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BLOG vom 08.02.2010


Staffelegg: Wo das Jura-Skelett weiss nachgezeichnet war
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein/AG CH (Textatelier.com)
 
Die gefalteten Bergzüge des Kettenjuras (Faltenjuras) verglich Charles Tschopp in seiner Landeskunde „Der Aargau“ mit aufeinander liegenden Ackerschollen. „Der Kettenjura gilt als schönstes, auf der ganzen Erde selten so klar erhaltenes Beispiel eines Faltensystems, und zwar einer sogenannten Vorlandfaltung“, fügte er noch bei. Er kam allerdings nicht umhin, diesen Superlativ für den Aargauer Jurateil etwas zu relativieren, weil hier durch die Verwitterung die Gewölbescheitel aufgebrochen und die Falten zerrissen sind – 2/3 bis 3/4 der Substanz sind im Verlaufe der Erdgeschichte abgetragen worden, so dass der heutige Jura eigentlich nur noch das Skelett dessen ist, was er einmal war.
 
Im Winter, wenn etwas Schnee die Landschaft aufhellt und das Bild mitgestaltet, ist die jurassische Skelettstruktur kunstvoll nachgezeichnet, wie ich bei einem Nachmittagsspaziergang auf der Staffelegg am 04.02.2010 beobachten konnte. Ich hatte die Kantonsstrasse Aarau‒Frick auf der Passhöhe (ganze 621 m ü. M) verlassen, auf die Linkskurve verzichtet und folgte geradeaus der ins Schenkenbergertal führenden Strasse bis zum grossen Parkplatz auf 660 Höhenmetern. An eine Metallstange bei Birken sind dort oben 8 gelbe Wanderwegweiser montiert (z. B.: „Brugg 3 Std. 45 Min.“, „Lenzburg 3 Std. 25 Min.“, „Küttigen 1 Std. 30 Min.“), die das Bewusstsein vermitteln, dass man sich in einem attraktiven Wandergebiet befindet. Und falls jemand schwer von Begriff sein sollte, ist gleich nebenan eine Karte „Wanderland“ montiert, auf der ein ebenso dichtes wie verzweigtes Netz von ausufernden Wanderwegen in Rot eingezeichnet ist.
 
Die Landschaft zwischen der Wasserflue im Westen und der Gisliflue im Osten bietet ein grandioses Schaustück. Die Sicht reicht übers Schenkenbergertal hinaus bis zum Chestenberg-Ausläufer und bis zur Lägern, wo der Jura sich in den Boden verkriecht. Im Norden liegt der nahe, felsige bis bewaldete Hügelzug Hard und im Süden der Homberg, hinter dem sich Küttigen und Biberstein verstecken. Die beiden Hügel gestalten diese Passlage zur Mulde, die sich auf beiden Längsseiten breit öffnet.
 
Ich veranstaltete auf der Staffelegg so etwas wie eine Sternwanderung, um die Sicht nach allen Seiten noch leicht auszuweiten. Manchmal stapfte ich über die seit dem Vortag unter Föhneinfluss dahinschmelzenden Schneefelder, meistens über aperes Gelände und gepfadete lokale Verbindungsstrassen, die, vom Schnee befreit, ihren Asphalt zur Schau trugen.
 
In ein Schneefeld im Gebiet Rischele hatte der Wind sanfte Wellenformen modelliert. Ich sank knöcheltief ein, konnte deshalb nicht vom Winde verweht werden, und steuerte dem Strässchen unter der Egg zu, wo gerade ein älteres Ehepaar die Sonnenstrahlen aufsog. Entweder sei der Schnee zu wenig tragfähig, oder aber ich sei zu schwer, charakterisierte ich meine Lage, als ich über den Schneewalm stieg. Die Frau antwortete spontan: „Der Schnee ist schuld.“ Daraus erkennt man, dass es nette Menschen gibt. Bei der Weiterwanderung Richtung Thalheim begleitete mich ein grosskalibriger, bellender Berner Sennenhund, als Begleit- und Familienhund in hohem Ansehen, dem ich gut zusprach. Er müsse keine Angst haben, sagte ich ihm, ich beisse ihn nicht, worauf er sich etwas beruhigte und verlegen im Schnee herumschnüffelte.
 
Eine attraktive, quietschlebendige Mitsubishi-Fahrerin aus Baden mit silbergrauen Fäden im blonden Haar, einem sportlich-braunen Gesicht und schneeweissen Zähnen hielt neben mir an und fragte mich, ob sie mich etwas fragen dürfe. Selbstverständlich. Wo hier denn die Langlaufloipe zur Gisliflue sei, von der sie in der „Aargauer Zeitung“ gelesen habe, wollte sie wissen; es sei ihr etwas zu mühsam, immer in den Schwarzwald fahren zu müssen, fügte sie bei. Keine Ahnung. Diese Loipe beginne zweifelsohne beim Parkplatz, mutmasste ich, und müsse unter dem Egg-Abhang Richtung Gatter (Juraübergang zwischen Biberstein und Thalheim) vorbeiführen. Aber ich hatte weit und breit keine Langläufer gesehen – für diese war der Schnee abgefahren –, wohl aber einen Schneejogger, der sich ehrlich abstrampelte, und einige Eltern, die mit ihrem Nachwuchs auf den restlichen Schneefeldern noch ein paar Meter schlittelten und bald von der Grasnarbe gebremst wurden.
 
Erst als ich gegen die Staffelegg-Parkplätze zurückspazierte, fand ich beim oberen Abstellplatz beim Wanderwegweiser und der Fahrverbotstafel eine provisorisch montierte Karte mit dem Titel „Loipe“, mit rotem Filzschreiber aufgetragen. Dieser Langläuferweg führte tatsächlich unter der Egg dem Waldrand entlang bis ins Gebiet Gislimatt und zurück. Doch wie der Schnee war auch die interessierte Dame bereits entschwunden. Bei nachträglichen Recherchen habe ich noch herausgefunden, dass im Schnee-Fall eine weitere Loipe von der Staffelegg-Passhöhe Richtung Thalheim führt: „Loipe rund 10 km klassisch und Skating bis zur Teehütte in Oberflachs.“
 
So war jetzt bloss noch die Autofahrer-Loipe ins Schenkenbergertal zu sehen, ein schwarzes, sich im abschüssigen Gelände windendes Asphaltband, beidseitig von weiss-grauen Schneemahden begleitet und betont. Und beim Schloss Kasteln mit seinen Beschlagwerkgiebeln in Oberflachs sind etwa 10 Meter der Natursteinmauer am Strassenrand eingestürzt, eine Folge des Winters wahrscheinlich.
 
Bei meinem Rundblick studierte ich die Normbau-Bauernhöfe des Aargauer Siedlungstyps 1963 mit dem Normbergstall nach den Ideen der Schweizerischen Vereinigung lndustrie und Landwirtschaft (SVIL). Sie sind zusammen mit den an Agrar-Minarette erinnernden Silotürmen beredte Ausdrücke der Landwirtschaftsmodernisierung und -rationalisierung, zu der auch die Baukostensenkung gehört. Bis dahin hatte der Aargau zu den Kantonen mit der grössten Vielfalt an traditionellen Bauernhäusern gehört. Und dann obsiegte das Normierte, das Durchrationalisierte. Der Stall und das Wohnhaus sind getrennte Wesen, was darauf hindeutet, dass die Bauern den Kontakt zum Vieh etwas gelockert haben. Die enthornten, ohne Familienanschluss lebenden Rindviecher taten mir Leid.
 
In seinem Buch „Bözberg West“ schrieb Heiner Keller geistesverwandtschaftlich dazu: Auf dem Land sind die Bauern bisher nicht untergegangen. Untergegangen sind aber die aargauischen Bauernhäuser und die regionale Vielfalt der Baustile. Gleichmässig über den unverbauten Jura und das Mittelland verteilt präsentieren sich normierte dreiteilige Aussiedlungen. Die Kubaturen und die verwendeten Baumaterialien erinnern vielmehr an billige Industriebauten als an Landwirtschaftsbetriebe. Die in der Baubewilligung meist verlangte Umpflanzung mit Bäumen ist spärlich oder nicht vorhanden. Und so stehen sie halt regelmässig verteilt, nackt wie Werkhöfe oder Lagerhallen irgendwo in der Landschaft. Kein Aussiedlungshof kann mehr wachsen, weil ihm der Nachbar im Wege steht. Neue Landkäufe werden halt im Nachbardorf getätigt.
 
Zu den Aussiedlungshöfen gehören die Güterregulierungen mit Rundwegen. Nirgends auf der Welt gibt es so viele und so komfortable Strassen für die Bauern. Der Unterhalt steigt, weil sie nicht für die neuen Gewichte und Breiten der Milchlastwagen, der Mähdrescher und der Güllewagen gemacht wurden.“
 
Soweit das treffende Zitat. Dazu gehört auch die Ausräumung der Landschaft, mithin vor allem das Abholzen der Hochstammbäume. Auf der Staffelegg hat ein Bauer dafür einige Ansitzstangen für Greifvögel aufgestellt, damit die Mäuseplage etwas reguliert wird. Und Mäuse gibt es dort schon, wie ich an einigen frischen Humuswalmen erkannt habe. Auch die Mäuse haben den relativ kalten Winter heil überstanden.
 
Ich atmete noch ein paar Mal tief durch, genoss die frische Luft und schaute der Sonne beim Untergang zu, fuhr ins Tal hinunter und verkroch mich in meinen gut isolierten Unterschlupf. Dort stellte ich meine gewisse Übereinstimmung mit wild lebenden Mäusen fest. Auch sie sind tag- und nachtaktiv. Und wie ich aus Erfahrungen mit dem Vorratsschrank weiss: Wir fressen die gleichen Lebensmittel.
 
Hinweis auf weitere Blogs über den Jura bei Küttigen, Biberstein und Umgebung
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