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BLOG vom 23.06.2012


Blitz und Donner: ein Genuss mit Beethoven und Tagore
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Onweer bedeutet im Niederländischen = das Gewitter, noodweer = das Unwetter. Das Präfix „un“ im Deutschen heisst eigentlich „kein“ wie bei Unglaube, Unsinn, Unvermögen, Untiefe. Dabei ist die deutsche Sprache nicht konsequent, Unwetter ist nicht „kein Wetter“, sondern „schlechtes Wetter“, Wetter, das Menschen in Not bringen kann.
 
Rabindranath Tagore: „Trüb ist der Tag; das Licht duckt sich scheu unter den drohenden Wolken wie ein bestraftes Kind, mit Tränenspuren auf den blassen Wangen, und der Schrei des Sturmes ist wie der Schrei einer verwundeten Welt. Doch ich wandre getrost weiter, denn ich weiss, ich werden meinem Freunde begegnen.“
 
Am Abend ist es soweit. Es wird früh dunkel, eine dicke schwarze Wolkenschicht ist am Himmel zu sehen. Im Fernsehen, mittels Satellitenschüssel übertragen, läuft die Tagesschau, danach ein Krimi. Büsche und Bäume vor dem Wohnzimmerfenster zeigen eine totale Windstille an. Die Stille vor dem Sturm. Die Natur hält den Atem an, sie bereitet sich vor. Dann beginnt es zu stürmen. Die Büsche biegen sich im Wind, alle Blätter der Birken bewegen sich. Der Sturm wird stärker. Vorsichtshalber schliesse ich die Fenster. Der erste Blitz. Ich zähle die Sekunden bis zum Donner. Das Gewitter ist noch rund 3,4 km entfernt, eine Sekunde entspricht etwa 340 m. Der Donner ist erst dumpf zu hören.
 
Im Fernsehen knackt es. Das Bild löst sich in dicke unterbrochene Streifen auf, es bleibt stehen. Dann ist der Bildschirm dunkel. Der Vermerk „kein Empfang“ erscheint.
 
Der nächste Blitz, nach 5 Sekunden der Donner, schon lauter. Das Gewitter nähert sich schnell. Es beginnt zu regnen, „cats and dogs“, wie es im Englischen heisst, „es schüttet wie aus Eimern“, wie wir in Deutschland sagen, was dem Niederländischen „het komt met bakken uit de hemel“ entspricht.
 
Der Sturm peitscht den Regen. Jetzt folgt direkt auf dem Blitz der Donner, laut und drohend. „Kein Empfang“, da kann man den Fernseher auch gleich ausmachen, der Krimi läuft ohne mich weiter. Die Äste der Birke schwanken bedrohlich; doch sie halten es aus, auch die Büsche, die hin und her schwingen.
 
Tagore: „Wir rauschenden Blätter haben eine Stimme, die dem Sturm Antwort gibt, aber wer bist du, stummes Ding?“ ‒ „Ich bin nur eine Blume.“
 
Es prasselt der Regen, es blitzt und donnert. Ich sitze im Trockenen und kann das Schauspiel geniessen. Unsere Eltern und Grosseltern sahen das noch nicht so gelassen. Es kam vor, dass sie sich unter dem Tisch versteckten, das Licht und das Radio wurden ausgeschaltet. Man konnte ja nie wissen, ob es nicht doch einschlägt.
 
Die „Pastorale“ von Ludwig van Beethoven, die 6. Symphonie mit dem 4. Satz, Allegro „Gewitter und Sturm“, fällt mir ein. Ich lege die CD auf. Die Musik passt, gibt die Stimmung und die Naturgewalten wieder.
 
Die Blitze werden seltener, der Donner kommt leiser und erst wieder längere Zeit danach. Der Sturm ebbt ab. Es regnet immer noch, aber gleichmässiger. Langsam beruhigt sich die Natur.
 
Der 5. Satz erklingt: Allegretto (Hirtengesänge ‒ Frohe und dankbare Gefühle nach dem Sturm).
 
Der Wolkenhimmel reisst auf.
 
R. Tagore: „Wolken kommen aus fernen Tagen in mein Leben geschwebt, nicht mehr, um Regen oder Sturm zu bringen, sondern um meinen Abendhimmel mit Farben zu schmücken.“
 
Die Nacht ist ruhig, der Mond durch die Wolken verdeckt.
 
Der nächste Morgen zeigt einen sonnigen Himmel mit weissen Wolken. Eine gute Gelegenheit für einen Morgenspaziergang.
 
R. Tagore: „Der Sturm der vergangenen Nacht hat diesen Morgen mit goldenem Frieden gekrönt.“ ‒ „Die Erde summt mir heute im Sonnenschein wie ein Weib am Spinnrad ein Lied aus alter Zeit in einer längst vergessenen Sprache.“
 
„Wir leben in dieser Welt, solange wir sie lieben.“
 
Quelle
Tagore, Rabindranath: „Verirrte Vögel“, Aphorismen, ins Deutsche übertragen von Helene Meyer-Franck, Hyperion Verlag, Freiburg im Breisgau, o.J.
 
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