Startseite 
Kontakt  °  Inhaltsübersicht  
Seite weiterempfehlen
     19. Dezember 2018, 00:48 Uhr
 


Schlossportal
 Kundeneingang

 
 
BLOGs nach Datum sortiert Alle BLOGS zum Zurückblättern
BLOG vom 24.02.2013


„Hilf mir!” – Ein erster Ansatz zu einem Kurzfilmskript
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Eben wollte Eugen treppab zur Metro gehen, als er diesen Hilferuf hörte und die Stimme, als diejenige seiner ehemaligen Frau Agnes erkannte. Sie stand beim Kiosk und hielt ihr Töchterchen an der Hand. Es war ein kalter und windiger Februarmorgen. Eugen kehrte sich um, trat auf Agnes zu und fragte verdutzt: „Was ist los?“
 
Seit 6 Jahren waren sie geschieden. In der Grossstadt verwischen sich die Spuren der Vergangenheit. Verwischt war auch ihre einstige Anmut der Jugend. Sie trug einen schwarzen, vom Nieselregen durchnässten Mantel. Er bemerkte die roten Schrammen und die Beule auf ihrer Stirn. Kreidebleich stand sie vor ihm. „Wie kommst du zu diesen Schrammen?“ fragte er sie. Ihr Töchterchen begann zu schluchzen.
 
„Wir gehen besser ins Café", schlug er vor. Sie fröstelte, und ihre Finger waren blutleer blass. „Tony hat uns aus dem Haus geworfen“, sagte sie kaum hörbar. „Du hast mich nie geschlagen“, fügte sie hinzu. „Bitte hilf mir“, bat sie ihn. „Ich habe kein Geld und keine Unterkunft.“
 
„Kennt Tony meine Adresse?“ wollte er wissen.
 
„Ich weiss nicht“, antwortete sie ausweichend.
 
„Kannst du keine Unterkunft bei Bekannten finden?“ fragte er Agnes.
 
Sie schüttelte den Kopf. „Tony will nicht, dass ich mit Leuten verkehre. Ich habe alle Kontakte verloren, selbst jene mit meinen Eltern.“
 
Nach langer Pause anerbot er, sie und ihre Tochter für einige Tage zu beherbergen. Er lebe nach wie vor allein, fügte er hinzu.
 
„Wie heisst du?“ fragte er das Kind.
 
Scheu antwortete das Mädchen: „Erika.“
 
„Und wie alt bist du“, wollte er wissen.
„6 Jahre“, antwortete sie.
 
„Weisst du, wer ich bin?“
 
„Du bist mein Vater.“
 
Eugen erbleichte und stammelte: „Jetzt musst du mir helfen! Welches Spiel treibst du mit mir?“
 
„Erika wird von ihrem Vater viel gescholten und misshandelt und sagte mir, sie wolle einen neuen Vater finden“, erklärte Agnes.
 
„Sie soll mich Onkel nennen“, schlug er vor. Damit liess er es bewenden. „Ruht euch aus!“ forderte er Mutter und Kind auf und ging an diesem Morgen verspätet seiner Arbeit nach. Rechtzeitig fiel ihm auf dem Heimweg ein, dass er Lebensmittel einkaufen müsse. Auch kaufte er spontan eine Puppe für das Kind. Wer schon kann dem Zuruf „Hilf mir!“ widerstehen?
 
Wie kam es, dass sich Agnes derart von Tony beherrschen liess? Ihm ging plötzlich auf, dass sich Agnes immer unterwerfen musste, zuerst im Elternhaus, und dass sie jetzt hilflos Tonys Willkür ausgesetzt war. Er wollte sich keineswegs in ihre Misere einmischen. Tony hatte einen schlechten Eindruck in ihm hinterlassen. Kaum war der Mietvertrag gekündigt worden, erschien Tony mit 2 Gesellen und begann die kärglich möblierte Wohnung auszuräumen. „Du kannst auch meine Schulden übernehmen“, forderte er Tony auf, als dieser sich nach Eugens Ersparnissen erkundigte.
 
Das Paar hatte viel zu früh geheiratet. Agnes entstammte strenggläubigen Eltern. Er ahnte nicht, wie frigide Agnes war. Die Ehe blieb unvollzogen. Beidseitige Versuche, dieses Hindernis zu überwinden, schlugen fehl. Auch das Buch „E.T oder E.U“ („Ehe-tauglich oder Ehe-untauglich“) bot ihnen keine Lösung. Diese Episode seines Lebens hatte Eugen tief in der Dunkelkammer des Vergessens verbannt. Er sublimierte seinen Sexualtrieb und warf sich voll und ganz in seinen Beruf als Architekt. Beruflicher Erfolg wertete ihn auf. Langsam fand sich Eugen wieder als Mann zurecht – aber alle seine Verhältnisse zum weiblichen Geschlecht blieben kurzfristig.
 
Anderntags widmete er sich Agnes und ihrer Tochter. „Zuerst möchte ich euch neu einkleiden lassen und das Schwarz mit Farbe ersetzen“, schlug er vor. „Das erhöht den Selbstwert.“
 
Zögernd willigte Agnes ein. Erika und Agnes gefielen sich im Spiegel des Modegeschäfts.
 
„Gefällt dir das?“ drehte sich Agnes plötzlich Eugen zu.
 
„So ist’s besser, aber es muss dir gefallen, nicht mir“, antwortete er beinahe schroff.
 
Nach dem Mittagsimbiss erreichten sie wieder Eugens Wohnung.
 
„Ich versuche, eine Lösung für dich zu finden“, sprach er sie über die Kaffeetasse hinweg an. „Nur kann ich nicht verstehen, wie dich Tony so hart unterjochen konnte.“
 
„Das begann, nachdem er mich vergewaltigt hatte …“
 
„Ihm gelang, was mir misslang“, bemerkte Eugen trocken, „aber rollen wir diese Geschichte nicht wieder auf.“
 
Als Tony seine Stelle verloren hatte, lungerte er im Haus herum. Er verfolgte die Fussballspiele im Fernsehen und trank und grölte dabei. „Meine Vorwürfe machten ihn wütig und …“, fuhr Agnes fort ...
 
„Erspare mir die Details“, winkte Eugen ab.
 
Aus dem Gespräch erfuhr Eugen, dass sie sich dank der Fürsorge knapp über Wasser halten konnten. Am Morgen brachte sie ihre Tochter in den Kindergarten. Als Nebenverdienst sammelte sie für die Wohlfahrt und verdiente gerade ausreichend, um sich und Erika tagsüber zu verpflegen. „Ich habe sogar gebettelt“, gestand sie. „Brachte ich etwa Geld ins Haus, liess mich Tony in Ruhe …“.
 
Eugen befand, dass es für Agnes nur einen Ausweg gab. Frauen und auch Kinder, die von Männern, ob Ehemann oder nicht, misshandelt werden, finden Zuflucht in staatlich unterstützten Heimen. Zum Glück nahm Agnes seinen Vorschlag an. Nachdem sie einen langen Fragebogen ausgefüllt hatte, wurde ihr bis auf Weiteres sichere Unterkunft angeboten. Ob sie Klage gegen Tony einreichen wolle, wurde sie gefragt. Agnes winkte ab: „Ich werde lieber eine Stelle ausserhalb der Grossstadt suchen, und meinen Namen ändern.
 
Aus dem Gespräch mit der Fürsorgerin erfuhr sie, dass Tony noch am gleichen Tag, an dem er sie und Kind aus dem Haus verstossen hatte, den Inhaber eines Ladens überfallen und verletzt hatte. Mit 2 geraubten Flaschen Whisky in der Tasche wurde der besoffene Tony von der Polizei erwischt und in Haft gesetzt. Hatte diese leidliche Geschichte damit gutes Ende gefunden? Eugen war erleichtert, ihr aus der Klemme geholfen zu haben. „Ich werde mit dir in Verbindung bleiben, damit Erika immerhin einen guten Onkel hat“, versprach er.
 
Das Leben nahm wieder seinen gewohnten Gang für Eugen. Aber nicht für lange. Eines Abends meldete sich Tony übers Interkom und forderte Einlass. Eugen verweigerte ihm den Zugang in seine Wohnung. Jemand näherte sich dem Haus und hielt Tony höflich die Türe auf. Tony besichtigte die 5. Etage, den Liftzugang und das Treppenhaus nebenan. Er beschaffte sich in der gleichen Woche einen Revolver. Er wusste genau, um welche Zeit Eugen von der Arbeit heimkehrte und lauerte ihm hinter der Treppentüre versteckt auf.
 
Ahnungslos schloss Eugen seine Wohnung auf, als ihn Tony hinterrücks überfiel und in die Wohnung zerrte. „Wo hast du Agnes und das Kind versteckt?“ brüllte er ihm ins Gesicht und fuchtelte mit der Pistole. Eugen roch die Alkoholfahne.
 
„Willst du unbedingt das Fussballfinale verpassen?“ fragte er Tony.
 
Seine Finte wirkte. Tony erhob sich und taumelte ins Wohnzimmer. Eugen schaltete den Fernseher an und bot ihm Whisky an. „Hier“, wies er Tony gegen den Schrank, „findest du sogar einen ‚Black Label’“.
 
Tony legte die Pistole neben sich. Eugen füllte ihm das Glas mehrmals nach. Nach einer halben Stunde klingelte das Interkom. Tony sprang auf und zerrte Eugen im Würgegriff gegen die Haustüre.
 
„Ich erwarte heute Besuch, denn es ist mein Geburtstag,“ wisperte Eugen halb erstickt.
 
„Heute kommt hier kein Besucher“, schrie Tony wutentbrannt und wollte das Interkom von der Wand reissen.
 
„Damit löst du einen Alarm aus, du Dummkopf. Warte, ich schalte es aus.“ Er drückte einen Knopf und aktivierte damit die Verbindung zwischen der Wohnung und der Haustüre.
 
Tony war tobsüchtig geworden und fluchte fortwährend und mit dem Revolver drohend.
 
Manchmal kommt es sehr zustatten, etwas in der Jugend gelernt zu haben, das uns aus einer Gefahr rettet. Tony war zwar kräftiger als Eugen, dieser aber wendiger, und so gewann Eugen mit einigen Judogriffen schnell Oberhand. Ein Schuss knallte und riss ein Loch in die Zimmerdecke. Tony strauchelte, und Eugen entriss ihm den Revolver. „Verschwinde!“ richtete Eugen die Waffe auf Tony, der, so schnell, als es sein Rausch erlaubte, aus der Wohnung floh. Auf der Strasse torkelte der Trunkenbold hin und her und verlor zuletzt seinen Fusshalt. Eugen hatte inzwischen die Polizei avisiert. Tony wurde von der Strasse aufgelesen.
*
Soweit das Filmgeschehen, kurz rekapituliert. Es bleibt eine offene Frage, ob sich Agnes und Eugen wieder finden konnten. Manchmal – doch selten – lässt sich etwas auf Seelentrümmern neu aufbauen. Besser gehen beide weiterhin ihre eigenen Wege. Doch die Frage soll offen bleiben.
 
Anhang
Randnotizen des Regisseurs
Zwischen- und Rückblenden entwickeln und ins Geschehen einstreuen.
Agnes besser profilieren.
Ist unvollzogene Ehe (Frigidität) ein Sonderfall?
Stichhaltig ergründen, was Agnes zu Tony trieb.
Wo und wie lassen sich Lichtpunkte einstreuen? (Erikas Rolle erweitern?)
Hat sich Agnes' Selbstvertrauen gestärkt? Konnte sie sich auffangen?
 
 
Hinweis auf weitere Blogs über Wörter und das Schreiben von Emil Baschnonga
06.03.2005: Wenn mich die Schreiblust übermannt ...
Ihre Meinung dazu?

 
Nach oben  
Alle Blogs
Liste der bisher erschienenen Tagebuchblätter
Blogs nach Autoren
Blogs nach Autoren
Artikel nach Autoren
Wer was geschrieben hat
  Twitter
Wir sind auch auf Twitter, ebenso unsere Gedankensplitter
 
   
  © 2002-2017 Textatelier