Startseite 
Kontakt  °  Inhaltsübersicht  
Seite weiterempfehlen
     9. Dezember 2018, 23:05 Uhr
 


Schlossportal
 Kundeneingang

 
 
BLOGs nach Datum sortiert Alle BLOGS zum Zurückblättern
BLOG vom 01.04.2012


Enigma: Die Vorsehung des Sandeman in der Transsib

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London 

Laurens stand eine lange Eisenbahnfahrt bevor: von Moskau nach Perm im Transsib (Transsibirische Eisenbahn). Er bestieg den Zug frühmorgens. Ein merkwürdiger Gefährte liess sich im selben Abteil wie Laurens nieder. Er gemahnte ihn an die Figur des Sandemans, in den langen, schwarzen Mantel gehüllt und mit seinem breitrandigen schwarzen Hut, die er an den Kleiderhaken hing. Der Unbekannte setzte sich gegenüber von Laurens hin.
 
Laurens hatte viel Zeit, um Fjodor Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“ in deutscher Ausgabe zu lesen. Er schlug das Werk auf und vertiefte sich in die Lektüre, als der Zug anfuhr. Nach einem Weilchen wandte sich der Sandeman auf Deutsch an ihn: „Ich habe diesen Roman vor Urzeiten gelesen, und vieles ist mir haften geblieben – rund um den Gottesglauben: Schuld und Sühne, Leid und Mitleid, Liebe und Versöhnung.“
 
„Vor Urzeiten gelesen … Das kann doch nicht so lange her sein“, sagte er und blickte dem ihm kerzengerade gegenüber sitzenden Mann ins Gesicht.
 
„Mit Verlaub, ich bin alterslos, sogar zeitlos“, bemerkte Sandeman. „Nein, lassen Sie sich nicht meinetwegen ablenken. Wenn Sie genug gelesen haben, könnten wir vielleicht eine Partie Schach spielen,“ fuhr er fort, kramte ein Taschenschach aus seinem am Haken hängenden Mantel und legte es neben sich auf die Sitzbank.
 
Laurens versenkte sich wieder ins Buch; doch seine Gedanken waren anderswo. Der Sandeman hatte sich recht merkwürdig geäussert – alterslos und zeitlos. Was soll das besagen? Er war wohl um die Mitte 60, schätze er sein Alter. Sein gestutzter Kreisbart war grau meliert. Er glich einem Philosophen. Seine Gesichtszüge waren … Laurens suchte nach dem treffenden Wort und fand es schliesslich: „beseelt“, genauer: „verinnerlicht“, und erst noch durch und durch vertrauenserweckend.
 
Der Kellner mit der Glocke ging durch den Zugkorridor. „Schon Essenszeit“, erhob sich der Sandeman und fragte Laurens: „Halten Sie mit?“
 
„Eine gute Idee“, antwortete er, erhob sich seinerseits und legte das Buch zur Seite. Er bemerkte, dass der Sandeman sein Taschenschach ergriff. Er trug es wie eine Sanduhr auf der flachen Hand. Sandeman und Sanduhr, wie naheliegend, eine zufällige Koppelung des Wortes Sand, wiewohl etwas abwegig. Laurens hatte einen spielerischen Hang, hinter jedem Wort nach der Symbolik zu schürfen. So auch diesmal: Sand verrinnt durch das Stundenglas ins Nichts. Ins Zeitlose.
 
Der Zug überquerte ein Viadukt. Gute russische Kost wurde aufgetragen: Borscht mit viel Dill, gefolgt vom Hauptgericht „Sibirische Pelmini“ – eine mit Schweinehackfleisch gefüllte Knödelart, wärmend und ausgezeichnet, zu einer langen Reise passend. Sie teilten eine Flasche Wein, und das Gespräch kam in Gang, so wie Gespräche oft beim Austausch eher banalen, teils witzigen, teils allgemeinen Gemeinplätzen in Gang kommen, womit ein gewisser Abstand eingehalten wird. Sandeman bekleidete einen „Lehrsitz“, wie er sich ausdrückte, „hier meinen liebsten an der Tafel.“ Und Sie? Was bringt Sie zu dieser Reise durch diese eher eintönige Landschaft?“ wandte sich Sandeman an Laurens.
 
„Als Reisebegleiter von Studenten ab Perm“, beantwortet er die Frage.
„Das ist nett von ihnen, dass Sie jetzt schon mein Reisebegleiter sind.“
„Das gewiss auch, doch meine wirkliche Aufgabe beginnt, wie gesagt, erst in Perm.“
 
Der Kaffee wurde ihnen vorgesetzt. „Sind Sie jetzt für ein Schachspiel zu haben?"
„Es ist mir eine Ehre, mit einem russischen Altmeister zu spielen. Sie haben schon im Vornherein gewonnen …“ sagte Laurens und wischte sich mit der Serviette den Mund.
 
Sandeman ergriff ebenfalls eine Serviette, die er faltete und mit einer 2. Serviette abdeckte. Ehe Laurens den 1. Schachzug tun konnte, wandte sich der Sandeman an ihn: „ Was würde Sie sagen, wenn ich Ihnen jeden Ihrer Züge vom Gesicht ablese und im Voraus, von der Serviette abgedeckt, notiere?“
 
Ich werde ihnen ein Schnippchen schlagen, und die dümmsten Züge ausspielen. Damit können Sie mich schon nach 5 Zügen schachmatt setzen,“ meinte Laurens, amüsiert grinsend.
 
„Ein wirklich ungewohnter Anfang“, meinte Sandeman kopfschüttelnd. Und genau diesen Zug hatte er erraten, wie schwarz auf weiss auf der Serviette belegt.
 
„Das will ich vorderhand dem Zufall zuschreiben, denn so rasch gebe ich nicht klein bei“, bemerkte Laurens.
 
Kurzum las ihm der Sandeman jeden seiner Züge vom Gesicht. „Schreiben Sie das noch immer dem Zufall zu?“
 
Bemüht mässigte Laurens sein Erstaunen. „Ein Schachmeister wie Sie kennt alle Schliche, um seinem Gegner einen Zug voraus zu sein. Sie sind darauf eingespielt, wie die Akrobaten im Zirkus.“
 
„Sie bringt man nicht so leicht aus der Ruhe“, sagte der Sandeman, ihm gutmütig zulächelnd.
 
„Was sonst können Sie mir noch vom Gesicht lesen?“ wollte ihn Laurens auf die Probe stellen.
 
„Sie sind ein angehender Mediziner im 2. Semester. Sie sind am 15. April geboren und 25 Jahre alt“, antwortete ihm Sandeman schlagfertig. „Wenn Sie wollen, kann ich Ihren Lebenslauf entrollen.“
 
„Wohlan denn“, forderte ihn Laurens heraus.
 
Alles stimmte. Kleinlaut gab Laurens zu, dass er jetzt wirklich seine Seelenruhe verloren habe.
 
„Sammeln Sie sich und lesen Sie weiter in Ihrem Buch. Wer weiss, vielleicht finden Sie dort die Lösung des Enigmas", schlug Sandeman vor. „Schliesslich sind Dichter ebenfalls Gedankenleser.“
 
Hier versandete das Gespräch.
*
Laurens las automatisch im Buch weiter und schlug die Seiten um, bis ihm die Augen schmerzten und seine Lider schwer wurden. Wie in einer Trance fand er den Schlaf. Inzwischen war es Nacht geworden. Sandeman zupfte ihn am Ärmel: „Wachen Sie auf! Wir nähern uns Perm.“ Er schien erregt und besorgt. „Rasch! Ehe wir die Eisenbahnbrücke erreichen. Glauben Sie mir ... Der Zug wird auf der Brücke entgleisen, und wir müssen Schutz im letzten Wagen finden.“
 
Sandeman riss Mantel und Hut vom Hacken. Laurens zweifelte nicht länger an Sandemans seherischer Gabe und sprang ihm nach. Die Verbindungstüre zum letzten Wagen war verriegelt. Mit einem Tastendruck öffnete Sandeman die Türe. Dann und mit einem gewaltigen Ruck flog Laurens kopfvoran in den Wagen, von ohrenbetäubendem Lärm von berstendem Metall begleitet. Perm liegt am tiefen Kamafluss gebettet, der den ganzen Zug wie ein Riesenreptil verschlang, ausser dem letzten Wagen. Vom massiven Stahlgeländer aufgehalten, bäumte sich dieser hoch. Dann herrschte Totenstille.
 
Laurens erwachte im Stadtspital von Perm. Benommen und verwirrt fragte er immer wieder: „Wo ist der Sandeman?“. Eine Dolmetscherin erschien. Sie verstand, dass er nach seinem Reisegefährten fragte und ihn beschrieb, mitsamt schwarzem Mantel und breitkrempigem Hut. Die Bergung der Opfer sei noch im vollen Gang, antwortete sie.
 
„Wir haben zusammen im Speisewagen gegessen“, erklärte Laurens  Der Chefarzt wurde herbeigezogen. Der sprach ihm zu: „Sie sind eben aus dem Koma erwacht. Im Transsib hatte es keinen Speisewagen. Sie leiden unterm Schock, aber sind sonst unverletzt geblieben!“
 
Welche Bedeutung dem „Karma“ (Wiedergeburt) zukommt, bleibe dahingestellt.
 
Hinweis auf weitere Feuilletons von Emil Baschnonga
Ihre Meinung dazu?

 
Nach oben  
Alle Blogs
Liste der bisher erschienenen Tagebuchblätter
Blogs nach Autoren
Blogs nach Autoren
Artikel nach Autoren
Wer was geschrieben hat
  Twitter
Wir sind auch auf Twitter, ebenso unsere Gedankensplitter
 
   
  © 2002-2017 Textatelier