Textatelier
BLOG vom: 03.03.2005

„The weakest link“ – eher Ann als Mutter Emma

Autor: Emil Baschnonga

Mit „The weakest link“ ist ein populäres englisches Fernsehspiel gemeint: Das schwächste Glied (einer Kette). 8 Mitspieler umringen im Halbkreis die bösartige Tarantel und die stets in Schwarz gekleidete Ann Robinson. In fester Reihenfolge, mit dem Gewinner der letzten Runde beginnend, feuert sie zuerst einfache Fragen an die Mitspieler, die im Verlauf der zeitlich mehr und mehr begrenzten Runden immer kniffliger werden. Am Ende kann nur eine Person den Preis gewinnen. Alle anderen scheiden eben als das jeweils "schwächste Glied" nach und nach aus. Zuletzt bleiben 2 Anwärter fürs Finale zurück. Dieses Programm wird jetzt auch ausserhalb Englands, etwa in Amerika und Frankreich, nachgeahmt.

Nicht im Traum würde es mir einfallen, mich den Schrapnellen (Granat- oder Bombensplittern) der Ann auszusetzen. Jemand mit abstehenden Ohren wird von ihr aufs Korn genommen. Bart und Haartracht bieten ihr ebenfalls reichlich Angriffsfläche. Sie durchhechelt die Kleidung der Damen und hat abfällige Bemerkungen zu manchem Busen . . . Weitere Zielscheiben sind die Berufe der Opfer. Dem Rampenlicht und Ann ausgesetzt, machen sich viele der Mitspieler zum Gaudium der Zuschauer lächerlich. Unbarmherzig setzt Ann ihre Nervensäge an. Nur wenige sind geistesgegenwärtig genug, um ihr mit gleicher Münze heimzuzahlen. Eine ältere Dame zum Beispiel wurde von Ann ihres Alters wegen hochgenommen. Sie selbst, meinte sie an Ann gewendet, sei schliesslich auch kein „spring chicken“ (Kücken) mehr . . . Man sah es Ann an, dass ihr dieser Verweis schlecht behagte.

Fragen, die ein bisschen Kopfrechnen erfordern oder an und für sich rudimentäre Geografiekenntnisse voraussetzen, erweisen sich immer wieder als Fussangeln. Hin und wieder wohne ich diesem Spektakel bei und versuche im Voraus zu erraten, wer die besten Gewinnaussichten hat. Die meisten Versager finden sich unter jenen, die sich allzu beflissen angestrengt lauschend vorbeugen. Wer aufrecht und gelassen bleibt und zudem einen Anflug von Humor oder Gleichmut bewahrt, kommt in der Regel besser über mehr Runden. Als Zuschauer kann ich einige Fragen immerhin sofort beantworten – aber der Ann ausgesetzt, würde ich wohl schon in der ersten oder zweiten Runde ausscheiden.

Jemand hat Ann arg eingeschüchtert, nämlich Emma, die Anfang letzten Jahres 2004 als Mitbewerberin für ihren Konvent auftrat. Ann sprach die Nonne mit „Schwester Emma“ an. „Mutter Emma“, verbesserte sie Ann schlicht und einfach. Keine Frage trieb Emma in die Enge. Sie stand vor ihr seelenruhig und hatte Gott auf ihrer Seite. Engelschön mit ausgewogenen Gesichtszügen und stetem Blick aus blauen Augen beantwortete sie Frage um Frage – und gewann das Spiel im Handumdrehen − rund £ 2,500 für den Orden, dem sie angehörte.

Diese Emma ist zur Inspiration meiner gleichnamigen Novelle geworden, mit dem Untertitel „eine altmodische Liebesgeschichte aus der Gegenwart“. Diese Novelle spielt sich weitgehend in der Schweiz ab, mit Abstechern nach London, Paris, Istanbul, gefolgt von Emmas längerem Aufenthalt als Missionsärztin in Kalkutta, und entbehrt nicht einer gewissen Tragik. Immerhin wartet die Geschichte (falls sie jemals Druckerschwärze findet) mit einem guten Ende für die Leser auf.

Die bösartige Ann hat es nicht gewagt, Emma aufs Korn zu nehmen . . .Dies blieb mir – mit Liebe für Emma im Herzen – vorbehalten. Nach meiner Ansicht ist aber Ann „the weakest link“.

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