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BLOG vom 30.03.2010


In Pfaffnau LU: Entdeckungen im Zeichen der Farbe Weiss
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein/AG CH (Textatelier.com)
 
Pfaffnau in der Nordwestecke des Kantons Luzern im Amt Willisau, im Grenzbereich zu den Kantonen Aargau und Bern.
 
Das Dorf: Vom Kirchenbezirk geprägt, darum herum in alle Himmelsrichtungen ausfransend.
 
Die Bauattraktion: Das (ehemalige) Zisterzienserkloster St. Urban in etwa 4,5 km Distanz vom Dorfzentrum. St. Urban gehört zur Gemeinde Pfaffnau.
 
Die Landschaft: Sanfte Hügel mit Weiden und Wäldern mit verstreuten Bauernhöfen, die kleine Weilern bilden. Man erhält das Gefühl, dass das kommunale Leitbild Früchte zeitigte: „Die Bevölkerung erkennt die Bedeutung des umweltgerechten Denkens und Handelns und wird (von der Behörde) dabei unterstützt.“
 
Der Aussichtspunkt: Chlämpe (718 Höhenmeter) südlich des Dorfs Pfaffnau. Der Blick reicht von den Freiburger, Berner und Urner Alpen bis zum Alpstein, und vom Jura treten insbesondere die Hasenmatt und der Weissenstein hervor. Im Vordergrund breitet sich eine beruhigende Landschaft mit femininen Formen aus.
 
Das Dorf
In Pfaffnau wohnen seit Herbst 2009 die Kräuterfrau, die ich auf dem Meielsgrund, der blühenden Sommerresidenz („Hüttli“) oberhalb von Gstaad, kennen lernte, Brigitte Pulfer, und ihr Mann Fredy Stäger. Sie hatten uns zu einem Abendessen eingeladen. Die freudige Zustimmung verband ich mit der Idee, mich vorgängig etwas in der dortigen Umgebung umzusehen. Sie war mir, abgesehen von einigen zufälligen Vorbeifahrten in oder aus Richtung Zofingen/Strengelbach AG, unbekannt. Fredy, inzwischen pensioniert und als passionierter Fotograf tätig, schlug vor, uns einige Besonderheiten zu zeigen – der Idealfall.
 
So trafen wir uns am frühen Nachmittag des 24.03.2010 an der Dorfstrasse 11 und nahmen zuerst einmal das Dorf Pfaffnau unter die Lupe. Das bauliche Bijou ist ohne Zweifel das Rokokopalais (heutiges Pfarrhaus) aus dem 18. Jahrhundert, das als eines der bedeutendsten Profanbauwerke des Kantons Luzern gilt, auch wenn es ganz so profan auch wieder nicht ist. Das von der bernischen Architektur beeinflusste Wohnhaus diente einst als Sommerresidenz der Äbte vom nahen St. Urban-Kloster. Auffallend ist neben den schräg wellenförmig knallrot und weiss bemalten, optisch senkrecht unterteilten Fensterläden das hohe Mansarddach mit den 2 Kaminen und den vielen hohen Lukarnen. Oben auf den beiden Breitseiten des querrechteckigen Bauwerks sind wunderschön dekorierte Dreiecksgiebel. Sie rahmen Stuckdekor aus Rocaillen (muschelförmige Ornamente), Blütengehänge und eine Wappenkartusche ein. Das opulente Haus wurde 1764/65 nach Plänen von Beat Ringier erbaut, wobei die in Pfaffnau ansässige Baumeisterfamilie Purtschert (Burtschert), deren Werken man im luzernischen und innerschweizerischen Bauwesen oft begegnet, massgebend mitwirkte.
 
Den Pfarrhausgarten beleben eine uralte, riesige, verzworgelte, verrunzelte Buche und ein Brunnen, dessen Wasser von Becken zu Becken und dann in einen Weiher abfällt.
 
Die ganz in der Nähe auf einen kleinen Hügel gestellte Pfarrkirche St. Vincentius (von Saragossa) aus den Jahren 1810‒1813 macht neben dem Rokokopalais einen eher standardisierten Eindruck, obschon auch sie von der Purtschert-Familie erbaut wurde: Hans Jakob, Josef und Niklaus Purtschert haben sie nach einem Brand 1807 erstellt. Sie repräsentiert den Typus der spätbarocken, zentralschweizerischen Landeskirchen mit einem roten Spitzhelm auf dem Turm. Das helle Innere der Hallenkirche ist mit den üblichen Szenen wie Mariahilf, Stationenbildern und dem Kreuz tragenden Christus neben Stuck-Hängegirlanden ausgestattet.
 
Neben der Kirche sind die Antoniuskapelle, der steinerne Bau der Kornschütte (Zehntenhaus, wo das Futter für die Klerikalen abzuliefern war), der Friedhof, in dem man gebeten wird, für verstorbene Pfarrherren zu beten. Ich hatte das Gefühl, dass es die lebenden Pfarrer – ganz im Allgemeinen – momentan mindestens ebenso nötig hätten.
 
In der Gemeindekanzlei wurde ich von Gemeindeschreiber Markus Stirnimann in freundlicher Weise mit umfangreichen Dokumenten über Pfaffnau ausgestattet. Ihnen entnahm ich, dass Pfaffnau Ende 2008 total 2121 Einwohner hatte (Ausländeranteil: 8,5 %, wovon 1/3 Deutsche). Die CVP dominiert mit 54 % deutlich; 70,8 % der Einwohner waren Ende 2008 römisch-katholisch.
 
Das Kloster St. Urban
Und dieser Religion ist auch das Zisterzienserkloster St. Urban zuzurechnen, das auf 1194 zurückgeht. Es ist durch 2 Waldgebiete, den Chüewald und den Sagerwald, vom Dorf getrennt, und dieses Gesamtkunstwerk war unser nächstes Ziel.
 
Der Zisterzienserorden wurde 1098 von reformerischen Benediktinern gegründet. Entsprechend ihrer Lebensweise entstanden Klöster mit asketisch vereinfachten burgundischen (Grundriss-)Formen, wie sie in der Frühgotik üblich waren. Das erste Kloster im heutigen St. Urban war ein Holzbau, den die lokalen Freiherren Langenstein und Kapfenberg erstellen liessen. 1246/59 wurde bereits wieder ein Neubau mit vor Ort gebrannten Backsteinen erstellt. Die zwischen 1255 und 1280 bestehende Ziegelmanufaktur war wegen der kunstvollen Reliefverzierungen berühmt. 1375 wurde das Kloster und die Kirche von den Guglern verbrannt; das waren englische und französische Söldner, die unter der Führung von Enguerrand VII. de Coucy plündernd das schweizerische Mittelland heimsuchten, ein ruchloses Lumpengesindel.
 
Das heute bestehende barocke Kloster entstand ab 1711 unter der Leitung von Franz Beer und nach dessen Tod ab 1726 von Johann Michael Beer; sie beide waren aus der Vorarlberger Bauschule hervorgegangen. Der Solothurner Abt Malachias Glutz könnte die treibende Kraft im Hinblick auf den Bau der Zisterzienserabtei mit der Klosterkirche und den Klostertrakten gewesen sein.
 
Die Klosterkirche betritt man durch das nördliche Torhaus und dann durch ein zweiflügeliges, rundbogiges Portal mit filigran geschnitzten Füllungen mit den üblichen christlichen Szenen der Gewaltverherrlichung, geschaffen von Christoph Storer.
 
Das von Licht erfüllte Innere des Klosters, insbesondere das Lang- und Querhaus mit dem weissen, plastischen Stuckgewand als Bestandteil der Architektur, ist von grandioser Schönheit; noch nie habe ich einen derart ansprechenden, unsentimentalen Kirchenraum gesehen: eine gelungene Verbindung von zisterziensischer Einfachheit und überschäumender barocker Formenpracht. Das Weiss war die Ordensfarbe der Zisterzienser. Die Emporen zwischen den Wandpfeilern haben durchbrochene Brüstungen; die Senkrechte und die Horizontale sind gleichermassen bedeutsam. Die Fenster sind farblos verglast und behindern den Eintritt des Lichts nicht. Die Helligkeit verstärkt die plastische Wirkung der Stukkaturen und des Raums insgesamt. Die reich vergoldete Kanzel, deren Schalldeckel besonders üppig gestaltet ist, versucht, das alles noch zu übertreffen. Doch das ist zusammen mit den goldverzierten Seitenaltären des Guten allzu viel.
 
Hinter dem prachtvollen Chorgitter vom Klosterbruder Rochus Frey, 1715 entstanden, ist das nicht minder imposante, 13 m lange, symmetrische Chorgestühl, das um 1700/07 unter der Leitung des Solothurner Bildhauers Johann Peter Frölicher (auch: Fröhlicher, 1661‒1723) geschnitzt wurde. Nach der Klosteraufhebung wurde es nach Schottland verkauft, wo es im Schloss Dupplin Unterschlupf fand. 1911 kaufte es die Gottfried-Keller-Stiftung zurück, und es erreichte nach dieser Irrfahrt seinen Ursprungsort wieder.
 
Diese zum Kunstwerk gewordene Sitzgelegenheit für bevorzugte Würdenträger ist mit verzierten Säulen gegliedert. Überall quellen pflanzliche und menschliche Motive und Formen hervor, welche Sinnesfreuden darstellen und auch vor sexuell animierenden Motiven nicht zurückschrecken: knackige Knaben und junge Mädchen mit knospenden Brüsten, deutliche Hinweise auf das lustvolle Klosterleben, das bekanntlich nicht immer so asketisch verlief, wie man es dem gebeutelten Volk, dem man Enthaltsamkeit predigte, weismachte. Bei der momentanen Enthüllungsserie vornehmlich aus dem pädophilen Bereich entfalten solche Darstellungen eine neue Aussagekraft, gerade auch die kleinen, molligen, spärlich bekleideten oder nackten Knäblein (Putten) , manchmal mit Flügeln ausstaffiert. Es sind häufig Erosfiguren, welche die Gegenwart von Liebesgöttern, wer immer diese auch sein mögen, erahnen lassen.
 
Der Hochaltar (1662/65 von Michael Wickart), der aus der Vorgängerkirche stammt, mutet wie ein recyclierter, überdimensionierter Setzkasten an, in dessen Behältnissen Evangelisten-Figuren mit verklärtem Gesichtsausdruck herumstehen – wie bestellt und nicht abgeholt. Auf dem hohen Hochaltarbild sind die Zisterzienser-Heiligen abgebildet, um welche weitere Heilige und die Mutter Gottes schwerelos herumschweben. Auf dem Boden vor dem Altar war bei unserem Besuch ein farbenfrohes Bild aufgestellt, wie es die Afrikaner zu malen pflegen, in das eine Kreuzigungs- und Höllenszene gemalt war, eine Zumutung für zart besaitete Kinderseelen, die in die Abgründe der religiösen Finsternis entführt werden.
 
1848 hob der Grosse Rat des Kantons Luzern mit 61:28 Stimmen das Kloster St. Urban auf, eine Folge der Niederlage der katholischen Orte im Sonderbundskrieg (1847), die auch die konservative Luzerner Regierung betraf, und der damals allgemein verbreiteten Klosterfeindlichkeit. St. Urban wurde in die Gemeinde Pfaffnau einverleibt. Das Klostervermögen benützte man zur Tilgung der durch den Sonderbundskrieg entstandenen Schulden. Die Klostergüter ausserhalb von St. Urban wurden veräussert, und 1853 erfolgte auch noch der Verkauf des gesamten Klosterkomplexes mit den 666 Hektaren Land an Marchaud und August Cunier, Direktor der Schweizerischen Nationalversicherungskasse in Bern. Nach verschiedenen weiteren Transaktionen kaufte der Kanton Luzern den verbliebenen Besitz zurück. Er errichtete hier die kantonale Heil- und Pflegeanstalt (heutiges Psychiatriezentrum Luzerner Landschaft) und baute 6 Pavillons an. Die ganze Anlage wurde ab 1988 sorgfältig renoviert.
 
Die von Umfassungsmauern eingerahmte Anlage macht, wie die ganze Landschaft des Luzerner Hinterlands überhaupt, einen ausserordentlich gepflegten, blitz-blanken Eindruck, womit im Speziellen nicht allein die Bauwerke, sondern auch der Kirchenvorplatz und der vorgelagerte Grünraum gemeint sind.
 
Zurück zur Natur
Damit hätten wir der Geschichte genügend Ehre angetan, sagte Fredy, es sei nun an der Zeit, uns der Natur zuzuwenden. Er trat mir nebenbei einige Fototips ab; ich staunte über seine aufnahmetechnischen Fähigkeiten und seinen Blick fürs gute Bild, kam mir vergleichsweise anfängerhaft vor, zumal ich die Möglichkeiten moderner Kameras nur zum Teil ausnütze.
 
Wir fuhren gegen Roggliswil, zum Bach Pfaffnere, bogen nach Süden ab und hielten im Gebiet Wasserfalle/Haueten bei einem kleinen Wasserfall an. Kalksteinfelsen stehen dort auf weicherem Sandstein, der etwas erodiert, ausgehöhlt ist. Dadurch sieht die überkragende Felswand aus, als stehe sie auf tragenden, zurückgenommenen Fundamenten – was sie ja auch tut. Ein unnachahmliches Naturkunstwerk. Fredy räumte ein grasgrünes PVC-Rohr etwas zur Seite, um die naturwaldartige Szenerie ohne diesen störenden Einfluss fotografieren zu können. Am Hang blühte das Wechselblättrige Milzkraut (Chrysosplénium alternifólium), brachte mit den gelben Trugdolden über den nierenförmigen Blättern Leuchtpunkte in den schattigen Schluchtwald.
 
Nachdem Fredy fotografiert und das Rohr an den angestammten Platz zurückgelegt hatte, führte die Reise hinauf zum Chlämpenwald („Klämpen“), wo sich die Gemeindegrenzen von Pfaffnau, Altishofen und Grossdietwil treffen. Bei der grossartigen, nur durch dem Chlämpenwald im Vordergrund eingeschränkten Rundsicht, die während unserer Exkursion etwas vernebelt war, fühlt man sich befreit, in ein weites, grünes Land, das der Feld- und Forstwirtschaft dient, einbezogen – das Abbild einer langen Geschichte. Ein Kranz von Schneebergen schirmt gegen das Gefühl von Verlorenheit ab – vielleicht einwickelte sich unsere schweizerische Igel-Mentalität unter dem Eindruck solcher Bilder.
 
Am unteren Waldrand schichteten Bauersleute gerade Stauden auf, die bis August dort liegen bleiben und trocknen, worauf daraus Schnitzhackschnitzel werden, die sich bestens zum Anfeuern eignen.
 
Daraufhin fuhren wir an einer komfortablen Feuerstelle mit einer Grillier-Vorrichtung als technisches Wunderwerk im Roggliswiler Hornwald vorbei. Wir erreichten das Burgfeld mit dem Gehöft Burg (2 km südwestlich von Pfaffnau gegen Richenthal), eine exklusive Ständer-Bohlenkonstruktion mit Laubenbalustern, und dann das prächtige Blockhaus der Jagdgesellschaft Pfaffnau.
 
Es war Zeit, zum Abendessen ins Dorf Pfaffnau zurückzukehren. Brigitte Pulfer hatte ein perfektes, über Nacht in einem Kräutermantel mariniertes Roastbeef auf den Punkt gebracht und in frischen Salat eingebettet, wozu Fredy vorgängig 3 meisterhafte, leichte Saucen schuf. Ein Twanner Rotwein machte sich sehr gut dazu. Und ein Toggel-Kaffe mit Engelwurz, Wacholder, Apfelbranntwein und etwas Amaretto und einer Rahmhaube erinnerte nach dem Essen daran, dass wir uns im Kanton Luzern mit dem Kafi Luz befanden – dies war eine Luxusausgabe davon.
 
Brigitte schwärmte von ihren Pflanzen, die sie nach der Schneeschmelze oberhalb von Gstaad wieder aufsuchen und verwöhnen wird. Bei deren Anblick – und überhaupt in der Natur draussen – sei man wie ausgelöscht, sagte sie, man empfinde nur. Bei solchen Gelegenheiten sei man nicht mehr in der Realität.
 
Auch in der geräumigen, ebenfalls vom Tageslicht durchdrungenen Wohnung in einem Dachgeschoss, das fast etwas Ähnlichkeit mit jenem des Pfarrhauses hat und das auf ein älteres Mehrfamilienhaus aufgebaut wurde, sind viele Pflanzen und keimende Samen versammelt. Darunter befinden sich ein Ginkgo und ein weniger bekannter Boldo (Peumus boldus), ein kleiner Strauch mit lederartigen Blättern, der aus Chile, über viele Umwege wohl, die übers Mittelmeergebiet geführt haben könnten, Pfaffnau erreicht hat und als Heilpflanze bei Magen-Darm-Beschwerden verwendet wird. Solch eine Heilwirkung brauchten wir nach dem feinen Mahl selbstverständlich nicht; wir konnten uns auf den Anblick des Boldos beschränken.
*
Fafanhaa. Faffena. Pfaffenach. Pfaffnau, einst mit einem eigenen Adelsgeschlecht: Phafena. So variantenreich wie die Namensentwicklung mit dem Anklang ans Pfaffentum ist das Glück verheissende Gemeinde-Hufeisen an diesem Flecken Erde. Entdeckungsreisende werden an allen Ecken und Enden fündig. Pfaffnau hat sich uns geöffnet hat wie eine duftende Blume in der Frühlingssonne – der Brigitte und dem Fredy sei für die mannigfaltigen Impulse Lob und Dank. Wenn die in Pfaffnau verbreitete Farbe Weiss mit Reinheit und Freude in Verbindung gebracht wird, kam ein neues Element hinzu: Gastlichkeit mit Naturbezug.
 
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