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BLOG vom 23.07.2010


Reusswanderung: Kirschtorte als Gnadenbrot im Gnadental
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
„Uns gelingt ein Weg von tausend Schritten nur,
wenn wir den Mut haben, den ersten zu tun.“
Mao Tse-Tung
 
Mehrere Tausend Schritte haben wir am 18.07.2010 auf einem kleinen Teilstück des über 180 km langen Freiämterwegs getan: von Dorf Nesselnbach (Gemeinde Niederwil) über Gnadental mit dem Heim für rund 230 hilfs- und pflegebedürftige Menschen (dem „Reusspark“) und dem ehemaligen Zisterzienserinnenkloster, und weiter rechtsufrig bis zur Reussfähre Sulz AG, dann linksufrig zurück. Das eingangs wiedergegebene Zitat steht am „Weg der Weisheiten“: Rund 30 mit Sinnsprüchen beschriftete und mit passenden Fotos aus der Natur geschmückte Tafeln begleiten ein asphaltiertes Strässchen am Rande des Chlosterhölzlis, das zwischen dem üppig ins Kraut schiessenden Waldsaum am Reussufer und einer Pferdesportanlage sowie Holzbeigen und Äckern vorbeiführt.
 
Irgendwie ist das tatsächlich ein Gebiet der Besinnung, zumal ja jede Landschaft ihren eigenen Charakter hat. Bereits das Wort Gnadental (Gnadenthal, „Vallis Gratianum“), das man mit Begriffen wie Schutz und Erbarmen in Verbindung bringt, birgt so viel Schwermütiges in sich, dass aus der ehemaligen, seit 1894 bestehenden Pflegeanstalt bzw. dem Krankenheim Gnadenthal, dessen Name in Ungnade gefallen war,1998 der Reusspark wurde. Der 1903 gegründete Verein Gnadenthal als Träger des „Zentrums für Pflege und Betreuung“ hielt aber am herkömmlichen Begriff fest.
 
Früher habe es geheissen, wer ins Gnadenthal komme, kehre nicht mehr heim, erzählte mir eine Einwohnerin von Nesselnbach beim Start zu unserer Wanderung. Nun, das ist wohl der Schicksal der allermeisten Bewohner von Alters- und Pflegeheimen. Aber den Anklang ans Gnadenbrot (Versorgung aus Mitleid) wollte man tilgen. Doch der Kloster-Weiler störte sich offenbar nicht an diesem Namen, der wohl bei der Gründung des ehemaligen Frauenklosters um 1250 entstanden sein dürfte. Er blieb dem Niederwiler Ortsteil und dem ehemaligen Kloster erhalten.
 
Das Kloster Gnadental wurde 1841 zusammen mit anderen Klöstern im Aargau formell aufgelöst. 2 Jahre später wurde die Aufhebung für Frauenklöster widerrufen, und so bestand das Kloster noch bis 1876 weiter, wohl ein obrigkeitlicher Gnadenakt, bis der Grosse Rat des Kantons Aargau die Schliessung verfügte. In den entleerten Gebäuden wurde alsdann, 1877, eine Tabak- und Zigarrenfabrik („Eschmann u. Merhart & Cie.“) eingerichtet, die produzierte, bis 1894 darin eine Pflegeanstalt installiert wurde, weil nach dem Brand der Pflegeanstalt Muri AG (1889) im Freiamt ein Mangel an Unterbringungsmöglichkeiten für alte und kranke Menschen bestand. Inzwischen ist daraus das grösste Pflegezentrum im Aargau herausgewachsen, das seit der Sanierung 2004/05 einen modernen und gepflegten Eindruck macht. Bereits 1976/77 waren ein neues Personalhaus und Krankenheimgebäude bezogen worden. Der Umschwung ist grandios – Gemeinschaftsräume, Gärten, das anschliessende ehemalige Kloster mit der barocken Kirche, dem Kreuzgang und dem von Fachwerkfassaden umgebenen Klosterinnenhof, sodann Skulpturen von Alex Schaufelbühl, ein Gutsbetrieb, ein Restaurant und die bewalteten Uferstreifen an der Reusskurve bieten einen abwechslungsreichen Auslauf. Ein überdimensionierter Kopf aus Holz, der bei einem spiraligen Garten steht, hat eine Narrenkappe auf.
 
Start in Nesselnbach
Bis 1900 bildete Gnadenthal zusammen mit Nesselnbach eine selbständige Gemeinde, worauf 1901 die Fusion mit Niederwil erzwungen wurde. Das rund 1 km von Gnadental (neue Schreibweise ohne h) entfernt liegende Nesselnbach liegt auf etwa 400 Höhenmetern im aargauischen Reusstal. Im kleinen Dorf markieren ein INRI-Wegkreuz und die Heiligkreuzkappelle von 1958 die traditionelle Freiämter Religiosität. Baugespanne deuten darauf hin, dass bald neues Leben anstelle von Bauruinen entstehen wird. Ein auffallendes Gebäude ist die Dorfschür, die zu einem grossen, 60 Hektaren umfassenden Landwirtschaftsbetrieb gehört. An einer Fassade ist eine alpine Szene mit Kühen aufgemalt. Der Hof selber ist vor etwa 10 Jahren aus der Milchproduktion ausgestiegen und hat sich vermehrt dem Ackerbau zugewandt: Kürbisse, Kartoffeln, Mais, Getreide, Sonnenblumen. So konnten sich also nur noch die Fassadenkühe über die Runden retten.
 
Im Oberdorf Nesselnbach ist der von Tägerig her kommende Freiämterweg mit dunkelbraunen Wanderwegweisern mit weisser Schrift signalisiert. Er macht eine kleine Ausbuchtung nach Nordwesten in die Richtung, wo die Klosterächer sind; doch kann man auch auf direkter Linie durchs Chlosterfeld nach Gnadental wandern, den Hügelzug Wagenrain (zwischen Reusstal und Bünztal) vor Augen. Auf den Äckern wuchsen Kürbisse und dunkelgrüner, knackiger Krachsalat (Eisberg- oder Eissalat), feste Köpfe mit leicht gewellten Blättern, wofür sich die lockeren, sandigen Böden über dem Rückzugsschotter des Reussgletschers gut eignen.
 
Bei den Gnadental-Gebäuden angekommen, wird man sich dort etwas umsehen, sich in der Cafeteria zum Beispiel mit einem Stück der originalen Zuger Kirschtorte (aus dem Erfinderhaus Treichler in Zug) verpflegen. Falls dies das Gnadentaler Gnadenbrot sein sollte ... es schmeckte wunderbar. Das Kirscharoma trat aus dem durchfeuchteten Gebäck markant hervor, genauso, wie es sein soll. Eva tat sich an einem Stück zuckersüsser Himbeertorte aus der Niederwiler Dorfbäckerei Wirth gütlich.
 
Nach der Reussbrücke rechts abbiegen
Der Freiämterweg führt dann z. B. über die über 100 Jahre alte Reussbrücke, eine Stahlkonstruktion, die demnächst durch eine Stahl-Beton-Verbundbrücke ersetzt werden soll. Als wir diesen Übergang benützen und auch anschliessend, bei der Wanderung beim Flusslauf, sahen wir auf der Reuss eine Fülle von Gummibooten, die man in der Wildenau in Stetten mieten kann. Die Reuss, die hier eine sanfte Mulde durchfliesst, wobei des rechte Ufer manchmal steil ist, fliesst zügig, und einige Stromschnellen der harmloseren Art gehören zu ihren Kapriolen.
 
Den Fluss kann man vom Uferweg aus durch Baum-Zwischenräume sehen und auch hören. Der nur von wenig Fichten und Weisstannen durchsetzte Laubmischwald mit den Buchen, Ahornen, Eichen und Eschen spendet Schatten, kühlt die Sommerhitze auf ein erträgliches Mass herunter. Der manchmal etwas an- und absteigende Weg ist weich, angenehm. Man geht wie auf einem Filzteppich durch die „Laufen“ und „Sack“ benannten Wälder, die zum Reussuferschutzgebiet zwischen Bremgarten und der Mündung der Reuss in die Aare gehören. An speziellen Grillstellen duftete es nach Rauch und Würsten – überhaupt war dieser Freiämterweg intensiv begangen; von einer Völkerwanderung zu sprechen, wäre dennoch eine glatte Übertreibung.
 
Beim Waldausgang, vis-à-vis von Göslikon, streift der Weg einen umfangreichen Campingplatz. Die Wohnwagen und Zelte stehen hinter dem Damm eng beisammen, Unterkünfte für einen naturverbunden Verein von Gleichgesinnten; die Jungmannschaft badete in der nahen Reuss. Wer in eine starke Strömung gerät, wird flussabwärts getrieben.
 
Die Seilfähre
Dann muss der Wanderer nur noch das leichte Parfüm der Abwasserreinigungsanlage im Schibler zu überwinden, und er erreicht kurz darauf die Reussfähre SulzFischbach. Das flaschengrüne Ponton „Franziska II“ (AG 5022), mit Schweizer Fahne und kariertem Sonnenschirm geschmückt, das an einem über den Fluss Drahtseil hängt und schräg zur Strömung vom Wasser geschoben wird, hatte Hochbetrieb. Doch die Überfahrt mit der Seilfähre verläuft in aller Ruhe. Die 2 Rollen, die dem Drahtseil folgen, laufen nicht heiss. Der korpulente Fährimaa des Fährivereins Sulz-Fischbach an der Reuss, mit dem Sommerwetter und der Welt zufrieden, kassierte 1,50 CHF pro erwachsene Person. Und als ich scherzhaft fragte, ob damit die Unkosten gedeckt werden könnten, antwortete er, ich müsse berücksichtigen, dass unter dem Boot Taucher im Einsatz seien, die das Boot hin- und herschöben ... Alles klar.
 
Linksufrig zurück
Die unsichtbaren Taucher leisteten ganze Arbeit. Wir machten uns auf die linksufrige Freiämterwegstrecke, um ins Gnadental zurückzukehren. Die Attraktion ist hier ein hufeisenförmiger Reuss-Altarm mit der „Insle“ im Zentrum, den man vom Weg auf dem Damm aus allerdings zwischen den Bäumen nicht ganz überblicken kann. Nachher verläuft der Wanderweg unterhalb von Göslikon vorbei, an dessen Ende ebenfalls eine Abwasserreinigungsanlage (ARA) ist, unerlässliche Garantin für sauberes Wasser. Der weitere Wegverlauf führt teilweise durch Wald, klettert über eine Treppe das Reussufer, eine verschwemmte Moräne, hinauf, verläuft teilweise am Rande des Uferwalds, vorbei an einem mächtigen Nagelfluh-Findling, und schliesslich folgt vor Gnadental noch eine asphaltierte Strecke; es ist der bereits erwähnte Besinnungsweg.
 
Der Rucksack war nicht wesentlich leichter geworden. Zwar hatten wir unterwegs daraus viel Wasser getrunken, uns aber auch mit herrlich reifen Tomaten (CHF 2.‒/kg) eingedeckt, die am Wegrand gegenüber auf Käufer warteten. Hätten wir unter dem Gewicht gelitten, hätten wir im westafrikanischen Besinnungsweg-Zitat „Du weisst nicht, wie schwer die Last ist, die du nicht trägst“ Trost gefunden.
 
Der Sinnspruch kam bei uns dennoch gut an. Vergleicht man seine eigenen Zustand mit einigen Schicksalen, von denen die Leute in Pflegeheimen wie Reusspark zu erzählen wüssten, verhält sich der Unterschied wie 1 kg Tomaten zu einem schweren Stein, den der Reussgletscher einst hierhin geschoben hat.
 
Dann haben wir am Wegesrand noch eine Weisheit von Françoise Sagan gelesen: „Man weiss selten, was Glück ist. Aber man weiss meistens, was Glück war.“
 
So haben wir uns, weiser geworden, am Glück dieses besinnlichen Sonntags an der Reuss von Herzen gefreut.
 
Hinweis auf weitere Blogs über das Freiamt
25.05.2007: Flachsee im Aargauer Reusstal: Korrigierte Naturlandschaft
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