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BLOG vom 27.04.2010


Nur der eitle Zeus kann den Tempelhof Uffikon noch retten
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein/AG CH (Textatelier.com)
 
Heute sind sie für ihre Finanzkrise und Unterstützungsbedürftigkeit bekannt, einst für ihre Philosophie und Baukunst: die Griechen.
 
Die alten Griechen strebten in Malerei, Bildhauerei und Architektur die Vollkommenheit an. Beim Bauen reduzierte sich diese auf Stütze und Last beziehungsweise auf Säule und Gebälk – auch ein kommuner Tisch basiert auf diesem elementaren Konstruktionsprinzip. Aber da waren schon noch gewisse Finessen dabei. Insbesondere die Tempelbauten waren Höchstleistungen an technischer und formaler Vollendung, Symbole attischer, griechischer, ja europäischer Kultur, und sie wurden noch und noch kopiert. Parthenon, Propyläen, Niketempel und Erechtheion auf der Akropolis von Athen sind die berühmtesten Muster dieser alles überragenden griechischen Baukunst, Vorläufer des hellenistischen Weltstils, wobei ich mir hier die Bemerkung verkneifen will, der staatsbankrottähnliche Finanzstil des modernen EU-Mitglieds Griechenland sei auch ein solcher Vorbote ...
 
Der Luzerner Parthenon
Eine noch weiter verwesentlichte Art eines Tempels, 25 Meter lang und 16 Meter breit, steht im Luzerner Hinterland oberhalb des Dagmerseller Ortsteils Uffikon – der Tempelhof, wie die hoch gelegene Anlage hochtrabend genannt wird – sie hat schon eher einen Bezug zu den Athener Tempeln als zum gleichnamigen, 2008 geschlossenen Flughafen in Berlin. Eine neue Art von Landbewirtschaftung. Wenn man unseren Bauern, die durch das globalisierte Marktgeschehen bedrängt sind, immer wieder sagt, sie sollen in beliebige Nischen hinein diversifizieren, dann kann halt so etwas passieren.
 
Bernhard Zemp heisst der zupackende Bauer, der zusammen mit dem Künstler und künstlerischen Tempelhof-Oberleiter Werner „Wetz“ Zihlmann aus Sursee nach dem Verlassen von ausgetrampelten Kuhpfaden auf dem Uffiker Berg je 5 roh belassene Betonröhren (ohne Kanelluren = senkrechte Hohlkehlen) von je 1 Meter Länge, wie man sie liegend für Kanalisationsbauten verwendet, zu Säulen ohne Kapitell in Reih’ und Glied aufschichten liess. Der geometrisch geordnete Säulenwald, der sich im Gegensatz zu den griechischen Vorbildern nach oben nicht verjüngt, ist aber dennoch zweifellos vom Parthenon, dem grössten Akropolis-Bauwerk, inspiriert. Die Säulenversammlung ist mit einem relativ dünnen, aber massiven, 120 Tonnen schweren Betondeckel überdacht, ohne Fries und ohne Triglyphen (Dreistegen). Die nach einer Idee von Roland Heini, aus Sempach und Zürich, gestaltete Anlage beim Erlihof neben dem Chrüzberg war Ende April 2009 vollendet. Etwa 400 000 CHF kostete der Tempel, u. a. ein Resultat aufwändiger, kostspieliger Fundationsarbeiten.
 
Die Reihen aus insgesamt 99 Säulen gewährleisten immer neue Durchblicke oder aber sie schieben sich zu undurchdringlichen Wänden zusammen, je nachdem, wie der Besucher seine Position verändert. Licht, Schatten, Dunkelheit gehen ineinander über. In der Umgebung lassen sich gerade grössere Obstplantagen befruchten. Zudem beleben aus Abfallholz und Draht gebaute, zentrierte und mit zugespitztem Runddach versehene luftige, Iglu-förmige, feingliedrige, elegante Baukörper von Urs Heinrich die Wiese, worin der gelbe Löwenzahl während meines Besuchs in Vollblüte stand. 3 in Gitterkörbe verpackte, sinnlose Mauern aus Steinen, Holzscheiten und Stroh, von Pirmin Meier geschaffen, ruhen in der Landschaft, zu der auch ein grosser Naturschaugarten gehört. Als Hauptsponsor werden die Bau- und Gartenmärkte Hornbach erwähnt. Betonsuisse ist ebenfalls ein massgebender Partner. Beton ist vor seiner Verarbeitung weder schön noch hässlich. Erst der Mensch gibt ihm Form und Gestalt. Künstler haben sich – übrigens genauso wie Architekten und Ingenieure ‒ immer wieder von der Formbarkeit dieses Baustoffs inspirieren lassen.“ Dies sagte der Betoningenieur Peter Lunk bei der Tempeleinweihung vom 02.04.2009 prosaisch. Er wies auch auf andere Betonkunstwerke hin: Die „Platzgestaltung mit Sechs Betonbögen“ der Fernmeldedirektion Luzern (1991), den „Roten Ring“ (Kantonales Verwaltungsgebäude, Zug (1991), das Sursee-Relief (2001) und den Betonturm, welcher in einer Auftragsarbeit zu einem Jubiläum der Firma Hochuli in Kölliken (2002) entstanden ist.
 
Ein Gesamtkunstwerk?
Die Anlage im Erli ihrerseits wird von ihren Geburtshelfern als „Gesamtkunstwerk“ bezeichnet, was schon eher auf die Akropolis denn auf den Tempelhof zutrifft. Sie besteht einfach aus mehreren Kunstwerken, die oft einen Zusammenhang haben – oder auch nicht. Wer den Künstler Wetz auch nur vom Hörensagen kennt (wie ich), weiss, dass er sich seit 25 Jahren dazu berufen fühlt, Sinnloses zu machen, Dinge, die niemand braucht (www.wetz.ch), was einen Hintersinn nicht ausschliesst. Trotzdem werden sie gekauft.
 
Auf dem Tempelhofareal stehen unter viel anderem mehrere Skulpturen und eine 800 m2 umfassende, ausgetrocknete Lagune nach einer Idee von Ursula Stalder, ein Strandsee, fast voll mit Treibgut wie zerfallenden Ruderbooten, Plastikflaschen, Fendern (Schiffspuffern), Rettungsringen usf. Auf einer der Tafeln, die kreuzweise aufgehängt sind, liest man diese sibyllinischen Worte: „Der Wasserfall ist der Rote Faden zwischen Quelle und Meer. Ein Zweig Milchstrasse ergiesst sich aus blauem Himmel weder unbeweglich noch geronnen seltsam am Hang.“ In diesem Landwirtschaftsgebiet auf rund 700 m ü. M. mit Sicht zum Sempachersee und zu den Alpen fliessen tatsächlich nur noch wenig Milch. Dafür ist eine 12.24 kWp-Solarstromanlage auf einem Hausdach am Wirken.
 
Ich besuchte den Tempelhof (www.tempelhof-uffikon.ch), einer spontanen Eingebung folgend, auf der Reise zum Mauensee am 23.04.2010 um die Mittagszeit und hatte nicht berücksichtigt, dass das Schaustück zwischen Ostern und Weihnachten jeweils nur jeden Sonn- und Feiertag geöffnet ist. Die Anlage hat eine eigene Postautohaltestelle („Terminal 1“). Somit konnte ich die Innereien wie das Wetz-Museum in einer ehemaligen Tabakscheune neben einem Bauernhaus mit Schindeln und Klebdach, Sprossenfenstern mit grünen Läden und Lukarnen im Ziegeldach, Architektur von der guten alten Luzerner Sorte, nicht näher ergründen. Dafür stattete ich nebenan, beim Bauerhof „Tellenberg“, den langhaarigen Schottischen Hochlandrindern einen kurzen Besuch ab. Sie weideten, tranken aus einer Badewanne Wasser und kratzen sich an einer auf Rückenhöhe waagrecht montierten Bürste die Mähne und den Rücken. Ich bezog dieses Idyll gleich ins Gesamtkunstwerk ein.
 
Kunst, Kultur, Landschaft, Götterneid
Diese Tempelhof-Kunstlandschaft ist die Fortsetzung des Projekts „Kunst Kultur Landschaft“ (KKL Uffikon). Auch dieses basierte auf einer Initiative des Bauern und Grundstückbesitzers Berhard Zemp und des Künstlers Wetz. Die heute bestehende Anlage umfasst 113 000 m2 und hat es nun mit dem Baurecht zu tun bekommen. So wären Tempel in der Landwirtschaftszone eigentlich nicht gestattet, was 6 Einsprecher aufs Tapet gerufen hat. Am 27.05.2010 muss die Gemeinde Dagmersellen über eine Umzonung in eine Sonderbauzone befinden. Zeigt sie sich nicht gnädig, könnte es um einige Skulpturen, um die Lagune und den Tempel höchstpersönlich geschehen sein, das heisst, es könnte zu einer veritablen griechischen Tragödie kommen: Demontage.
 
Es ist anzunehmen, dass die Herrscher über den Uffiker Olymp jetzt zu Zeus, dem Weltenherrscher, und zu vielen anderen Göttern beten werden. Vielleicht müssten sie jetzt noch unverzüglich eine vorauseilende Prozession veranstalten (die mehrheitlich katholischen Luzerner sind darin geübt) und den Tempel ausdrücklich dem Zeus widmen, dessen Eitelkeit sprichwörtlich und selbst ihm lästig ist. Auch gegen den Götterneid müsste noch schnell und wirksam angekämpft werden.
 
Unsere Welt und unser Leben ist von Sinnlosem vollgepfercht, das aber meistens nicht als solches deklariert ist. Ob die Dagmerseller Sinn für eine deklarierte Sinnlosigkeit haben werden, wird sich weisen.
 
Nachtrag
Nein, die Sinnlosigkeit war nicht in ihrem Sinne: Am 27.05.2010 haben die Teilnehmer an der Gemeindeversammlung Dagmersellen die Änderung des Zonenplans in eine Sonderbauzone Erli in einer geheimen Abstimmung mit 235 zu 179 Stimmen abgelehnt. Das bedeutet, dass Bernhard Zemp einige seiner „Tempelhof“-Bauten abbrechen muss. Davon betroffen sind Säulentempel und auch die Installation „Lagune von Venedig“, verschiedene Skulpturen in der Landwirtschaftszone und möglicherweise der Naturgarten.
 
 
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