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BLOG vom 28.12.2009


Rohr AG: Hochspannung bei der begrabenen Römerstrasse
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Als Gemeinsamkeit mit den alten Römern erfreue ich mich eines gewissen Wandertriebs. Und wir alle, die Römer und meine Wandernatur, haben uns schon immer gern durch den Aargau bewegt. Bei den Römern war das schon der Fall, bevor es das geografische Gebilde, was wir seit 1803 als „Aargau“ bezeichnen, überhaupt gab. Aber man denke jetzt bitte nicht, die Fläche mit den Mittelland-Tälern und der Hügellandschaft (besonders dem Jura) sei erst vor rund 200 Jahren herangekarrt worden, nein, nein, diese Landschaft lag schon immer hier herum, wobei die Eiszeiten für das Design zuständig waren. Darauf konnten sich sogar Flussauen entwickeln, landschaftliche Höhepunkte unten in den Tälern als ungeheuer reichhaltige Lebensräume.
 
Die grossen Flüsse wie Aare, Reuss, Limmat und Rhein waren wichtige Verkehrsanlagen. Und im Übrigen wurden Strassen gebaut, denn was wir heute als Schweiz mit dem Aargau bezeichnen, diente den Römern schon vor Beginn unserer Zeitrechnung vor allem als Durchgangsland für ihre Machtausweitung nach Norden, zum heutigen Deutschland. Seit 15 v. u. Z. war der gesamte Alpenraum mit dem nördlichen Vorland fest in Römer-Hand.
 
Kein Zweifel, schon vor seiner Entstehung als Kanton zeichnete sich der Aargau dank der erwähnten verkehrsgünstigen Lage als Ausgangspunkt beziehungsweise Einfallstor nach Deutschland ennet des Rheins aus. Der Hochrhein diente sozusagen als Demarkationslinie, die wegen ihrer Breite verhältnismässig gut zu sichern war. Und weil die römischen Soldaten irgendwo standesgemäss wohnen und einen Militärstützpunkt haben mussten, entstand das Militärlager Vindonissa im heutigen Windisch bei Brugg in der Nähe des so genannten Wasserschlosses, dem Zusammenfluss der 3 wichtigsten Flussläufe des schweizerischen Mittellands: Aare, Reuss und Limmat, die dann als Aare im Verein zum Rhein bei Koblenz fliessen. Im Gebiet der heutigen Nordschweiz wurde kaum gekämpft; die römischen Truppen hatten weiter nördlich diesbezüglich genügend zu tun, und die römische Schweiz, wie ich sie einmal nennen will, erfreute sich des Militärtourismus und blühte vor allem im 2. Jahrhundert auf. Das Touristenland war geboren.
 
Verkehrswege der Römer
Selbstredend kann ich hier nicht die gesamte Geschichte von den Römern in der Schweiz und den Spuren, die sie uns freundlicherweise hinterlassen haben, erzählen. Das haben schon Walter Drack und Rudolf Fellmann in ihrem Buch „Die Römer in der Schweiz“ (Konrad Theiss Verlag, Stuttgart, und Raggi-Verlag, Jona SG, 1988) auf fast 650 Buchseiten meines Erachtens ausserordentlich gründlich getan. Mir geht es in diesem Blog bloss um die Römerstrasse in Rohr AG, welcher ich mich auf 2 Winterwanderungen am 09. und 19.12.2009 angenommen habe. Für eine vorangegangen Beschreibung verweise ich aufs Blog vom 29.02.2008 („Hunter-Strategie: Wie Rohr AG zum Anhängsel von Aarau wird“); die Fusion von Rohr mit Aarau erfolgt übrigens auf den 01.01.2010 – dann wird die Römerstrasse nicht mehr in Rohr, sondern in Aarau sein, ohne dass man sie verlegen muss. Die 100 Hektaren Rohrer Waldfläche werden dann zur Aarauer Waldfläche hinzugezählt. Zeitenläufe.
 
Die Römer bauten ihre Strassen, um ihre militärischen Verbände auf dem Festland problemlos verschieben zu können; dann wickelte sich darauf auch der Handelsverkehr ab. Auf der Karte, die auf Informationstafeln in den Randbereichen des Auenschutzparks Aarau‒Wildegg abgebildet ist, ist solch eine Römerstrasse westlich des SBB-Unterwerks im Suret (so heisst der Wald zwischen Rohr und Rupperswil AG) eingezeichnet; wahrscheinlich wurde die gestrichelte Linie aus der letzten Ausgabe der Siegfried-Karte von 1940 übernommen. Darauf ist das Unterwerk bereits eingezeichnet. Es gehört zum Kraftwerk Rupperswil-Auenstein, welches sich ganz in der Nähe befindet – ein Partnerwerk der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) und der Axpo AG.
 
Im Suret
Der Suretwald wird durch die SBB-Linie Aarau‒Brugg (1858 fuhr der erste Zug der Centralbahngesellschaft auf dem Weg von Zürich nach Aarau‒Olten‒Basel hier vorbei) und die Kantonsstrasse K 244 in West-Ost-Richtung oder umgekehrt durchquert. Die Römerstrasse befindet sich nördlich dieser beiden Verkehrsstränge auf dem Grundwasserschutzareal (254 Aren umfassend) zwischen der Kantonsstrasse und einem tiefer gelegenen Giessen (einem Grundwasser führenden, kanalartigen Bachlauf). Aus seinem kristallklaren Wasser grüsst Brunnenkresse mit seinem frischen Grün. Ob Sommer oder Winter: Die Wassertemperaturschwankungen sind gering. In der ganzen Schweiz finden sich keine imposanteren Giessen als hier, im Rohrer Schachen.
 
Der Suret ist eigentlich eine Schotterterrasse, welche in einer Steilböschung zur untersten Aaretalebene, einst eine Talaue, abfällt, wo wiederhergestellte Auen (Aargauer Auenprojekt Aarau‒Wildegg), offene Landwirtschaftsflächen (Gebiet „Au“), Forste und u. a. eine Kampfbahn für Boxerhunde anzutreffen sind. Auf dem ehemaligen Gysi-Kiesgrubenareal stehen jetzt Pferdestallungen; das turmartige Werkgebäude ist abgebrochen und zu Bauschutt geworden. Hinter einem Damm als nördlichem Abschluss des Suret schliesst sich die Stauhaltung des Kraftwerks Rupperswil-Auenstein an, die bis hinauf nach Biberstein reicht.
 
Das Suret-Gebiet gilt als wichtiger Wildtierkorridor von nationaler Bedeutung, kann diese Aufgabe jedoch wegen des zunehmenden Bahn- und Motorfahrzeugverkehrs wohl nur noch beschränkt wahrnehmen.
 
Das mit Maschendrahtzäunen, Stacheldraht und Überwachungskameras gesicherte SBB-Unterwerk (Warntafel: „Hochspannung. Eintritt untersagt“), dessen Betriebsgebäude auch von der Kantonsstrasse Rohr‒Rupperswil her zu sehen ist, untersteht der Störfallverordnung und ist an dieser Stelle zweifellos zonenfremd, also ein raumplanerischer Störfall. Diese Elektrizitätsverteilungsanlage hat, wenn man sie umrundet, überraschend grosse Dimensionen, und sie füttert die Leitungen, die überall zwischen Leitungsmasten herumhängen und sich in der Ferne verlieren. Zur Zeit der Römer soll dem noch nicht so gewesen sein, weil es ja auch noch keine Römischen Staatsbahnen (RSB) gab. Doch der Bau dieses Unterwerks kam ausgerechnet auf die alte Römerstrasse zu stehen; er hat sie jedenfalls unterbrochen.
 
Der kümmerliche Strassenrest
Im Waldareal Suret (Nähe Eiholz), das westlich des Unterwerks durch die moderne Forstwirtschaft und nicht etwa durch die Römer verstrasst ist, sind viele Fichtenaufforstungen (Christbaumkulturen?) unter den Stromleitungen anzutreffen; aber von einer Römerstrasse ist nichts (nichts mehr) zu sehen. Wahrscheinlich ist sie komplett überwachsen, wo sie nicht unter den Attributen der Zivilisation begraben ist. Doch auf der Ostseite des Werks (Richtung Rupperswil) zeigt eine verwitterte, wegweiserartige Hinweistafel an, wo die RÖMERSTRASSE war. Ganz in der Nähe bittet eine aus einem Baumstamm gezimmerte Sitzbank zu einem beschaulichen Probesitzen. Von hier, aus unmittelbarer Nähe also, kann man die nach oben gewölbte Grabungsstelle, auf der Krete von einem Holzzaun geschützt, studieren.
 
Hier hat die örtliche Zivilschutzorganisation (ZSO Suret) 2005 ihrem archäologischen Drang stattgegeben und die verschiedenen Kiesschotterungen der Römerstrasse bis in eine Tiefe von gut 1 m ans Licht geholt. Man erkennt, wie über einem Kieskoffer von den Römern eine oder mehrere leicht gewölbte Deckschichten angebracht wurden, in der sich angeblich noch Radspuren nachweisen liessen. Beim Restaurant Quellhölzli im nahen Strassendorf Rohr hatte das Strassenfundament eine Mächtigkeit von 1 m. Solche dicke, sandwichartige Schotterungen ergaben sich durch den Unterhalt. Periodisch aufgetragene Neuschotterungen konnten dazu führen, dass die Römerstrassen mit der Zeit zu kleinen Dämmen wurden. Der Strassenunterhalt war im Wesentlichen eine Aufgabe des Militärs. Im Buch „Die Römer im Aargau“ von Martin Hartmann und Hans Weber (Verlag Sauerländer, Aarau 1985) steht Genaueres dazu: Die römische Aaretalstrasse sei 10 Mal erneuert worden; sie sei anfänglich 7 m und am Schluss noch 4 m breit gewesen.
 
Die Römerstrasse in Rohr-Aarau wurde offenbar rege benützt, handelte es sich doch um die Verbindung von Vindonissa mit Aventicum (Avenches VD zwischen Payerne und Murten), dem Hauptort der römischen Civitas Helvetiorum, von Kaiser Vespasian angeregt. Betrachtet man diese fast unsichtbar gewordene Strasse im grösseren Zusammenhang, ist zu erkennen, dass es sich um ein Teilstück der Ost-West-Achse handelte, die aus den Donauprovinzen ins zentrale Gallien führte und an der eben auch das Legionslager Vindonissa lag, eine Querverbindung also. Eine Achse führte auch über den Bözberg nach Augusta Raurica. Die wahrscheinlich dabei entstandenen Karrengeleise (bis 40 cm eingetiefte Fahrrinnen) bei Effingen (Bezirk Brugg) habe ich im Blog vom 15.05.2008 beschrieben: „6 Mal über den Römerweg Effingen: Kein Karren-Schmarren.“
 
Wie war der Verlauf?
Bei meinen Exkursionen im Wald bei Rohr konnte ich den genauen Verlauf der Römerstrasse nicht ausmachen; endet sie oben am Steilhang der Niederterrasse? Dort scheint sie abzubrechen. Das kann ja nicht im Sinne der Erfinder gewesen sein. Mit meinem Erklärungsdefizit bin ich in guter Gesellschaft. Der Historiker Dr. Alfred Lüthi: „Die römische Heerstrasse lässt sich (...) auf einer Strecke von annähernd 5 km nachweisen. Wie lässt sich wohl das abrupte Ende der Strasse östlich des Unterwerks erklären?“ Er fährt fort, um eine Deutung ringend: „Die genaue Untersuchung zeigt, dass die Strasse keinesfalls nach dem später erbauten Dorf Rupperswil geführt haben kann, sondern vielmehr auf einen Aareübergang nach Auenstein gezielt hat. Durch die immer wieder auftretenden Hochwasser der Aare wurde die etwa 10 m hohe Niederterrasse zwischen Rupperswil und Wildegg seitlich angefressen und schliesslich bogenförmig ausgeräumt, wie es auch zwischen der Wöschnau und Aarau geschah. Der genaue Zeitpunkt resp. Zeitraum, in dem sich diese landschaftliche Veränderung abgespielt hat, lässt sich nicht ermitteln, doch spricht vieles dafür, dass die Anfänge dazu schon in spätantiker Zeit liegen. Durch diese Vorgänge verlor die einstige Heerstrasse ihre Funktion, und sie diente nur noch als Lokalweg, der Verbindung von Rohr nach Rupperswil, wenigstens im westlichen Teil des Suret.“
 
Von Alfred Lüthi stammt meines Wissens die genaueste Beschreibung der Römerstrasse; sie ist in meinem Blog vom 29.02.2008 teilweise zitiert, und ich gebe hier nur noch den entscheidenden Auszug daraus wieder (Buch „950 Jahre Rohr. Vom Landgericht zur Wohngemeinde", Seite 25): „Die (...) Heerstrasse von Olten nach Vindonissa führte über Aarau – ungefähr im Verlauf der heutigen Bahnhofstrasse –, überquerte die Suhre unweit der früheren Suhrebrücke und zog dann weiter, immer in schnurgerader Richtung, etwa der heutigen Hinterdorfstrasse entsprechend, in den Suret. Durch diesen ausgedehnten Wald ist der einst kunstvoll gebaute Strassendamm noch mehrere hundert Meter genau zu verfolgen. Im Gegensatz zu den vorrömischen Verkehrswegen war es kein Graben, kein Hohlweg, sondern ein sorgfältig aufgeschütteter Damm, weshalb oft an solchen Strassenabschnitten der mittelalterliche Flurname ,Hochstrasse’ haftet. Die einstige Fahrbahnbreite belief sich auf etwa 5 m.“ Alfred Lüthi schrieb das im Juli 1986 in seinem Buch „950 Jahre Rohr. Vom Landgericht zur Wohngemeinde“, als offenbar noch mehr von der Strasse zu sehen war als heute.
 
Ungefähr dort, wo die Strasse an der Schotterterrassenkrete endet, sind zurzeit 2 Grenzsteine mit roter Signalfarbe markiert – und ebenso Buschäste, damit man die Steinmarkierungen findet. Vielleicht ist das Interesse an dieser historischen Strasse im Zusammenhang mit der Fusion Rohr-Aarau wiedererwacht. Die expandierende Kyburgerstadt Aarau könnte natürlich etwas Verankerung in der römischen Geschichte zur historischen Imagepflege sehr wohl gebrauchen.
 
Hinweis auf weitere Blogs und einen Artikel mit Bezug zum Rohrer Schachen
 
Blogs:
 
Feuilleton von Emil Baschnonga:
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