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BLOG vom 15.06.2010


Sondermülldeponie Kölliken: Jetzt geht’s ans Eingemachte
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein/AG CH (Textatelier.com)
 
Die Riesenhalle der Sondermülldeponie Kölliken SMDK mit dem zweitgrössten stützenfreien Dach der Welt (nach den Boeing-Werken in Seattle, USA) sieht von aussen gut aus. Die verschachtelten, horizontal verbundenen Bogentragwerke haben eine Spannweite bis zu 175 m. An ihnen ist das Dach aufgehängt. Eine technische Meisterleistung. Wagt man sich in dieses Bauwerk aus Stahlbeton auf armierten Bohrpfählen hinein – in die Lagerhalle, Manipulationshalle und Abbauhalle – staunt man, wie ordentlich es auch da drinnen aussieht. Allein dieses Schaustück kostete rund 100 Mio. CHF.
 
Der Eintritt war am 12.06.2010, dem Tag der Offenen Türen, problemlos möglich, und die Besucher konnten sich sozusagen in Sichtweite zum Sondermüll mit schmackhaften Grillwürsten aus der örtlichen Metzgerei Sandmeier, Brot, Süssmost, Kaffee und sogar Soft Ice aus der Confiserie Martin im thurgauischen Leimbach verpflegen. Der Anlass hatte dadurch eine Art Volksfestcharakter erhalten, schuf sicher guten Willen für die gute Rückbausache.
 
Die Kommunikation rund um die Altlast, für die nach heutigem Wissensstand 667 Mio. CHF aufzuwenden sein werden, klappt. Gleich beim Eingang begrüsste SMDK-Geschäftsführer Jean-Louis Tardent die Gäste einzeln. Er ist eine freundliche, pflichtbewusste Persönlichkeit, verteilte Verpflegungsgutscheine und suchte das Gespräch. Tardent hat das Debakel, an dessen Entstehung er unbeteiligt war, nun an der Front auszulöffeln, gibt sein Bestes. Er erzählte mir beim Empfang von seinem kürzlichen Besuch des Hamburger Sondermüllbergs Georgswerder, der zum höchsten Punkt der Stadt wurde und nun als über 40 m hoher Aussichtshügel dient. 7 Mio. Kubikmeter Abfall, vor allem Haushaltabfälle, darunter auch abwassergefährdender Sondermüll, haben dieses Landschaftswunder geschaffen, das selbstverständlich ebenfalls über dem Grundwasser aufgetürmt wurde. Einige Abdichtungsmassnahmen wurden getroffen; doch ein Rückbau ist in Hamburg nicht in Sicht.
 
Die 1.Etappe ist abgeschlossen
In Kölliken sind die Aussichten besser als in der Hansestadt. Bereits im Frühjahr 2008 wurde mit dem Rückbau des giftigen Materials begonnen. Das Konglomerat wurde nach Möglichkeit sortiert, analysiert und in 4200 kg schweren Spezialcontainern (Leergewicht), die etwa 25 Tonnen Material schlucken, in geeignete Entsorgungsanlagen verfrachtet, zum Teil bis nach Holland.
 
Bei der Sortierung übertrifft der Schwierigkeitsgrad die Zerlegung eines Birchermüeslis, das offen in einem Kehrichteimer offen aufbewahrt wurde, bei Weitem. Inzwischen sind 158 238 t Material rückgebaut und entsorgt, wovon 62 % in der Schweiz, der Rest in Deutschland sowie Holland. Etwa 450 000 t werden in der unmittelbar bevorstehenden Rückbauetappe 2 noch zu bewältigen sein; es handelt sich sozusagen um den harten Kern der SMDK, ums Eingemachte. Der bis 14 m hohe Abfallberg innerhalb der Halle ist vorerst noch abgedeckt. Anzeichen von Rissen in der Kunststofffolie deuten die Zersetzungskraft, die Aggressivität des darunter schlummernden Materials an. Der Haufen verbreitet aber dennoch jenen Sondermüllgeruch, der sich in meinem Geruchsgedächtnis seit meinen häufigen SMDK-Besuchen in der Einlagerungsphase in den Jahren 1978 bis 1985 fest etabliert hat; ich habe ihn auch einmal in der Waschküche eines nahen Einfamilienhauses in Kölliken erlebt; er kam durch den Abwasserablauf dort hinein. Das duftende Ausgangsmaterial ist mehr als eine Mischung des „dreckigen Dutzends“ (dirty dozen), das bei den Sondermüllfachleuten ein fester Begriff ist. Er fasst Insektizide, Fungizide, Beizmittel, Industriechemikalien und Verbrennungsnebenprodukte aller Art zusammen. Auch harmlosere Beimischungen können sich am Reizen der Geruchsrezeptoren beteiligen, bis der olfaktorische Überschwang überbordet und Brechreize auslöst. Da ich selber jahrelang in Laboratorien gearbeitet habe – Zyankali und Phenole aller Art u. a. m waren an der Tagesordnung – bin ich für Gifte besonders sensibilisiert.
 
Allerhand Flüchtiges
Nach einer solchen Umgebung mit ihren bekannten und doch schwer definierbaren Düften empfinde ich keinerlei Heimweh. Und es hat nichts mit postprofessionellem Masochismus zu tun, wenn ich gelegentlich wieder an solche Orte des Grauens zurückkehre, sondern mein Interesse am aktuellen Geschehen ist stärker als die Abneigung. Schliesslich mag ich auch keine modrigen, mit Insektiziden durchsetzten Kirchendüfte, selbst wenn noch etwas Billigweihrauch darunter sein sollte; wenn ich mich hineinwage, geschieht dies ausschliesslich aus Gründen der architektonischen und kulturgeschichtlichen Weiterbildung.
 
Die SMDK-Hallen haben gegenüber den Gotteshäusern den Vorteil, dass es darin keine Folterszenen wie Kreuzigungen gibt; das Schockierende ist hier gut getarnt und schwierig zu erkennen. Manchmal haben sich die Blechfässer sozusagen in Nichts aufgelöst, eine Erinnerung an die Himmelfahrt; nur ihr Inhalt ist noch vorhanden, wenn es zu Prozessen der Verhärtung gekommen ist. Hier ist also für einmal nicht die Seele aus der Hülle entschwunden, sondern die Hülle hat sich vom Leib getrennt, um in der sprachlichen Bildhaftigkeit zu verweilen.
 
Die zentrale 2. Etappe
Die fundamentale Rückbauetappe beginnt im Herbst 2010. Im Hinblick darauf wurde die neue Manipulationshalle mit 8000 m2 Grundfläche gebaut, was zum geplanten neunmonatigen Stillstand des Rückbaus führte. Täglich sollen im Durchschnitt 500 t Müll bewältigt werden. An 6 Andockstellen können die Chauffeure von Traxen, Baggern oder Begleitfahrzeugen (z. B. für die Probenahme) ihre Fahrzeuge besteigen oder verlassen. In den Führerkabinen herrscht ein kleiner Überdruck, Feuerlöscheinrichtungen und Vollschutzkleider mit eigener Atemluftversorgung und dergleichen sind vorhanden. Ein Kommandoraum gibt den Blick auf die Rückbaufront frei. Die Überwachung der komplexen Abläufe empfindet Robert Wydler als Höhepunkt seiner Chemiker-Laufbahn, wie er mir im persönlichen Gespräch sagte.
 
In der Manipulationshalle, womit jetzt nicht ein Grossraumbüro eines Medienunternehmens gemeint ist, befinden sich Abfüllstationen für die Transportcontainer sowie Big-Bags. Eine neue Cargo-Lokomotive mit dem herumzuschleppenden Rollmaterial steht bereit. Die Lüftung wird erweitert, neue, flexible Riesenrohre sind draussen gestapelt. Sie wird auf 215 000 m3 pro Stunde ausgelegt und endet in einer Aktivkohle-Filteranlage, die ihrerseits zum Sondermüll wird, dem ewigen Resultat der Zivilisationsgesellschaft, die ausserhalb natürlicher Kreisläufe rotiert.
 
Die Probenehmer in der Abbauhalle werden auf ihren Helmen GPS-Ortungsgeräte tragen, damit ihr Standort jeweils genau bekannt ist. Mit der Abfallanalytik befasst sich an Ort und Stelle ein Laboratorium der SGS Institut Fresenius GmbH, D-14167 Berlin, die hier 24 Arbeitsplätze schuf und pro Tag bis 600 Proben aufbereiten kann – in jedem Fall muss die Analyse binnen 48 Stunden vorliegen. Dabei interessieren vor allem die Art und Anteile der Giftstoffe, wie mir die SGS-Lebensmittelchemikerin und Laborleiterin Maren Schwalm von Fresenius erläuterte. Die genaue Produktbezeichnung und die Herkunft spielen keine Rolle mehr. Die einzelnen Untersuchungen umfassen 50 bis 120 Einzelparameter, und nach dem Auswerten des Prüfberichts wird vom Vor-Ort-Labor die günstigste Entsorgungsvariante empfohlen.
 
Erinnerungen an gestern
Bei solchen Besichtigungen schwelge ich jeweils in Erinnerungen. Die SMDK war seinerzeit sozusagen eine Aussenstation meines Redaktionsarbeitsplatzes beim seligen „Aargauer Tagblatt“, das nicht an einer Vergiftung, sondern an der Fusionitis-Pandemie starb. Ich war häufig in Kölliken und ging Hans Matter, der rudimentäre Eingangskontrollen machte, allmählich auf die Nerven; am liebsten hätte er mich wahrscheinlich ebenfalls auch entsorgt, wofür ich ein gewisses Verständnis entwickelte. Für grössere, detailliertere Eingangskontrollen des nicht-menschlichen Materials war er überhaupt nicht eingerichtet.
 
Es gab ein Koordinatennetz über dem Giftfriedhof, dank dem die Orte der jeweiligen Lagerungen des Einfüllguts kartografisch festgehalten werden konnten. Aber das Ablagerungsprozedere wurde kaum kontrolliert – am Schluss gab man wieder etwas Abdeckmaterial darüber – nach dem bewährten Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“. Der Grubeninhalt senkte, verschob sich und vermischte sich wie in einem Bioreaktor sowieso – und wer würde das schon kontrollieren? Vielleicht Archäologen des Jahres 2500, falls es dann noch Altertumskundler mit chemischen Interessen geben sollte. Wir werden sehen.
 
Der Bund sorgte dafür, dass die Deponiekosten (um 30 bis 60 CHF) pro Kubikmeter bescheiden blieben, damit wilde Ablagerungen weniger attraktiv waren. Selbst aus Deutschland wurde (z. B. von der Firma Reinger) viel Giftmaterial herangekarrt, ein Bombengeschäft, und bei der totalen amtlichen Verwirrung rund um Sinn und Unsinn war man eigentlich froh, wenn die angeblich dichte Lehmgrube möglichst bald aufgefüllt wurde.
 
Das Prinzip Liederlichkeit herrschte vor, und wenn ich jeweils in der Zeitung meine Bedenken zum Besten gab und um das Grundwasser (im obersten Teil des grössten Schweizer Grundwassergebiets) bangte, las man das zwar gern, aber die Gefahren wurden eher verwedelt, heruntergespielt. Auch die einheimische Hertha Schütz kämpfte auf beinahe verlorenem Posten. Kantonsparlamentarier wie Gretel Hoffmann, die sich ebenfalls kritisch äusserten, Einwände überprüft haben wollten, wurden von Amtes wegen ebenfalls eher belächelt – es waren ja immer dieselben bekannten Stänkerer. Bis dann die Fakten eine so eindeutige Sprache redeten, dass der Kölliker Gemeinderat zum Schutze seiner Bevölkerung und der Grundwasser trinkenden Unterlieger die Notbremse ziehen musste, die Grube schloss und das grosse Aufräumen provozierte.
 
Dieses ist jetzt im Gange und wird noch ein paar Jahre dauern, voraussichtlich bis Ende 2015. Kölliken arbeitet sich aus dem schmierigen Schlund der Lehmgrube zu einem Musterbeispiel im Umgang mit den übelsten Zivilisationsexkrementen empor. Ich habe den Eindruck, dass jetzt verantwortungsbewusste, tüchtige Fachkräfte am Werk sind.
 
Wenn dieses Kölliken nach der negativen Bekanntheit allmählich zu einem bewunderten Vorbild würde, gönnte ich dieser Gemeinde, deren grosszügige, tolerante Menschen mir immer sympathisch waren, das neue Ansehen aufrichtig: eine Auferstehung des Phönix aus dem Müll – schliesslich betreut die Firme ARGE Phoenix einen Teil des Rückbaus.
 
Die Bewunderung für die SMK-Standortgemeinde musste und muss noch weiter erarbeitet, erdauert werden. Das gute Ende ist absehbar. Der negative Begleitklang des Ortsnamens „Kölliken“ ist bereits weitgehend zurückgebaut, entsorgt.
 
Hinweis auf die Beschreibung der SMDK im Textatelier.com
 
Hinweis auf Blogs zur Sondermülldeponie Kölliken
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