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BLOG vom 24.06.2010


Genf: Das Alte, das Moderne, Mondäne, Enge und die Weite
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein/AG CH (Textatelier.com)
 
Kein andere Schweizer Stadt ist so unschweizerisch wie Genf – und umso bereichernder ist sie für das Land. Vielfalt tut immer gut, stabilisiert. Auf der anderen Seite wird die Ansicht vertreten, das kosmopolitische Genf sei die schweizerischste unter allen Städten.
 
Das Stadtbild
Um den unteren Léman-Zipfel, den Rhone-Ausfluss im weitesten Sinne, sind riesige Gebäude, die an überdimensionierte Container erinnern, ordentlich aufgereiht. Sie gehorchen, ob älteren oder jüngeren Datums, einem konsequenten, modularen Ordnungssystem, sind alle ungefähr gleich hoch und häufig mit den Schriftzügen international tätiger Konzerne versehen. Das Stadtbild, das an einen vollgestopften Frachthafen denken lässt, wirkt durch die gebändigte Monumentalität harmonisch, aufgeräumt. Ein paar Hochhäuser schauen nur aus dem nördlichen Hinterland hervor, als ob sie für den internationalen Flughafen Cointrin als Landmarken, als Orientierungspunkte, dienen müssten. Ausschweifungen toleriert das knappe Platzangebot nicht; die Flughafenpisten konnten erst nach einem Landabtausch mit Frankreich in genügender Länge gebaut werden. Bei unserem jüngsten Besuch vom 18.06.2010 glitt ein Flugzeug nach dem anderen, von Osten herkommend, der Landebahn entgegen, die Bedeutung der Stadt betonend.
 
Der Kanton Genf (Stadt und Hinterland) grenzt auf 102 Kilometern an Frankreich und auf nur 4 Kilometern an die übrige Schweiz. Auch der Zugang auf dem Landweg von der Rest-Schweiz nach Genf ist eng. Zwischen der französischen Gemeinde Ferney, einst die Residenz Voltaires, und der Gemeinde Bellevue GE ist auf Schweizer Boden ein Flaschenhals von bloss rund 2 km Breite hinterblieben, durch den sich Strassen und die Bahn zwängen müssen.
 
Im Reich des Geists
Eine andere Landmark ist der Springbrunnen, der Jet d’Eau – das Jetten (fliegend schnell den Ort wechseln) scheint eine Spielart der Genfer zu sein. Der Wasserstrahl war 1885 ein Überdruckventil einer von den Juwelieren gebauten Druckwasserleitung. Der aufschiessende Wasserstrahl, an den man sich gewöhnte, wurde als schön empfunden und ab 1891 beleuchtet. Seit 1951 ist die Fontäne in der weiten Seebucht „La Rade“ monumentaler. Pro Sekunde werden mit Hilfe starker Pumpenaggregate etwa 500 Liter Seewasser mit einer Geschwindigkeit von 200 Stundenkilometern ausgestossen – bis 140 Meter hoch hinauf, wenn der Wind mit nicht mehr als 20 km/h vorbeibraust. Man sagt, Genf liebe es, himmelwärts, ins Reich des Geists, aufzustreben, zu dem selbstredend auch das abstrakte Finanzsystem gehört, das sich inzwischen vom Boden der Wirklichkeit abgehoben hat und sich in irgendwelchen Höhen verliert. Das Handfeste war einmal: Aus dem Sand der Rhone und der Arve, welche sich etwa 1,5 km unter dem Rhone-Ausfluss mit dieser vereinigt, wurde früher in handwerklicher Manier Gold gewaschen, woran der Quai des Orpailleurs (Goldsucher) in Carouge erinnert.
 
In Genf wuchs der Bankier Jacques Necker (1732‒1804) auf, der unter Louis XVI. Finanzminister wurde, was gewiss mehr als die Goldsucherei einbrachte. Seine Tochter Germaine (Madame de Staël) beeinflusste die französische Romantik und brachte es ebenfalls zu Weltruhm; sie wohnten in Coppet VD am Genfersee.
 
Weltblick
Die Internationalität war schon immer ein Markenzeichen von Genf, wo Henry Dunant das Rote Kreuz ansiedelte und sich ein grosser Teil der Uno-Verwaltung (ehemals der zum Scheitern verurteilte Völkerbund) niederliess, lange bevor die Schweiz den Vereinten Nationen beitrat. Der französische Diplomat Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord (1754‒1838) bezeichnete Genf einmal als einen von 5 Erdteilen – neben Europa, Asien, Afrika und Amerika. Auch wenn die Schweiz aus Genfer Sicht mit ihrer Standhaftigkeit gegen globalisierende Zusammenschlüsse etwas zugeknöpft erscheinen mag, gibt es in Genf doch keinerlei separatistische Bestrebungen, oder gar den Wunsch, sich an Frankreich anzuschliessen. In der Umgebung sind eher gegenteilige Tendenzen zu beobachten: Eine Mehrheit der Bewohner von Savoyen – 55 % nämlich – möchten Paris den Rücken kehren, unabhängig werden (40 %) oder sich der Schweiz anschliessen (14 %), wie eine Umfrage von „Le Dauphiné Libéré“ im April 2009 ergeben hat. Italien ist weit weniger begehrt (1 %).
 
Im Buch „Genève doit-elle rester suisse?“ hat der Journalist Michel Baettig 1986 die provokative Frage nach Abtrennung gestellt und bei seinen Recherchen neben Enttäuschungen über die Schweiz auch versteckte Liebeserklärungen ausgemacht. Seit 2002 repräsentiert ja Micheline Calmy-Rey den Kanton Genf im Bundesrat, verfolgt eine „aktive Neutralitätspolitik“, die sie bis nach Nordkorea führte und – nachdem die Genfer Polizei mit der überfallsmässigen Verhaftung von Hannibal Gaddafi eine aktive Verhaftungspolitik betrieben hat – in die Löwenhölle Libyen führte, um den als Geisel festgehaltenen BBC-Ingenieur Max Göldi nach Hause zu begleiten, der den Genfer Verhaftungseifer auszubaden hatte.
 
Genf hat also viele Facetten, wozu auch der grosse Landwirtschaftsgarten im Hinterland und der Jardin Anglais (der Englische Garten) in der Nähe der Fontäne gehören. Am Eingang stehen die Bronzestatuen von 2 weiblichen Gestalten, die zeigen, wie die Schweiz die Stadt Genf beschützt, nach wie vor. Und der Brunnen der 4 Jahreszeiten schickt seine Wasserstrahlen der Mitte entgegen. Die grosse Blumenuhr mit dem Durchmesser von 4 Metern neben uraltem Baumbestand tickt zurzeit im Zeichen der Biodiversität mit Mohn, Rittersporn und Arnika.
 
La Vieille-Ville
Die Altstadt schliesst sich südlich der Parkanlagen gleich an. Sie ist intensiv belebt, aber ohne Hektik. Über die Rue de la Fontaine kann man hinauf zum Justizpalast, ehemals ein Krankenhaus und Asyl, und zum Hotel de Ville wandern. Dieses „Hotel“, das zwischen 1470 und 1707 in mehreren Etappen erstellt wurde und ein entsprechend komplexes Bauwerk ist, dient heute als Rathaus (Hausnummer 2). Eine Rampe verbindet die verschiedenen Stockwerke. In seinem Renaissancehof finden im Sommer jeweils Konzerte statt. In diesem Haus wurde Geschichte geschrieben, weil hier am 22.08.1864 das erste Abkommen des Roten Kreuzes, die Genfer Konvention, unterzeichnet wurde, eine wichtige Grundlage des humanitären Völkerrechts, das heute insbesondere von den USA sträflicher denn je missachtet wird, vor allem was den Schutz von Zivilpersonen bei Kriegen, die der Energiebeschaffung dienen, anbelangt. Wenn’s drauf und dran kommt, ist der Nutzen solcher Papiere also klein.
 
Aber eine Zitadelle der Reformationen war Genf schon alleweil; das Musterbeispiel dafür lieferte Johannes Calvin (1509‒1564), der in Genf das religiöse und politische Chaos auszumisten hatte, Genf im umfassenden Sinne des Worts reformierte. Und die Stadt blieb konsequent und vollzog auf der Grundlage einer Volksabstimmung von 1907 die konsequente Trennung von Staat und Kirche, befreite sich vom Einfluss mächtiger Religionen, ein sonst noch kaum erreichtes Vorbild.
 
Die Genfer sind auf der Höhe, wie ihre Altstadt auch, zu einem guten Teil Höhepunkte des alteingesessenen Patriziertums. Beim Rathaus und der Kathedrale St. Peter ist die Place Bourg-de-Four, eine Öffnung in der Altstadt, die auch von Antiquitätengeschäften, Kunstgalerien, Cafés usw. umgeben ist. Hier war einst das römische Forum. Tische und Stühle standen unter farbigen Sonnenschirmen, und ich konnte nach den Strapazen im „Angoletta“ genannten Freiluftcafé ein frisch abgezapftes Bier gut gebrauchen. Ein Klarinettist spielte mit Inbrunst auf seiner Klarinette Fragmente aus dem mexikanischen Revolutionslied „La Cucaracha“ (Die Küchenschabe). Von den Gästen am Nachbartisch wurde er weggeschickt, während ich dem wohlbeleibten Musikanten ein 50-Rappenstück in die Büchse warf; er verfolgte genau, welche Dimension die Münze hatte. Ich dachte, Spieldauer und musikalische Qualität berücksichtigend, das müsse wohl genügen, hatte bei der Festsetzung des Betrags noch einen Abzug für die Störung unserer angeregten Unterhaltung gemacht.
 
Etwas unterhalb des Platzes (Bourg de Four 32) fand ich auf der Flucht vor weiteren Musikeinlagen die Librairie Jullien, wo ich den „Stadtführer Genf“ ergattern konnte – deutschsprachige Bücher über diese Stadt sind rar, und ich war froh, darin einige Angaben zu finden, die ich in diesen Bericht einverleiben konnte.
 
Man könnte stundenlang durch die Altstadt gehen, und auf Schritt und Tritt wird man mit berühmten Namen und Objekten konfrontiert, wie der berühmten gewundenen Säule (Colonne) von Max Bill (1966) und die nach Ferdinand Hodler und Henri Guisan benannten Strassen. Jean-Jacques Rousseau, Sohn eines Uhrmachers, hinterliess hier ebenfalls bedeutendere Spuren als sonst irgendwo, schwor dem Katholizismus ab und initiierte sozialistische Ideen.
 
Auf dem höchsten Punkt der Genfer Altstadt thront die Cathédrale de St-Pierre. Sie wurde zwischen 1150 und 1232 erbaut und immer wieder abgeändert. Die dreischiffige Pfeilerbasilika zeigt den Übergang von der Romanik zur Gotik. Mit dem Anbau eines klassizistischen Säulenportikus wurde im 18. Jahrhundert der Einsturz der Hauptfassade verhindert. Die gotische Makkabäer-Kapelle aus dem frühen 15. Jahrhundert gilt als schönes Beispiel des Flamboyantstils (verdeutscht: Flammenstil), der wegen der flammenartigen Form ihres Masswerks so heisst; man findet ihn in der französischen und englischen Spätgotik.
 
Zweifellos flammende Reden hielt Jean Calvin während 20 Jahren hier von ihrer Kanzel aus die Abkehr von Rom predigte und mit dieser Fleissarbeit die calvinistische Reformation einleitete. Der in der Nähe stehende Temple d’Auditoire aus dem 15. Jahrhundert diente Calvin und auch Théodore de Bèze (1519‒1605) als theologisches Auditorium (Hörsaal).
 
Die Halle de Rive
Da der Mensch aber nicht von Zuhören allein lebt, machten wir uns auf die Suche nach einer Zwischenverpflegung; die Zeit für ein ausgiebiges Essen kann man in einer derart inspirativen Umgebung nicht aufbringen. Am unteren Ende des Boulevard Emilie-Jacques-Delacroix, wo der Vorgänger aller Verkehrskreisel, der Rond-point de Rive, ist, entdeckte meine Tochter Anita mit sicherem Gespür für Delikatessen die Halle de Rive et Marchés. Hier findet man alles, was die Genfer Erde hergibt – und noch viel mehr, auch frische Comestible-Produkte, frische und verarbeitete Fische, Käse, Wurstwaren, Gebäck usf., Delikatessen aller Art. In der Charcuterie Bulliard wurde ich von einer eleganten Genferin ausgesprochen liebenswürdig bedient; sie gab mir verschiedene Traiteurartikel zum Probieren, interessierte sich für deutsche Ausdrücke, und ich deckte mich für den nächsten Tag mit ihren Spezialitäten wie Pasteten, Fisch-Tomatenkuchen und Fisch-Frikadellen ein. Auch bei den von Urs gefundenen iranischen Süssigkeiten schlugen wir tüchtig zu: Gebäck, manchmal im Fett ausgebacken, mit von Rosenwasser parfümiertem Zuckersirup, Honig, Nüsse – Kalorienbomben von der angenehmsten Art aus Arabien.
 
Auf dem See von Genf nach Nyon
Doch es eilte. Im Jardin Anglais mussten wir um 18.45 Uhr das Schiff nach Nyon erreichen, den alten Schaufelraddampfer „Savoie“, der bis 800 Personen schlucken kann und seit 1916 seinen Dienst versieht; allerdings wurden 2006 rund 10 Millionen CHF in Revisionsarbeiten gesteckt. Da wir mit Erstklassbilletts ausstaffiert waren, konnten wir uns im Oberdeck breitmachen, wobei ich den Freiluft-Heckteil als Aussichtsplattform wählte.
 
Die Laufbrücke wurde zurückgefahren und an einer Abschrankung befestigt. Das Nebelhorn ertönte, und die Schaufelräder, die dem Schiff Standfestigkeit geben, bewegten das Schiff fast lautlos aus dem Hafen. Die Schaufeln zogen regelmässige, aufschäumende Muster ins dunkelblaue Wasser. Schwarze, blau durchlöcherte Wolken bildeten im Süden eine dekorative Wand über dem Grand Salève; gegenüber, wo der Jura mit dem Colomby de Gex und dem Crêt de la Neige die Kulisse bildet, fand die Abendsonne gelegentlich einen Durchschlupf.
 
Die Gewitterstimmung sorgte für ein Zwiegespräch zwischen Licht, Wolken, Seewasser. Die Stadt mit den Requisiten für ein globales Publikum, die den See im Süden wie eine Zange umfasst, wurde, aus zunehmender Distanz betrachtet, zum schmalen Band; der Jet d’eau schrumpfte. Der vollgepferchte Yachthafen mit den schwankenden Masten war eine vorübergehende Episode. Mit dem gewaltigen Palast der Nationen am rechten Seeufer bäumte sich der Kosmopolit Genf noch einmal mächtig auf ... und wir fuhren der Schweiz entgegen ... Urs lobte die Topographie, die beidseits des Genfersees ausgedehnte Flachzonen besitzt, die nur langsam, Stufe um Stufe, ansteigen und die steilen Abhänge von Salève und Jura in Distanz halten, als ideal. Auch hier ist die Offenheit ein Merkmal.
 
Der See mache die Menschen an seinen Ufern gesellig, schrieb ein Dichter der Romandie, Charles-François Landry, er schenke ihnen Weisheit. Er mache traurig, wenn wir hochgemut seien, erhebe und ermutige uns, wenn wir uns müde fühlten. Wir liessen uns ermutigen. Die gefürchtete „Bise noire“ blieb aus, nur ein paar zählige Regentropfen streiften uns für eine Minute.
 
Versoix, Coppet, Nyon
In Versoix, Coppet und Nyon legte das Schiff kurz an – Bilderbuchorte mit glorreicher Vergangenheit an der Côte Suisse, die wie ein Prospekt zu einem längeren Aufenthalt einluden. Sie drängten sich als für mich neue Exkursionsziele geradezu auf – dannzumal auf dem Landweg. Neben den Ortskernen sind Landsitz an Landsitz mit Lusthäuschen. Patrizierhäuser. Und auf der Savoyer Seite wird es zwischen Hermance und Yvoire urtümlicher, bis zum Rand des auftrumpfenden Thonon-les-Bains.
 
In Nyon mussten wir das Schiff verlassen und hatten 20 Minuten Zeit, hinauf zum „Cordon“ mit dem renovierten Schloss, das von der Ostseite zuckerbäckerisch anmutet, in die Stadt und zum Bahnhof zu wandern. Dieses Nyon ist mir gut bekannt, auch das Schlossinnere, das unter anderem an den wohl menschenfreundlichsten und liebenswürdigsten unter allen Berner Landvögten erinnert, an Karl Viktor von Bonstetten. Und man glaubt den Klangzauber des hier geborenen Komponisten und Klavierpädagogen Alfred Cortot (1877‒1962) zu hören.
 
Der Bahnhof, la Gare, ist prosaischer, und im Zug gegen Lausanne und Bern hatten wir noch einmal die obere Etage eines Wagens zur Verfügung. Als wir in Lausanne gegen Norden drehten und die Genferseelandschaft hinter uns liessen, breitete sich, nahe beim längsten Tag, die Nacht langsam aus. Das bot uns die Musse, in uns zu gehen und über diese Romandie zu sinnieren, die man wegen ihrer Einzigartigkeit und Eigenständigkeit fast zwanghaft immer wieder besuchen muss.
 
Manchmal gibt einem dieses Welschland schon zu denken. Und ein Ende dieses Tuns ist nicht abzusehen. Auf einen Nenner bringt man es mit dem besten Willen nicht.
 
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