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BLOG vom 20.02.2013


Winterbesuch in Budapest (2): Cézanne und John Cage
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Am Ende der Budapester Andrassy út, ehemals eine elegante Allee, erbaut am Ausgang des 19. Jahrhunderts und heute vor allem eine Hauptverkehrsstrasse, steht eine Villen- und Häuserreihe, die teilweise Nobelgeschäfte und Botschaften beherbergt, teilweise aber auch Häuser mit abbröckelnden Fassaden im typischen Eklektizismus-Renaissance-Stil. Dort ist der Hösök tere (Heldenplatz). Der Platz wurde zu Beginn des vorigen Jahrhunderts zum Gedenken an die 1000 Jahre seit der Eroberung der Heimat durch die Madjaren gestaltet. Am Rand stehen teilkreisförmig gebaute Kolonnaden im neorömischen Stil und in der Mitte eine Säule, um die herum Statuen der Könige, Fürsten und bedeutende Figuren des ungarischen Staats platziert sind. Rechts und links dieses Platzes sieht man einen grösseren und einen kleineren Palast, in dem das „Museum der schönen Künste“ und die Kunsthalle untergebracht sind.
 
Ziel vieler Interessierter war am Wochenende vom 09./10.02.2013 die Ausstellung „Cézanne és a múlt“ („Cézanne und die Vergangenheit“), mit dem Untertitel „Tradition und Kreativität“. Vom 26.10.2012 bis zum 17.02.2013 wurden Leihgaben bedeutender Museen und Privatsammlungen aus der ganzen Welt gezeigt.
 
Um Paul Cézannes Epoche und die Einflüsse vergangener Zeiten vorstellen zu können, waren auch etwa 40 Werke vieler Künstler aus den vorangegangenen Jahrhunderten (16. bis 19. Jh.) ausgestellt. Durch diese Gemälde, Skulpturen, Gipskopien, Stiche und illustrierten Bücher bekommt der Besucher ein umfassendes Bild von Cézannes Welt. Paul Cézanne lebte von 1839 bis 1906 und war ein bedeutender Künstler des Impressionismus. Cézanne war mit dem Maler Camille Pissaro und dem Schriftsteller Emile Zola befreundet.
 
Interessant an dieser Ausstellung ist vor allem das Nebeneinander von Werken anderer Künstler, das erkennen lässt, wie Cézannes künstlerischer Entwicklungsweg verlaufen ist. Unter anderen Schaustücken fanden sich auch Skulpturen, von denen er eine Skizze angefertigt hat. Ich hatte mehrmals den Eindruck, dass seine Wahrnehmung der Gesichter anders war als sie mir vorkamen; er malte sie schmaler, manchmal länglicher. Cézannes Bilder waren nie nur einfache Kopien der Vorbilder, sondern immer im Stil des Impressionismus gestaltet. Man kann genau sehen, wie er sie interpretiert hat. Das Begleitblatt des Museums erläutert: „He also used prefigurations of Classical Antiquitiy, the Renaissance, Mannerism, the Baroque and Romanticism.“ ‒ „I want to make of impressionism something solid und lasting like the art in the museums“, wird der Künstler zitiert.
 
Wie ein Thema vom Künstler auf verschiedene Weise dargestellt und variiert worden ist, kann man gut an der Serie von Gemälden mit dem Titel „Les Joueurs des cartes“ („Die Kartenspieler“) sehen. 2 Bilder dieser Serie, beide aus den Jahren 1890/92, einmal jenes aus New York und dann das andere die Version aus Philadelphia, zeigen eine Gruppe von Kartenspielern am Tisch, einmal mit wenig Details, z. B. der Andeutung eines Wandbilds; in dieser Version sind eine weitere weibliche Zuschauerin und Utensilien auf dem Tisch erkennbar. Einmal hat ein Spieler einen Hut auf dem Kopf, beim anderen Bild nicht. 2 andere Bilder dieser Serie, in den Jahren danach gemalt, zeigen nur 2 Kartenspieler, ebenso variiert und mit mehr oder weniger Details, schiefer Tischplatte und -beinen.
 
Ein weiteres Beispiel von Bildern mit gleichem Sujet ist das Thema „Stillleben“ mit unterschiedlicher Anordnung der Früchte inner- und ausserhalb eines Korbs und des Geschirrs auf dem Tisch, ganz im Stile des Impressionismus, einmal mit groben Farbstrichen, einmal mit feineren, einmal mit mehr, dann wieder mit weniger Details gemalt. Es war gut zu sehen, dass die Ideen für die Gemälde Cézannes nicht nur aus ihm selbst kamen, sondern dass er auch durch andere Künstler in seinem Schaffen geprägt worden ist.
*
Vor einigen Monaten habe ich im Fernsehen eine Dokumentation über das Leben von John Cage (1912‒1992) gesehen, ein wichtiger Komponist und Künstler der Avantgarde, eine Schlüsselfigur der Happening-Bewegung. Daneben war er Maler und beschäftigte sich mit Mykologie, der Wissenschaft von den Pilzen. Vor einiger Zeit besuchte ich ein Konzert in einem Museum in Venlo NL, in dem auch ein Stück von ihm gespielt wurde und die Musiker dabei die verschiedenen Räume des Museums durchschritten, so dass die Töne also aus immer anderen Richtungen kamen.
 
In der Vorbereitung auf den Besuch von Budapest stiess ich auf eine Information einer Sonderausstellung des „Ludwig Museums“ in Budapest. Das Sammlerehepaar Peter und Irene Ludwig aus Aachen schenkten 1976 der Stadt Köln 350 Werke, überwiegend Pop Art, und daraus entstand das Museum Ludwig in Köln D. In mehreren Städten Deutschlands kann man auf Museen und Foren des Ehepaars Ludwig stossen. Dass es auch in dem 2005 erbauten „Palast der Künste“ in Budapest, direkt an der Donau gelegen, ein „Ludwig Kortárs Mûvészeti Múzeum“  („Ludwig-Museum zeitgenössischer Kunst“) gibt, wusste ich bisher nicht. In Budapest sind in der Dauerausstellung einige Künstler zeitgenössischer Kunst vertreten, u. a. auch Leihgaben der Dokumenta Kassel. Besonders beeindruckt hat mich ein geschnitzter Raum mit Arbeitstischen mit Nähmaschinen, alles aus Holz und mit vielen Details des ungarischen Künstlers Istvan Csákány mit dem Namen „Ghost keeping“.
 
Mein hauptsächliches Interesse galt der Sonderausstellung „John Cage behind the Iron Curtain“. Cage war sehr von Henry David Thoreau beeindruckt. Der Titel eines Essays von ihm („On the Duty of Civil Disobedience“ = „In der Pflicht des zivilen Ungehorsams“) war unter anderem ein Anlass zu künstlerischen Auftritten von Cage, z. B. noch in der Zeit des Sozialismus. Auf einem Spruchband, das 1974 über eine Budapester Strasse gepannt war, standen in ungarischer Sprache die Worte: „Avant-Garde Silence“. Dieser Auftritt wurde später verfilmt und begründete unter anderem den Ruhm von Cage in Ungarn.
 
John Cage experimentierte mit Geräuschen aller Art und mit Stille; für ihn gab es keine „absolute Stille“: „Ich nehme Abstand von allen Aktionen, die Dinge herausheben, die im Laufe eines Prozesses geschehen. Was mich viel stärker interessiert ‒ weit mehr als alles, was geschieht ‒ ist, wie es wäre, wenn nichts geschähe. Gegenwärtig ist mir sehr wichtig, dass die Dinge, die geschehen, nicht den Geist auslöschen, der schon vor ihnen, ohne dass irgendetwas geschehen wäre, da war; und wenn ich heute sage, ,ohne dass irgendetwas geschehen wäre', so meine ich die Stille, das heisst, einen Zustand frei von Intentionen. Wir haben immer Töne um uns, und wir haben überhaupt keine Stille auf der Welt. [...] Was Stille und Lärm gemeinsam haben, das ist der Zustand der Absichtslosigkeit, und dieser Zustand ist es, der mich interessiert.“
 
So erläuterte der Künstler seine Auffassung von Tönen in einem BBC-Interview 1966.
 
Berühmt ist auch sein „Silent pieces 4:33“, in dem keinerlei Töne gespielt werden. Ein Interpret sitzt an einem Piano und folgt den Anweisungen des Komponisten, blättert die Notenseiten um und beendet das Nichtspiel nach exakt 4 Minuten und 33 Sekunden. Man kann darüber denken, wie man will: Ist das Kunst oder nicht? Die Töne entstehen nicht am Piano, sondern während wir „lauschen“ in uns und um uns herum.
 
Cage stärkte die Autonomie des Interpreten, der dessen kompositorische musikalische Anweisungen individuell in Töne umsetzen kann.
 
So konnte man in dieser Ausstellung Dokumentationen und Fotos sehen, die Aufzeichnungen von Cage bewundern, die nicht mehr wie die bekannten Notenblätter aussehen, und immer wieder Kopfhörer benutzen, um Stücke des Komponisten zu hören.
 
Wer sich mit zeitgenössischer Musik beschäftigen will, kommt an John Cage nicht vorbei. Er ist ein Komponist der ruhigen Töne, manchmal monoton, langsam und beeindruckend, manchmal erinnernd an die nie endenden alltäglichen Geräusche.
 
 
Quellen
John Cage talks to Roger Smalley and David Sylvester, BBC-Interview im Dezember 1966, zit. nach Charles, Daniel: „John Cage oder Die Musik ist los.“ Merve Verlag, Berlin, 1979, S. 24f., BBC-Interview im Dezember 1966, zit. nach Charles, Daniel: Merve Verlag, Berlin, 1979, S. 24f.
 
Hinweis auf das vorangegangene Blog über die Hauptstadt von Ungarn
 
 
 
 
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