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BLOG vom 12.03.2013


Schulunterricht in Indien: Vorsprechen und Nachschreien
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D, zurzeit in Rajasthan (Indien)
 
Von 9 – 14 Uhr wird unterrichtet; es gibt in dieser Zeit 2 Pausen. Der Frontalunterricht hat in Indien Tradition. Die Lehrerin und der Lehrer sind Autoritäten, die geachtet werden. In vielen Schulen wird noch, obwohl offiziell verboten, geprügelt, hier in Rajasthan nicht.
 
Die Kinder sitzen auf einem dünnen Teppich im Lotussitz in Viererreihen nebeneinander. Es gibt strikte Verhaltensregeln. Kommt ein Kind zu spät, und das ist hier auf dem Land nicht unüblich, weil Kinder Pflichten zu erledigen haben, streckt es am Eingang den rechten Arm und die Hand aus und bittet, in den Klassenraum gehen zu dürfen. Beim Verlassen während des Unterrichts muss um Erlaubnis gefragt werden. Sobald die Lehrperson den Raum betritt, stehen die Kinder auf und grüssen im Chor. Sie setzen sich erst auf ein Zeichen der Lehrperson wieder hin.
 
Hier an der Schule haben zwar viele Kinder Bücher, sie verbleiben aber in den Taschen. Es gibt nämlich eine Reihe von Eltern, die sich die Anschaffung nicht leisten können. Schon der Kauf einer Schuluniform war für sei ein Kraftakt. Die Kinder haben ein Schreibheft etwa in DIN-A5-Grösse, das sie einfach „Copy“ nennen.
 
Das hat seinen Grund, denn es wird alles „kopiert“, was die Lehrperson sagt. Ich habe ein paar Tage das Experiment gewagt, Deutsch bei den älteren und Englisch bei den ganz kleinen Kindern zu unterrichten. Sobald ich „Guten Morgen“ gesagt habe, riefen es alle Kinder im Chor. So wurden die Grüsse zu den Tageszeiten hintereinander eingeführt. Da ich kein Hindi kann, habe ich viel mit Zeichensprache, Gestik und Mimik gezeigt, was den Kindern viel Spass bereitet hat, da sie diese Art des Unterrichtens nicht kannten. Die Kinder lernten schnell. Am nächsten Morgen wurde ich beim Eintritt in den Klassenraum mit dem richtigen Gruss empfangen. Ich habe versucht, 2 Kinder einen Dialog in Deutsch führen zu lassen. Das war ungewohnt für sie, wurde aber bald verstanden. Im Stil des Vor- und Nachsprechens im Chor lief der Unterricht ab. Ich konnte nichts sagen, was nicht gleich von allen wiederholt wurde. Was ich an die Tafel schrieb, wurde „kopiert“. Nach kurzer Zeit konnten die Kinder sich alle einzeln mit ihren Namen auf Deutsch vorstellen. Sie konnten sagen, ob sie ein Mädchen oder ein Junge sind, konnten nach dem Namen von Personen und aus welchen Land sie kommen, erfragen, kannten Zahlen bis einhundert und anderes mehr. So wurde ich schon nach 2 Tagen morgens nicht nur auf Deutsch begrüsst, sondern es folgte auch die Frage: „Wie geht’s?“
 
Der Schulleiter legt grossen Wert auf das freiwillige Lernen. So wurden die Kinder immer nach der Doppelstunde (90 Minuten) gefragt, ob sie am nächsten Tag mit dem Deutschunterricht weitermachen wollten. Nur einzelne Schüler wollten nicht. Das war erstaunlich, denn anwenden werden sie die deutsche Sprache in den überwiegenden Fällen wohl nie in ihrem Leben.
 
Am meisten Spass gemacht hat es, den Kleinen im Anfangsunterricht Englisch das Wort „smile“ und die dazu passende Mimik beizubringen. Das werden sie nie vergessen und ich auch nicht, denn die strahlenden Gesichter, die alle das Wort im Chor schreien, waren einfach zu süss!
 
In anderen Klassen habe ich hospitiert. Im Sprachunterricht mussten sie beispielsweise die Buchstaben in Hindi-Schrift schreiben; das sind verschlungene Kringel und kleine Kunstwerke. Im Mathematik-Unterricht wurden das Multiplizieren und Dividieren mit Rest geübt.
 
Alle 3 Monate wird in allen Fächern getestet. Die Tests sind erforderlich, damit die Kinder nach dieser Schule auf weiterführende gehen können. Es gibt ein Notensystem von 1–100, wobei 35 die schlechteste und 75 die beste Beurteilung bedeutet.
 
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Hinweis auf weitere Indien-Berichte von Richard Gerd Bernardy
 
 
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