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BLOG vom 10.10.2011


Wie kann man Gewohnheiten und Vorurteile ändern?
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Vorangestellt sei dies: Es gibt leidliche und bekömmliche Gewohnheiten. Im Haus oder in der Wohnung findet man sich gewohnheitsmässig leicht zurecht: Man knipst einen Lichtschalter automatisch an oder aus, selbst im Dunkeln. Viele Haushaltsgeräte bedient man automatisch. Aber sobald wir ein Hotelzimmer beziehen, müssen wir uns an alles herantasten. Desgleichen geschieht nach dem Bezug einer neuen Wohnung: Wir müssen uns umgewöhnen. Es dauert eine Weile, bis wir die alten, eingefrorenen Gewohnheiten loswerden und durch neue ersetzen … Wie gut, dass man sie austauschen kann!
 
Die Redensart „Mit der Türe ins Haus fallen“ hat für mich eine besondere Bewandtnis. In England bin ich mir immer wieder ungewiss, ob ich Türen stossen oder ziehen sollte. In meinem Haus weiss ich Bescheid, doch bei Eingangstüren anderswo werde ich leicht unsicher. Immerhin gibt es bloss 2 Möglichkeiten. Die altgewohnte „kontinentale Praxis“ hat sich in mir zu fest eingehakt. Das gilt auch für Fensteröffnungen, die man in England in der Regel nach aussen öffnet. Schiebefenster sind ein Sonderfall, besonders jene, die klemmen. Doch zurück zur Sache.
 
Zu den bekömmlichen Gewohnheiten zähle ich u. a. jene, die uns vor Störenfrieden, unwillkommenen Besuchern und Anrufen schützen. Sie lassen sich mit minimalem Zeitaufwand abwimmeln. Das Telefon lässt sich abschalten, das Intercom kann unser Verbündeter sein. Notlügen sind dabei statthaft.
 
Schwieriger wird es, wenn es sich um Gewohnheiten oder Vorurteile handelt, die tief in uns eingebettet sind. Die leidlichen Gewohnheiten festigen und verhärten sich oft, von inerten Abneigungen geprägt, die uns kapriziös von schlechten Erfahrungen zugespielt werden. Die Physiognomie etwa eines Gesichts, das unliebsame Erinnerungen heraufbeschwört, blendet sich oft unwillkürlich ein, wenn wir einem Menschen mit ähnlicher Physiognomie begegnen. Unsere Ratio ist von ungerechtfertigtem Argwohn belastet.
 
Viele Vorurteile werden auf Länder und ihre Bewohner bezogen. Der Pariser sei arrogant, habe ich oft gehört. Das deckt sich nicht mit meinen eigenen Erfahrungen. Anderseits hat sich in mir ein Widerwille gegen Amerika gebildet. Ich finde viele Amerikaner schal, grobschlächtig und brutal. Ich schreibe diese Einschätzung den Einwanderern in den „Wilden Westen“ zu, und dem Wissen darüber, wie sie die Indianer niedermetzelten. Hinzu kommt das traurige Kapitel des Sklavenhandels.
 
Eine ähnliche wohl irrige Einschätzung meinerseits gilt Australien, das seinen Anfang als Nation mit der „Strafkolonie Sidney“ nahm und den Ureinwohnern keine Menschenrechte einräumte. Aber ich kenne viele gebildete Amerikaner und auch Australier, die mich vom Gegenteil meiner stereotypen Meinung überzeugen. Ist es an der Zeit, dass ich meine Meinung revidieren sollte? Diese heilsame Frage stelle man sich gewohnheitsmässig. Ich gerate leicht in Harnisch, wenn jemand die Schweiz angreift, berechtigt oder nicht. Dieses Recht steht mir allein als Schweizer zu …Ja, es ist schwierig, eine ausgewogene Meinung zu gewinnen. Die Vernunftsgründe müssten dazu vermehrt einspringen.
 
Vorurteile, gleich welcher Art, sind eine Seuche mit hoher Ansteckungsgefahr. Das einzige wirksame Antidot liefert die Vernunft, das mit dem Wort Ratio diese Seuche präziser trifft.
 
Sind Vorurteile mit einer Seuche vergleichbar, so gleichen viele Gewohnheiten den Süchten wie der blaue Dunst der Zigarette für mich. Meine Frau ist gleichermassen für Schokolade anfällig. Es braucht teils einen tüchtigen Anstoss von aussen – vom Arzt oder anderen Respektspersonen ausgelöst –, teils einen starken Willen (am besten eine Kombination von beiden), um sich vor solchen und anverwandten Süchten zu befreien. Einen besseren Rat habe ich bisher nicht gefunden, doch lasse ich mich gern eines Besseren belehren.
 
Zuletzt gibt es viele Kniffe und Therapien, wie sich der Mensch sich von schlechten oder krankhaften Gewohnheiten, inbegriffen Phobien (etwa Spinnen gegenüber), befreien kann. So möge jeder seine eigene Kur wählen, selbst wenn es eine Rosskur ist. Auch fasten, wird gesagt, könne helfen.
 
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