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BLOG vom 08.10.2010


Streng vertraulich: Was ist der Berufsnachlass wert?
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Nichts! Bei uns zuhause sind in vielen Ecken und Schränken Dokumente gestapelt: Angebote aller Art an Firmen im Lebensmittel-Sektor tätig, Gross- und Kleinunternehmen in vielen Ländern tätig, Untersuchungsberichte mit meinen Empfehlungen, M&A-Studien usw. Alle vollgeschriebenen Papiere sind „Strictly Confidential“, Streng Vertraulich. Welch ein Arbeitsaufwand über 4 Jahrzehnte habe ich da geleistet! Zugegeben, diese Arbeiten haben mir einen guten Verdienst gesichert. Damit konnte ich leben und meinen Söhnen einen guten Schulsack sichern, Ferien machen.
 
Lange habe ich mich geweigert, mich von diesen Papieren zu trennen – nach der Devise: Man weiss nie, wann ich sie wieder aufdatiert aufleben lassen kann. Aber in der Zwischenzeit hat sich die Welt dermassen verändert, dass ich mit diesem alten Plunder nichts mehr anfangen kann.
 
Wieder suche ich einen Stapel ab und komme wiederum zum Schluss: Weg damit! Eine Kartonschachtel um die andere wird mit Papieren gefüllt. Merkwürdig: Den Inhalt vieler meiner Studien habe ich vergessen, nicht aber ihre Begleitumstände, verbunden mit den benötigten Arbeitsreisen. Städtebilder leben auf, Erinnerungen an Begegnungen, Fundstücke meiner Streifzüge durch Buch- und andere Antiquariate, lange Autofahrten kreuz und quer durch Europa zu Terminen, bis tief in traurige Industriepärke und zahllose Betriebsbesichtigungen.
 
Auch ein Hausarzt, der seine Praxis aufgibt, hat viele Unterlagen gesammelt, so auch der Architekt und andere Berufstätige, die auf den Rohstoff Papier angewiesen sind, Elektronik hin oder her. Der Journalist hat es besser: Seine Artikel mögen ebenfalls veraltet sein, doch widerspiegeln sie die Themenvielfalt, mit der er sich beschäftigt hat. Viele seiner Beiträge können als Zeitdokumente gelten, wenigstens in seinen Augen. Auch in meinen Augen, denn neben meiner Berufsarbeit habe ich viele Artikel, Anekdoten, Essays geschrieben, die einigermassen geordnet in Schubladen aufbewahrt sind und mir hin und wieder frische Anstösse zu neuen Arbeiten, worunter Blogs im Textatelier.com, liefern.
 
Auch meine Mutter hat ein stattliches Lebenswerk hinterlassen: Blumenaquarelle, Mode-Illustrationen, Gobelins. Viele hatte sie seinerzeit verkauft, doch die besten für sich – und mich – aufbewahrt. In einer oder zwei Wochen wird mir ein Spediteur die Sachen in London ausliefern. Jetzt habe ich Platz für ihren Nachlass geschaffen.
 
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