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BLOG vom 21.12.2012


Weihnachtsfeuer-Philosophie: Der Aufstand der Kerzen
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Einst prunkten Kerzen an Christbäumen und in Kerzenständern aller Art. Sie trieften vor Freude: Wachstränen kullerten an den Kerzen hinunter und verkrusteten sich im Ständer oder betteten sich ins Tannengezweig ein. Die adeligen Kerzen zehrten vom Bienenwachs; die minderwertigen Unschlittkerzen nährten ihr Licht von Talg oder Paraffin. Letztere russten leicht und mussten mit der Dochtschere gestutzt werden. Daneben gab es noch Duftkerzen und kunstvoll vom Kerzengiesser in durchmischten Farben geformte Dekorationsobjekte. Der Widerschein der Kerzen glänzte in Kinderaugen.
 
Elektrische Leuchtkörper verdrängen heute die Kerzen mehr und mehr. Sie umgarnen blinkend, nervös blinzelnd, die Tannenzweige. Viele Kerzen finden noch Zuflucht als Altarkerzen in Kirchen.
*
„Da liegen wir wie Leichen, in Schachteln vergessen, tief in Schubladen vergraben,“ klagen die eingekerkerten Kerzen. Erst bei Stromausfall suchen die Leute krampfhaft nach ihren Kerzen und finden sie im Dunkeln nicht mehr.
 
„Und ich stecke seit über einem Vierteljahrhundert in einem Renaissance-Kerzenständer, und niemand lässt mich aufleuchten“, meldete sich eine vernachlässigte Kerze aus Bienenwachs.
 
„Eine Kerze ist erst dann glücklich, wenn sie zum Stummel geschmolzen ist.“ Einhellig teilten alle Kerzen diese philosophisch geprägte Weisheit. Denn dann kommen neue Kerzen zum Zug.
 
Wie wird eine Kerze stilgerecht angezündet? „Nur mit uns,“ klappern die Streichhölzer in den Schachteln. „Der schlimmste Stilbruch wird mit dem Feuerzeug begangen. Damit werden viele Finger versengt, ehe ihr zu lebenden Kerzen werdet.“ So verbündeten sich die Streichhölzer mit den Kerzen. Das war der Beginn des Aufstands der Kerzen.
 
Ein Kerzenstummel mit viel Lebenserfahrung meldete sich zum Wort: „Erinnert ihr euch, wie die Farbstifte miteinander zankten, bis das 6-jährige Mariechen kam und Frieden stiftete?“
 
„Ja,“ versicherten ihm die Kerzen und Zündhölzchen gleichzeitig.
 
„So sind die Farbstifte die Dritten in unserm Bündnis. Damit wird unser Aufstand gelingen“, sprach weise der Kerzenstummel. „Und Mariechen wird unseren Standpunkt der Kinderwelt gegenüber vertreten.“
*
Der vereinte Aufruf wirkte Wunder, angeführt von Mariechen. Kinder malten landauf, landab herrlich leuchtende Kerzen. Die Eltern mussten dazu Kerzen aus ihren Verliesen befreien oder neue anschaffen. Die Kinder malten sie im Freilauf ihrer Fantasie.
 
Endlich leuchteten und flackerten die Kerzen überall auf und sorgten für Stimmung. Die schönsten Kinderzeichnungen, das heisst alle, wurden mit Kerzen prämiert. Das war der friedlichste Aufstand auf der ganzen Welt.
 
Hinweis auf ein anverwandtes Blog von Emil Baschnonga
 
 
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