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BLOG vom 06.07.2010


Der Schriftsteller, der in seinem Labyrinth verstrickt ist
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Nachdem ich letzte Woche erstmals André Gides „La Porte Etroite“, 1909 verfasst, gelesen habe und den Liebestumult, der seine autobiographisch eingefärbte Erzählung spiegelt, kennenlernte, hat sich mir wieder einmal erwiesen, wie verzwickte persönliche Erfahrungen dem Menschen zusetzen können, bis er sein inneres Gleichmass gefunden hat.
 
Ich fühle mich am engsten an Schriftsteller gebunden, die sich schon in der frühen Kindheit verunsichert fühlten, weil sie nicht ins gängige Schema passten. André Gide war ein Aussenseiter und wollte sich nicht vom Syllabus der Schule unterjochen lassen. Er war ein Träumer, in seine eigene Phantasiewelt versponnen, gewann wenige Freunde, wurde gehänselt und gefoppt. Aber er konnte seinen Herzenswunsch, Schriftsteller zu werden, verwirklichen, dank seiner finanziellen Unabhängigkeit. Dieses Glück blieb vielen gleichgesinnten Aspiranten versagt: Sie mussten sich in zeitraubenden Brotberufen verdingen. Ihre Gedankenflügel sind beschnitten, wenn sie im Käfig widriger Umstände flattern. Zum Trost wachsen Flugfedern nach, und immer wieder entflog einer in die dichterische Freiheit.
 
Was treibt einen Menschen in die Werkstatt der Schriftstellerei? Bücher! Sie stillten – und stillen noch immer – meinen Lesehunger. Und je mehr Bücher ich las, desto mehr wollte ich lesen. Zuerst las ich ziemlich wahllos, bis sich gewisse Vorlieben bildeten und ich mich innerlich an Schriftsteller band, die meine 1. Wegweiser durchs Labyrinth von Druckwerken wurden. Meine geistige Ahnengalerie der Vorbilder verlängerte sich. Viele von ihnen vergass ich – bis ich sie wieder entdeckte, wie eben heute: Ernst Wiechert (1887–1950). „Die Flucht“ hiess seine 1. Novelle, seine letzte „Das einfache Leben“. Und wo endete seine Flucht? In der Stille. Dieser Auszug aus seinem Werk „Die blauen Schwingen“ ist sein Glaubensbekenntnis:
 
„Nur die Stille ist heilig ... Sieh, die meisten Menschen haben Angst vor der Stille … Denn man predigt ihnen ohne Aufhören, das Leben sei Kampf. Deshalb ruhen sie ein Weilchen und schöpfen Atem und dann nehmen sie wieder ihre Fahnen auf und stürzen hinaus. Aber du hast nur eines mitbekommen, was dir allein gehört, das ist deine Seele … Und Seelen blühen nur in der Stille.“
 
Seine melancholisch geprägte Flucht in die Stille konnte mein Fluchtweg nicht sein. Ich wollte und musste mich voller Tatendrang ins Leben stürzen. Zum Lesehunger gesellte sich Erlebnishunger. Die Erlebnisse, die guten wie die schlechten, liessen sich später, manchmal viel später, in meiner Werkstatt verarbeiten, abwandeln und transponieren in kurze oder längere Geschichten. So ist die Stille für mich eine befristete Oase: Ferien für mich selbst in der Stille. Aber Ferien gehen vorbei. Ich muss wieder unter den Menschen sein, brauche eine abgewogene Dosis Geselligkeit. Dort finde ich den Stoff zu neuen Geschichten oder Essays.
 
Und noch etwas, das ich für wichtig halte: Die Wurzeln der Neugier nähren den Wissensdurst und erschliessen neue Erkenntnisse. Mit solchen Erkenntnissen gerüstet, findet man sich in seinem eigenen Labyrinth am ehesten zurecht und erlangt zuletzt sein Reifezeugnis, gewiss nicht ohne Pein. Man hat seinen eigenen Kompass gefunden.
 
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