Textatelier
BLOG vom: 28.11.2012

Taktvoll: Das Metronom und die neuen Einsatzbereiche

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Der aus Deutschland stammende Johann Nepomuk Mälzel patentierte anno 1815 sein Metronom. Ein Uhrwerk treibt das Pendel hin und her und bestimmt das Tempo zwischen langsam bis rasch. Die Pendelschläge werden durch ein monotones und lautes Ticken hörbar.
 
Mein Geigenlehrer an der Basler Musikschule, im Telefonbuch als Violinpädagoge eingetragen, war mein Einpauker und setzte gern das Metronom in Betrieb, um mir Takt einzutrichtern. Gut, ein Musikstudent soll seine Tonleitern, mitsamt den chromatischen, und den Akkorden wie z. B. den Dominantsept-Akkord, in allen Saitenlagen abrasseln, zuerst langsam und dann immer schneller. Das sind notwendige Fingerübungen, und mithilfe des Metronoms werden die Stücke eingeübt. Das habe ich geflissentlich getan, doch freudlos unterm Zwang meines Lehrers, der immer ungehalten wurde, wenn ich aus dem Takt fiel. Ob dieses Instrument das rhythmische Gefühl fördert, bleibt fraglich. Ich empfand es als ein Marterinstrument – ein Joch. Vor etwa 3 Jahren habe ich es irgendwo unauffindbar in einem Schrank vergraben.
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Die Melodie soll nicht zum Perpetuum mobile ausarten, vom Perpendikel getrieben. Die Musik wird vom Gefühl des Spielers getragen, bestimmt von seinem Einfühlungsvermögen ins Werk des Komponisten, allenfalls vom Dirigenten unterstützt. Der Musiker ist keine Marionette, die vom Metronom getrieben wird.
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Ich frage mich: Was lässt sich mit meinem Metronom sonst noch anfangen, vorausgesetzt, ich finde das Instrument in einer Schublade wieder? Nachfolgend nenne ich einige neue Anwendungsbereiche:
 
Ich werde das Uhrwerk aufziehen und auf dem Gartentisch in Gang setzen. Werden die Singvögel taktvoll einstimmen? Ich wette, sie sind klüger und quirilieren weiterhin ganz auf ihre eigene Weise.
 
Und die Katzen? Da kommt „Blackie“ auf dem Gartenweg auf mich zu und will gekrault werden. Ich schiebe das Gewicht am Pendel ganz tief auf „Prestissimo furioso“. Sie springt zur Seite und klettert verängstigt an einem Baum hoch.
 
Nebenan hat der Nachbar einen Hund, der viel kläfft. Ich halte eine Tüte mit Hundebiskuits in der Hand. Das Tier weiss, was das ist und geifert schon erwartungsvoll. Gewiss lässt sich der Hund, wie ich damals als Geigenschüler, metronomisch abrichten. Ich beginne mit dem „Presto“. Der Hund kriegt kein Biskuit. Ich wechsle das Tempo auf „Allegro“. Wiederum geht der Hund leer aus und bellt frustriert. Schliesslich ist die Mechanik auf „Lento“ umgestellt. Der Hund kriegt sein wohl verdientes Biskuit, ein einziges nur. Das war die 1. Lektion, die ich ihm erteilte. Nach der 10. Lektion hat er endlich kapiert, dass er seinen Lohn erst dann bekommt, wenn sich das „Lento“ abspult.
 
In unserem Garten hat es etliche Mauslöcher. Zum Glück gibt es heute elektronische Metronome für meinen Versuch. Ich schaffe mir davon ein halbes Dutzend an. Weder Leute noch Mäuse ertragen ein fortwährendes Klopfen an ihrer Wohnung. Die Mäuse sind aus- und umgezogen.
 
Dem Buntspecht habe ich mit meinem Metronom arg zugesetzt. Er konnte dem Tempo des Metronoms nicht standhalten. Verärgert flog er auf einen anderen Baum, weitab vom Metronom. So ein taktloser Vogel!
 
Und die Eichhörnchen? Ununterbrochen wühlten sie auf dem Rasen nach Knacknüssen. Das Metronom weckte ihren Appetit.
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Leider muss ich zuwarten, ehe ich Rückschlüsse aus meinen imaginären Versuche ziehen kann. Mit Hypothesen lässt sich nichts anfangen. So muss ich auf den Frühling warten, um wissenschaftlich aussagekräftige Beweise zu sammeln, die sich, so hoffe ich, philosophisch auswerten lassen.
 
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