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BLOG vom 30.07.2010


Der entlassene Stelleninhaber – lehrreiche Fallstudie
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Der Ansatz zu dieser Geschichte kam ungerufen, ich weiss nicht wie und von welchem Gedanken ausgelöst. Ich bin seit 22 Jahren kein Stelleninhaber mehr, da ich mich selbstständig gemacht habe. Aber David Austens Fall war ganz anders gewickelt, wie nachgehend geschildert.
*
Also denn: Die Hiobsbotschaft kam unerwartet. Die 25 Mitarbeiter einer Public-Relations-Firma wurden von einem Tag auf den anderen entlassen. „Sie werden von uns hören, sobald wir vom Vorstand Klarheit erhalten haben“, sagte der Chef und klopfte David Austen auf den Rücken.
 
Solche Massenentlassungen geschehen immer öfters. So räumten die fristlos Entlassenen ihre Pulte, ausgenommen David Austen. „Das hat seine Zeit“, sagte er sich. Als Frühaufsteher begann er seinen Arbeitstag frühmorgens. Deswegen hatte er den Schlüssel zum Haupteingang und einen für die 2. Etage in der Tasche.
 
Am Freitagmorgen machte sich David auf den Arbeitsweg. Seine eingefleischte Gewohnheit wollte er nicht von einem Tag auf den andern ändern. Im 2. Stock war es so still wie in einer Kirche nach der Messe. Der Telefonanschluss, stellte er fest, war aufgehoben. Alle PCs waren lahmgelegt, ihrer Kennwörter für den Briefkasten beraubt. Immerhin funktionierte die Textverarbeitung noch. Auch die Kaffeemaschine begann zu dampfen, und er füllte seine Tasse.
 
David gehörte dem mittleren Kader an und hatte sein eigenes Büro, das er mit der Tasse Kaffee betrat. Weshalb hatte er seiner Frau verschwiegen, dass er mitsamt der ganzen Abteilung entlassen worden war? Sie regte sich leicht auf. Eben das wollte er verhindern. Er trat ans Fenster und trank seinen Kaffee, als sich die Strasse unter ihm zu bevölkern begann. Die Firma war wohl in eine Liquiditätsklemme geraten, vermutete er. Diese Klemme würde ihm in 2 Monaten ebenfalls bevorstehen. Er musste sich etwas einfallen lassen. Aber was? Dummerweise arbeitete David als Buchhalter in der Administration und hatte keinen nützlichen Zugang zu Kunden. Und wie konnte er sich um eine neue Stelle bewerben ohne Arbeitszeugnis? Fragen um Fragen rempelten ihn an, worauf er nicht antworten konnte.
 
„Selbst ist der Mann“, sprach er sich zu und griff nach einem Blatt Papier. Unter der Überschrift „Was kann ich anbieten?“ fiel ihm wenig Sinnvolles ein. Er wäre besser gefahren, hätte er sich gefragt: „Was kann ich mir bieten?“ Er zerknüllte das Papier und warf es Richtung Papierkorb, den er verfehlte. Seit bald 20 Jahren im festen Angestelltenverhältnis, hatte er seine persönliche Ambitionen vernachlässigt. Die Routine war zu seinem Geländer geworden.
 
Mit irgendetwas musste er sich an diesem 1. stellenlosen Tag beschäftigen. Die Neugier stupfte ihn: Was hatten seine Kollegen und Kolleginnen in ihren Pultschubladen vergessen? In der 1. fand er eine Nagelfeile und eine halbe Tube Zahnpaste mitsamt einer Zahnbürste und einem Paar zerknitterter Strümpfe. Sie gehörten einer Dame, die gerne klatschte. Die ganze Nachbarschaft wird bald wissen, wie schäbig sie der Arbeitgeber behandelt hatte … Er hörte sie schimpfen, dass sie sich das nicht bieten lasse. Aber was konnte sie schon gegen die Willkür des Arbeitgebers ausrichten? Nichts, rein gar nichts. Anwaltskosten sind unerschwinglich.
 
Er durchwühlte Pult um Pult. Nichts von Bedeutung kam zum Vorschein, ausser in der letzten Schublade, ganz zuunterst, unter Dokumenten versteckt, eine Sammlung von Markenuhren und Schmuckstücken aller Art. Darunter entdeckte er seine eigene Uhr, die ihm vor etwa einem Jahr abhanden gekommen war. Wie alle anständigen Uhren, wiesen ihre Zeiger auf 10 Uhr 10, genau so, wie man es auf Anzeigen sieht. Er schüttelte die Uhr, was ihre Automatik wieder belebte. Er nahm seine eigene Uhr an sich und zögerte. Der Rest könnte ihm ausreichen, um ein halbes Jahr die Haushaltskasse flott zu halten. David widerstand dieser Verlockung. Er wollte sich weiterhin redlich ernähren.
 
Buchhalterdiplom hin oder her, machte sich David auf die Stellensuche. „Haben Sie Verkaufserfahrung?“ Wurde er abermals gefragt. Immer wieder kehrte David entmutigt in sein Büro zurück. Wochen verstrichen, bis eines Tages – es war genau 10 Uhr 10 – 2 Herren sein Stockwerk betraten und erstaunt David in seinem Büro entdeckten. „Was tun Sie hier?“, sprach ihn einer barsch an.
 
„Ich verfasse mein CV (Lebenslauf), da die Firma liquidiert wurde, und ich als ihr ehemaliger Buchhalter eine neue Stelle brauche.“
 
„Buchhalter sagten Sie! Der fehlt uns noch im Personal.“
 
Eine halbe Stunde später war er angestellt. Er wollte den Herren die Schlüssel aushändigen. „Behalten Sie die Schlüssel, denn wir brauchen Leute, die den Tag früh beginnen.“
*
Daraus, glaube ich, lassen sich allerlei Lehren ziehen, die auf der Hand liegen.
 
Hinweis auf weitere Feuilletons von Emil Baschnonga
 
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