, das sie drollig finden. Schauspielern konnten beide, und sie spielten sich entsprechend auf, um die Leute zu beeindrucken. Sie erfassten die amerikanische Mentalität rasch, die vornehmlich auf Bluff beruht – und blufften wacker mit. In anderen Worten: Wer in New York nicht dick auftragen kann, ist ein verlorenes Schaf. Nach und nach erweiterte sich ihr Bekanntenkreis, und sie fanden auch  Anschluss an Musiker. Einer von ihnen räumte dem Paar ein geräumiges Zimmer in seinem Appartement ein, weit weg von Harlem, im Herzen der Stadt selbst.
 
Manchmal bin ich versucht, Aislings zunehmend trockene Texte auszuschmücken, aber widerstehe dieser Versuchung. Ich bin sicher, dass er solche Zutaten meinerseits missbilligt hätte. Der Spass und Witz fand sich vielmehr in den Papierrollen kaschiert, die in seinem Koffer lagen, begonnen mit seinen Anläufen, Schlager und Schwänke zu komponieren. Wie immer kommt der Komponist zu kurz: Die Darsteller triumphieren. Zum Glück waren er und Caitlin in 1. Linie Darsteller und personifizierten sich mit ihren Rollen. Mit einer Burleske oder Parodie, ein mit Gesang und Instrumenten begleitetes Possenspiel, durchflochten von derben Schwänken, gewannen Aisling und Caitlin ihren 1. Bühnenerfolg, an dem viele Mitspieler beteiligt waren. Sogar der „New Yorker“ äusserte sich wohlwollend zum Auftritt der Gruppe unter dem Namen „Parbleu!“
 
Dazu äusserte sich Aisling wie folgt: Der Erfolg stieg mir in den Kopf – nicht so Caitlin. Ich wurde zum Dandy und Schürzenjäger und spielte im Kasino. Das ging gut, so lange sich die Kasse mit unseren Auftritten nachfüllte. Ich vertrödelte meine Zeit und vernachlässigte Caitlin.
 
Dann kam aus heiterem Himmel der Börsenkrach. Der Pleitegeier machte sich breit und mästete sich. Das wird nicht ewig dauern, sprach ich mir zu. „How can I make a fast buck?“ Ich liess mich in allerlei Schiebergeschäfte ein, die allesamt aufflogen. Eines Tages wurde ich verhaftet. Ich kam mit einer Gefängnisstrafe von 3 Monaten glimpflich davon. Kaum entlassen, erfuhr ich, dass Caitlin schwanger war und entschlossen, nach England zurück zu kehren. Davon wollte ich nichts wissen und liess sie ziehen. Selbst in der Krise suchten die Leute Unterhaltung, vorwiegend solche, die von der Krise profitiert hatten. „Parbleu!“ spielte und wartete ihnen auf, wiewohl auf viel engerer Masche als zuvor. Die Muse war mir entflogen, meine Muse!
 
Dann entwuchs dem Säbelgerassel der Krieg, ein langer, schrecklicher Weltkrieg. Hier in Amerika gab es für mich nichts mehr zu tun. Caitlin fehlte mir. Ich sparte für meine Überfahrt in die alte Welt zurück. Kaum traf ich in Southampton ein, griff mich die Grenzpolizei auf und untersuchte meine Papiere. „Wussten Sie, dass Sie militärpflichtig sind?“ wurde ich gefragt. Trotz meiner Proteste wurde ich in ein Trainingcamp eingeliefert. Mein Gesuch, Caitlin aufzusuchen, wurde erst bewilligt, nachdem ich zum Füsilier geworden war. Zerknirscht und reumütig traf ich mich wieder mit Caitlin und hielt zum 1. Mal meinen Sohn in den Armen. So war Caitlin immer gewesen: Sie verzieh mir grossmütig.
 
(Endlich hatte ich einen Ansatzpunkt, um Aislings Alter annähernd zu bestimmen, als er dem Fussvolk zugewiesen und in die Normandie verschifft wurde. Zu diesem Zeitpunkt mochte er das Alter von rund 35 Jahren erreicht haben.)
Hier ist sein letzter Eintrag im Heft:
 
Die Nachkriegszeit in London war genau so hart wie in der Vorkriegszeit, wenn nicht härter. Caitlin erteilte weiterhin Musik- und nebenbei Tanzunterricht. Wir richteten eine kleine Tanzschule ein. Es reichte gerade aus, um uns und unsere Kinder zu ernähren.
 
Waren wir traurig nach dem Absturz unseres Höhenflugs in New York? Keineswegs! Wir Iren finden immer wieder den Rank, um fröhlich zu bleiben, denn es ist nicht unsere Art, in Schwermut zu verfallen. Auch dafür hatte meine Muse gesorgt. Wer immer, wenn überhaupt, in meinem Koffer stöbert, kommt selber zum Reim des ungereimten Lebens.
 
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