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BLOG vom 26.06.2012


Der Instinkt sollte uns nicht um den Verstand bringen
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Der Instinkt, wie er mir widerfährt, beruht auf unbewussten Impulsen, etwas zu tun, das sich als richtig erweist und vom Gefühl oder Gespür gesteuert ist. Man wittert etwa einen Wetterwechsel und mäht den Rasen, ehe das Wetter umschlägt, oder man sät den Salat, wenn die Erde feucht ist und man das Gefühl hat, dass die Sonne mithält, damit die Saat aufgeht. Dabei werweisst man nicht, sondern handelt kurzerhand instinktiv.
 
Es ist wichtig, zu wissen, wann der Verstand statt der Instinkt vorherrschen soll, auch wann das Wissen den Instinkt ersetzen soll, wie bei Fragen der Grammatik und in der Mathematik; sie erfordern ein in diesen Disziplinen geschultes Wissen.
 
Eigene Erfahrungen mitsamt einem guten Schulsack helfen uns dabei, zwischen den Einsatzbereichen von Instinkt und Wissen zu unterscheiden. Manchmal sind Instinkt und Wissen aneinander gekoppelt: Psychologische Kenntnisse helfen uns im Umgang mit Menschen, vom Instinkt unterstützt. Dabei fällt mir das Zitat ein: „C’est le son qui fait la musique (Der Klang macht die Musik).“
 
Diesen Satz schleuderte ich einem Grobian, der mich bei jeder Gelegenheit anpöbelte, ins Gesicht. Das geschah während meines 1. Aufenthalts in London, als ich ein halbes Jahr bei einem jüdischen Pelzhändler meinen Unterhalt verdienen musste. Immerhin verstand er so viel französisch und veränderte sein Verhalten mir gegenüber.
 
Der geborene oder geschulte Diplomat weiss, wie man die Leute für seine Sache gewinnt. Ein stacheliger Querulant kann mit einem solchen diplomatischen Geschick entwaffnet werden. Diese Finessen im Umgang mit Menschen zeugen von Menschenkenntnis, aus der Symbiose zwischen Psychologie und Instinkt gewonnen, und erleichtern das Leben privat und im geschäftlichen Sektor.
 
Der Instinkt ist auch mit dem Orientierungssinn vergleichbar. Den Weg zur Stadtmitte mit ihren Sehenswürdigen schnuppert man instinktiv unterwegs durch Strassen leicht auf. Und verfehlt man diesen Weg, fragt man sich halt durch … Das ist viel einfacher als im Stadtplan nachzuschlagen. Die Leute, wiederum richtig angesprochen, sind meistens hilfreich und mitteilsam.
 
Über einen Schoppen Wein in einem altmodischen Lokal in Ulm kam ich einst mit einem älteren Herrn, einem ehemaligen Universitätsprofessor, ins Gespräch, der mich auf gut Ulmerisch ausgezeichnet in die Geschichte dieser Stadt einführte. So gelangte ich zu meiner persönlichen Ansicht, dass sich der Instinkt oft mit dem Zufall kreuzt. Diese Ansicht kann ich nicht begründen. (Instinktiv weiss ich, dass ich in altmodischen Lokalen besser mit Leuten ins Gespräch komme als in einem McDonald’s.)
 
Das weibliche Geschlecht verlässt sich mehr auf den Instinkt als das männliche. Frauen haben ein feines Gespür entwickelt, wie sie – falls notwendig – die Männer um den Verstand bringen können. Seine Vernunftgründe widerlegen sie instinktsicher.
 
Die Kunst wird vom Instinkt (von der Inspiration) ausgelöst und beseelt. Der Kunstkenner mag sich äussern wie er will, er selbst wird von seinem Instinkt geleitet und ihm erschliesst sich das Kunstwerk, soweit es ihn anspricht und in ihm schlummernde Impulse erweckt. Viele der sogenannten Kunstexperten zerschwatzen die Kunst und wollen sie in Schablonen pressen, sei es Hieronymus Bosch, Johann Sebastian Bach oder William Shakespeare. Des Künstlers Einfälle und Vorstellungen lassen sich nicht von seinem Mund ablesen, sondern von ihren Werken gefühlsmässig – wenigstens teilweise – erfassen.
 
Zugegeben, echte Kunstkenner können uns wertvolle Hinweise verschaffen, wie wir ein Kunstwerk besser würdigen können und uns den Zugang zu Meisterwerken erschliessen helfen.
 
Hinweise auf weitere Betrachtungen im Textatelier.com zum Instinkt
 
 
 
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