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BLOG vom 18.01.2010


Haiti und Weltgeschichte: Plünderungen aller Dimensionen
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein/AG CH (Textatelier.com)
 
Die Kolonisierung (Landdiebstahl), heute noch von Israel betrieben, war oder ist nichts anderes als die unrechtmässige Aneignung von fremdem Land, fremdem Eigentum – eine Plünderung. Im Kolonisationszeitalter wurden von den europäischen Plündernationen Gebiete mit reichen Bodenschätzen wie Gold und Silber bevorzugt – inzwischen wurden auch Erdöl und Erdgas zu begehrten Artikeln. Plünderungen laufen neuerdings in Gestalt von mörderischen Eroberungskriegen ab. Der Nahe Osten steht im Zentrum der Aufmerksamkeit.
 
Die Einwanderer auf den Spuren der missionarischen Vorhut, die den amerikanischen Kontinent an sich rissen, schleppten tödliche Krankheiten ein und brachten zuerst einmal die Ureinwohner um, wenn sich diese den beutegierigen Einwanderern nicht unterordneten. Wenn anschliessend das Personal zum Betrieb der Zuckerrohr- und Baumwollplantagen nicht mehr ausreichte, organisierten die Herren auf den riesigen Landgütern Sklaven in Afrika schiffsladungsweise – eine Plünderung von Arbeitskräften, Menschen. Die Bibelreligionen, insbesondere die Anführer des Christentums, arbeiteten mit den Plünderern Hand in Hand. Der von Rom aus gesteuerte Katholizismus nahm auch die eigene Klientel in Europa aus und stellte seine Beuten als gewaltige, reich ausgeschmückte Bauwerke aus. Schon eindrücklich. Bei Besichtigungen all der Kunstwerke und auch aus der Literatur erfährt man kaum etwas darüber, unter welchen Umständen und auf wessen Kosten diese kulturellen Grosstaten zustande kamen. Die abendländische Geschichte präsentiert sich kaum als Kulturgeschichte, sondern befasst sich mit den Mächtigen, ihren Siegen und Niederlagen und nennt die Ausbeutung des niedergehaltenen Volks kaum beim Namen. Sie feiert mit Vorliebe die tatsächlich grossartigen, mit Gold und Silber ausstaffierten Bauwerke.
 
Selbst Plünderungen, die oft mehr Schaden als Nutzen für die Plünderer stiften, sind einem geschichtlichen Wandel unterworfen, wie alles andere auch. Die marodierenden Banden, die zum Beispiel nach Naturkatastrophen, während kriegerischer Ereignisse oder Bombardements umherziehen und in den Ruinen nach Brauchbarem suchen, sind trotz aller Verwerflichkeit Peanuts zu dem, was eigentlich mit offiziellem Segen abläuft. So werden zum Beispiel die Naturschätze global geplündert und in ein System eingebunden, das die Bereicherung bevorzugter Clans ermöglicht. Ob der Raubbau an Tropenholz (statt eine vernünftige Nutzung im Interesse der Urwaldvölker) oder an Meeresfischen, nichts entgeht dem Zugriff der Ausbeuter; selbst Allgemeingüter wie Wasser werden im Zeichen des Neoliberalismus in die Geschäftemachereien einbezogen. Die auf diese Weise reich gewordenen Unternehmer und Industrieländer haben die Meere weitgehend leergefischt, so dass die Küstenanwohner wie jene in Somalia nach neuen Verdienstmöglichkeiten Ausschau halten und sich ebenfalls ins Plündereigewerbe eingliedern mussten. Sie halten sich als Piraten über Wasser. Sie wurden dazu getrieben und werden jetzt von den vereinigten Werteplünderern, auch Wertegemeinschaft genannt, in Schach gehalten.
 
Die Nation, die das Plünderwesen am intensivsten ausgebaut, diversifiziert und perfektioniert hat, sind die USA mit ihrem Weltherrschaftsanspruch, insbesondere auch ihre Grossbanken. Stichworte aus der Vergangenheit: Indianer-Abschlachtungen, Sklaverei und weltweite Plünderung im Rahmen von Kriegen (wie am Ende des 2. Weltkriegs, wobei sie sich auch gleich offenbar für alle Zeiten in Deutschland etablierten und das deutsche Regime noch heute vor Unterwürfigkeit trieft). Die Raubzüge, die am stärksten ins Gewicht fallen, veranstalten die USA innerhalb des globalen, Dollar-basierten Finanzwesens. Seit Jahrzehnten finanzieren sie ihre Schuldenwirtschaft, d. h. ihr Leben über die eigenen Möglichkeiten hinaus, mit dem Dollarzerfall. Hinzu kommen einträgliche, direkte Strafaktionen mit Millionenbussen, mit denen Unangepasste ausgepresst werden. Die ungehemmte Bereicherung, oft auf der Grundlage von Lügen, Denunziation und Willkür, haben sich inzwischen derart etabliert, dass sie von der Weltöffentlichkeit wie Naturereignisse hingenommen werden. Man hat sich daran gewöhnt.
 
Die US-Plünderungen gehören inzwischen zum normalen (wirtschafts-)politischen Alltag – in Verbindung mit der Ausspionierung der ganzen Welt, vorab mit der Schnüffelei in Geldtransaktionen und Bankbüchern. Nur für die USA gelten die eigenen hohen Moralvorstellungen nicht; sie dürfen ihre Steuerparadiese weiterbetreiben, falsch rangieren, lügen, betrügen – das gute Ziel heiligt sämtliche bösen Mittel.
 
Wer sich ausserhalb jenes Lands nicht zu Kniefällen bewegen lässt, gerät in die Gefahr, massiv bestraft zu werden. Der schweizerische Bundesrat hat deshalb das Bankkundengeheimnis geopfert und erweiterte den Kniefall bis zu einem vollständigen Flachliegen auf dem Boden, um ja keine Angriffsfläche mehr zu bieten. Ein jämmerliches Schauspiel. Nachdem dank des Bundesverwaltungsgerichts erwiesen ist, dass dieser Bückling, der schon eher nach Grounding aussieht, unrechtmässig, das heisst abseits der geltenden Gesetzgebung erfolgte, wird es enormer Anstrengungen bedürfen, der Privatsphäre wieder jenen Schutz zukommen zu lassen, wie ihn die Menschenwürde rechtfertigen würde.
 
Haiti: Täter als Wohltäter
Im Moment spielen sich die gleichen USA, die aus der „Perle der Karibik“, Haiti, einst wegen der Zuckerproduktion auf der Grundlage der Sklavenwirtschaft eines der wohlhabendsten Länder der Region, ein zerfallendes Armenhaus gemacht haben, in einer Imagepflegekampagne als die grossen Wohltäter in Haiti auf. Dort brachte ein gewaltiges Erdbeben Tod und Verwüstung (siehe Blog vom 16.01.2010: Haitis Schicksalsschläge: US-Aufmarsch nach dem Erdbeben). Die Wohltäter wollen nun ausgerechnet jenes Land retten, das durch die Unterstützung korrupter, US-höriger Herrscher und verhängnisvolle Freihandelsdiktate aus den USA in die Armut getrieben wurde.
 
Eine treffende Darstellung einer Zerstörungsaktion las man bei „Spiegel online“ (www.spiegel.de) am 16.01.2010: Die westliche Entwicklungsideologie der neunziger Jahre (Washington Consensus) hatte in Haiti besonders schlimme Folgen. Unter anderem wurde die heimische Reisproduktion binnen weniger Jahre nahezu zerstört. Die US-Regierung unter Clinton verhalf dem vom Militär weggeputschten Präsidenten Jean-Bertrande Aristide 1994 wieder ins Amt aber nur unter der Bedingung, dass er den Importzoll für Reis von 50 auf 3 Prozent reduziert. Bis dahin hatte Haiti vier Fünftel seines Reisbedarfs aus eigenem Anbau gedeckt. Nach dem Fall der Zollschranke schwemmten US-Firmen die Insel mit Billigimporten. Der Preisverfall machte 40 000 Bauern arbeitslos. Heute importiert Haiti mehr als zwei Drittel seines Reises.“
 
Das ist ein bezeichnendes Beispiel dafür, wie mit den so genannten „Drittweltstaaten“ von den Grossmächten üblicherweise umgegangen wurde. Dafür gibt es in Bezug auf Haiti noch ein weiteres Beispiel, von Peter Hallward in seinem Buch „Damming the Flood: Haiti, Aristide and the politics of containment“ berichtet: „So wurde die grösste Zuckerfabrik im Zuge der von den USA geforderten Privatisierung an eine der reichsten Familien der Insel verkauft. Diese schloss sie unverzüglich, um sich fortan über ihr Importmonopol für Zucker bereichern zu können. Kapitel Plünderung. Heute deckt die lokale Zuckerproduktion gerade noch etwa 2 Prozent des Bedarfs der Haitianer. Der Zucker dient wahrscheinlich vor allem als Rum (Barbancourt oder den Fusel Clairin) dazu, das Elend herunterzuspülen.
 
Unter solchen Präjudizen ist es ein Aberwitz, dass Barack Obama in seinem Hang zu rhetorischen Superlativen im Rahmen der „grössten Hilfsaktion der US-Geschichte“ ausgerechnet seine Amtsvorgänger George W. Bush und Bill Clinton mit dem Eintreiben von Spenden für Haiti beauftragt hat. Clinton, der an der haitianischen Zerstörung der Landwirtschaft aktiv beteiligt war, ist zugleich Uno-Sonderbeauftragter für Haiti.
 
Jetzt ist sie also geboren, die Clinton-Bush-Stiftung für Haiti“. Ein Traumteam mit Bush junior, dem Versager nach dem Hurrikan Katrina, was zu einer Schande für Amerika wurde – in New Orleans starben täglich Tausende, weil vom Bush-Regime Hilfsmassnahmen verschlampt wurden. Und jetzt diese Wiederbelebung von Clinton und Bush ... Ich kann es kaum fassen, strotze vor Zuversicht ... Was hat sich wohl Obama bei diesem Personaleinsatz gedacht? Provoziert er bewusst eine neue Pleite bei delegierter Verantwortung? Dass die Hilfe „langfristig“ ist, muss nicht weiter betont werden. So schnell wird Haiti die Amerikaner nicht wieder loswerden.
 
Als ob es keine Uno gebe, haben US-Truppen „vorübergehend“ das Kommando über den Flughafen Port-au-Prince übernommen, angeblich zur Beschleunigung der Hilfslieferungen. Und Hillary Clinton, die persönlich Nahrungsmittel und Wasser für das offenbar besonders Not leidende amerikanische Botschaftspersonal brachte, ersuchte die Regierung von Haiti um weitere Machtbefugnisse für die einmarschierten, schwer bewaffneten US-Truppen – die Uno scheint es wirklich nach dem bedauerlichen Einsturz des Uno-Gebäudes in Port-au-Prince nicht mehr zu geben. Der Medienmainstream bereitet die militärischen US-Aktionen durch Meldungen über Plünderungen als Ausnützung einer Notstandssituation und Gewaltausbrüche vor und hat kaum noch Kapazität für Beschreibungen, wie es zu all den Elendsvierteln kam.
 
Plünderungen bringen also einen vielseitigen Nutzen. Man kann sie auch als Vorwand für Besetzungen ganz gut gebrauchen.
 
Hinweis auf Blogs mit Bezug zu Haiti
 
Hinweis auf den Kuba-Reisebericht von Walter Hess
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