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BLOG vom 08.02.2013


Aufstieg muss gelernt sein: Akademie für junge Damen
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Feierlich und modisch gekleidet erschien der Vorsteher und Besitzer dieser Akademie, ein vertrauenserweckender und würdiger, 60-jähriger Mann mit grau meliertem Haarschopf. Das ganze Personal war im Empfangsraum versammelt. Auch eine Schar von Kunden hatte sich zu diesem Anlass eingefunden. Auf der vordersten Reihe sass ein Dutzend von auserwählten Stellenbewerberinnen.
 
„Wie Sie wissen“, begann er seine Ansprache, „sind Sie hier und werden zu Stewardessen ausgebildet, um die Beziehungen zu unseren Kunden zu unterhalten. „Wir sind eine Agentur im Dienst der Unterhaltungsindustrie und kein Mädchen-Internat“, betonte er. „Wer das Praktikum erfolgreich besteht, erhält eine gut bezahlte permanente Stelle und erst noch Erfolgsprämien. Selbst wenn wir Ihnen keine Stelle anbieten können, erhalten Sie gesellschaftlichen Schliff, der Ihnen in Zukunft gewiss nützlich sein wird. Meine Mitarbeiterin, Mademoiselle Ida de Saint-Sulpice, gibt Ihnen jetzt eine kurze Übersicht der Sparten der Unterhaltungsindustrie, die unsere Agentur abdeckt.“ Mit leichter Verbeugung trat der Chef seinen Platz an Ida ab.
 
Mit beschwingten Schritten bezog Ida das Podium. „Ich will Sie hier unterhalten und nicht langweilen,“ begann sie und knipste in der Folge einige musikalisch untermalte Filmausschnitte auf die Leinwand. „Sie werden an gesellschaftlichen Empfängen auftreten, sei es als Tanz- oder Gesprächspartnerinnen, wie hier im ‚George V’ und hier im ‚Ritz, Savoy’ und ‚Baur au Lac’. Sie sprechen fliessend mehrere Sprachen.“ Nahaufnahmen folgten mit eingefügten Konversationsausschnitten. Auch tanzten elegante Paare zur Musik.
 
„Seien Sie unbesorgt, Sie tragen von Juwelieren geliehene Schmuckstücke! „Und Sie kleiden sich in exklusive Roben und Schuhe aus unserer eigenen Garderobe.“
 
„Sie wohnen gegebenenfalls auch als inoffizielle Dolmetscherinnen während Konferenzpausen bei. Sie werden auch zu Tisch geladen … Gäste aus Japan schätzen solche Dienste seitens hübscher Damen ganz besonders .“
 
„Den Höhepunkt Ihrer Karriere erklimmen Sie mit Bühnenauftritten, die auf Ihre Talente abgestimmt sind. Aber all das wird sich erweisen, wenn Sie sich bei uns entfalten.“ Das Wort „entfalten“ reizte einige der anwesenden Kunden zum Lachen. Hurtig flocht Ida ein: „Merken Sie sich, dass wir keine ‚Eskort-Agentur’ sind! Das genügt vorderhand“, beendete Ida ihre kurz  gehaltene Präsentation.
 
Nach kurzem Applaus wurden die Anwesenden zum Büffet geladen. Kellner reichten Getränke herum. „Herr Wigham“, sprach Mademoiselle Ida den unauffälligen Gast, ein stiller Beobachter, an und bezog sich auf sein an die Akademie gerichtetes Schreiben, von dem sie Kenntnis hatte. „Wenn ich richtig verstehe, sind Sie im Kundenauftrag bei uns, und wollen uns, wie soll ich sagen ...?“ „... Sie meinen wohl „durchleuchten“, flocht Herr Wigham lächelnd ein und reichte ihr seine Visitenkarte.
 
„Wir haben nichts zu verbergen,“ entgegnete Ida, „sonst hätten wir Sie nicht eingeladen.“
 
„Das glaube ich Ihnen gerne,“ sagte Herr Wigham. Ihr wohlgerundeter Busen war ihm nicht entgangen.
 
Eben in diesem Augenblick erschien ihr Chef und legte seine Hand breit und schwer auf ihre Schultern.
 
„Ich komme flott voran“, antwortete sie etwas pikiert.
 
„Also mach’ so weiter,“ sagte er und verliess sie.
 
„Was ist Ihr 1. Eindruck?“ fragte ihn Ida.
 
„Soweit sehr gut,“ antwortete er. „So bleibt mir nur eine Frage: Wie gewinnen die Mädchen ihre Erfolgsprämien?"
 
Ida roch die Lunte und stockte, ehe sie sagte: „Die Erfolgsprämie bestimmt ein zufriedener Kunde, und jeder Kunde hat darüber seine eigenen Ansichten.“
 
„Das ist alles, was ich wissen wollte,“ versicherte er ihr, „solange die Diskretion fest in der Akademie verankert ist.“
 
„Absolut!“ war ihre Antwort und sie fügte hinzu, „vor allem unterhalten Sie sich hier gut!“
 
Das liess sich Herr Wigham nicht zweimal sagen, jung und ledig, wie er war.
 
Mehr gibt es in dieser kurzen Geschichte nicht zu entblössen.
 
 
Hinweis auf eine ähnliche Arbeit von Emil Baschnonga
 
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