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BLOG vom 04.05.2010


Sissle: Wiederbelebungsinjektion für einen bedrängten Bach
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein/AG CH (Textatelier.com)
 
Die Schluchten des Yangtse in China habe ich bei Hochwasser befahren, den Jenissei in Sibirien zur Zeit der Frühlingshochwassers erlebt, den Amazonas tagelang vom Fluss aus und im Urwald drinnen bestaunt, auf dem Rajang auf Borneo (Sarawak) Ausschau nach Kopfjägern gehalten, den Rhein von Rotterdam bis Basel vom Deck aus befahren – aber den Unterlauf der Sissle (Sisslebach) bei Eiken und Sisseln im aargauischen Fricktal kannte ich nicht. Eine nur schwer erträgliche Bildungslücke.
 
Schmerzlich wurde mir dies bewusst, als ich in der „Aargauer Zeitung“ vom 06.04.2010 las, dass in diesem Bach eine grosse Schwelle umgebaut werden müsse, damit die Fische zu besseren Wanderbedingungen kämen, und zudem lasse der Kanton Aargau auch das Bachbett verbreitern (aufweiten). Da ich, genauso wie Fische, gern wandere und dies auch rein bewegungshalber tue, fuhr ich zur Park+Pool-Anlage bei der Autobahnauf- oder -abfahrt in Eiken. Pool bedeutet so etwas wie Sammelbecken (Swimmingpool), ein P+P ist also ein Ort für Motorisierte, die ihr Auto dort stehen lassen, sich mit Arbeitskollegen treffen und gemeinsam weiterfahren – es sind Anlagen im Dienste des Umweltschutzes.
 
Vom P+P in Eiken führt der Sägeweg ostwärts, zuerst einmal oberhalb der riesigen Kiesgrube Schwarb AG vorbei. Erst dann erkennt man, woher sein Name kommt: Einsturzgefährdete, hohe Bretterbeigen und hingeworfene Baumstämme dominieren das Bild; das verlassen wirkende Sägerei-Werkgebäude ist baufällig. Nördlich davon ist das videoüberwachte Aargauische Zivilschutzzentrum, bei dem einige orangefarbene Männer nach getaner Arbeit den Feierabend abwarteten.
 
Zwischen einem dichten Strauchbewuchs ist die Sissle in jenem Gebiet in ein tiefes Bett eingegraben. Die Strasse Stein AG–Laufenburg AG überbrückt den Bach im Gebiet Göttisloo, wo das turmartige Kieswerk steht. Ich folgte dem Bach rechtsufrig in der Fliessrichtung. Er ist hier etwa 5 bis 10 m breit und führte gerade wenig Wasser; wer ihn durchwatet hätte, wäre nur bis etwa auf Knöchelhöhe nass geworden. Wanderweg und Bach unterqueren bald einmal die Bahnlinie westlich der Station Sisseln. Unter den Geleisen, im Fussweg-Tunnel mit dem Rundbogen aus Natursteinen, widerhallten meine Schritte auf dem Mergelbelag wie in einer akustisch gut gelungenen Kirche.
 
Im Gebiet Bord/Grossmatt sah ich einen Bagger stehen (CAT 325D). Dort, bei einem markanten Nussbaum (Walnuss), musste die Baustelle sein. Tatsächlich war die Sissle an jener Stelle in einer leichten Rechtskurve bereits aufgewühlt. Ein Monteur des Bauunternehmens Erne schraubte mit massivem Werkzeug im Baggermotor herum, behob einen Defekt. Einige mit Kies gefüllte Bigbags aus weissem Plastik lenkten den Wasserlauf etwas gegen den linken Kurvenrand, so dass grosse Natursteine ins Bachbett eingebaut und mit Beton verfugt werden konnten. Insgesamt soll der Bach mehr Platz erhalten; Buhnen werden den Wasserlauf beunruhigen, und die Ufer werden verstärkt.
 
Man erkennt leicht, dass die Sissle nicht immer ein so harmloses Rinnsal ist, wie sie sich während meiner Wanderung präsentierte. Auf ihrer 16 km langen Reise vom Faltenjura, d. h. vom Dreierberg bei Schinznach-Dorf und Thalheim, über Bözen, Hornussen und Frick Richtung Eiken sammelt sie das Wasser eines grossen und mit Infrastrukturanlagen üppig garnierten und damit zubetonierten Einzugsgebiets ein, das bei Regenwetter zweifellos eindrückliche Dimensionen annimmt. Zudem wurde sie über weite Strecken kanalisiert, was die Überschwemmungsgefahr vergrössert. Das wurde während der wasserbaulichen Verirrungen im 19. und 20. Jahrhundert oft übersehen.
 
Auf dem Weg zum Rhein beläuft sich das Gefälle des Sisslebachs auf bloss 360 m; besonders in der Rheinebene will es einfach nicht mehr so richtig abwärts gehen. In jenem Gebiet sind denn auch die Dämme besonders hoch.
 
Zweifellos wird das in einer Art von Renaturierung begriffene Bachstück zu einem Schaustück, hat der Aargau doch in Revitalisierungsfragen tüchtige, geübte Fachleute, deren Werke sich sehen lassen dürfen. Wenn der geometrisch mit Beton, zum Glück nur ganz unten verstärkte äussere Uferrand der Sissle verschwindet, kann das dem Gewässer nur gut tun. Das Gebiet grenzt auf der anderen Seite an einen Acker an, der von einem etwa um 8 m ansteigenden Hang begrenzt ist. Dort zeigen Baugespanne, dass ein grösserer Industriebau geplant ist. Angeblich will die deutsche Rheingas eine Abfüllstation und ein Verwaltungsgebäude für einen zweistelligen Millionenbetrag bauen.
 
Vom Kieswerk bis hierhin sind die Ufer der Sissle von hohen Gebüschen gesäumt, auch anschliessend bachabwärts im Gebiet Rüteli/Leigrueben ist dies der Fall. Das Steine umfliessende Wasser und das helle Grün der erwachten Vegetation waren Attribute angenehmer Naturmalereien, die vorübergehend den Eindruck von einer heilen Welt emporkeimen liessen. Man weiss das besonders hier zu schätzen.
 
Statt unter der Devise „In der Kürze liegt die Würze“ direkt dem Rhein zuzufliessen, biegt die Sissle (aus dem Alteuropäischen Sissila = die Fliessende) im untersten Teil ihres Unterlaufs auf der Höhe des Dorfs Sisseln nach links ab, als ob sie das nördlich von ihr entstandene Wohngebiet als letzte gute Tat mit einem Erholungsraum aufwerten wolle. Und mag sie sich noch zu zieren, am Schluss kann sie nicht anders als die Schotterterrasse verlassen und im ruhigen Rhein, der hier zum Stausee des Elektrizitätswerk Laufenburg wurde, aufgehen. Der Mündungsbereich, in dem eine kubische Trafostation steht, ist wenig festlich, trostlos, und die Fliessende wird annähernd zu Stillstehenden.
 
Auf dem letzten Sissle-Kilometer sind hinter dem Kanaldamm verschiedene Wohnhäuser in vertiefter Lage, eine Art an Holland erinnernde Grachten-Atmosphäre erzeugend. Eine Anwohnerin, die ihren Blumengarten begoss, sagte mir, in den vergangenen 3 Sommern sei die Sissle jeweils vollständig ausgetrocknet; man tue dem Bach unterwegs halt vieles an. Und dann würden die Fische jeweils eingehen; vorerst noch zurückbleibende Tümpel würden bald zu warm. Und sie beschwerte sich auch darüber, dass der Damm bis auf einige wenige grössere Bäume radikal abgeholzt worden sei – jetzt machen sich die Brombeerranken breit. Der Dammunterhalt sei eine Aufgabe des EW Laufenburg, und dieses schlage jeweils mit seinen Rodungsgeräten recht ordentlich zu, um dann wieder einige Jahre Ruhe zu haben, sagte die Frau. Ich gab ihre Recht: Solche Rodungen müsste man, wenn überhaupt, etappiert vornehmen, damit nicht alle gleichartigen Lebensräume aufs Mal verloren gehen.
 
Das Fricktal war einst eine ausgesprochen bäuerlich geprägte Landschaft, wurde nach dem 2. Weltkrieg als Hinterland der Grossstadt Basel erkannt und zu einer Industrieagglomeration, in der sich Natur, Landwirtschaft, Industriekultur, Bahnlinien und Strassen aller Kategorien den Platz streitig machten. Die Sissle kam nicht ungeschoren davon. Doch die kurze Revitalisierung deute ich als Anzeichen, dass in Zukunft der Qualität des Lebensraums mehr Beachtung geschenkt werden könnte; da ist nach wie vor alles im Fluss. Davon würden die Fricktaler selber am meisten profitieren.
 
Hinweis auf weitere Blogs über das Fricktal
 
Buchhinweis
Keller, Heiner: Bözberg West. Landleben zwischen Basel und Zürich“, Verlag Textatelier.com, CH-5023 Biberstein, ISBN 3-9523015-2-3, erschienen 2005.
 
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