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BLOG vom 21.07.2012


Sommer-Stau: Verkehrspsychologen grasen überm Hag
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Die Sommerzeit als Urlaubszeit und Stauzeit auf den Autobahnen ist die Zeit der Verkehrspsychologen in den Artikeln der nachrichtenärmeren Phase der Medien. Jetzt endlich können sie ihre „Erkenntnisse“ darlegen.
 
Zur Wortfamilie „Stau“ gehören folgende Begriffe: Stau, Verkehrsstau, Navigationsgerät oder kurz Navi, GSM (Global System for Mobile Communications), GPS (Global Positioning System), TMC (Traffic Message Channel), POI (Point of Interest), Umleitung, Autobahn, Landstrasse, Unfall, Vollsperrung, Geschwindigkeit, Echtzeit-Navigation, Verkehrsfunk, Verkehrsdaten, Mobilfunknetze, Polizei, Staumelder, digitaler Lotse, verstopfte oder blockierte Strassen, Ausweichroute, Sensoren in der Fahrbahn, Einfädeln, Lücke“. Inzwischen muss man noch Ameisen, Ameisenstrasse, blindes Vertrauen, Herdentrieb, Raser und Langsamfahrer, Zeit, Kapazität der Strassen, antizyklisches Fahren, Blechlawine hinzufügen. Wahrscheinlich habe ich bei meinem Mind mapping (engl. für den Prozess, eine Gedächtnislandkarte oder Gedankenlandkarte zu erstellen) noch eine Vielzahl von Begriffen vergessen.
 
Jedenfalls kann man daraus seitenfüllende Berichte schneidern, die mit Ratschlägen von Verkehrspsychologen gespickt sind. Wenn Sie den Begriff Verkehrspsychologie googlen, stossen Sie sofort auf noch eine Abkürzung: MPU = Medizinisch psychologische Untersuchung. Es geht um den Erwerb, Entzug und die Wiedererteilung der Fahrerlaubnis, also der „Mobilitätskompetenz“. Auch in diesem Bereich haben Verkehrspsychologen ein Wörtchen mitzureden.
 
Und weil die Verkehrspsychologen das ebenfalls können und dürfen, wagen sie sich auch auf das Gebiet der Ehefragen! Der Duisburger Verkehrspsychologe Michael Haeser hat erkannt: „Das Navi ist wie früher die Frau auf dem Beifahrersitz, die mit der Karte fuchtelte, aber nicht wusste, wo es langging.“ (1) Der Aussage ist zu entnehmen, dass selbstverständlich der (Ehe-)Mann fährt, dass es zwischen dem Wunsch an die Beifahrerin, eine Ausweichroute zu suchen und der Programmierung eines Navigationsgerätes keinen Unterschied gibt, dass sowohl die Beifahrerin als auch das Navi keine Ahnung haben, da beide gleich naiv sind und nicht aus dem Stau herausführen. Schliesslich macht es auch keinen Unterschied, ob man der weiblichen Stimme aus dem Navi oder der Beifahrerin keinen Glauben schenkt!
 
Fehlt nur noch, dass Verkehrspsychologen sich auch noch über den Geschlechtsverkehr äussern! So ganz weit hergeholt ist das gar nicht, wenn es um Verkehrstüchtigkeit geht, in beider Hinsicht, unabhängig oder in Kombination! Wie war das noch mit den Kurven? Die der Beifahrerin waren immer die gefährlichsten! Hübsche Beine fehlen in der Verkehrsstatistik.
 
„Der Verkehrspsychologe nannte als Beispiel 2 Universitätsprofessoren, deren Höflichkeit und Liebenswürdigkeit im sonstigen Leben ausser jedem Zweifel stehen, die jedoch beinahe ständig schuldhaft verursachte Verkehrsunfälle auf ihr Konto buchen müssen. Ich will der Wissenschaft nicht vorgreifen, aber ich glaube die Antwort zu wissen. Ich wette, dass diese Professoren keine gute Ehe führen ... Sehr wahrscheinlich haben die beiden Herren Professoren zu Hause kein Wort zu sagen … Ohne mich in die psychoanalytische Tiefenforschung zu verlieren, möchte ich hier die weitere Feststellung anschliessen, dass Ehemänner, deren männliches Selbstbewusstsein einen Knacks hat, ebenso schlechte oder schlechtere Autofahrer sind als die mit dem übersteigerten Selbstbewusstsein. Auch sie fahren ,unfallträchtig’“ (2).
 
Ich hatte es schon immer geahnt, Klischees sind ein fester Bestandteil der Urteilsfindung von Psychologen! Und dann vergessen wir noch den „zerstreuten Professor“!
 
Kommen wir wieder zur Urlaubszeit – Stauzeit zurück. In einem Artikel der ZEIT-online wird der Verkehrspsychologe Bernhard Schlag von der TU Dresden zu Rate gezogen. Es werden Autofahrer auf Autobahnen mit Ameisen auf „mehrspurigen Ameisenstrassen“ verglichen, und es wird festgestellt, dass Ameisen weniger egoistisch seien. „Es ist in solchen Situationen schwierig, von einem Menschen zu fordern, das Wohl der Gesamtheit der Autofahrer über sein eigenes zu stellen“, sagt Schlag. Denn das tun laut Herrn Schlag die Ameisen auf den Ameisenstrassen. „Die Insekten agieren nicht eigennützig, sondern leben eine Art Volksegoismus, der sie kooperativ handeln lässt … Die Autobahnen der Roten Waldameisen, der Blattschneiderameisen und der Wanderameisen haben einen Durchsatz von mehr als 100 Ameisen pro Minute “ (3).
 
Jetzt werden Verkehrspsychologen auch noch zu Biologen! Es würde mich noch interessieren, welche Autos und welche Durchschnittsgeschwindigkeit Ameisen fahren und welches Navi sie benutzen und wie man diesen „Durchsatz“ auf menschliche Autobahnen und Autos übertragen kann!
 
Übrigens habe ich noch einen Tipp für den Urlaubsstau-Artikel für das nächste Jahr! Ein Vergleich mit dem menschlichen Blutkreislauf würde sich anbieten: Wenn die Blutgefässe starr sind, wird die gesamte Blutmenge beschleunigt, elastische Wände führen zur lokalen Blutbeschleunigung. Diese Erkenntnis lässt sich bestimmt auf das Fahrverhalten des Menschen übertragen! Vielleicht kommt dann ein schlauer Verkehrspsychologe noch auf die Idee, bei Dauerstaustrecken elastische Leitplanken zu fordern!
 
Dann brauchen die Verkehrspsychologen keine Ameisen-Verkehrspsychologie mehr – sie können sich ganz auf den Menschen beziehen!
 
Endnoten
(1) Rheinische Post, 17.07.2012, Seite A 8 „Staufalle Navigationsgerät“.
(3) www.zeit.de › WissenJuni 2012.
 
Hinweis auf einen Textatelier.com-Glanzpunkt zum Stau von Wigand Ritter
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