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BLOG vom 01.07.2010


Bewegung und Bewegungsmelder rund ums Schloss Hallwil
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Wir Hochzivilisierten stehen unter Dauerbeobachtung und Dauerlärm – und manchmal stellen sich beide Erscheinungen gleichzeitig ein. Zu den momentanen Lärmquellen gehört das Tröten der Vuvuzelas, die auch Lepatata oder Tröten genannt werden, klangvolle und unangepasst wohlklingende Namen, die „Krach machen“ bedeuten. Es sind Röhren, meist aus Hartplastik, mit einem Trichtermundstück auf der einen und einem konischen Schalltrichter auf der anderen Seite. Diese Instrumente sind nur für wenige Töne geeignet, aber umso lautere, gehörschädigende gar. Im Bündnerland gab es solche Hirtenhörner, Tiba genannt, schon seit Menschengedenken. Alphorn-Vorgänger.
 
Die Horrortröten sollen als Begleitinstrumente der Fussball-WM in Südafrika dienen, erfuhr ich sinngemäss aus dem köstlichen Blog vom 13.06.2010 (Fussball-WM (1): Nervtötender Furzton aus der Vuvuzela) aus der Feder von Heinz Scholz. Persönlich habe ich nicht stark unter diesem Höllenlärm gelitten, da ich nicht daran interessiert bin, wer wie viele Goals schiesst bzw. wie viele davon Schiedsrichter nach freiem Ermessen zulassen oder auch nicht.
 
Am Abend des 25.06.2010, als die Schweizer Nationalfussballer im Spiel gegen die Mannschaft aus Honduras gerade keine Goals schossen, habe ich in der Stille unter der Pergola den 4. Teil des „Handbuchs der Kunstgeschichte“ von Anton Springer gelesen, das 1896 erschienen ist. In diesem Werk ist ein Kupferstich von Hieronymus Bosch abgebildet: „Christus auf dem Wege nach Golgatha“. Am linken Bildrand ist eine mit einem Kopftuch und einem rockartigen Gewand umwickelte Gestalt mit einer leicht nach oben gerichteten Vuvuzela himmelschreiend am Tröten – Form und Dimension des Blasinstruments stimmen genau mit den heute handelsüblichen Lärminstrumenten überein. Boschs Werk stand im Dienste der Kirche und zeigte, wie Abtrünnige mit grellen Höllenstrafen bedroht werden. Kein Wunder, dass solche wieder über uns hereinbrachen.
 
Somit schlitterte ich also trotz meiner strikte eingehaltenen Fussball-Abstinenz dennoch in eine Welt hinein, in der mit Bestrafungen wie Vorzeigen farbiger Karten, Lärmterror und dergleichen unmenschlichen Attacken gearbeitet wird. Und am Samstagnachmittag, 26.06.2010, wurde ich, über dieses Elend hinaus, selber Opfer einer Lärmangriffs, der mir durch Mark und Bein ging. Wie es dazu kam, sei hier im grösseren Zusammenhang geschildert.
 
Die Schifffahrt auf Bächen und Flüssen
Im Rahmen eines Besuchs im Aargauer Seetal verlockten mich transparente Stoffflaggen am Strassenrand zu einem Besuch der Ausstellungen über alte Mühlen und Warentransporte auf Flüssen („Reisen und Transportieren“) in der Mühle des Wasserschlosses Hallwyl. Dieses und ein weiteres Bauwerk ist durch die Strasse Boniswil‒Seengen vom Schloss abgetrennt. Daran fliesst der Aabach, der Ausfluss aus dem Hallwilersee, vorbei. Die Herren von Hallwyl nutzten dessen Kräfte bereits um 1450 zum Betrieb einer Mühle, einer Hanfreibe und vielleicht auch einer Sägerei. 1804 wurde hier zudem eine Ziegelhütte errichtet, weil es in der Nähe Lehmgruben gab. Für den Antrieb von Mühle, Säge und Reibe liefen in einem speziellen Kanal zeitweise 6 Wasserräder. 1913 liess Walter von Hallwyl die Ziegelei und die Sägerei abreissen, weil sie die das Schlossensemble optisch beeinträchtigten.
 
2003 wurde an der Stelle, wo wahrscheinlich schon im 14. Jahrhundert die Wirtschaftsgebäude wie eine Scheune der Mühle standen, auch ein 1957 über dem Mühlekanal errichteter Bau abgerissen und ein Ersatzbau in den Ausmassen der älteren Scheune erstellt. In diesem Holzbau findet zurzeit die Ausstellung über das menschliche Reisebedürfnis und die Warentransporte statt, einst beschwerliche Unterfangen. Die Strassen waren schlecht; Räuber lungerten herum, und die Herbergen hatten einen schlechten Ruf. Die Tagesleistung zu Fuss oder mit dem Ochsenkarren betrug um 1550 unter solchen Umständen 30 bis 40 Kilometer. Mit Pferden oder Schiffen aber wurden 100 km und mehr bewältigt. Schiffe galten als einfachste, effizienteste und oft sicherste Fortbewegungsmittel, und selbst kleine Flüsse waren im Mittelalter schiffbar; eine Mindesttiefe von 30 cm reichte offenbar aus. Allerdings kam es auf den Gewässern auch immer wieder zu Unglücksfällen; Schiffe zerbarsten etwa beim Zusammenprall mit einem Brückenpfeiler oder brachen aus anderen Gründen auseinander.
 
Die Herren von Hallwyl und ihre Untertanen haben nicht nur den Hallwilersee, sondern wahrscheinlich auch den Aabach befahren. Weil Schiffe aber nur flussabwärts fahren konnten und von Menschen und/oder Pferden wieder hinaufgezogen werden mussten (diese Arbeit hiess treideln), wurden viele Kähne am Zielort als Brennholz verkauft, und oben baute man neue, solange es genügend Holz gab.
 
Im Hallwiler Scheunenneubau ist jetzt ein stattlicher Kahn aus Holz ausgestellt, den der Archäologe Nils Lithberg 1911 aus dem Schlamm des Schlossgrabens geborgen hat. Das Schiff dürfte aus dem 16. Jahrhundert stammen und konnte 26 Personen mit Gepäck oder verschiedene Güter wie Sand, Kies, Steine, Salz, Weinfässer usf. aufnehmen. Mit Rudern und Stacheln wurde es bewegt und gelenkt, sicher vor allem auf dem See.
 
Das Ausstellungsobjekt
Bitte nicht berühren“, steht auf einem massiven Fichtenholzbrett, das sich vom mehr als 10 m langen Schiffsrumpf etwas gelockert hat, ein vernünftiger Hinweis. Ich setzte einen Fuss auf den leicht erhöhten Betonboden, um auch das Schiffsinnere mit den natürlich gewachsenen Eichen-Krümmlingen zur Stützung der Seitenplanken fotografieren zu können, ohne das Schiff zu berühren. Doch bereits durch diese behutsame Annäherung setzte ich eine fürchterlich heulende, pfeifende Signalanlage in Betrieb, die Vuvuzelas noch zu überbieten suchte. Was hatte ich da nur angerichtet! Die Anlage verstummte bei meinem Rückzug, und ich erwartete, nun die gesamte Leitung des Schlosses Hallwyl, einschliesslich des Sicherheitsdiensts, persönlich kennenlernen zu dürfen. Doch kein Mensch erschien. So blieb ich vor einer Strafe verschont, wofür ich dankbar war; denn ganz in der Nähe, am Waldrand gegen Seengen, ist ein alter Richtplatz mit 4 Linden und einem abgeschrägten, mit Flechten bewachsenen Findlingsstein mit 3 eingemeisselten Wappen, aber ohne Halseisenstock und ohne Galgen. Dennoch ist er abschreckend genug.
 
Wo sich Mühlenräder drehten
Im restaurierten Mahlraum das Schlosses ist dargestellt, wie Wasserräder und die Mühlen, die 1346 erstmals erwähnt wurden, funktionierten. Ich wagte zwar kaum noch, lebhaft herumzuschauen, aus Angst, ich könnte wieder irgendeinen Alarm auslösen ...
 
Die Wasserräder, mittelschlächtige Kropfräder (das Wasser floss über eine gekröpfte Kante auf die Schaufeln, womit Stoss und Gewicht des Wassers kombiniert wurden), mussten 1898 einer Girardturbine Platz machen. Diese wurde entfernt, als man die Mühle 1925 stilllegte. Dafür erhielt das Radhaus an der Aussenfassade ein grosses Wasserrad, dessen Nachfolger sich heute noch dreht – eine blosse Dekoration. Einige Mühlen, Mühlsteine und Mahltische aber sind innerhalb des Mühlengebäudes vorhanden, und der Besucher erhält gute Informationen über den Vorgang des Getreidemahlens, über den festen Bodenstein, über dem sich der Läufer, ein schwerer, eingekerbter Mahlstein, bewegt.
 
Dem Aabach entlang
Der Läufer bewegt sich ... Ich liess mich inspirieren und wollte mich unter die Läufer mischen. So folgte ich dem Aabach linksufrig gegen Seon, der zwischen Sträuchern und Bäumen versteckt ist. Die an den Waldsaum („Oberschlatt“) angrenzende Wiese war frisch gemäht, so dass ich dort mit den Wanderschuhen keinen Schaden anrichten konnte. Bei der Kläranlage Hallwilersee überquerte ich den Bach und folgte ihm auf einer schattigen Waldstrasse am rechten Ufer.
 
Die 1963 erbaute mechanisch-biologische Kläranlage auf Seenger Boden, der das Abwasser über eine Gabelleitung zufliesst, macht einem sauberen Eindruck. Sie wurde 1986/87 für die Schlammbehandlung ausgebaut. Das Regenbecken war leer, ein dezenter, süsslicher Geruch trotz der Sommerhitze kaum wahrnehmbar. Wie Gemeindewappen beim Eingang lehren, dient die Anlage den Aargauer Gemeinden Beinwil am See, Birrwil, Boniswil, Dürrenäsch, Fahrwangen, Hallwil, Leutwil, Meisterschwanden und Seengen, ebenfalls Niederschongau LU.
 
Im Schlattwald ist ein Uferweg angelegt, wie er zum Hochziehen der Schiffe einst nötig war. Die übrigen Land- und Forstwirtschaftssträsschen befinden sich in grösseren Distanzen von einigen hundert Metern. Man ist hier in einem Gebiet, das früher ein Sumpf war und kaum besiedelt werden konnte. Das Feuchtgebiet reichte vom unteren Hallwilersee-Ende bis zur Endmoräne in Seon (Bezirk Lenzburg). Die Zweizeiligkeit der Dörfer im Seetal war eine Folge des Sees und dieses anschliessenden Sumpfs. 1720 kehrte die Baumwollweberei in diese Orte ein.
 
Der Aabachweg bis zum Punkt 444 war erholsam, die Luft verhältnismässig kühl – ausserhalb davon wurden bis 30 Grad C gemessen. Waldesruhe, wie sie die Lyriker immer wieder besungen haben. Das Aabachwasser in dem rund 3 Meter breiten Bett zog kraftvoll vorbei, war nur leicht schneller als ich. Bei Bedarf hätte ich mithalten können.
 
Das Waldfest der Aabach-Sänger
Beim erwähnten Punkt 444, etwa 30 Gehminuten vom Schloss Hallwyl entfernt und schon fast auf der Höhe von Egliswil, zeigten Wegweiser gegen Nordosten: „Waldfest“. Ich folgte ihnen. Ein paar Autos standen herum, die für den Zubringerdienst nötig waren, und zunehmend hatte ich das Gefühl, mich dem Musikantenstadel zu nähern. Ich wäre nicht überrascht gewesen, dem sympathischen Andy Borg zu begegnen.
 
Die schmissigen Volksklänge wurden lauter, als ob ich mich nach Oberkrain, ins Zillertal beziehungsweise in die Steiermark verirrt hätte. Zwischenhinein wurde die Musik unterbrochen und eine sonore Lautsprecherstimme sagte: „Nr. 302 isch fertig.“ Das bezog sich auf Menu-Gutscheine, die man an einer Kasse kaufen konnte; des Essen war angerichtet. Die Fischportionen waren gewaltig, wie ich am Nachbartisch beobachten konnte.
 
In einer Waldlichtung waren ein grosses, verwinkeltes Zelt aufgestellt worden, und lange Tisch- und Bankreihen luden ein. Hier wirteten die Aabach-Sänger aus Hallwil, die im Übrigen der Sangeskunst seit 1842 frönen, wie ich auf einer Fahne gelesen habe. Auf dieser tanzen ein Violinschlüssel und Noten vor der Schlossfassade; daneben ist ein Palme mit gelben Früchten, dem Hallwil-Wappen entnommen, abgebildet. An einem Kiosk verkauften Frauen hausgemachtes Gebäck. Ich trank ein Bier und nahm ein grosses, saftige Rüeblikuchen-Stück mit Zuckerguss und 2 Marzipan-Karotten (Rüebli), das mir eine nette Frau transportgerecht verpackt hatte, mit auf den Weg. Die Preise waren höchst anständig, und als Gast fühlte man sich willkommen.
 
Bewegung im Schlattwald
Durch den Wald namens Schlatt bewegte ich mich zum Schloss zurück. Das aus dem oberdeutschen Sprachraum stammende Wort Schlatt bezeichnet u. a. ein feuchtes oder sumpfiges Gelände – aber ich versumpfte nicht. Anderweitig wird das Namenwort auf Waldschlag zurückgeführt, weshalb es häufig ist. Der mit wenigen Fichten durchsetzte Laubwald zeugt von einer einfühlsamen Art waldbaulicher Bewirtschaftung.
 
Solch ein angenehmer Wald nimmt eine Erholungsfunktion wahr. Wohl deshalb hat sich hier ein Helsana-Trail eingenistet, also nicht etwa ein Pfad, sondern ein Trail, den man im Winter wahrscheinlich nicht pfadet, sondern traillert. Er lehrt das Nordic Walking (und nicht etwa das nordische Gehen) und das Running (und nicht etwa das Laufen). Hinweistafeln geben bekannt, wie das geht: Beim Bergab-Running hat man für eine leichte Rücklage zu sorgen – doch hier war alles ziemlich eben. Beim Bergauflaufen muss man sich leicht nach vorne neigen und die Schritte etwas verkürzen, was man ohnehin tut. Und ich fragte mich, wie denn unsere Altvorderen gewalkt haben – und das sogar ohne Stöcke –, als es noch niemandem einfiel, sie in dieser angeborenen Fähigkeit zu unterrichten. Zudem konnten sie noch kaum englisch, und sie bewegten sich doch.
 
So fand ich nach diesem bewegenden Spaziergang zum Schloss Hallwyl zurück. Sämtliche Bewegungsmelder schwiegen.
 
Bewegungsmelder
Diese Anlagen sind mir in jüngster Zeit nicht eben als sehr positive Erscheinungen aufgefallen. Eine wichtige Beobachtung dazu ist an der Gemeindeversammlung Biberstein AG vom 24.06.2010 publik geworden. So wurde bei der Bus-Endstation Ihegi ein Toilettenhäuschen für die Buschauffeure eingerichtet. In deren Namen bedankte sich der Bauer und Chauffeur Walter Senn namens seiner Kollegen überschwänglich. Nur ein ganz kleiner Schönheitsfehler habe die Anlage, sagte der erfahrene Fahrer. Das Licht darin schalte sich dank eines Bewegungsmelders automatisch ein. Wenn der Chauffeur nun seinem angestauten Urindrang in aller Ruhe nachgibt und sich aus Gründen der Treffsicherheit nicht bewegt, geht das Licht vorzeitig im Pissoir aus. Er hat also die Wahl, sich zur Freude des Bewegungsmelders zu bewegen (und allenfalls das Ziel zu verfehlen) oder im Dunkeln weiterzumachen. Dabei ist die Dunkelheit die beste Voraussetzung dafür, dass der Strahl auf Abwege gerät.
 
Solche Abwege, ob akustischer und konstruktiver Art, gehören zum modernen Leben, wie man sah.
 
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