Textatelier
BLOG vom: 18.04.2012

Leseranfragen (3): Melisse bei Schilddrüsenerkrankungen?

Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Auf Grund meiner Publikation „Wieder traumhaft schlafen“ in der Zeitschrift „natur&heilen“ (Heft 02/2012) wollte Frau I. aus Meissen D wissen, warum die Melisse bei Vorliegen einer behandlungsbedürftigen Schilddrüsenerkrankung nicht angewandt werden darf. Sie wunderte sich, dass dieser Hinweis von mir erwähnt wurde und sie im Übrigen in diversen Heilpflanzenbüchern keine solche fand.
 
Frau A. auch Reutlingen D schrieb mir einen ähnlichen Brief: „Ich selbst trinke seit einigen Monaten allabendlich eine Tasse Melissentee und kann seither wieder besser durchschlafen. Da ich eine entzündliche Schilddrüsenerkrankung habe und Hormone einnehmen muss, bin ich Ihrem Hinweis nachgegangen, dass bei dieser Erkrankung keine Melisse konsumiert werden soll. Die Apothekerin meines Vertrauens wusste nichts von einer möglichen Wechselwirkung und hat extra noch intensiv recherchiert – ohne entsprechendes Ergebnis. Sie hat mich gebeten, bei Ihnen nachzufragen, wie Sie zu dieser Aussage kommen.“
 
Ich recherchierte noch einmal und schrieb den Leserinnen das Folgende: Über die Nebenwirkungen und Gegenanzeigen der Melisse gibt es in bestimmten Publikationen Hinweise. Einzelne Inhaltsstoffe haben eine Wirkung auf die Schilddrüse (allerdings bisher nur in vitro- und Tierversuchen ermittelt). Man sollte also bei Schilddrüsenerkrankungen vorsorglich den Therapeuten befragen und auch die Hinweise auf der Packungsbeilage genau lesen.
 
Andere Fachleute berichten aber auch, dass es mit Melisse keine ernsteren Nebenwirkungen gibt.
 
In der HMPC-Monographie (Committee on Herbal Medicinal Products, 2007) wird auf Nebenwirkungen hingewiesen. Es sind etwas spezifischere Aussagen. Sie entsprechen dem aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstand. Laut dieser Monographie wurden in vitro- und Tierversuchen mit einem wässrigen Melissen-Extrakt eine Hemmung der Schilddrüsenhormone festgestellt. In der Klinik wurde das noch nicht getestet.
 
Ich kann mir nicht vorstellen, dass bei einem normalen Gebrauch von Melissentee oder naturreinen Heilpflanzensaft Nebenwirkungen auftreten.
 
Wie bei anderen Heilpflanzen sollte man auch hier Überdosierungen vermeiden. In hohen Dosen können pflanzliche Beruhigungsmittel die Reaktionsfähigkeit mindern. Im Strassenverkehr und beim Bedienen von Maschinen sollte man dies beachten.
 
Anhang
Anwendungen von Melisse
Innerliche Anwendung (Tee, Melissengeist, Heilpflanzensaft Melisse, Tropfen, Trituration der Zitronenmelisse aus Blättern und Blüten): Hilfreich bei nervös bedingten Einschlafstörungen, nervösen Magen-Darm-Beschwerden, nervösen Herzbeschwerden, Appetitlosigkeit, innerer Unruhe, Nervosität, Lampenfieber, Migräne.
 
Hausmittel bei Kreislaufstörungen: Morgens früh eine Tasse Schwarztee mit einem Löffel Honig und Melissentropfen oder Melissengeist versetzen. Dieses Rezept erhielt ich vor Jahren von der 87-jährigen Caroline B. Andere empfehlen eine Mischung von Melissengeist, Wasser und Bienenhonig.
 
Hausmittel bei Blähungen: Tee aus Melisse, Fenchel, Kümmel; heisse Leibwickel mit Essigwasser. Diese Rezepte teilte mir F. S. aus Schönau D mit.
 
Teemischung 1 bei Schlafstörungen: 10 Teile Melissenblätter, 10 Teile Pfefferminzblätter, 25 Teile Baldrianwurzel, 20 Teile Orangenblüten, 15 Teile Anis, 20 Teile Passionsblumenkraut.
 
Teemischung 2 bei Schlafstörungen: 20 g Passionsblumenkraut, 15 g Orangenblüten, 10 g Melissenblätter, 10 g Lavendelblüten und 20 g Schlüsselblumenblüten.
 
Teebereitung: 1‒3 Teelöffel Melissenblätter bzw. einer Teemischung mit 150 ml heissem Wasser übergiessen, nach 10 Minuten abseihen. Mehrmals am Tag eine Tasse konsumieren oder 1 Tasse Tee 30 Minuten vor dem Schlafengehen trinken.
 
Äusserliche Anwendung: Salbe: verschiedene Herpeserkrankungen (Herpes labialis, Herpes genitalis). Laut Studien erfolgte eine Verkürzung der Abheilzeit und eine Verlängerung des rezidivfreien Intervalls.
Frische Blätter: Auflagen bei Brustdrüsenentzündung, Geschwüren.
Vollbad: Nervosität, Unruhe.
Melissengeist: Nervenschmerzen, Muskelkater, Hexenschuss.
Melissenöl: Verletzungen, Insektenstiche, Rheuma.
 
Wichtiger Hinweis: Der alkoholhaltige Melissengeist (79 Volumenprozent Alkohol) nicht innerlich anwenden bei Magen- und Darmgeschwüren, bei Leberkranken, Alkoholkranken, Epileptikern, Hirngeschädigten, Schwangeren, Kindern und Kraftfahrern.
 
Literatur
Scholz, Heinz; Hiepe Frank: „Arnika und Frauenwohl“, IPa-Verlag, Vaihingen/Enz 2002.
Scholz, Heinz: „Endlich wieder schlafen“ (Schlafstörungen, Schnarchen, Schlafapnoe), Kneipp Verlag GmbH, Bad Wörishofen 1996.
Vonarburg, Bruno: „Natürlich gesund mit Heilpflanzen“, AT Verlag, Aarau 1993.
Vonarburg, Bruno: „Energetisierte Heilpflanzen“, AT Verlag, Aarau 2010.
 
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