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BLOG vom 16.03.2013


Der philosophierende Makake auf einem Dach in Udaipur
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D, zurzeit in Rajasthan, Indien
 
 
Die Menschen nennen mich Affe. Ich bin ein Makake aus der Familie der Meerkatzenverwandten. Bitte sagen Sie Makak zu mir.
 
Meine Heimatstadt ist Udaipur. Die Stadt liegt im indischen Teilstaat Rajasthan. Ich liebe meine Stadt, sie versorgt mich mit Essen, und ich finde immer einen Platz zum Schlafen.
 
Die anderen Makaken aus dieser Stadt nennen mich „der Philosoph“. Ich glaube, ich weiss warum. Ich liebe es, zum Sonnenaufgang hoch auf einem Dach, direkt neben dem Palast der Maharadschas, zu sitzen. Von hier aus habe ich auf der einen Seite, auf der gleich die ersten Sonnenstrahlen erscheinen, einen wunderschönen Blick über die Stadt und auf die dahinter liegenden Berge. Auf der anderen Seite ist der Palast. Der weisse Verputz der Wände, Kuppeln, Zinnen und Türme ist mit den Jahren etwas schmutzig geworden und bröckelt manchmal. Aber der Palast ist wunderschön. Am Tag sehe ich, wie viele, viele Menschen hineingehen und nach einiger Zeit langsam und müde wieder herauskommen.
 
Aber jetzt gerade geht die Sonne auf, die ersten Strahlen sind über dem Berggrat zu sehen. Bald danach steigt die weisse Scheibe immer höher am Himmel empor und wird greller und greller. Ich kann mich nicht sattsehen an diesem Schauspiel, Morgen für Morgen. Meine Mitaffen hänseln mich deswegen und reden über mich.
 
Deshalb sitze ich oft allein auf dem Dach. Ich lasse meine langen Beine baumeln. Manchmal schaue ich mich um. In der Umgebung gibt es Hotels mit Dachterrassen. Ich weiss, dass ich von dort aus beobachtet werde. Aber man schaut nur kurz hinüber.
 
Ich sitze dort oben, sehe die Sonne und denke, was für ein wunderbares Ding das ist. Erst erscheint es ganz langsam und hell, dann wird es grell, aber sendet wärmende Strahlen auf meinen Pelz. Sie wecken die Läuse, ich hole sie aus dem Fell und knacke sie auf.
 
Jetzt steige ich von meinem Beobachtungs- und Meditationsplatz hinunter und sehe nach, ob ich etwas Essbares finde. Wo sich viele Menschen drängen, habe ich fast immer Erfolg. Die Menschen werfen vieles weg. Ich leide keinen Hunger. Die Menschen jagen mich zwar manchmal weg, aber das bin ich gewöhnt. Sie haben seltsame schwarze Kästen umhängen, manche sind gross, aber manchmal auch nur klein, andere haben so viereckige Scheiben, die sie abnehmen, darauf schauen und drücken, wenn ich mich mit einem von ihnen erhaltenen Keks vor sie gesetzt habe und daran knabbere. Oft gibt es etwas Süsses oder Nüsse zum Knabbern, manchmal sogar eine Banane.
 
Ich liebe Bananen. Ich lasse mir immer Zeit damit, sie zu schälen und langsam zu verspeisen. Wenn ich sie nur verschlinge, schmecken sie längst nicht so gut.
 
Ab und zu beobachte ich meine Artgenossen, wie sie die Menschen bedrängen. Sie nehmen ihnen das Essbare ab, was die in Taschen mit sich tragen oder in der Hand halten. Oft lachen die Menschen darüber. Wie dumm diese doch sind! Nur wenige sind ärgerlich und scheuchen meine Genossen weg. Oft streiten sich meine Artgenossen um das Essen. Wie gierig sie sind! Ob ich mich für sie schämen muss? Ich habe mich das schon oft gefragt. Manchmal stimme ich zu, manchmal lehne ich das ab. Ich bin anders als sie. Ich bin ein alter Affe.
 
Ich lebe schon lange, ich weiss nicht, wie viele Weibchen ich zu Müttern gemacht habe. Jetzt interessieren sie mich nicht mehr. Ich habe jetzt mehr Zeit für mich selbst.
 
Ich liebe die Einsamkeit. Oft bin ich allein und schaue mich um. Warum die Menschen so viele dieser grossen Kästen aus Stein gebaut haben, weiss ich nicht. Mir reicht mein Platz auf dem Dach eines kleinen Gebäudes. Hier fühle ich mich wohl.
 
Manchmal finde ich einen Artgenossen, der sich nicht mehr bewegt. Er schläft nicht, wird aber auch nicht wach. Er liegt einfach da. Viele andere Affen kommen und gaffen. Sie wissen und verstehen nichts. Das Leben dieses Affen ist zu Ende. Dann kommen die Geier und tragen ihn weg. Sie steigen in den Himmel, der Sonne entgegen. Vielleicht bringen sie ihr den leblosen Körper als Opfergabe.
 
Ich beobachte viel. Da hinten in der Strasse ist heute Nacht ein Affenbaby geboren worden, es liegt an der Brust der Mutter. Es ist so klein und sieht so süss aus! Das Leben geht weiter, immer weiter.
 
Abends verschwindet die Sonne wieder auf der anderen Seite der Stadt hinter den Bergen. Glutrot ist sie jetzt. Das sieht wunderschön aus. Ich sehe viele Menschen, die zum Himmel schauen. Ich höre ihre Trommeln, bis die Sonne ganz verschwunden ist.
 
Dann wird es dunkel. Der Lärm aus der Stadt reicht bis zu mir hier auf das Dach hinauf.. Ich suche mir einen Schlafplatz. Denken Sie an mich, erinnern Sie sich an Makak. Ich bin ein Philosoph, auch ein Philosoph braucht Schlof!
 
 
Hinweis auf weitere Indien-Berichte von Richard Gerd Bernardy
 
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