Textatelier
BLOG vom: 26.04.2012

Arbeitsalltag: Die Bürokraten und andere Federfuchser

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London 
 
Ich erwachte jäh aus einem Traum mitten im heftigen Streit mit einem Federfuchser, den ich mit dem kräftigen Dialektausdruck „Tüpflischiisser“ (nach der Schweizer Mundart ein pedantischer Mensch) benenne. In aller Herrgottsfrühe bezog ich mit einer Tasse Kaffe meine Bude und machte mir Notizen zur folgenden Geschichte aus den Bruchstücken meines Traums:
 
Herr Gehrig stiftet Verwirrung
Ich sass mit meinen werten Mitarbeitern im Sitzungszimmer. Es ging um eine Projektvorbereitung. Ein gelehriger und williger diplomierter Kaufmann, frisch gebacken, hatte aufgrund meiner Stichworte den 1. Textentwurf vorbereitet.
 
Wir waren dabei, seinen Text teilweise zu berichtigen, teilweise zu ergänzen. Da erschien der Störenfried, Herr Gehrig, und herrschte mich an, warum ich das Formular X noch immer nicht ausgefüllt hätte.
 
„Sie stören uns bei der Arbeit“, wies ich ihn sanft zurecht.
 
„Und das nennen Sie Arbeit!“ riss er meine Kopie vom Tisch und wies auf meine eingestreuten „doodles“ (Kritzeleien) am Rand der linken Seite und zwischen den Paragrafenabständen hin.
 
„Hier, füllen Sie das Formular sofort aus, wenn Sie ihre Sudeleien wieder haben wollen.“ Das Formular flatterte auf den Tisch, und er wollte mit meinem Arbeitsdokument verschwinden.
 
Zornig versperrte ich ihm den Ausgang und nahm kein Blatt vor den Mund, mehr noch, zerknüllte das Formular und warf es in den Papierkorb.
 
Sie! … Sie!“ entfuhr ihm, „Sie sind ein Querulant … Sie sind verpflichtet, sich an die Geschäftsvorschriften zu halten, sonst …“
 
Herr Gehring stürmte aus dem Zimmer mitsamt meinem Dokument und schickte mir noch nach: „Sie werden vom Personal hören." Er fauchte giftig.
 
Aber Herr Gehrig lauschte zwischen Tür und Angel, als ich mich vernehmlich an meine Mitarbeiter wandte: „Wir lassen uns den Tag von diesem Tüpflischiisser nicht versauen.“
 
Eine Viertelstunden später erschien die Leiterin der Personalabteilung, Frau Leuenberger, mit der ich gut auskam, begleitet von Herrn Gehrig.
 
„Wo ist meine Arbeitskopie?“ stellte ich ihn zur Rede.
 
„Sie liegt auf meinem Schreibtisch“, sagte Frau Leuenberger vermittelnd, „warten Sie, ich gehe sie holen.“
 
Während der Wartefrist von rund 10 Minuten schwieg Herr Gehrig. Ich hatte Rückenschutz, und er stand im feindlichen Lager. Endlich erschien Frau Leuenberger, begleitet vom Chef der Firma.
 
„Ich bin im Bild“, knurrte der Chef Herrn Gehrig an. „Da haben Sie schon wieder einen Wirbel gestiftet.“ Dann wandte er sich an mich: „Ich wusste nicht, dass Sie so eine kurze Leitung haben. Ich dachte, das wäre mein Privileg …“
 
„Aber, Herr Direktor, es ist doch meine Aufgabe …“, wandte Herr Gehrig unterwürfig ein.
 
„Ohne Wenn und Aber werden wir diesen alten Zopf jetzt abschneiden; er ist längst überholt.“
 
„Aber, Herr Direktor, das geht doch nicht so einfach“, protestierte Herr Gehrig.
 
„Das ist mein Entscheid, basta. Herr Gehrig, Sie werden bald pensioniert. Ich stehe Ihnen nicht im Weg, wenn Sie Ihre Pension früher beziehen wollen. Wenn nicht, sichere ich Ihnen einen Arbeitsplatz in der Statistik.“
*
Ende gut, alles gut, wenigstens aus meiner Sicht. Zwiste unter Angestellten kommen immer wieder vor, öfters als man glaubt, von bürokratischen Wichten oder Neidhammeln ausgelöst. Auch die Diplomatie hat ihre Grenzen, wie diese Geschichte verdeutlicht.
 
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