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BLOG vom 22.02.2013


Sozialwesen Mensch: Monogamie – ein veraltetes Modell?
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Ehescheidung und Trennung sind in heutigen Zeiten nichts Ungewöhnliches; es geschieht jedes Jahr tausendfach. Mann und Frau lernen sich kennen, verlieben sich, leben zusammen, verheiratet oder unverheiratet, und irgendwann, manchmal langsam, manchmal abrupt, leben sie sich auseinander, streiten sich. Ihre Interessen unterscheiden sich, ihre Lebensplanung bricht entzwei. Gestritten wird häufiger und heftiger; jeder weiss es besser, jeder erhebt die gegenseitigen Schuldzuweisungen. Das Kind oder die Kinder leiden darunter. Tausend Gründe, die das gemeinsame Leben zur Qual machen. Dann zieht ein Partner die Konsequenzen und zieht aus. Wieder zerbricht eine Partnerschaft. Bei Ehepaaren gilt meistens nicht mehr „bis dass der Tod euch scheidet“, sondern „bis dass der Richter euch scheidet“. Und oft genug fängt kurze Zeit später „das Spiel“ von Neuem an, nur dass es kein Spiel ist, sondern das Bedürfnis nach Nähe, Zuneigung, Vertrauen, Geborgenheit, ohne das er oder sie sich das Leben nicht vorstellen kann. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Alleinsein, Einsamkeit ist für viele schwer zu ertragen und oft schlicht unerträglich.
 
„Was ist schief gelaufen?“ fragen sich viele und finden eine Antwort häufig im vermeintlichen Fehlverhalten des Partners als rechthaberische Feststellung. Es dürfte sicher sein, dass gegenseitige Toleranz nicht vorhanden war. Ein weiterer Grund wird die finanzielle Unabhängigkeit der berufstätigen Frau sein, die eine Trennung häufig erst ermöglicht.
 
Ob die menschliche Spezies überhaupt zur Monogamie neigt oder eher polygam ist, wird unter Evolutionsbiologen diskutiert. Ein entsprechendes Gen konnte nicht festgestellt werden. Bei Säugetieren ist Monogamie selten, unsere nächsten Verwandten, Gorillas, Schimpansen, Orang-Utans und Bonobos, leben polygam. Monogamie hat sich als Konsequenz von Machtausübung entwickelt, das Patriarchat hat sich durchgesetzt.
 
Noch bis vor wenigen Jahrzehnten hatte der Mann in der Ehe das Bestimmungsrecht darüber, ob die Frau arbeiten darf und noch vieles mehr. Der Mann stellte Besitzansprüche, die sich viele Frauen heute nicht mehr gefallen lassen.
 
Noch immer wird die Ehe romantisiert, Verliebtsein als vermeintliches Lebensziel erkoren, das in die Ehe mündet. Die Beliebtheit von Filmen und Büchern von Autorinnen wie Rosamunde Pilcher u. a. singen ein Lied davon.
 
Die Institution Ehe ist ein Produkt der gregorianischen Reform. Lebten beispielsweise die Germanen bis ins Mittelalter in Sippen zusammen, also in sozialen Gruppen blutsverwandter Personen mit einem Oberhaupt, schuf die katholische Kirche ab dem 11. Jahrhundert den Ehestand als reglementiertes Sakrament; die Ehe musste von Mann und Frau auf freiwilliger Basis vor einem Priester geschlossen werden. Die Kirche forderte Monogamie und Treue. So wandten sich die Menschen von der Sippe ab zu kleineren Einheiten. Etwa ab dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts bildete sich ein Familienleben heraus, bei dem die Männer ihren beruflichen und sozialen Interessen nachkamen und die Frau den Haushalt und die Erziehung der Kinder zu bewerkstelligen hatte. Durch die sich verstärkende Arbeitsteilung erfolgte eine Trennung von Familie und Produktion, besonders in den Städten. Die Familie wurde zur Privatsphäre, und das häusliche Leben sollte auch die romantische Sehnsucht nach Liebe erfüllen, als Widerspruch zur bürgerlichen Vernunft. Jungen Frauen wurde in allen Schichten das Heiraten als eines der wichtigsten Ereignisse in ihrem Leben vorgegaukelt, das Ziel war, „unter die Haube zu kommen.“
 
Zu Beginn der industriellen Revolution gab es aber durchaus auch im proletarischen Milieu „wilde Ehen“. Bei niedriger Entlohnung und Wohnungsnot waren stabile Familienverhältnisse kaum zu realisieren, und als Ergebnis stellten sich uneheliche Kinder ein, die oft auf der Strasse lebten. Charles Dickens hat ihnen mit seinem „Oliver Twist“ ein Denkmal gesetzt. Mit der Zeit und wegen der Verbesserung der sozialen Verhältnisse setzte sich mehr und mehr das bürgerliche Familienmodell durch, aber es blieb beim Familienbild des alles dominierenden Vaters. Mit den beiden Weltkriegen, in denen sich die Frauen wegen den abwesenden Männern in ihren Familien behaupten mussten, und in der Nachkriegszeit verstärkte sich die Entwicklung durch verbesserte Bildungschancen der Frauen. Ehen wurden immer schneller geschieden, sogenannte „Patchwork-Familien“ entstanden und entstehen, bei denen die Partner die Kinder der vorher gescheiterten Ehen in die neue Gemeinschaft einbringen.
 
Nur selten entstehen wieder die Lebensformen der Menschen aus der Zeit vor der Institutionalisierung der Ehe. Das Zusammenleben in gemischten Gemeinschaften ohne gegenseitige Besitzansprüche und gemeinsamer Kinderaufzucht ist nur vereinzelt festzustellen, wenn auch immer wieder die Monogamie in Frage gestellt wird, bleibt sie doch – trotz der vielfältigen Möglichkeiten der Lebensgrundlagen – vorherrschend. Männer können sich ebenso wenig wie Frauen vorstellen, in grösseren Gemeinschaften zu leben und Liebe und Sexualität zu sozialisieren.
 
„Fremdgehen“ wird als Vertrauensbruch gewertet, wodurch Eifersucht entsteht, die dann zur Trennung führen kann. Der schöne Satz „Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft!“ ist und bleibt in der heutigen Zeit gültig. Der moderne Mensch ist in seinem Innern ein monogames Wesen, trotz der Wünsche, es nicht bei einer Partnerin oder einem Partner zu belassen. Und wenn diese einmal ausgelebt werden, entstehen Schuldgefühle und Gewissensbisse, auch wenn viele „Fremdgeher“ meinen, sie könnten nicht nur einen Partner gleichzeitig lieben.
 
Wenn die Verbindung nicht nur aus sexueller Anziehungskraft und anfänglicher Verliebtheit heraus geschlossen wurde, sondern auch aus der Erkenntnis heraus, dass ein Gemeinschaftsgefühl, ein Wunsch des Zusammenlebens entstanden ist und wachsen soll und kann, hat sie eine gute Chance, lange zu halten. Hinzu muss unbedingt das gegenseitige Anerkennen, Achten und Tolerieren beidseitiger Lebensvorstellungen kommen und der unbedingte Wille, Kompromisse eingehen zu wollen und zu können. Dazu gehört auch eine gewisse Streitkultur mit der gegenseitigen Verpflichtung, eine Lösung zu finden.
 
Wenn der eine Partner dem anderen Lebenswünsche verbietet, sei es aus Machtgelüsten heraus, sei es aus Bequemlichkeit oder der Unfähigkeit, Lösungen durch Kompromisse zu suchen und zu finden, kann ein Zusammenleben nicht funktionieren.
 
Das bedeutet, dass immer wieder an der Beziehung „gearbeitet“ werden muss, dass auch nach vielen Jahren immer noch darüber gesprochen wird.
 
So gibt es viele Paare, die nach Jahrzehnten des Zusammenlebens sagen, dass sie glücklich sind. Es ist soll statistisch erwiesen sein, dass sich das lebensverlängernd auswirkt. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob eine Ehe vor dem Gesetz oder vor dem Altar geschlossen worden ist oder ob man „wild“ zusammenlebt.
 
Es ist möglich, dass in Zukunft das Modell der Monogamie nicht mehr vorrangig bleibt und die Menschen wieder zu Lebensformen finden, wie sie vor der Einführung der „Institution Ehe“ bestanden haben. Ich könnte mir vorstellen, dass neue Lebensmodelle bei der zunehmenden Individualisierung und Vereinsamung durchaus sinnvoll sein könnten. Das bedeutet aber, dass Normen in Frage gestellt werden.
 
Ich finde das nicht so abwegig. Noch vor wenigen Jahrzehnten war das Zusammenleben von Paaren oder Familien ohne Trauschein schlicht undenkbar, mit Kindern aus verschiedenen Ehen sehr selten, und Lebensgemeinschaften Gleichgeschlechtlicher sogar strafbar. Ich habe zwar in erster Linie in dieser Abhandlung die Mann-Frau-Beziehung im Auge gehabt, bin aber der Überzeugung, dass sich die Probleme bei homosexuellen Paaren nicht wesentlich unterscheiden.
 
 
Quellen
„Die Presse am Sonntag“, Wien, 17. Februar 2013, Rubrik Wissen“ S. 23 f. 
 
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